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Textdaten
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Autor: Hermann Puricelli
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Titel: Auch eine Eisenbahnfrage
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 670
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[670] Auch eine Eisenbahnfrage. Es geht uns folgender Brief mit der Bitte um Veröffentlichung zu:

„Wie ich aus Ihrem Blatte ersehe, werden in ihm oft Mißstände gerügt, die schließlich, nachdem sie der eingehendsten Besprechung unterzogen sind, abgestellt werden. Wenn Sie erlauben, will ich Sie auf einen Uebelstand aufmerksam machen, der sich durch ganz Deutschland fühlbar macht.

Auf den Personenzügen der deutschen Eisenbahnen befindet sich der für die Bagage bestimmte Conducteur während der Fahrt im Gepäckwagen. Das ist eine Anordnung des deutschen Eisenbahnreglements, die der Dieberei Thor und Thür öffnet; denn wie in jedem Stande, so giebt es wohl auch unter den Conducteuren hier und da Diebe, welche die Zeit der Fahrt auf die ungestörteste Weise benutzen können, die Koffer zu öffnen und daraus zu entwenden, was ihnen ansteht, und gewöhnlich werden bei dieser Gelegenheit nicht alte Schuhe und Strümpfe, sondern die werthvollsten Dinge genommen. Beim Rücknehmen der Effecten auf der Ankunftsstation ist selbstverständlich im ersten Augenblicke der Diebstahl nicht ersichtlich und später die Eisenbahn außer aller und jeder Verantwortung. So lange in Deutschland die Eisenbahnen bestehen, sind derartige Diebereien ausgeführt worden; sie mehren sich aber in der letzten Zeit in einer so erschreckenden Weise, daß durch die Presse Anregung zur Abhülfe geboten erscheint. Zu helfen ist hier leicht: man nehme auf jeder Station die betreffenden Effecten aus dem Packwagen heraus und thue hinein, was mitgenommen werden soll, alsdann verschließe man mit einem Schlüssel, der auf der Station verbleibt, den Packwagen, und während der Fahrt darf unter keinem Vorwande eine Person bei den Effecten verbleiben. Jede Station muß selbstredend einen Packwagenschlüssel haben. Vor etwa zehn Jahren bereiste ich Frankreich in verschiedenen Richtungen; schon damals lernte ich die vorgeschlagene Behandlungsweise bei französischen Packwagen für Passagier-Effecten kennen. Die Franzosen werden wohl ihre Gründe gehabt haben, dieselbe einzuführen. Ob dieses Verfahren noch in jenem Lande in Anwendung gebracht wird, weiß ich nicht; wenn es verbesserungsfähig ist, mögen die Fachleute es verbessern, aber von diesem Raubsysteme, vor dem sich kein Reisender schützen kann, muß abgegangen werden.

Mir selbst sind zu wiederholten Malen die Koffer geöffnet und Gegenstände daraus entwendet worden; aus meiner Verwandt- und Bekanntschaft sind über zweitausend Thaler an Werthsachen auf diese Weise fortgekommen. Beispielsweise hier ein Fall: am 8. dieses Monats fuhr ich mit meiner Familie des Morgens acht Uhr von Cassel nach Coblenz, woselbst ich etwa um vier und ein halb Uhr Abends ankam. Meiner Frau wurden unterwegs (Cassel–Gießen, Gießen–Lahnstein, Lahnstein–Coblenz) die Koffer geöffnet und ihr eine goldene Uhr (Damenuhr à remontoir, 13 lignes, glattpolirtes Gehäuse mit Nr. 16364 gestempelt, Nr. 3222 gekratzt) nebst einer goldenen Kette (Ankerkette), ein Paar Ohrringe mit Diamanten in schwarzer Email, ein goldenes Herz mit Diamanten auf einer Seite, in deren Mitte ein Rubin, nebst Halskettchen daraus entwendet, welche Gegenstände, wenn ich sie jetzt wieder kaufen sollte, einen ungefähren Werth von achthundert Thalern haben würden. – Das sind traurige Zustände. Wenn Sie in dieser Angelegenheit durch Ihr Blatt günstig wirken können, so leisten Sie dem eisenbahnfahrenden Publicum diesen großen Dienst! –

 Ergebenst

Rheinböllerhütte. Herm. Puricelli.