Arbeiter- und Heimatkolonien im Moor

Textdaten
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Autor: August Lammers
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Titel: Arbeiter- und Heimatkolonien im Moor
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Arbeiter- und Heimatkolonien im Moor.
Von A. Lammers.

O sprecht, warum zieht ihr von dannen?“ Diese Frage Freiligrath’s an deutsche Auswanderer, die er in Havre das Schiff nach der neuen Welt besteigen sah, hat ein thätiger Menschenfreund in Bremerhaven, der freisinnige protestantische Pastor Cronemeyer, oft auf dem Herzen gehabt, wenn vor seinen Augen die dichten Züge Europamüder in das Zwischendeck der großen Lloyddampfer hinabkletterten; zumal da er nicht selten Amerikamüde wieder heimkehren sah, um Geld, Hoffnung und Lebensmuth beträchtlich ärmer. Aber sein praktischer Sinn blieb nicht bei der Empfindung und zwecklosen dichterischen Frage stehen. Er hatte sich schon an der Organisation weiblicher Armenpflege in seiner Stadt, an einer Volksküche, an einem Obdache ohne Verzehrungszwang und geistige Getränke für beschäftigungslose Hafenarbeiter erprobt und verstand daher einigermaßen zusammenzufügen, was zu socialer Neuschöpfung gehört. Er beschloß darum, den Auswanderern ein neues Ziel vor Augen zu führen und die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Moore Norddeutschlands zu lenken. Die Versuchsstation der Central-Moorkommission zu Bremen hat seit einigen Jahren die ungemeine bodenbessernde Wirksamkeit des Schlamms oder Schlicks, der sich in den Seehäfen festsetzt, erwiesen. Hier ist er ein höchst unbequemes Hinderniß der Zwecke, zu denen man Häfen baut – auf ödes Land aber, namentlich auf den im deutschen Nordwesten so weit ausgedehnten Moorboden gebracht, wirkt er Wunder der Fruchtbarkeit. War diese Thatsache auch schon länger bekannt, namentlich um den Dollart herum, so fehlte doch bis vor Kurzem der planmäßige und exakte chemisch-physiologische Nachweis derselben. Ihn hat die Bremer Versuchsstation geliefert; Pastor Cronemeyer aber schlägt vor, daß man hierauf, nicht wie im vorigen Jahrhundert auf das den unangenehmen Moor- oder Höhen- oder Haarrauch erzeugende Moorbrennen, das obendrein ein Raubbau und eine Art von Lotteriespiel zugleich ist, neue eigenartige Moorkolonien gründe. Nach der menschlichen Seite hin lehnt er diese an die Arbeiterkolonien seines Bielefelder Amtsbruders von Bodelschwingh an, mit dem er überhaupt in vollem Einvernehmen handelt.

Zunächst soll in einem Moore unweit Bremerhavens, During bei Loxstedt, eine gewöhnliche Arbeiterkolonie entstehen; dann aber, was er eine „Heimatkolonie“ zu nennen vorschlägt, bestimmt, allen Denen ein Heim zu verschaffen und eine Zukunft als kleine Landwirthe zu gründen, die aus den verschiedenen deutschen Arbeiterkolonien gebessert und gehoben, das heißt tüchtiger Arbeit wiedergewonnen, hervorgehen.

Dies der Grundgedanke des Planes, auf dessen ohnehin noch nicht ganz feststehende Einzelheiten hier nicht weiter einzugehen ist. Genug, daß man denselben überall mit dem größte Antheil und Wohlwollen aufgeommen hat, wo Pastor Cronemeyer in seiner schlichten einleuchtenden Weise ihn vortragen konnte: in Bremerhaven selbst und den Nachbarorten, in einer Sitzung der preußischen Cetral-Moorkommission zu Bremen, Ende November, in einer Audienz beim Kronprinzen, an der auch Pastor von Bodelschwingh theilnahm, endlich am 20. Mai zu Bremen, wo die Hauptsumme des vorläufigen Anlagegeldes flüssig gemacht werden soll. An der wirklichen Durchführung des Planes wird nicht mehr zu zweifeln sein. Gelingt er nur einigermaßen, wie sich zuversichtlich hoffen läßt, so ist der Anfang gemacht mit einem vielversprechenden Unternehmen innerer Kolonisation. Mit der Zeit werden wohl neben den Zöglingen der Arbeiterkolonien auch tüchtige Auswanderer, nicht bloß gebesserte unbeschäftigte, nach Bremerhaven ziehen, nicht um über das Atlantische Meer zu schiffen, sondern um ihr „Amerika“ in den Mooren und Haiden des deutschen Nordwestens zu finden. Das wüste Moor birgt in seinem schwerzugänglichen Innern Schätze höchster Fruchtbarkeit, welche nur durch ein nicht ganz leichtes und einfaches Verfahren erst gehoben werden müssen. Aber dieser Aufgabe dient, seit die 1870 unternommene und mehrere Jahre lang eifrig unterhaltne Agitation wider das Moorbrennen die öffentliche Aufmerksamkeit nachhaltig darauf gelenkt hat, der Kanalbau Preußens und Oldenburgs in ihren Moorgebieten, dient die genannte Versuchsstation zu Bremen sammt der ihr vorgeordneten, ausgezeichnet geleiteten und besetzten Central-Moorkommission, die sich dem preußischen Landwirthschaftsministerium als eine Art Fachstelle anschließt. Diese vereinten, zusammenstrebenden Bemühungen sind nun nachgerade soweit gediehen, daß umfassendes Kolonisiren beginnen kann. In Cronemeyer’s „Heimatkolonie“ soll es mit den menschlichen Arbeitskräften ganz ähnlich gehalten werden, wie mit dem Hafenschlick: von der Landstraße weggenommen, in anderen, erziehend wirkenden Niederlassungen an tüchtige Arbeit zurückgewöhnt, schlagen sie um in eine lebendige Bereicherung der Gesellschaft, der sie bisher zur Last wareb, ib einen Grundstamm gedeihender, glücklicher Familien und Menschengeschlechter.