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Textdaten
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Autor: Franz Schlegel
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Titel: Aus dem Familienleben des Löwen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 684–685
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Löwenhaltung im Breslauer Zoo
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Aus dem Familienleben des Löwen.


Im October 1870 erwarb der Breslauer Zoologische Garten ein Löwenpaar mit zwei säugenden sieben Monate alten Jungen. Um Mitte December wurden letztere entwöhnt und die Alten wieder vereinigt. Drei und ein halber Monat verflossen, da begrüßte uns eines Morgens das Miauen neugebackener Wüstenprinzen. Bei uns leben nach solchem Ereigniß die Gatten voneinander getrennt. Nöthig scheint das nicht zu sein. In Dresden machte man den Versuch, sie beisammen zu lassen, doch fand man nachträglich gerathen, sie zu trennen. Beide Thiere aber waren mißvergnügt darüber, und so wurden sie andern Tags wieder vereinigt. Anfangs zwar wehrte die Mutter den alten Löwen ab, wenn er den Kindern zu nahe kam. Nach und nach erwarb er sich ihr volles Zutrauen und erkühnte sich sogar, eines der Jungen nach Katzenart am Kragen zu fassen und triumphirend im Käfig einherzutragen. Die Mutter, doch nicht ganz frei von Angst, stürzte auf ihn los und schlug nach ihm. Er packte das Thierchen unwillkürlich fester und ließ es erst dann los, als man ihm ein Kaninchen vorhielt. Jetzt wurden die Alten getrennt. Drei Tage später starb das Junge. Sein ganzer Leib war blauscheckig mit Blut unterlaufen. Auch kommt vor, daß die Mutter ohne erkennbare Ursache das eine oder das andere ihrer Kinder, auch wohl die ganze Brut vernachlässigt. Vielfach scheint mangelndes Gedeihen Ursache zu sein, daß die Mutter die Hoffnung auf Erhaltung des Kindes und damit auch die Sorgfalt dafür aufgiebt. Schließlich wird es einfach beseitigt und begraben, das heißt mit Haut und Haar verschluckt. Zuweilen freilich sprechen andere Gründe mit, und auch unnatürliche Mütter giebt es, wie nicht zu verwundern, zumal in unnatürlichen Verhältnissen. Zuweilen haben die Mütter die Untugend, sich selbst oder ihren Jungen an der Schweifspitze herumzukauen. Weiter werden wohl auch die Jungen so zärtlich geleckt, daß kahle, selbst wunde Stellen entstehen, die, immer mit der widerhakigen Zunge abgeraspelt, nicht leicht zur Heilung kommen und schließlich nackte, häßliche Narbenflecke bedingen.

Die Mutter ist in der Sorge um ihre Brut nicht besonders gut zu sprechen und selbst für ihre vertrautesten Wärter ziemlich unnahbar. Deshalb und um allzu grell einfallendes Licht, welches verderblich auf die Sehkraft wirken könnte, zu vermeiden, sucht die Mutter gern ihre Jungen in Stroh zu bergen, oder wir weisen ihr einen Dunkelraum zur Stätte an. Es ist das um so nothwendiger, als die Löwin ausnahmsweise unter den Katzen, die bekanntlich blind, das heißt mit geschlossenen Augenlidern geboren werden, ihre Jungen mit geöffneten Lidern, zumeist wenigstens, zur Welt bringt, soweit Beobachtungen hier und anderwärts vorliegen. Ob aber Löwen bei der Geburt schon ihre Augen zum Sehen gebrauchen können, ist darum immer noch zweifelhaft, weil sie durch ein die Pupille verschließendes Häutchen auch bei offenen Lidern daran verhindert werden dürften. Nach wenigen Tagen mag auch dieses Hinderniß weichen und mögen die Augen frei sein; natürlich bleiben sie aber noch immer sehr empfindlich gegen Tageslicht.

Die jungen Löwen gediehen vortrefflich. Einer davon zeigte freilich, wenige Monate alt, eine Kropfgeschwulst, wie sie bei Löwen eine Art Entwicklungskrankheit zu sein scheint. Dabei war aber des Thieres Befinden nicht gestört, doch nahm die Anschwellung sichtlich zu. Die ärztliche Untersuchung ergab Ansammlung von Flüssigkeit innerhalb des Gewebes der Schilddrüse. Es wurde zur Operation geschritten. Wie diese Aufgabe gelöst worden, wurde von mir schon anderwärts mitgetheilt und kann hier umsomehr davon abgesehen werden, da die Sache ihrer Zeit die Runde durch verschiedene Blätter gemacht hat. Das nicht ganz unbedenkliche Unternehmen gelang zwar vorzüglich, doch kehrte das Uebel nach mehrmonatlicher Frist wieder, wenn auch nicht in so bedenklicher Höhe, daß man nicht die Hoffnung hätte hegen können, die Anschwellung werde sich allgemach, wie sie gekommen, zurückbilden. Gar bald aber wurden wir aus unseren Genesungsträumen aufgeschreckt. Eben noch hatte das Thier mit ungewohntem Appetit seine Nahrung verzehrt, als sich plötzlich Erstickungsanfälle einstellten. Der nächstliegende Gedanke war, ob nicht etwa ein Theil der Mahlzeit im Schlunde sitzen geblieben sein könnte. Bald aber besserte sich der Zustand, leider nur vorübergehend; neue Anfälle stellten sich ein, und auch schleunigst versuchte Oeffnung der mit Flüssigkeit gefüllten Drüsenanschwellung ergab keine Hülfe. Das Thier erlag rettungslos. Die Section erst klärte uns über den bis dahin räthselhaften Zustand auf. Kurz nach der Mahlzeit und vielleicht durch die Anstrengung dabei war in einem der Hohlräume der entarteten Drüse ein Blutgefäß geplatzt, und dessen Inhalt, urplötzlich ergossen, übte einen jähen Druck auf die Luftröhre aus. Ohne Zweifel würde sich das wieder ausgeglichen haben, und waren schon alle Aussichten dazu vorhanden, als ein ebenso urplötzlicher erneuerter Bluterguß erfolgte, gleichzeitig aber das krankhaft veränderte und darum wenig widerstandsfähige Drüsengewebe, nach hinten durchbrechend, sich in den Raum rings um die Luftröhre ergoß und so einen gewaltsamen Erstickungstod herbeiführte.

Gegen Ende Januar 1872 wurde die Löwin von ihren Jungen getrennt. Eine wie ausgezeichnete Mutter sie auch ist, fügte sie sich doch ohne sonderliches Murren und war bestrebt, der Vergangenheit vergessend, lediglich der Zukunft zu leben, die einer neuen, womöglich verbesserten Auflage ihrer Familie galt. Dennoch währte es einige Zeit, ehe das Mutterherz gegen die sehnsüchtigen Blicke der Kinder und deren jammerndes Verlangen sich verhärtete. Andererseits ward es, um den Trennungsschmerz nicht tagtäglich zu erneuern, nothwendig, zwischen Mutter und Kindern eine Holzblende zu errichten. Jede Luke aber wurde lüstern benutzt, um wenigstens verstohlen einen Blick zu wechseln, ja die für Löwen nicht ganz leichte Kunst zu klettern geübt, um sich, wenn auch noch so flüchtig, über den Blendschirm hinweg zu erspähen. Allgemach erst trösteten sich die Kinder mit Kuhmilch.

Unserer Fanny, so heißt die Löwin, freilich harrte eine ungleich schwerere Aufgabe, sich mit dem Löwen Jack nach fast elfmonatlicher Abgeschlossenheit in’s Einvernehmen zu setzen. Das war diesmal wirklich kein leichtes Werk. Höchst wahrscheinlich waltete dabei ein Mißverständniß ob; Regel ist, daß selbst nach langer Trennung die erste Begegnung eine recht freundliche ist. Als [685] aber der beide Gatten trennende Schieber gelüftet worden, erschien unser Jack, strafender Patriarch mehr als zärtlicher Gatte, gesträubter Mähne, funkelnden Blickes, wüthenden Ansprungs, wie um die Treulose zu züchtigen dafür, daß sie ihn fast ein ganzes Jahr in Einsamkeit vertrauern ließ. Fanny, des Besten sich bewußt, war nicht wenig überrascht, ihren Gestrengen in solcher Mißlaune zu finden. Schleunigst warf sie sich, nicht auf die Kniee etwa, sondern auf den Rücken und schob sich, von ihren scharfbewehrten Pranken vierfach gedeckt und obendrein zähnefletschend, dem wüthigen Leu entgegen. Hoch aufgerichtet, unverwandten Blickes, in jeder Fiber gespannt, die Tatze wie zum Schlage erhoben, stutzt unser Jack – das grandioseste Bild der Vollkraft, die sich selbst beherrscht. Freilich, und das hatte er nicht erwartet, die schmächtige Fanny war unnahbar, ja sie schritt oder rutschte vielmehr zum Angriffe vor. Jack wich zaudernd zwar, aber wohlbedacht zurück. Bei jedem Versuche, sich seiner Fanny zu nähern, fiel ein Prankenhieb, glücklich, wenn nur fegend durch die Luft oder zausend durch die Mähne. Ein einziger Schlag, der gesessen, und wie leicht würde ein Kampf auf Leben und Tod entbrannt sein! Mit eisernen Hebeln fuhren wir dazwischen, die Streitenden zu trennen, bis die Scheidewand den Frieden herstellte.

Wenigen nur war es außer uns vergönnt, diesem wirklich erhabenen Schauspiele beizuwohnen, und vielleicht haben diese, weil unbetheiligt, sich ungleich ungestörter in diese wildromantische Scenerie vertiefen können als wir, denen ganz naturgemäß die Verantwortung für den Zufall eines unglücklichen Ausgangs zugeschoben worden wäre. Jedem der Anwesenden pochte das Herz, und wir athmeten erst auf, als die Trennung sicher und dem Grollen der hadernden Thiere, untermischt mit dem gebieterischen Zurufe unsererseits, ein Ende geworden war. In gleicher Beklommenheit lauschten die übrigen Bewohner des Hauses dem ungewohnten Zwischenfalle, um so gespannter, als sie deren Verlauf nicht mit eigenen Augen verfolgen konnten. Zumal die jungen Löwen, aus dem donnernden Grollen des Elternpaares heraus den Angstruf der Mutter vernehmend, horchten hoch auf, und möglichst langgereckt, fest an’s Eisenwerk geklaut, schauten sie über die Blende hin, vom besten Willen beseelt, der guten Mutter Beistand zu leisten oder wenigstens Beileid zu bezeigen.

Es schien geboten, den erhitzten Gemüthern einige Tage Spielraum zur Abkühlung zu gönnen. Und auch dann glaubten wir besondere Vorsicht nöthig. In beiden Käfigen jederseits der beweglichen Zwischenwandung wurden Brechstangen eingeschoben, um nach Entfernung dieses beide Thiere trennenden Schiebers erneuerten Wuthausbrüchen etwa ein eisernes Halt! entgegenzustrecken. Die hölzerne Gardine lüftete sich freilich unseres Meister Jack’s Begriffen nach lange nicht eilig genug. Ein Griff mit wuchtiger Pranke und – hätte ihn nicht kaltes Eisen von unserer Macht rechtzeitig und heilsam belehrt – die zolldicke Platte würde in Splitter gegangen sein. Diesem Halt wich er wohl einen Schritt, aber nur, um, sowie der Fuß frei, Anlauf gegen seine Fanny zu nehmen. Als gerechte Strafe für sein unwirsches Gebahren wurde ihm auferlegt, eine halbe Stunde lang nur über unsere drohenden Eisenstangen hin seine Fanny zu schauen, und bei jedem versuchten Anlaufe zurückgewiesen zu werden. Die Löwin, in echt weiblichem Schmollen zusammengekauert, raffte sich zeitweilig zur Angriffsstellung auf. Ein mahnendes „Fanny“, ein Wink mit dem ehernen Griffel, und grollend warf sie sich wieder in dem Schmollwinkel zu Boden. Auch Jack beugte sich endlich dem Muß; er streckte sich nieder, aufmerksam spähend aber, eine Lücke unserer Wacht zu erlauern, des Weges an’s Ziel seiner Wünsche zu stürmen. Für diesmal gelang es ihm nicht. Die hölzerne Gardine wurde wieder eingeschoben, und der alte Griesgram hatte Muße, über Nacht weidlich darüber zu grübeln, warum wohl wir so unbeugsam ihm den Weg zu seinem Gegenüber versperrt haben mochten. Diese Bedenkzeit schien er zu seiner Bekehrung erfolgreich ausgenutzt zu haben. Anderen Tages, kaum war der Paß frei, begegneten sie sich in Liebe. Somit war kein Grund mehr vorhanden, unsererseits Einspruch zu thun. Wir ließen sie gewähren.

Und nunmehr fühlte Jack sich so vollständig Meister in seinem Bereiche, daß er keinerlei Liebkosungen seiner Fanny, des Gegenstandes seiner Zärtlichkeit, am wenigsten aber seitens dessen, der ihm am vertrautesten, seines Wärters, duldete. Es dürfte wohl unzweifelhaft dieses anderswie ganz unerklärliche Gebahren lediglich als Ausdruck von Eifersucht seinerseits zu deuten sein. Uebrigens hat man dieselbe Erscheinung auch anderwärts beobachtet. Nachts über wurden die Thiere getrennt, ebenso bei der Fütterung. Nach acht Tagen etwa verschloß sich Fanny allen weiteren Liebkosungen, ohne aber deswegen die Gesellschaft ihres Jack geradehin zu verschmähen.

Die Naturforscher, übler Gewohnheit gemäß hinter den Gardinen lugend, rechneten uns vor, daß binnen hundertacht Tagen Nachwuchs erfolgen würde. Die Zeit rückte näher und näher. Außer Stand unserer Löwin eine standesgemäße Felsengrotte zu ihrem gewichtigen Vorhaben zu beschaffen, begnügten wir uns, oder begnügte sie sich mit Verdunkelung ihrer Wohnzelle mittelst eines Vorsatzladens. Kaum waren die nöthigsten Vorkehrungen getroffen, so schien es höchste Zeit, das Lager herzurichten. Schon wurde Fanny unruhig; bald streckte sie sich hin; bald ging sie auf und nieder; immer aber war sie noch zu Scherzen aufgelegt und spielte beim Ausfegen des Raumes, wie vordem, so lebhaft mit dem Besen, daß sie zur Ruhe verwiesen werden mußte. Gehacktes Stroh als Lager nahm sie dankbar an, streckte sich sofort darüber hin und grollte bereits nicht unbedenklich, als noch weitere Vorbereitungen getroffen werden sollten. Schnell wurden die Läden geschlossen. Bald darauf hörte man einen eigenthümlichen durchdringenden Ton; alle Thiere des Hauses horchten hoch auf, vor Allem aber was zur Familie Leo gehörte. Jedenfalls war das ein bedeutungsvolles Zeichen. Eine kleine Weile nur, und schon verkündete mehrerer Zeugen Mund, was hinter der Gardine vorgegangen. Die Zahl der Jungen war uns ein Räthsel. Hinter Schloß und Riegel, im behaglichen Halbdunkel verträumten die jungen Wüstenprinzen ihre ersten Lebenstage.

Andern Morgens wollte der Zufall, daß wir so glücklich waren, in dem Moment, als der Mutter Milch gereicht wurde, das reizende Familienbild einer säugenden Löwin zu sehen, mit einem einzigen Blick aber nur; denn sie grollte ob unserer Neugierde gar sehr. Sofort wurde die Gardine geschlossen. Wir hatten genug gesehen, gesehen, daß Mutter und Kinder wohlauf waren, und im Fluge sie überzählt, eins, zwei, drei. Das scheint bei unserer Löwin die ständige Zahl zu sein. Andere thun es nicht unter vier und versteigen sich zuweilen noch über diese Zahl hinaus.

Seitdem ist es in unserm Garten wiederholt gelungen, junge Löwen zu züchten. Unterdessen ist auch eine der Töchter jener Löwinmutter großjährig geworden und hat eben jetzt drei herrlich gedeihende Junge. Sie ist gleich ausgezeichnete Mutter, scheint sogar noch Manches vor Fanny vorauszuhaben. Während nämlich jene Löwin, sowie ihre Kinder Geschmack an Fleisch zu finden anfingen, zuweilen ziemlich derb in Abwehr gegen ihre Brut werden konnte und deshalb bei der Fütterung in die Nachbarzelle gebracht werden mußte, nimmt die vor einigen Monaten Mutter gewordene Löwin keine Nahrung an, wenn sie von ihren Jungen getrennt ist, und weidet sich bei jeder Mahlzeit daran, ihre Kinder das Fleisch einige Zeit benagen zu sehen. Alsdann erst macht sie Anstalt, sich selbst zu sättigen, und auch da noch gestattet sie ihrer Brut, nach Herzenslust zuzulangen.

Neugeborene Löwen gleichen an Größe schon derben, halbwüchsigen Hauskatzen. Mähne und Schwanzquaste fehlen noch. Ihr Haarkleid ist wollig, gelblichgrau, oberseits und den Beinen entlang schwarzgefleckt; der Schwanz ist leicht quergebändert. Sie sind ziemlich unbeholfen; statt zu gehen, kugeln sie sich, und ihre Stimme klingt wie katzenhaftes Miauen; später erst erstarkt es soweit, daß man etwas Gewaltiges zu ahnen anfängt.
Schlegel.