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Aus dem Leben eines trefflichen Fürsten

Textdaten
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Autor: C. P.
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Titel: Aus dem Leben eines trefflichen Fürsten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 399–400
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[399] Aus dem Leben eines trefflichen Fürsten. Einer der ausgezeichnetsten Fürsten seiner Zeit, nicht blos durch Regententugenden, sondern auch durch tiefe Gelehrsamkeit, war der Herzog Ernst II. von Gotha-Altenburg, geb. 1745, der Urgroßvater des jetzt regierenden Herzogs Ernst II. von Coburg-Gotha mütterlicher Seits. Diese großen Eigenschaften waren die Früchte der Erziehung, durch seine hochbegabte, freiheitliebende Mutter Louise Dorothee, die mit den ausgezeichnetsten Männern damaliger Zeit, wie mit Friedrich dem Großen, Voltaire, Baron von Grimm, J. J. Rousseau und Anderen, in vertraulichem Briefwechsel stand, und des Unterrichts vortrefflicher Lehrer, wie des berühmten Lichtenberg in den Naturwissenschaften. Seine fürstlichen Erlasse gaben sowohl seinen festen Willen als auch seine weise Umsicht und vor Allem seine strenge Erfüllung der Regentenpflichten kund. Für seine Menschenfreundlichkeit spricht die Schonung seiner Landeskinder bei Stellung seines Contingentes zur Reichsarmee, ohne seine Pflicht als Reichsfürst zu verletzen, indem er, um Menschen zu schonen, statt Infanterie lieber Cavallerie stellte, weil nach dem Reichsfuß für 3 Mann zu Fuß einer zu Pferd gerechnet wurde. Durch seine wissenschaftlichen Studien in Physik, Astronomie, Geographie und Geschichte und seine Liebe zur Kunst stand er mit den bedeutendsten Gelehrten, z. B. dem damals berühmtesten französischen Astronomen Lalande, mit Goethe und Anderen, in häufigem Briefwechsel. Er sprach neben lebenden Sprachen das Lateinische gut, und im Griechischen, das man ihn in seiner Jugend nicht gelehrt hatte, versuchte er sich noch als Mann. – Ein Feind alles äußeren Gepränges war er schlicht und sparsam, nicht blos um die durch den Druck des siebenjährigen Krieges [400] und den Hofstaat seiner Eltern erschöpfte Staatscasse wieder zu füllen, sondern auch um desto freigebiger zweckmäßige Anstalten, die er in’s Leben rief, und Wissenschaft und Kunst unterstützen zu können. – Kein engherziger Aristokrat, war er hochbegeistert für die Freiheitsidee des nordamerikanischen Freistaates und schenkte auch der französischen Revolution die regste Theilnahme. Als diese aber in blutgierige Zügellosigkeit ausgeartet war, mißfielen ihm auf’s Höchste die Lobredner derselben in den Abendcirkeln seiner Gemahlin, die darin nur die gerechte Strafe für die übermüthigen Großen erblickte, die – wie sie sich ausdrückte – nichts gelernt hätten. Als die Gräuel der Anarchie eine nicht zu berechnende Ausdehnung anzunehmen drohten, wurde er von solcher Besorgniß für das längere Bestehen der oberen Stände erfüllt, daß er im Stillen auf seine fürstliche Würde so gut wie verzichtete, was er seinem zweiten Sohn, dem Prinzen Friedrich, damals (1793) Obersten des gothaischen Regiments in holländischen Diensten, in folgendem denkwürdigem Briefe ausdrückte. Gerade jetzt wird dieses Schriftstück Manchem lesenswerth erscheinen, da es außergewöhnliche Ansichten enthält.

„ ... O mein Kind! wir leben in schlimmen Zeiten und sehen einer unerwarteten Zukunft entgegen, deren Folgen und Endschaft Niemand zu bestimmen im Stande ist. Bedenke dies, mein lieber Sohn, und folgere die Lehren daraus, die ich Dir gegeben habe. Alles, ja Alles will unserem Stande zu Leibe, will ihn verdrängen und vernichten. An ihm selbst würde nach meinem Gefühle eben nicht sehr Vieles verloren gehen; dies giebt wohl ein Jeder zu; allein hiermit ist noch nicht Alles gethan, sondern die Ordnung der Dinge, die nun einmal in der Welt stattfindet, geht zu Grunde, die gesellschaftliche Verbindung löst sich auf, eine allgemeine Anarchie und Verwirrung der Gesinnungen und Leidenschaften muß jene Stelle in der Zukunft vertreten. Daraus folgt natürlich, daß alle Diejenigen, welche bisher zu irgend einem Stande erzogen worden sind, nicht mehr zu demselben taugen werden; daß Vermögensumstände, wo solche noch zu retten sind, nicht mehr in dem Maße werden angewendet werden können, wozu man solche anzuwenden gewohnt war; ja, daß die mehrsten Güter dieser Erde verloren gehen werden, und daß Diejenigen, die jetzt darauf rechnen, in der Folge sich in ihrer Rechnung gewaltig irren und verrechnen werden. Du siehst leichtlich ein, mein guter Fritz, daß Dir’s nicht besser als anderen ehrlichen Leuten gehen wird, und daß Du bei Zeiten Dich darauf vorbereiten mußt, um nicht, wenn das Schicksal auch uns, Dich und mich, trifft, in der Verlegenheit Dich zu befinden, einmal betteln zu gehen. Noch bist Du jung genug, etwas Ernsthaftes zu erlernen, was es auch sei, um einmal Dein Brod zu verdienen und der dann noch übrigen menschlichen Gesellschaft nicht zur unnützen Last zu sein. Bedenke dies, mein guter Fritz, und bedenke es ernstlich wie ein Mann. Etwas mußt Du doch anfangen, um Dir nicht selbst zur Last zu bleiben. Ich für mein Theil, ich bin ganz gefaßt. Kann ich nicht mit dem Kopfe arbeiten, so habe ich von Gott Gesundheit, Hände und Muth als Gnadengeschenk erhalten, so daß ich hoffen darf, nicht für Hunger zu sterben; aber Du und Dein Bruder,[1] Ihr macht mir Sorgen und Kummer. Ich bitte Dich, fange an, ernstlich über die Zukunft nachzudenken und irgend einen vernünftigen Plan zu entwerfen, was Du dermaleinst anfangen willst, wenn ich Dich nicht mehr zu unterstützen im Stande sein werde. Du hast mir Dein Bildniß überschicken wollen, mein guter Fritz, es soll mir herzlich lieb sein, und ich danke Dir auch aufrichtigst dafür; aber schicke mir Deinen festen ernsten Entschluß, ein Mann – ein deutscher Mann zu werden, damit wirst Du mich noch weit mehr verbinden; denn Du wirst mir die Sorge erleichtern, die mir Dein künftiges Schicksal macht. Nur werde bestimmt Etwas, damit Du Dich nicht vor Dir selber zu schämen brauchst. Nun leb’ wohl! behalte mich lieb! und sei von meiner treuen Zärtlichkeit überzeugt! Ich habe Dir vielleicht unangenehme Dinge gesagt: mög’s sein, wenn Du nur noch ein brauchbarer Mensch wirst, der nur zu Etwas nütze ist. Aber mein Ernst, mein voller Ernst ist es; denn die Zeiten werden immer verworrener und am Ende kommt das Auswandern gar an uns selbst ... Ernst.“

C. P.



  1. August wurde der Nachfolger seines Vaters und Friedrich IV. der seines Bruders.