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Aus dem österreichischen Klosterleben/1. Das Noviziat und der Aufenthalt im Seminar zu Prag

Textdaten
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Autor: A. Ohorn
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Titel: Nr. 1 Das Noviziat und der Aufenthalt im Seminar zu Prag
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 483–485
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aus dem österreichischen Klosterleben.
Nach dem Tagebuche eines Wissenden.
Nr. 2. Häusliche und theologische Erziehung
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[483]
Aus dem österreichischen Klosterleben.
Nr. 1. Das Noviziat und der Aufenthalt im Seminar zu Prag.
Nach dem Tagebuche eines Wissenden von A. Ohorn.


Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, als ich an einem freundlichen Herbsttage gegen Abend durch den gewaltigen Thorbogen mit dem Thürmchen darauf in den Hofraum des Klosters hineinschritt, das meine Heimath werden, dem ich für Lebenszeit angehören sollte. Ich war damals ein junges Bürschlein von etwa neunzehn Jahren, sah überall Sonnenschein und blauen Himmel und betrachtete von dem exclusiv materiellen Standpunkte, den man mir aufoctroyirt hatte, das Kloster als eine vorzügliche Versorgungsanstalt. Ich werde das Gefühl nie vergessen, mit welchem ich mir das altersgraue, massive Gebäude mit seinen zwei gewaltigen Thürmen betrachtete, da ich über den grasbewachsenen Hof hinschritt, auf welchem es so still war bis auf das Plätschern eines einfachen Brunnens und so einsam bis auf einige Gänse, die sich melancholisch auf einem Beine wiegten. Es wurde mir fast ein wenig bange, da ich, Einlaß begehrend, die Glocke an der Pforte zog, die in das Convent führte.

Wie von Geisterhand bewegt, öffnete sich die Thür, deren Drücker mittelst eines Drahtes, den der Pförtner von seinem Zimmer aus in Bewegung setzte, gehoben wurde. Ich trat in eine weite Halle, mit rothem Ziegelstein gepflastert, hochgewölbt und mit Rundbogenfenstern versehen; an der Wand zur Linken hingen gewaltige Gemälde in dunklen, geschnitzten Rahmen, kunstlose Arbeiten, die, wie ich später erfuhr, ein längst verstorbener Laienbruder in seinen Mußestunden geschaffen. Durch das verglaste Sehloch in der Thür des Pförtners schaute ein neugieriges bleiches Gesicht nach dem Ankömmlinge; ich trat in das dunkle Gemach ein, präsentirte mich dem Bewohner, einem Laien (seines Zeichens ein Schneider), als Candidaten und erkundigte mich, an wen ich mich zunächst zu wenden hätte, da mein Magen wie mein Pedal naturgemäße, nicht abweisbare Forderungen an mich stellten. Der kleine gefällige Mann legte ein Ordenskleid, mit dessen Ausbesserung er sich eben beschäftigt hatte, bei Seite und erklärte mir, er wolle mich zunächst zu dem Pater-Secretär führen, der für das Weitere sorgen werde.

Wir gingen wieder hinaus durch die Pforte, welche blos angelehnt wurde, da der betreffende Geistliche nicht im Convente, sondern auf der Prälatur oder, wie man gewöhnlich sagte, „auf dem Hause“ wohnte. Die Prälatur macht den westlichen und südwestlichen Theil des gesammten Kloster- oder Stiftsgebäudes aus und enthält außer der Wohnung des Prälaten (des Abtes) die Wohnungen der sogenannten Officialen, nämlich des äbtlichen Secretärs, des Forstinspectors und des Provisors, einige Gastzimmer, einen Speisesaal, die Rentkanzlei, die Apotheke, die Küche und das sogenannte Küchenamt, ein Local, dessen Bekanntschaft ich bald machen sollte. Der Secretär, ein Mann mit freundlicher Protectormiene, empfing mich recht höflich, sorgte dafür, daß mein sterblich Theil im Küchenamte, einem saalähnlichen Gemache, in welchem weniger distinguirte Besucher, wie reisende Studenten und Andere, „abgefüttert“ werden, wieder in die richtige Verfassung versetzt wurde, ließ mir dann ein Zimmer auf der Prälatur anweisen, wo ich als Gast noch bis zu meiner eigentlichen Einführung in das Convent wohnen sollte, und stellte mich, nachdem ich noch alle mögliche Sorgfalt auf meinen äußeren Menschen verwendet, dem Abte vor.

Die Wohnung des Prälaten, in dessen Vorzimmer uns ein Lakai empfing, der uns auch zuvor anmeldete, zeigte nichts von klösterlicher Armuth; ich habe indeß den vorhandenen Comfort dem Manne nie übel genommen, weil ich ihn trotz alledem nie beneidet habe. Es war ein greiser Mann, der uns empfing, dem man aber seine achtzig Jahre nicht anmerkte; die Gestalt war hoch; die Wangen waren frisch gefärbt, die Augen hell. Eine schwere goldene Kette mit Kreuz lag auf der Brust; am Goldfinger der Rechten glänzte ein gewaltiger Ring. Mein Begleiter kniete nieder, und ich that es ihm nach; der greise Priester ertheilte uns gewohnheitsgemäß den Segen, und ich küßte, der erhaltenen Instruction zufolge, die segnende Hand; bei späteren Gelegenheiten berührten meine Lippen den geschliffenen Stein des Ringes. – Die Audienz war rasch vorüber, und ich hatte nun Ruhe bis zum Abendmahle, nachdem ich noch zuvor mich dem Prior vorgestellt hatte.

Er ist die erste Person innerhalb des Convents; mit ihm hatte ich späterhin weit mehr zu verkehren, als mit dem Abte. Der Prior war ein kleiner, fast kugelrunder Mann mit einem vollen, gerötheten Gesichte, auf welchem die breiteste Gutmüthigkeit saß, die ihm thatsächlich eigen war; er konnte nämlich keine Bitte abschlagen, und wir haben beinahe Alle uns das gelegentlich zu Nutzen gemacht - möge ihm die Erde leicht sein! – Er empfing mich recht freundlich, fragte mich aus über Dies und Das, und ich freute mich an seinem sorglosen Angesichte, das mir für meine nächste Zukunft und wohl auch für die entferntere ein günstiges Prognostikon schien. Meine Müdigkeit war wie weggewischt durch die Neuheit der Umgebung, die aufregend auf mich wirkte, und so überließ ich mich denn der Führung eines Klerikers, der mich aus freien Stücken angesprochen und mich zunächst mit den Räumlichkeiten des Convents bekannt machte. Es war ein großes, im Viereck errichtetes Gebäude, das einen gleichsam quadratischen Raum einschloß, welcher zu einem Garten hergerichtet war, in welchen man durch die ringsum laufenden hohen Bogenfenster sehen konnte. Er sah zur Zeit etwas vernachlässigt aus, und die graue massive Steinfontaine versagte den Dienst.

Der Fußboden des eigentlichen Convents war mit weißen Platten bedeckt. Die Hallen waren hoch und weit, und das Ganze machte den wohlthuenden Eindruck der Ordnung und Reinlichkeit. An den Wänden, zwischen den vielen mit Nummern versehenen Thüren, hingen große Bilder, das Leben des Ordensstifters – Wahrheit und Legende – darstellend, und gemalt größtentheils von dem bereits erwähnten Künstler. Die Wände des oberen Stockwerkes waren mit den Bildern der verstorbenen Prälaten in fortlaufender Reihe geschmückt. Diese Phantasiestücke schauten mit muthiger Verachtung jeder Kunst und mit einer Art legitimen Trotzes auf den kopfschüttelnden Besucher herunter. Mein Führer zeigte mir den mächtigen Speisesaal, nicht den unwichtigsten Theil des Convents, den neutralen Boden, auf welchem alle Parteien des gleichen Zweckes willen stehen. Die lange Tafel war gedeckt. Die blanken Biergläser standen in Reih und Glied. In den breiten Fensternischen sah man Spieltische, verschämt zwischen den langen weißen Vorhängen hervorschauend. An der einen Wand war eine Kanzel angebracht. In dieses Stillleben sahen die thatsächlich guten Portraits der letztverstorbenen Prälaten mit ernster Ruhe hinein.

Wir besuchten ferner den Capitelsaal, an dessen Wänden einfache Bänke ohne Lehnen standen. Auch befand sich hier ein schmuckloser kleiner Altar, und in der Mitte des Saales lag in einem vergoldeten Sarge der aus Holz geschnitzte, gleichfalls vergoldete Leib des Ordensstifters. Einst war die Statue des Heiligen aus gediegenem Silber gewesen, allein Josef der Zweite hatte sich dieselbe (wohl zu praktischeren Zwecken) ausgebeten, und so wurde sie durch eine werthlose ersetzt. Wir besichtigten noch das sogenannte Museum, das indeß wenig Bedeutendes bot, sowie auch die Gemäldesammlung, durchschritten die Bibliothek, die mehr angesehen als benutzt wird und in welcher ich vergebens mich umsah nach den neueren Werken deutscher Gelehrten und Dichter, und schlossen unsere Inspection in dem Oratorium oder Betsaale.

Zur Abendmahlzeit wurde ich nach dem kleinen Speisesaale der Prälatur abgerufen. Man betete leise, und Jeder setzte sich an seinen durch sein Alter bestimmten Platz. Es ging ziemlich still her, hauptsächlich nachdem der Prälat sich in das Lesen einer Zeitung (des österreichischen Volksfreundes) vertieft hatte, und nur das Studium der verschiedenen Physiognomien, sowie die Beschäftigung mit den aufgetragenen Speisen (eine Suppe und zweierlei Fleisch) und dem schneidigen kühlen Klosterbiere sicherten mich einigermaßen vor der Langeweile. Nach der Mahlzeit entfernte sich der Abt sogleich; ich verschwand gleichfalls ziemlich unbeachtet.

Der nächste Tag war ein Sonntag. An demselben fand [484] die Einführung statt. Nach dem Nachmittagsgottesdienst (Vesper) versammelten sich sämmtliche im Kloster anwesende Ordensmitglieder in dem kleinen Speisesaale und setzten sich um die lange Tafel. Die Candidaten – ich hatte noch einige Collegen erhalten – standen in feierlichem Schwarz in Reih’ und Glied vor derselben. Nach einer Ansprache seitens des Abtes und nachdem die zum Theil anwesenden Eltern der Candidaten ihren Kindern den Segen ertheilt, boten die Novizen des verflossenen Jahres ihren nunmehrigen Nachfolgern den Arm, um sie in feierlichem Zuge, dem sich alle Ordensmitglieder paarweise anschlossen, in die Kirche zu führen.

Pauken und Trompeten lärmten beinahe betäubend bei unserem Eintritte in die Hallen der schön angelegten, aber nicht eben geschmackvoll renovirten Stiftskirche, und spießruthenlaufend durch die Gasse der Neugierigen, kamen wir zu den Sitzen (Stallen), die für uns bestimmt waren. Die Orgel arbeitete sich endlich heraus aus dem Trompetengeschmetter und ging in die Melodie des schweren, getragenen, aber ergreifenden Hymnus über:

Veni creator spiritus,
Mentes tuorum visita,
Imple superna gratia,
Quae tu creasti, pectora.

Der Einführung in die Kirche und das betreffende Stallum folgte diejenige in die Klosterzelle, welche durch den Prior vorgenommen wurde: Ein kurzer Glückwunsch, ein dreimaliger Kuß, dieselbe Procedur multiplicirt mit der Anzahl der Ordensbrüder – und das neue Conventsmitglied war fertig bis auf das noch fehlende Ordenskleid. Auch dafür wurde Sorge getragen. Schon mit den letzten Brüdern erschien ein langer hagerer Mann, der mit geschwätziger Freundlichkeit sich als Schneidermeister vorstellte und ohne weitere Umstände Länge und Weite für sein Fabrikat sich abmaß, dabei aber das Gewissen des Einzelnen nach Kräften erforschte und durch Katechisiren sich über den Charakter eines Jeden klar zu werden bemüht war.

Nun erst kam ich dazu, mich in meiner neuen Behausung umzusehen Das Zimmer war hoch und gewölbt, der Anstrich einmal weiß gewesen, gegenwärtig aber grau; die Möbel von primitiver Nüchternheit wollten in Gestalt und Farbe schlechterdings nicht zu einander passen.

Mit der Einführung hatten wir die Pflichten der Novizen übernommen. Vor halb sechs Uhr Morgens galt es aufzustehen. Um drei Viertel rief das Glockenzeichen zur Morgenandacht in das Oratorium, wo nach einer kurzen Lesung aus einem Erbauungsbuche eine stille Meditation folgte. Mit dem ersten Schlage der sechsten Stunde polterten die Sitze; man erhob sich, um in die Kirche selbst zu gehen und hier die beiden ersten Horen (Prim und Terz) abzubeten, welche größtentheils aus Psalmen bestehen, die abwechselnd Vers um Vers von den beiden gegenübersitzenden Seiten des Chores fast durchaus verständnißlos (mit dem versöhnenden stillschweigenden Motto: Gehorsam ist besser als Opfer) recitirt werden. Das währte etwa eine halbe Stunde, dann kehrten wir in unsere Zimmer zurück, wohin uns ein Conventsdiener, welcher zugleich die Functionen unseres Stubenmädchens ausübte, den Kaffee brachte, der übrigens vorzüglich war. Diese Conventsdiener waren schlichte Menschen von gesunder Constitution, seichtem Verstande und meist mangelndem Mutterwitz, trugen lange, dunkle Röcke, besaßen aber die wesentliche Tugend der Treue und der Anhänglichkeit an das Haus.

Um acht Uhr fanden wir uns zur Erbauungsstunde in dem Zimmer unseres unmittelbaren Vorgesetzten, des Novizenmeisters, ein. Wenn wir nun mit unseren harmlosesten andächtigen Mienen um seinen runden Tisch saßen, so begann er aus einem alten Buche mit hochrothen Decken uns die lateinisch verfaßte Lebensgeschichte des Ordensstifters vorzulesen und zu interpretiren.

Um zehn Uhr rief die Glocke wiederum zur Kirche, zu der sogenannten Conventmesse, während welcher wieder zwei Horen (Sext und Non) in der schon erwähnten Weise abgebetet wurden. Nach dem Gottesdienste führte man uns gleich den zweiten Tag eine Anzahl Bauernknaben aus der Umgebung des Klosters vor, in die wir uns redlich zu theilen und an denen wir pädagogische Experimente zu machen hatten. Beide Theile waren froh, wenn um dreiviertel Zwölf die Glocke neuerdings zur Kirche rief, zur stillen Adoration vor dem Sanctissimum. Da knieten wir denn und sollten meditiren und beten – ich bin indeß fest überzeugt, daß die Meisten sehnsüchtig auf das Zeichen des Priors warteten, sich zu erheben.

Nun wimmelte es nach dem Refectorium, wo sich alle zum Convente gehörigen Brüder zusammenfanden und sich zu beiden Seiten des Tisches aufstellten.

„Benedicite!“ begann der Vorsitzende.

„Domnius!“ entgegnete der Chor.

Dann folgte das „Edent pauperes et saturabuntur“ (Die Armen werden essen und satt werden).

Arm war das Essen eben nicht zu nennen; es waren einschließlich der Suppe fünf Gänge – „Wer Vieles bringt, wird Manchem Etwas bringen,“ ist wohl das Motto des Küchenmeisters. Auch für den Trunk war gut gesorgt; jeder Noviz erhielt täglich acht, der Kleriker zehn, der Priester zwölf Biermarken, für jede derselben ein Glas Bier, deren drei etwa ein österreichisches Maß ausmachen; was nicht getrunken wird, wird durch einen (niedrigen) Geldbetrag wieder eingelöst. Während der Mahlzeit liest ein Noviz von der Kanzel herab aus Thomas a Kempis „Imitatio Christi“. Um zwei Uhr Nachmittags wurde die Vesper in dem Oratorium abgebetet, was bis gegen drei Uhr währte. Dann wurden wir Neuaufgenommenen mit den Novizen des vorigen Jahres, die noch diese Woche in ihrem Amte blieben, um uns praktisch in unseren Pflichtenkreis einzuführen, „ausgetrieben“.

Wir durften nämlich (auch in der Folge) nur in Begleitung des Novizenmeisters ausgehen, der sich weder um die Gunst des Wetters noch um die Wünsche und Launen der Einzelnen kümmerte, der mit seinen hohen festen Stiefeln ebenso lachend durch den oft zollhohen Koth schritt – „er weicht schon aus, wenn man darauf tritt“ – wie über die von der heißen Sommermittagssonne ausgebrannte glühende Erde. Wir sind dem guten alten Manne indeß nie gram geworden. Um fünf Uhr begannen wir bereits mit Nachhülfe um das „Matutinum“ mit seinen vielen Theilen in dem Brevier zusammenzusuchen. Es war das keine ganz leichte Arbeit, die wir auch ziemlich lange nicht recht begreifen wollten. Und wenn ein Theil des Chorgebetes überhaupt ermüdend ist und mit einem gewissen Unmuthe durchgekostet wird, so ist es das Matutinum, das bis gegen sieben Uhr währt. Es wird dabei der Kehle wie dem Verstande ziemlich viel zugemuthet.

Um sieben Uhr findet die Abendmahlzeit statt; nach derselben beginnt ein munteres Leben an den kleinen Spieltischen, nicht immer ganz harmlos, denn die erhitzten Gesichter und zuweilen erhitzten Gemüther sprechen nicht von Gemüthlichkeit. Um dreiviertel Neun ruft die Glocke zum letzten Male zur abendlichen Meditation in das Oratorium. Das Bier hat einschläfernd gewirkt, und die Häupter sinken rechts und links und horchen, bis der erste Schlag der neunten Stunde die Erlösung bringt. Nun kommt der Conventdiener; die Lampen verlöschen in den Gängen – es wird still.

Das ist ein Tag aus dem Leben des Novizen.

So roll’ ich ohne Unterlaß,
Wie Sanct Diogenes, mein Faß.

Acht Tage nach der Einführung fand die Einkleidung statt. Schon drei Tage zuvor begannen die geistlichen Exercitien, welche blos darin einen Unterschied von der übrigen Zeit brachten, daß der übliche Nachmittagsspaziergang ausfiel und wir das Gebiet des Conventes überhaupt nicht verlassen durften. Am Tage vor der Einkleidung wurde dieselbe erst probeweise durch den Conventsschneider vorgenommen, der sich an dem Werke seiner Hände zunftgemäß erfreute. Dann wurden die einzelnen Stücke des Gewandes säuberlich zusammengefaltet, in den Capitelsaal getragen und durch darauf gelegte Zettel mit Namen gekennzeichnet.

Am nächsten Morgen, bereits nach ein Viertel Sieben, standen wir Einzukleidenden vor der Thür des Capitelsaales in einem Aufzuge, der uns gegenseitig recht heiter machte. Die Beinkleider hatten wir in hohe weiße Strümpfe gestülpt; an den Füßen saßen schwarze Schuhe, die der Eine in Ermangelung eigener von einer Küchengrazie geliehen hatte; ein weißes Nachtjäckchen, über welches bei Einem und dem Andern die Hosenträger liefen, deckte den Oberleib, und von dieser negligémäßigen Harlekinade stach seltsam die geistliche Halsbinde ab, die wir bereits angelegt hatten. Zwischen der Prim und Terz fand die Einkleidung statt. Auf rothsammtenem Polsterstuhle saß der Abt an einem [485] Tische; auf den Bänken ringsum hatten in feierlichem Schweigen die Capitularen Platz genommen. Wir knieten in unserer exquisiten Tracht in einer Reihe vor dem Tische, dem Abte gegenüber, welcher nun der Form gemäß aus einem alten Rituale seine Fragen stellte:

„Was suchet Ihr? – Seid Ihr frei, nicht verlobt, nicht verheirathet? – Seid Ihr nicht Sclaven? – Seid Ihr nicht mit heimlicher Krankheit behaftet? – Habt Ihr keine Schulden?“

Die Antworten waren uns Tags zuvor bereits eingelernt worden, und wir sagten dieselben nun im Chore herunter. Nun knieten wir einzeln nacheinander vor dem Abte nieder, wurden des Rockes, den wir über dem Nachtjäckchen trugen, entkleidet, zum Zeichen, daß nun der alte Mensch ausgezogen werde, wurden angethan mit dem neuen Menschen, d. i. dem Ordensgewande, und erhielten den Namen eines Heiligen, unter welchem wir von nun an eigentlich hier existirten; der Familienname gerieth beinahe ganz in Vergessenheit. Unter dem Gesange des Salve regina stolperten wir nun – das ungewohnte lange Gewand schlug um Knöchel und Kniee – mit den Anderen in die Kirche zur hora tertia, nach deren Beendigung wir vor dem Frühstück noch dem Abte als junge Ordensleute vorgestellt wurden. Ein Handkuß, ein huldvolles mahnendes Wort, noch ein Handkuß, und wir stolperten die Treppen wieder hinab nach dem Convent.

Regelmäßig und fast unterschiedlos verläuft ein Tag des Noviziatjahres um den andern. Eine kleine Abwechselung brachten blos die sogenannten haustus, anständiger bezeichnet die concursus fratrum, in das gewohnte Leben; es sind dies gesellige Zusammenkünfte der Brüder im Refectorium, welche mit Kartenspiel und Zechen begangen werden. Sie beginnen nach der Vesper, dauern den Nachmittag über, werden durch das Matutinum unterbrochen und nach der Abendmahlzeit ohne Ende fortgesetzt. An diesem zweiten Theile derselben, wenn ich so sagen kann, betheiligen sich hauptsächlich nur die jüngeren Brüder, Novizen und Kleriker, und es war oft seltsam genug, wenn es mitten in der Nacht in den Hallen des klösterlichen Speisesaales erklang:

Im Krug zum grünen Kranze,
Da kehrt’ ich durstig ein –

oder wenn das sonore „Gaudeamus igitur!“ von den jugendlichen Mönchsgestalten gesungen wurde, die wohl Alle beinahe über das Stadium der Nüchternheit bereits hinaus waren. – Gelegenheit zu einem derartigen haustus bot das Fest eines bedeutenden Ordensheiligen, ein hohes Kirchenfest, Geburts-, Namens-, Wahl-, Infulationstag des Abtes, irgend ein besonderer Vorgang im Kloster selbst, wie die feierliche Ordensprofeß oder auch das Begräbniß eines der Brüder, sowie die Auction des Nachlasses des Letztern, welche im Refectorium vorgenommen wurde.

Wenn einer der Brüder starb – ein Ereigniß, das mich wenigstens anfangs stets mächtig ergriff, da dem Sterbenden meistens keine Freundeshand das brechende Auge schloß und er oft ziemlich einsam auf dem Bette lag –, so rief die Chorglocke die Brüder zu dem Todtengebete in die Kirche. Der Leichnam selbst wurde in den Capitelsaal gebracht, und der hölzerne vergoldete Leib des Stifters mußte zeitweilig seinen Platz räumen. Hier lag der Leichnam in einem einfachen Sarge allein, von den Brüdern meist verlassen, bis man am dritten Tage ihn von da hinaustrug nach dem nahen Friedhofe. Man sang den Psalm miserere auf diesem letzten Wege kalt und theilnahmlos, scharrte den Todten nach den abgethanen vorgeschriebenen Gebeten ein, schaufelte die Erde zu, und bald wucherte das Unkraut auf dem Hügel und schwankte um das armselige Holzkreuz, das nicht einmal den Namen des Todten trägt, so daß häufig, wenn Jemand kommt, der den Abgeschiedenen geliebt, er seine Ruhestätte nicht finden kann, Ob hier der Grundsatz der Armuth das reiche Kloster leitet? Ich glaube es nicht. „Ihm ist wohl“ sagen sie Alle, und Mancher denkt dazu: „Uns ist besser,“ besonders wenn er Aussicht hat, in des Verstorbenen gute Stelle einzurücken. Nach etwa drei oder vier Wochen wird des Verstorbenen Nachlaß in dem Refectorium unter den Brüdern versteigert und der Erlös unter alle im Kloster selbst lebenden Priester mit der Verpflichtung vertheilt, je acht Tage lang abwechselnd die Conventsmesse zu celebriren.

Ein Jahr und ein Tag muß vergehen seit der Einführung, dann ist das Noviziat überstanden, und der Noviz wird durch Ablegung der einfachen Gelübde auf drei Jahre – eine Ceremonie, welche ohne besondere Feier fast in wenigen Augenblicken abgethan ist – Kleriker. –

Der Kleriker ist nun der unmittelbaren Zucht des Novizenmeisters entwachsen, in seinen Spaziergängen nicht mehr an denselben gebunden, darf aber auch jetzt noch nie allein, sondern nur in Begleitung eines Collegen ausgehen; es ist das eine Art gegenseitigen Ueberwachungssystems, das aber ziemlich zwecklos ist, da sich fast stets Gleich und Gleich gesellt. Während der Schwerpunkt der Thätigkeit des Novizen im Chorgebete liegt, ist es Hauptpflicht des Klerikers, den theologischen Studien obzuliegen. Zu diesem Behufe mußten dieselben nach Prag gehen, dem Sitze des competenten Bischofs, respective Erzbischofs, und sich an der theologischen Facultät dieser Stadt inscribiren lassen. Der Orden besaß keine Filiale in Prag, und so wurde denn einer der ärmeren Orden angegangen, uns gegen eine ansehnliche Vergütung in Wohnung und Kost zu nehmen. Das geschah denn auch, und so reisten wir eines schönen Morgens mit dem Segen des Abtes und auf Kosten des Klosters in ziemlich freudiger Stimmung ab, hielten einen halben Tag Rast in einer größeren Stadt, in welcher mehrere der Ordensbrüder fungirten, und langten am nächsten Tage in den Vormittagsstunden in der Hauptstadt Böhmens an.

Wir standen bald an der Pforte des erwähnten Klosters der gastfreundlichen Bettelmönche. Wir traten ein. Der Pförtner, ein Laienbruder, empfing uns, um uns nach dem Zimmer des Pater Guardian zu führen. Der Pater Guardian, ein stattlicher, wohlgenährter Mann mit keineswegs geistlosen Zügen, war nicht allein; wir hatten gestört, zum Glück nicht in frommer Betrachtung, sondern – im Kartenspiel. Man wies uns die für uns bestimmten Zellen, welche auf Kosten unsers Klosters in Stand gesetzt waren, an, machte uns mit der Hausordnung bekannt und überließ uns unserem Schicksale und unsern Studien.

Da wir die theologischen Vorlesungen gemeinsam mit den Zöglingen des erzbischöflichen Seminars besuchten, so kann ich es mir nicht versagen, dieses Institut etwas näher zu beleuchten. Es steht zu der theologischen Facultät in inniger Beziehung.

Gegenüber dem Altstädter Brückenthurm der Prager Karlsbrücke steht ein mächtiges Gebäude, wohl eines der imposantesten der böhmischen Hauptstadt, ein Jesuitenbau mit nicht weniger als fünf bedeutenden Höfen, in welchem Kunst und Wissenschaft ihren Tempel aufgeschlagen haben, denn es umschließt zwei Kirchen, eine schöne Capelle, ein Gymnasium, die kaiserliche Universitätsbibliothek, die Sternwarte, die Malerschule, die Hörsäle der philosophischen Facultät, die erzbischöfliche Buchdruckerei, das sogenannte Convict und, was uns hier zunächst berührt, auch das Priesterseminar und die theologische Facultät. Wenn wir neben der Clemenskirche durch das mächtige Thor eintreten und an der Pforte, die uns zur Linken ist, anläuten, so gelangen wir in die Räume, in welchen die junge Priesterschaft für den Bedarf der Prager Erzdiöcese gezogen, vielleicht besser verzogen, jedenfalls aber „gedrillt“ wird. Die Hallen sind freundlich, gelbgetüncht; breite Steintreppen führen nach dem ersten und zweiten Stockwerke; in den Nischen an der Treppe stehen große steinerne Heiligenbilder, und die Säle sind fast durchgehends geräumig und hoch, wie man ja überhaupt den Jesuiten den Ruhm lassen muß, daß sie zu bauen verstanden, das Imposante mit dem Praktischen zu verbinden wußten und so jene Bauten aufführten, die länger stehen werden als der Orden selbst und die heute vielfach zu Staatszwecken verwendet werden.

Die Zahl der Zöglinge hat in den letzten Jahren sehr abgenommen; es liegt das zum großen Theile im Geiste unserer fortschrittlichen Zeit, in dem Ankämpfen gegen alles Klerikale, und das schreckt gar manchen jungen Mann von einer Laufbahn ab, die ihm wenig materiellen Vortheil, dagegen sehr leicht Spott und Verachtung bringt.

Die Erziehung ist, wie schon erwähnt, eine nahezu jesuitische. Die Seminaristen, gewöhnlich Alumnen genannt, haben ihre gemeinsamen Studir- und Schlafsäle, sowie ein gemeinsames Refectorium. Die Kleidung, die sie beständig tragen müssen, besteht aus einer schwarzen Tuchklerik, um welche eine violette Binde geschlungen ist; letztere wird durch eine schwarze ersetzt, wenn der Alumnus die erste höhere Weihe erhalten hat, was erst im vierten Jahre seines Aufenthaltes im Seminar geschehen kann.