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Andreas von Sangerwitz, Comthur auf Christburg

Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Andreas von Sangerwitz, Comthur auf Christburg
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 271-275
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
Bild
Deutsche Sagen (Grimm) V2 291.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
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[271]
529.
Andreas von Sangerwitz, Comthur auf Christburg.

Caspar Schütz Beschreibung der Lande Preußen 1599. fol. Bl. 102. 103.
Happel Denkwürdigkeiten der Welt IV. 407. 408.
Caspar Henneberger Erklärung der großen Preuß. Landtafel.
Rauschink Gespenstersagen, Rudolst. 1817. St 2.


Im Jahr 1410 am 15ten Juli, ward bei Tanneberg, zwischen den Kreuzherren in Preußen und Vladislav, Könige von Pohlen, eine große Schlacht geliefert. Sie endigte mit der Niederlage des ganzen Ordensheers; der Hochmeister Ulrich von Jungingen selbst fiel darin. Seinen Leichnam ließ der König den Brüdern zu Osterode zukommen, die ihn zu Marienburg begruben; das abgehauene Kinn aber mit dem Bart ward gen Kraukau gebracht, wo es noch heutiges Tages (zu Caspar Schützens Zeit) gezeigt wird.

Als der Hochmeister mit den Gebietigern über diesen Krieg rathschlagle, rieth der Comthur von der Christburg, Andreas Sangerwitz, ein Deutscher von Adel, treulich zum Frieden; unangesehen die andern fast alle zum Krieg stimmten, und der Feind schon im Lande war; welches den Hochmeister übel verdroß, und rechnete es ihm zur Furcht und Zagheit. Er aber, der nicht weniger Herz als Witz und Verstand hatte, sagte zu ihm: „ich habe Euer Gnaden zum Frieden gerathen, wie ichs am besten [272] merk und verstehe, und bedünket mich, nach Frieden dienete uns dieser Zeit Gelegenheit am besten. Weil es aber Gott anders ausersehen, auch Euer Gnaden anders gefällt: so muß ich folgen, und will euch in künftiger Schlacht, es laufe wie es wolle, so mannlich beistehen, und mein Leib und Leben bei euch lassen, als getreulich ich jetzt zum Frieden rathe." Welchem er auch als ein redlicher Mann nachgelebt, und ist nebst dem Hochmeister, nachdem er sich tapfer gegen den Feind gehalten, auf der Wahlstadt geblieben.

Da nun dieser Comthur zur Schlacht auszog, und gewappnet aus dem Schlosse ritt, begegnete ihm ein Chorherr, der seiner spottete, und ihn höhnisch fragte: „wem er das Schloß in seinem Abwesen befehlen wollte?" Da sprach er aus großem Zorn: „dir und allen Teufeln, die zu diesem Kriege gerathen haben!" Demnach, als die Schlacht geschehen, und der Comthur umgekommen, hat solch eine Teufelei und Gespenst in dem Schlosse anfangen zu wanken und zu regieren, daß nachmals kein Mensch darinne bleiben und wohnen konnte. Denn so oft die Ordensbrüder im Schlosse aßen, so wurden alle Schüsseln und Trinkgeschirr voll Bluts; wann sie außerhalb des Schlosses aßen, wiederfuhr ihnen nichts dergleichen. Wenn die Knechte wollten in den Stall gehen, kamen sie in den Keller und tranken so viel, daß sie nicht mehr wußten, was sie thaten. Wenn der Koch und sein Gesinde in die Küche ging, so fand er Pferde darin stehen, und war ein Stall daraus [273] worden. Wollte der Kellermeister seine Geschäffte im Keller verrichten, so fand er an der Stelle der Wein- und Bierfässer lauter Hafen, Töpfe, Bälge und Wassertröge; und dergleichen ging es in allen Dingen und Orten widersinnigs. Dem neuen Comthur, der aus Frauenberg dahin kam, ging es noch viel wunderlicher und ärger: ein Mal ward er in den Schloßbrunnen an den Bart gehängt; das andre Mal ward er auf das oberste Dach im Schlosse gesetzet, da man ihn kaum ohne Lebensgefahr herunter bringen konnte. Zum dritten Mal fing ihm der Bart von selbst an zu brennen, so daß ihm sein Gesicht geschändet wurde; auch konnte ihm der Brand mit Wasser nicht gelöscht werden, und nur, als er aus dem verwünschten Schlosse heraus lief, erlosch das Feuer. Derowegen fürder kein Comthur in dem Schlosse bleiben wollte, wurde auch von jedermänniglich verlassen, und nach des verstorbenen Comthurs Prophezeihung des Teufels Wohnung geheißen.

Zwei Jahre nach der Schlacht kam ein Bürger von Christburg wiederum zu Hause, der während der Zeit auf einer Wallfahrt nach Rom gewesen war. Als er von dem Gespenst des Schlosses hörte, ging er auf einen Mittag hinauf: sey es nun, daß er die Wahrheit selbst erfahren wollte, oder daß er vielleicht ein Heiligthum mit sich gebracht, das gegen die Gespenster dienen sollte. Auf der Brücke fand er stehen des Comthurs Bruder, welcher auch mit in der Schlacht geblieben war; er erkannte ihn alsbald, [274] denn er hatte ihm ein Kind aus der Taufe gehoben, und hieß Otto von Sangerwitz; und weil er meinte, es wäre ein lebendiger Mensch, trat er auf ihn zu und sprach: „o Herr Gevatter, wie bin ich erfreut, daß ich euch frisch und gesund sehen mag; man hat mich überreden wollen, ihr wärt erschlagen worden; ich bin froh, daß es besser ist, als ich meinete. Und wie stehet es doch in diesem Schlosse, davon man so wunderliche Dinge redet?“ Das Teufelsgespenst sagte wieder zu ihm: „komme mit mir, so wirst du sehen, wie man allhier Haus hält." Der Schmied folgte ihm nach, die Wendeltreppe hinauf; da sie in das erste Gemach gingen, fanden sie einen Haufen Volks, die nichts anders thaten, denn mit Würfel und Karten spielen; etliche lachten, etliche fluchten Wunden und Marter. Im andern Gemach saßen sie zu Tische, da war nichts anders, denn Fressen und Saufen zu ganzen und halben; von dannen gingen sie in den großen Saal, da funden sie Männer, Weiber, Jungfrauen und junge Gesellen; da hörte man nichts, denn Saitenspiel, singen, tanzen, und sahe nichts denn Unzucht und Schande treiben. Nun gingen sie in die Kirche; da stund ein Pfaff vor dem Altar, als ob er Messe halten wollte; die Chorherren aber saßen rings umher in ihren Stühlen und schliefen. Darnach gingen sie wieder zum Schloß hinaus, alsbald hörte man in dem Schloß so jämmerlich heulen, weinen und Zetergeschrei, daß dem Schmied angst und bange ward, gedachte auch, es könnte in der Hölle nicht jämmerlicher [275] seyn. Da sprach sein Gevatter zu ihm: „gehe hin und zeige dem neuen Hochmeister an, was du gesehen und gehört hast! Dann so ist unser Leben gewesen, wie du drinnen gesehen; das ist der erfolgte Jammer darauf, den du hier außen gehört hast.“ Mit den Worten verschwand er, der Schmied aber erschrak sehr, daß ihm zu allen Füßen kalt ward; dennoch wollt er den Befehl verrichten, ging zum neuen Hochmeister und erzählte ihm alles, wie es ergangen. Der Hochmeister ward zornig, sagte, es wäre erdichtet Ding, seinem hochwürdigen Orden zu Verdruß und Schanden, ließ den Schmied ins Wasser werfen und ersäufen.