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Textdaten
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Autor: A. W.
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Titel: Aus Lima
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 547–548
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[547] Aus Lima geht uns folgendes Schreiben zu: „Diejenigen Ihrer Leser, und es mögen ihrer nicht wenige sein, die mit dem Namen Peru den Begriff der intolerantesten Priesterherrschaft verbinden, werden nach Durchlesen der folgenden Zeilen zugestehen müssen, daß wir Wilden doch besser als unser Ruf sind, daß es auch hier ‚dämmert‘ und daß die Morgenröthe der Toleranz und der Befreiung von Roms Herrschaft auch diesem Lande bald leuchten dürfte.

Wir haben heute einen Vorkämpfer der Gewissensfreiheit, einen großen Mann begraben, der stets nur das gewollt, wofür jetzt in Deutschland jeder freie Mann kämpft; ich sage wir, denn auch die Deutschen in Lima haben sich mit Eifer bemüht, dem Todten, soweit es ihnen gestattet war, die letzten Ehren zu erweisen: Deutsche haben ihn getragen und deutsche Klänge haben die Grablegung begleitet. Am 9. Juni starb der Doctor der Theologie Francisco de Paula Vigil, der einzige Peruaner, dem das Unglück – Andere nennen es Ehre – zu Theil wurde, von Rom mit dem großen Bannfluche bestraft zu werden.

Vigil wurde am 13. September 1792 in Tacna geboren und von seinen Eltern in strengster Weise für seinen von vornherein bestimmten Beruf, den Priesterstand, erzogen. Nachdem er bis zum Canonicus der Kathedrale von Arequipa gestiegen war, nahm er eifrigen Antheil an den Freiheitsbestrebungen des Volks zur Losreißung vom spanischen Joch, und als das Land frei war, wurde er als Abgeordneter für seinen Geburtsort in den ersten Congreß erwählt. Während seiner politischen Laufbahn hat Vigil stets kräftig und meist erfolgreich gegen die despotischen und dictatorischen Gelüste mancher Präsidenten der Republik gekämpft und war immer ein Streiter für die wahren Interessen des Landes, der [548] auch von seinen Gegnern, wegen seiner offenen und ehrlichen Kampfesweise, geachtet wurde. Im Jahre 1845 zog er sich von dem Felde der Politik ganz zurück, erhielt die bis zu seinem Tode innegehabte Anstellung als Bibliothekar an der Staatsbibliothek in Lima und lebte nun nur noch dem Studium und dem Unterricht.

Von jener Zeit an begann seine schriftstellerische Thätigkeit, und es erschien eine Reihe tiefdurchdachter Werke, von denen die folgenden die bedeutendsten sind: ‚Vertheidigung der Autorität der Regierungen und der Bischöfe gegen die Anmaßungen Roms‘, ‚Die Jesuiten‘ und ‚Cultusfreiheit‘, Werke, deren Titel den Inhalt genugsam andeuten. Schon das erste zog ihm die Blitze des Vaticans und seine Verdammung zu, die er aber mit Geduld über sich ergehen ließ, indem er auf alle noch so gehässigen Angriffe seiner klerikalen Gegner nur immer wieder mit fleißig zusammengetragenem historischem Materiale, mit Anführung von Thatsachen und einfach bescheidener, aber schlagender Logik antwortete.

Als Mensch hat Vigil ein wahrhaft exemplarisches Leben geführt; von seinem bescheidenen Gehalte gab er den größten Theil als Almosen an die Armen, und seine freien Stunden benutzte er bis zu seinem im dreiundachtzigsten Jahre erfolgten Tode, um armen Studenten unentgeltlich Unterricht und Rath bei ihren Studien zu ertheilen.

Als vorgestern sich die Nachricht von seinem Tode verbreitete, geschah dies gleichzeitig mit dem Zusatze, daß in allen Kirchen die Pfarrer sich geweigert hätten, die Leichenmesse zu lesen und die Erlaubniß zur Bestattung zu geben. Dieser Umstand trug wohl am meisten dazu bei, daß dem Todten, der im Leben so wenig Ehren genossen, dieselben jetzt in vollem Maße zu Theil werden sollten. Der Stadtrath ermannte sich sofort und befahl die Beerdigung auf dem Friedhofe trotz der Einsprache des Klerus, und nun folgten Kundgebungen aller Art, die der Bevölkerung Limas wahrlich Ehre machen. Der Congreß erklärte den heutigen Tag für einen ‚Nationaltrauertag‘; alle Geschäfte und Läden waren während des ganzen Tages geschlossen und eine unübersehbare Menschenmenge drängte sich seit dem frühen Morgen auf die Plaza Bolivar, wo das Trauerhaus liegt, um von dort aus das Gefolge bis zum Friedhofe zu bilden. Den Zug eröffnete die Musik der italienischen Feuerwehr; dann folgten die verschiedenen freiwilligen Feuerwehren in Paradeanzug, der Sarg, abwechselnd von dem Gefolge getragen, die nächsten Angehörigen des Verstorbenen, Adjutanten des Präsidenten der Republik, die Deputationen vom Congresse, vom Stadtrathe, der Universität, der Freimaurer, der Gewerbeschule, des deutschen Vereins, der Lehranstalten, genug Abgeordnete aller in Lima bestehenden Vereine und Verbindungen und schließlich Tausende von Privatleuten.

Am Grabe wurden Reden gehalten. Ein Männerchor sang den ‚Tag des Herrn‘ von Kreutzer mit deutschem Texte. Erhebend war die lautlose Stille unter den Tausenden, während dieses Lied erklang, dessen feierliche Töne auf dem Friedhofe von Lima wohl noch nie gehört waren.

Alle Zeitungen erschienen gestern im Trauergewande und brachten an ihrer Spitze Leitartikel als Nachruf an den Verstorbenen; nur das Leibblatt des Klerus begnügte sich damit, am Schlusse der Tageschronik, nach den Polizeinotizen über Diebstähle etc., zu sagen: ‚Gestern starb der Dr. Vigil (das Herr war fortgelassen) ohne seine Irrthümer zu bereuen und ohne die letzten Tröstungen der Religion zu begehren.‘ Eine andere Zeitung antwortete darauf: ‚Wahrlich, Ihr Priester, Ihr stehet zu hoch da in Eurer Verblendung und Ueberhebung, als daß Ihr auch nur dem Todten vergeben könntet! Wir rufen Euch als Antwort auf Eure Verachtung des guten Menschen, der gestorben, die Worte zu, die er in seinen letzten Augenblicken mehrfach den sein Sterbelager Umstehenden wiederholte: ‚Beruhigt Euch! Es muß doch Tag werden?‘ Es muß Tag werden.‘

     Lima, 11. Juni 1875.
A. W.“