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Aufruf zur Betheiligung an der deutschen Kaulbachstiftung

Textdaten
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Titel: Aufruf zur Betheiligung an der deutschen Kaulbachstiftung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 124
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[124] Aufruf zur Betheiligung an der deutschen Kaulbachstiftung. Der nachgehende Aufruf geht uns aus Nürnberg zur Veröffentlichung zu. Wir fügen demselben den Wunsch bei, er möge in den weitesten Kreisen Beachtung finden.

„Auf Lorbeeren gebettet, überhäuft mit Kränzen aus allen deutschen Gauen, ruht Wilhelm von Kaulbach im Schatten der Cypressen des Münchener Friedhofs. Wir haben uns daran gewöhnt, einen der streitbarsten Vorkämpfer deutscher Cultur nicht mehr im Vordertreffen zu sehen, und nachdem auf das jüngst erst gefeierte Jubelfest des ungealterten Künstlers überraschend schnell sein Todtenmahl gefolgt und der allerwärts ertönende Nachruf des großen Meisters verklungen ist, erhebt sich mahnend die Frage:

Wie wird das deutsche Volk, würdig des gottbegnadeten Künstlers, das Andenken seines großen Sohnes ehren?

Es wird sich ein prunkendes Denkmal nach Gebühr erheben, um den kommenden Geschlechtern das Bild des über seine Zeitgenossen emporragenden Heros zu überliefern. Es wird manches Künstlerherz bei seinem Anblicke höher schlagen, angeeifert von dem Ruhme des schwer erreichbaren Vorbildes. Aber genügt das glänzende Erz, genügt der todte Stein, um deutlich auszusprechen, wie sehr die deutsche Nation die Bedeutung des Mannes zu schätzen weiß, der mit einer wunderbaren Gabenfülle unsere künstlerische Anschauung bereichert, uns der Welt, der Vorzeit, dem Geiste der Geschichte, dem Verständnisse der menschlichen Seele und unserer Culturaufgabe näher gebracht hat?

Wir antworten: Nein!

Es genügt nicht für diesen aufstrebenden Geist, der in wunderbarer Beweglichkeit mit der Liebenswürdigkeit eines schalkhaften Humors uns die Falten von der Stirn gescherzt und zugleich mit dem tiefen Sinne des Philosophen und Forschers das Bild der Geschichte im Abglanze der Schönheit uns vorgeführt und die Höhen und Tiefen des Menschengeistes in ergreifenden Bildern uns anschaulich gemacht hat, der mit dem Blitzstrahle des Witzes und der berechtigten Satire so manchen Götzen des Afterglaubens zu zerschmettern, der mit der Schärfe des Schwertes die Frömmler und Sophisten zu treffen wußte, um dann desto höher das reine Bild menschlicher Tugend zu erheben, der uns das Niedrige kennen lehrte, um daneben das Erhabene um so heller im elektrischen Feuer einer wunderbaren Phantasie leuchten und uns über dem Schönen und Guten das Gewöhnliche vergessen zu lassen. Dieser aufstrebende Geist, dieser für deutsches Land und Volk warm empfindende Mensch, dieser bevorzugte Genius soll nicht erstarren in einem stummen Denkmal, und nicht allein seinen Werken soll es trotz der in ihnen schlummernden Zauberkraft überlassen bleiben, die lebendige Fortwirkung seines Schaffens auf die folgenden Geschlechter zu vermitteln.

Ehrenpflicht der ganzen Nation ist es, ihrer Culturaufgabe für die Kunst durch werkthätige Theilnahme an einem auch dem großen Todten zu errichtenden geistigen Denkmale gerecht zu werden.

Sowie dereinst in Griechenlands classischer Zeit jedem Bürger sein Obolos zu Theil ward, der ihm den Zutritt zum Tempel der Kunst sicherte, so soll auch heute jedem Jünger der Kunst sein Schärflein sicher sein, daß er auf ihrem langen Wege nicht aus Mangel an Mitteln ermatte und seinem hohen Ziele ferne bleibe. „Für das Schöne und Gute“ lautet also die Losung, wenn wir das deutsche Volk, von der Mosel bis zur Leitha, aufrufen bei der in Nürnberg in’s Leben getretenen W. Kaulbach-Stiftung durch frische, fröhliche Gaben sich zu betheiligen. Im Sinne Kaulbach’s, der über den Parteien stand, wird die Stiftung handeln, wenn sie, wie ihre Satzungen bestimmen, ihre Mittel zur Förderung deutscher Künstler ohne Rücksicht auf politische Grenzen, Wohnort, Alter und Geschlecht in Aussicht stellt, wenn sie zugleich der Ansicht beipflichtet, daß nicht das specielle Kunstfach, sondern nur die persönliche Tüchtigkeit der Bewerber bei der Zuwendung der verfügbaren Stiftungsrenten entscheiden soll. Gewiß wird eine ergiebige Ausstattung der Stiftung die Garantie dafür bieten, daß würdig unterstützte Talente nicht einer falschen Kunstrichtung fröhnen, sondern, geleitet von Kaulbach’s und seiner großen Kunstgenossen Beispiel, die Durchgeistigung des Stoffes sich zur Aufgabe machen und in der Erfassung des Wesentlichen, in der Verkörperung des Gedankens, in der Veredlung ihres Volkes ihr Ziel erkennen werden. Die als Sitz der Stiftung gewählte ehemalige Reichsstadt Nürnberg, die noch heute von Allen verehrte Heimstätte altdeutscher Kunst, ist gewißlich werth, einen vom deutschen Volke für einen edlen Zweck zusammengesteuerten Schatz fruchtbringend zu verwalten. Deshalb leben wir der Hoffnung, daß unsere Bitte nicht ungehört in deutschen Landen verhallen werde.

Der Ausschuß der deutschen Kaulbach-Stiftung in Nürnberg:
Erster Vorstand: F. C. Mayer,        Zweiter Vorstand: S. Soldan,
Hofrath und Professor an der        Hofbuch- und Kunsthändler.
königl. Kunstschule.         
Secretär: R. Geisler, Maler.
H. Beckh. Rechtsanwalt. Dammer, königl. Bezirks-Gerichtsrath. Egloff, Kupferstecher. W. Heinrichsen, Fabrikant. Hösch, Maler. C. Jäger, Maler und Professor. Klingenstein, Bildhauer und Professor. Freiherr von Kreß, Rechtsconcipient. S. Pickert, Kunsthändler. Richter, Kaufmann. L. Ritter, Maler. Rorich, Maler. Schüßler, Officiant. Schweigel. Lieutenant a. d. E. Seitz. Kaufmann. Tümmel, Buchdruckereibesitzer. Wanderer, Maler und Professor.“