Textdaten
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Autor: Eva Treu
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Titel: An das Christkind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 828–831, 834
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[828]

An das Christkind.

Weihnachtsgeschichte von Eva Treu. Mit Abbildungen von C. Liebich.

Kling!“

Das war die Hausglocke, die Thür wurde geöffnet, und nun stapfte und trampelte auch draußen etwas auf dem Flur, als ob Schnee von Schuhen und Stiefeln geklopft würde. Denn es schneite tüchtig draußen und setzte sich gleich in dicken Klumpen an die Sohlen, wenn man nur hundert Schritte über die Straße mußte.

„Wer kommt denn da so früh am Tage?“ fragte die alte Dame, die strickend am Fenster saß, ein wenig verwundert, „sehen Sie doch einmal nach, Toni, ja?“

Fräulein Toni, ein hübsches schlankes Mädchen mit einem dicken blonden Haarknoten und guten braunen Augen, hatte schon von selbst das Staubtuch, mit dem sie eben die zahlreichen Kleinigkeiten auf der Etagere abwischte, beiseite gelegt und war zur Thür geeilt, die sie nun öffnete.

„Ei, wen haben wir denn da?“ rief sie munter, „das sind wohl gar Willy und Dodo? Guten Morgen, guten Morgen! Und einen Brief habt ihr auch mitgebracht? Dürft ihr denn ein bißchen bei uns bleiben?“ Damit küßte sie das kleine Mädchen, dem die weichen Flachshärchen lockig unter der dunklen Sammetkapuze hervorguckten, auf den willig dargebotenen frischen Kindermund. Der etwa ein Jahr ältere dunkelhaarige Junge wich jedoch der zugedachten Liebkosung mit männlicher Zurückhaltung aus und bot nur die im dicken gestrickten Fausthandschuh steckende Hand zum würdigen Gruß. Seit er – es waren nun zwei Jahre – in die Schule ging, ließ er sich durchaus nicht mehr „von Frauenzimmern küssen“.

„Wir dürfen bis heute abend hier bleiben,“ erklärte er.

„Bis das Christkind kommt,“ fügte Dodos sanftes Stimmchen hinzu.

„Der Herr Doktor läßt sich empfehlen und fragen, ob die beiden Kleinen vielleicht über Mittag da bleiben dürften,“ sagte das begleitende Dienstmädchen. „Es steht alles in dem Brief, den Willy abgeben soll. Wenn’s dunkel ist, komme ich dann und hole sie wieder.“

„Brauchst Du gar nicht!“ protestierte Willy.

„Ach, Grete – es ist doch wohl nicht –“ fing Fräulein Toni an.

„Ja,“ nickte das Mädchen lächelnd, mit einem verstohlenen Seitenblick auf die Kinder, „es steht alles in dem Brief, läßt der Herr sagen.“

„Ach, das ist ja reizend, Grete – und alles wohl?“

„Jawoll, Fräulein. Und dürfen dann die beiden hier bleiben?“

„Das werden sie sicher dürfen. Ich will sie gleich zu Frau Justizrat hineinbringen. Antwort braucht es wohl nicht auf den Brief?“

„Nein, Fräulein.“

„So, da gehen Sie nur, Grete! Abzuholen brauchen Sie die Kinder nicht. Ich muß in der Dämmerung selbst noch fort und bringe sie dann hin. Es wird ja bei Doktors genug zu thun geben.“

„Danke, Fräulein! Gott, ja, genug zu thun giebt’s freilich! Adieu denn, Fräulein, und fröhlich’ Fest!“

„Fröhlich’ Fest!“ wiederholte das junge Mädchen freundlich. „So, meine kleinen Herrschaften, nun abgelegt und flink hineinspaziert!“

Drinnen die alte Dame sah nicht eben übermäßig beglückt über Brille und Strickzeug hinweg auf die kleinen Gäste. Sie selbst hatte nie Kinder gehabt und sah in ihnen eigentlich nur Wesen, welche die Gewohnheit haben, in jedes friedliche Haus Unruhe zu tragen, mit unsauberen Schuhen auf gute Teppiche zu treten, die am sorgsamsten gehüteten Nippsachen mit kleinen, unvorsichtigen Fingern anzufassen, sich den Magen mit unreifem Obst zu verderben und unpassende Dinge zu sagen. Eine nervöse Unruhe ergriff sie allemal, wenn die lebhaften Kleinen in ihre stille Stube einbrachen. Jedoch bot sie den beiden Kindern gnädig die Hand und streichelte ihnen die Wangen, was sich Willy offenbar nur sehr widerwillig gefallen ließ.

„Die Kinder haben einen Brief mitgebracht, Frau Justizrat,“ sagte Toni bescheiden, das Schriftstück überreichend.

Fräulein Toni war seit zwei Jahren im Hause, beinahe ganz genau seit ihrem achtzehnten Geburtstage, und spielte ein klein wenig die Rolle eines „Mädchens für alles“. Sie war zugleich „Stütze“ und Gesellschafterin und oft genug auch Kammermädchen und Krankenwärterin der alten Dame, die sich steif und fest einbildete, dem jungen Mädchen, dem sie nur ein sehr bescheidenes Honorar zahlte, eine sehr große Wohlthat mit der Aufnahme in ihr Haus erwiesen zu haben. Hatte doch Toni, als ihr vor zwei Jahren kurz nacheinander beide Eltern wegstarben, ganz mittellos und allein dagestanden, sie, die als Tochter eines angesehenen Beamten nie daran gedacht hatte, einmal auf sich selbst angewiesen zu sein! Frau Justizrat Willrich ließ deshalb auch selten eine Gelegenheit ungenutzt vorübergehen, ihrer kleinen Gesellschafterin in Erinnerung zu bringen, wie großen Dank dieselbe ihr schulde. Im übrigen [829] aber behandelte sie das junge Mädchen keineswegs unfreundlich, und Toni, die von der Natur mit frischer Gesundheit und einem frohen Sinn begabt war, ließ den Kopf nicht hängen.

Nachdem die alte Dame den von den kleinen Besuchern mitgebrachten Brief gelesen hatte, reichte sie denselben lächelnd dem jungen Mädchen, und Toni las leise für sich:

 „Liebe Tante!
Bei uns ist in dieser Nacht ein Töchterchen angelangt, welches ich gleich auf dem Standesamt anmelden will. Da sind dann die beiden Großen hier ziemlich überflüssig, und Du erlaubst wohl, daß wir sie Dir den Tag über ein wenig borgen. Gegen Abend dagegen hätten wir sie gern zurück. Meine kleine brave Frau hat schon vor mehreren Tagen die ganze Christbescherung vorbereitet, der Baum steht geputzt und braucht nur angezündet zu werden, und es geht Olga so gut, daß wir es mit der gehörigen Vorsicht wagen dürfen, hier zu Hause zu bescheren. Auch ist ja, wie Du weißt, seit gestern meine Schwiegermutter bei uns. Das neue Schwesterchen soll als Hauptgeschenk paradieren, sei deshalb so gut, uns die Ueberraschnng nicht zu verderben.

Mit den besten Grüßen  
  Dein Ernst.“ 

„Schreibt Papa, wohin Mama gegangen ist?“ fragte Willy eifrig. „Wir haben sie noch gar nicht gesehen heute morgen, Großmama sagte, sie hätte zu thun, aber ich glaube, daß sie ausgegangen war.“

Fräulein Toni blickte ernsthaft in den Brief. „Freilich schreibt Dein Papa etwas davon. Sie hat einen Brief zu schreiben gehabt, an das Christkind wegen der Bescherung. Es wird ja nun Zeit, wenn man noch Wünsche hat, die gern erfüllt werden sollen.“

Die Kinder nickten verständnisvoll.

„Findest Du nicht, daß Mama wohl ein bißchen früher hätte schreiben können, Tante Toni?“ meinte Willy unruhig. „Es ist doch sehr spät, heute erst zu schreiben! Findest Du nicht, Tante Toni?“

„O, es geht schnell mit der Post, Willy.“

„Glaubst Du, daß der Brief noch ankommt?“

„Ich denke wohl.“

Dann mußte das junge Mädchen in die Küche, um nach dem Mittagsbrot zu sehen. Die Kinder begannen nun im Zimmer umherzuwandern, hier eine zarte Meißener Porzellanfigur anfassend und von ihrem Platze nehmend, dort in einem schön gebundenen Buche blätternd, nun die Goldfische im Bassin und dann wieder den Kanarienvogel in seinem Bauer störend – Willy immer voran, Dodo getreulich wie ein kleiner gut dressierter Pudel hinterher.

Mit steigender Erregung sah ihnen die alte Dame zu. Das Strickzeug war längst beiseite gelegt, wie gebannt hingen die Blicke der Justizrätin an den unruhigen, überall Gefahr drohenden Händen der kleinen Gäste. Schließlich hielt sie es nicht länger aus. Sie schellte. Toni kam eilig in das Zimmer gelaufen.

„Lassen Sie gleich bei sich heizen, Toni, damit es nach Tische dort warm ist. Sie können dann die Kinder mit zu sich hinüber nehmen. – So, und nun laßt das Umhergelaufe, Kinder, ihr macht mir Kopfschmerzen, da setzt euch auf die Stühle am Fenster – ganz still, hört ihr! Es schickt sich gar nicht für artige Kinder, alles anzufassen und zu besehen. Artige Kinder verhalten sich ruhig, wenn sie zu Besuch sind.“

Gehorsam setzte sich das Geschwisterpaar auf die Stühle am Fenster. Es wurde sehr still und sehr langweilig im Zimmer. Nur zuweilen entrang sich Willys bedrücktem Gemüt ein schwerer Seufzer. Es war wirklich nichts weniger als nett bei Tante Justizrat, wenn Tante Toni in der Küche zu thun hatte. Und noch dazu war Weihnachten!

„Tante Justizrat?“ platzte er endlich wieder heraus.

Die alte Dame sah stirnrunzelnd zu ihm hinüber. Er störte sie. Sie war eben dabei, Maschen abzuzählen.

„Vierunddreißig – jetzt nicht, Willy!“

„Tante Justizrat, wenn Mama nur auch alles recht gewußt hat, was wir uns wünschen?“

„Vierzig!“

„Wenn sie nun aber etwas vergessen hat, Tante Justizrat?“

„Achtundvierzig. – Jetzt nicht, sage ich, Kind! Artige Kinder schweigen still, wenn sie nicht gefragt werden.“

Ein Seufzer, so laut und schwer, daß es klang, als würde er aus einem ganz tiefen Brunnen hervorgeholt! Willy fand, daß von artigen Kindern manchmal eigentümliche Dinge verlangt würden, wagte aber nicht, etwas darüber zu sagen.

Zum Glück erschien jetzt Toni, um zu melden, daß angerichtet sei, und wenn bei Tante Justizrat auch artige Kinder weder mit den Gabeln klappern, noch Wasser verschütten, noch mit den Stühlen schurren durften, so war und blieb das Mittagsmahl doch immer eine angenehme Beschäftigung. Kaum hatte man sich jedoch erhoben, so stürzte Willy auch bereits auf Toni zu. Jetzt endlich mußte er seinem sorgenvollen, gepreßten Herzen Luft machen.

„Tante Toni, ich bin bange, Mama hat vieles gar nicht gewußt, was ich mir wünsche!“

„Ja, das ist sehr möglich, Willy.“

„Wenn sie mich doch nur vorher gefragt hätte! Was machen wir nun?“

„Ja, was machen wir nun?“ echote Dodos sanftes Stimmchen.

„Da wird nichts anderes übrig bleiben, als ihr schreibt dem Christkind noch selbst einen Brief.“

„Glaubst Du nicht, daß das zu spät ist?“

„Ja, Willy, wissen kann man das nicht. Um Weihnachten hat die Post sehr viel zu thun, aber man könnte es ja versuchen. [830] Kommt ihr beiden nur mit in meine Stube, da ist Platz genug, um einen Brief zu schreiben!“

Der Vorschlag zur Güte wurde jubelnd angenommen. Brauchte man doch in Tante Tonis Stube keineswegs still auf dem Stuhl am Fenster zu sitzen, sondern durfte anfassen, was, und fragen, so viel man wollte. Denn Tante Toni war „riesig nett“. Wenn je etwas bei Willy und Dodo festgestanden hatte, so war es, so lange sie denken konnten, dieser Glaubenssatz. Bloß das eine war schade, daß Toni bei Tante Justizrat wohnte; im übrigen aber hatte sie keine Fehler!

So, nun war in dem bescheidenen, sauberen Mädchenstübchen der Tisch abgeräumt, zwei Stühle waren herangerückt, für Dodo einer mit einem hohen Polster darauf, und Tante Toni nahm aus ihrer Schreibmappe das nötige Papier und zog die Linien. Dann spitzte sie zwei Bleistifte.

„Aber ich kann doch mit Tinte!“ rief Willy im tiefsten Herzen empört.

„Ach so! – Da hast Du also Tinte! Was wollt ihr euch denn nun wünschen?“

„Oh, ’ne ganze Masse! Einen Weihnachtsbaum und eine Eisenbahn und Aepfel und ein Flozipet –“

„Was für ein Ding? Ach so, ein Velociped! Du, werde nur lieber nicht zu unbescheiden.“

„Und ein Dampfschiff –“

„Und einen Puppenwagen,“ fiel Dodo ein.

„Und –“

„Ja, denkt aber einmal, ich habe Kinder gekannt, denen brachte das Christkind etwas ganz Reizendes, etwas so Niedliches, wie ihr noch nie gehabt habt.“

„Was war es?“ Vier erwartungsvolle Augen sahen Toni groß an.

„Denkt bloß – eine kleine Schwester brachte es ihnen.“

„Lebendig?“ fragte Dodo atemlos.

„Ganz lebendig. Aber wünscht euch lieber keine. Etwas so Schönes können nicht alle Kinder bekommen!“

Dodo seufzte tief und schwer. „Konnte sie die Angen von selbst auf und zu machen?“

„Ja; auch von selbst schreien – alles!“

Ein abermaliger dicker Seufzer.

„Wenn man das Christkind nun sehr bäte, Tante Toni?“

„Ja, versuchen könnte man es ja, Dodo. – Du möchtest wohl keine haben, Willy, nicht?“

Willy lächelte überlegen. „Ja, siehst Du, Tante Toni, haben möchte ich ja schon eine, aber – siehst Du – das geht doch nicht! Dazu ist es doch schon zu spät! Dann hätten wir es früher sagen müssen. Denn – ein Flozipet und so etwas, das kann das Christkind jetzt ja noch überall bekommen, aber die Störche sind doch lange weg, in Egiptien, das ist doch sehr weit. Das hätte man früher bestellen müssen, nicht? Nein, davon will ich lieber gar nicht erst etwas schreiben.“

„Na, so mache es, wie Du willst, Willy! Und nun schreibt nur recht hübsche Briefe und macht keinen Klex! Ich muß unterdes den Kaffee besorgen.“

Damit ging Toni hinaus, und die Kinder machten sich über ihre Briefe her.

Willy ging die Sache geschwind von der Hand. Ohne viele Umstände stand da geschrieben: „1 Weihnachtsbaum, 1 Flozipet, Damfschiff, 1 Eiserbahn, 1 Matrosenanzuch, 1 Helm, 1 Sebel, 1 Gewehr, 1 Tafel, 1 Griffel, 1000 Epfel, 1000 Braunkuchen.“

Aber wehe! bei den „Braunkuchen“ geriet Willy so in Eifer, daß er einen dicken Klex mitten auf den schönen Wunschzettel fallen ließ. Schleunigst fuhr die rote Zunge heraus und leckte das schwarze Scheusal fort. Der Erfolg war aber leider wenig erfreulich, ein breiter schwarzer Streifen zog sich schräg über den Briefbogen.

Indessen schrieb Dodo mit dem Bleistift emsig und sauber: „Libes Christkind im Himmel, bitte schenke mich 1 Weihnachsbaum 1 Puppe 1 puppen Wagen und noch mehr spilzeuch. für mein pappa und mamma auch etwas, für mein Bruder Willi auch etwas. für tante Toni die bei tante Zustri Juzi Justrizrätin ist auch etwas. 1 Märchenbuch und vom Krapp Klapperstroch storch bitte eine kleine Schwester. Deine liebe Dodo.“

So, das war gethan!

„Willy, ich bin fertig!“

„Ich noch nicht,“ sagte Willy verdrießlich aus einer entfernten Ecke des Zimmers her. „Ich muß einen anderen Bogen haben, ich habe einen Klex gemacht.“

Damit bemächtigte er sich der Schreibmappe, welche Toni vorhin offen auf die Kommode gelegt hatte, und schüttete ihren Inhalt ungeniert auf den Tisch. Eine Anzahl von Briefbogen und Couverts fiel heraus und ganz zuletzt auch eine Photographie, auf welche die Kinder jedoch zunächst nicht achteten. Willy nahm sehr eigenmächtig einen Briefbogen, zog sehr schiefe Linien mit dem Bleistift darauf und begann seinen Wunschzettel von neuem, brachte ihn diesmal auch ohne Unfall zu Ende, machte kurz und bündig seine Namensunterschrift „Willy“, dann stopfte er das unbenutzte Papier wieder in die Mappe und legte diese dorthin, woher er sie genommen hatte, die Photographie blieb mit der Bildseite nach unten auf dem Tisch liegen.

„So, nun noch die Adresse“, erklärte Willy, das Couvert herbeiziehend.

„Die laß Tante Toni machen, Willy!“

„Meinst Du, ich kann es nicht?“ Und mit kühnen Zügen schrieb er: „An das Christkind im Himmel“. Punktum.

„Wenn nun nur Tante Toni käme, dann könnte der Brief in den Kasten kommen.“

„Du, da liegt ein Bild!“ rief Dodo.

Sie wandten die Photographie um und betrachteten sie neugierig. Es war das Antlitz eines jungen Mannes mit einem großen blonden Vollbart. –

Wie – die brave Toni verbarg in ihrer jungfräulichen Briefmappe das Bild eines blonden Herrn? War das wohl ein schickliches Benehmen für ein junges Mädchen?

Ich will mir darüber kein Urteil erlauben, muß aber leider zugeben, daß der blonde Herr nicht etwa Tonis Bruder oder Verlobter war, was ihr ja am Ende eine Art von Recht gegeben haben würde, sein Bild in ihrer Schreibmappe mit sich zu führen. Nein, die Sache hing so zusammen.

Das Bild hatte Tonis verstorbenem Vater gehört und stellte jemand dar, für den sie schon seit ihren Kinderjahren eine stille, innige Neigung in ihrem guten kleinen Herzen hegte, eine Neigung, von der sie in ihrer großen Bescheidenheit nie einem einzigen Menschen auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen gewagt hätte, weil der Mann, dem sie galt, nach ihrer Meinung unendlich hoch über ihr stand und viel, viel zu gut für sie war. Sie hatte sich aber in aller Stille nach dem Tode der Eltern das Bild angeeignet, verwahrte es im verborgensten Schreibmappenfach und sah es manchmal, wenn sie ganz allein war, voll Liebe, Verehrung und Sehnsucht an.

Nicht, als wenn das Original weit fort gewesen wäre! Im Gegenteil, Toni hatte jeden Sonntag und auch sonst recht oft Gelegenheit, es ganz in der Nähe zu sehen; aber das Bild war ihr trotzdem fast der größte Schatz, den sie besaß.

Daß der Mann, den es darstellte, ihr jemals zu eigen gehören könnte, das bildete sie sich nicht ein. Gewiß, er war immer sehr freundlich gegen sie – sehr! Er war es immer gewesen, schon als die Eltern noch lebten; aber sie zu seiner Hausfrau zu machen, daran dachte er doch wohl nicht, solch ein unbedeutendes kleines Ding wie sie war!

Die kleine Toni wußte, daß sie niedlich aussähe, aber „er, der Herrlichste von allen,“ er legte auf solche Aeußerlichkeiten doch gewiß nicht viel Gewicht, und sonst – ja, sonst hatte sie ja gar nichts zu bieten, davon war sie fest überzeugt. Daß er stets freundlich und gut gegen sie war, das hatte gewiß nur seinen Grund darin, daß er ihre Eltern geliebt und verehrt hatte.

Nein, Toni machte sich gar keine Illusionen, aber das Bild – ja, das Bild hatte sie unsinnig lieb.

„Du,“ sagte Dodo, „weißt Du, wer der Mann ist?“

„Natürlich, das kann man doch gleich sehen!“

„Wer ist es denn?“

„Das ist doch Pastor Bruhn. – Kennst Du den nicht ’mal?“

„Ja, das ist auch wahr.“

Willy schwenkte unternehmend den Federhalter. „Den mag ich furchtbar gern leiden – den! Einmal haben wir unsern Ball in sein Fenster geworfen – das Fenster ging ganz kaput – und meinst Du, er schalt? Gar nicht! Er sagte, es machte nichts! Und einmal –“

[831] Willy verstummte jäh. Aus der lebhaft geschwungenen Feder war ein großer Tintentropfen grade mitten auf das freundlich ernste Gesicht des jungen Predigers gespritzt. Er nahm sich da sehr unkleidsam aus. Willy hatte heute entschiedenes Unglück mit der Tinte.

„O, Willy – Willy!“ rief Dodo, aufgeregt von ihrem Stuhle herunterrutschend.

„So sei doch still, Dodo, laß doch!“ Der kleine Missethäter war rot geworden bis an das Haar. „Das thut doch nichts; ich lecke es ab, dann ist nichts mehr davon zu sehen. So sei doch still, Dodo!“

Und heraus fuhr die rote – nein, noch von dem ersten Experiment ziemlich schwarze Zunge wieder, und Willy „leckte es ab.“

Wenn er aber gehofft hatte, es würde nun nichts weiter davon zu sehen sein, so hatte er sich leider schwer getäuscht. Die Kunst des richtigen Ableckens hatte er offenbar noch nicht völlig inne. Auch diesmal zog sich ein breiter, schwarzer Streifen über das ganze Bild hin. Willy leckte allerdings noch ein Weniges mehr daran herum, die Sache wurde aber dadurch nicht eben verbessert, und schließlich schob er das Bild scheu und schuldbewußt in einem sehr wenig schönen Zustande in die Briefmappe hinein.

Da öffnete sich die Thür und Toni, die unterdes den Kaffee besorgt hatte, trat ein.

„Seid ihr fertig?“

„Ja.“ Es kam ein bißchen gedrückt heraus.

„Laßt sehen!“

Lächelnd überflog sie die beiden Briefe. „So, nun eine Freimarke!“ Damit öffnete sie die Mappe, um eine Postmarke herauszunehmen. Die Kinder saßen stumm, ängstlich erwartungsvoll.

Dann ein Schrei: „Mein Bild! O, wer hat das gethan?“

Einen Augenblick wurde es ganz still, nur daß die arme Toni herzbrechend schluchzte. Sie hatte es ja so lieb gehabt, das Bild, das ihr nun so unvermutet entstellt und verdorben in die Hände fiel, und für den Augenblick verlor sie die Selbstbeherrschung und weinte wie ein Kind.

Dann rührte eine Kinderhand leise an ihren Arm.

„Tante Toni, ich habe es gethan,“ sagte Willy ehrlich und kummervoll. „Ich that es nicht mit Absicht, ganz gewiß nicht. Es kam so von selbst: auf einmal war es da. Und dann wollte ich es ablecken, aber davon wurde es auch nicht wieder sauber. Es thut mir schrecklich leid. Hattest Du es denn so lieb, Tante Toni?“

„Ja,“ schluchzte das Mädchen noch ganz fassungslos, „ja, es – es – hatte meinem Papa gehört, und – ach, das verstehst Du doch nicht, Willy.“

„Bitte, sei mir wieder gut, Tante Toni!“

„Ich bin nicht böse auf Dich, mein Junge,“ sagte das Mädchen, dem der kummervolle Ton des Knaben zu Herzen ging, sich die Thränen abtrocknend und ihm mit der Hand über das Haar streichelnd, „obgleich Du schon groß genug bist, um zu wissen, daß man in fremder Leute Sachen nicht kramen darf.“

„Aber Du bist doch kein fremder Mensch!“ sagte Willy erstaunt, „Dich haben wir doch lieb!“

Das Mädchen strich ihm noch einmal über das krause Schwarzhaar, lächelte ein bißchen krampfhaft und ging an den Waschtisch, um sich das verweinte Gesicht zu kühlen. Es war ja ganz thöricht, sich so aufzuregen, und was wußte denn das Kind davon?

Unterdes fügte Dodo mit heißen Backen noch eine Nachschrift an ihren Wunschzettel.

„Libes Christkind, ich habe noch etwas fergesen. bitte liebes Christkind, schenke doch tante Toni bei Tante Zuzrizrätin einen neuen Pastor Brun, weil sie ihn so lieb hat, sagt sie. und sie weint so laut, weil Willy ihn foll Dinte gelekt hat. bitte libes Christkind, weil wir tante Toni so lieb haben. 0 deine Dodo.“

„So, nun gebt schnell die Zettel,“ sagte Fräulein Toni, sich umwendend, ohne die Nachschrift der Kleinen zu bemerken; sie war jetzt wieder ganz ruhig und freundlich. Man lernt Selbstbeherrschung, wenn man fremdes Brot ißt. „Nun wollen wir Kaffee trinken, und nachher stecken wir den Brief in den Kasten. Dann bringe ich euch nach Hause.“

Damit nahm sie die beiden inhaltsreichen Manuskripte, faltete sie zusammen und schloß das Couvert.

„Nun kommt, daß wir Tante Justizrätin nicht warten lassen.“ Und Hand in Hand gingen die drei in das Wohnzimmer hinüber.

Eine Stunde später steckte der Brief „an das Christkind im Himmel“ sicher im nächsten Postkasten. Dann machten die Drei noch einen kleinen Spaziergang durch den wundervollen Weihnachtsschnee, und endlich, als es anfing zu dämmern, lieferte Toni die beiden Kinder, die vor Ungeduld und Erwartung sich kaum zu fassen wußten, zu Hause ab. Sie selbst hatte noch einen Gang zu einer alten Frau vor, der sie eine kleine Gabe bringen wollte. –

– – Es dunkelte schon stark. Hinter dem Postschalter saß der blasse Postsekretär und stempelte in fliegender Hast die Briefe ab, die der Bote soeben den Kästen an den Straßenecken entnommen und sortiert hatte.

Tup – tup – tup – tup – ging es in ununterbrochener Folge, und für das sonst mitunter genossene Vergnügen, die offenen Postkarten und Drucksachen einer kleinen Durchsicht zu unterziehen – eine Lektüre, die in dem kleinen Ort unter Umständen nicht ohne Reiz war – blieb heute nicht ein Augenblick Zeit. Nur vorwärts – guter Gott, die Menschheit mußte sich ja halb tot geschrieben haben, um alle diese Briefe zu verfassen!

Plötzlich aber hielt die mechanisch stempelnde Hand doch inne, und der Postsekretär lachte laut auf.

„Schlüter!“ rief er dem im Hintergrunde hantierenden Briefboten zu, „kommen Sie doch ’mal eben her! Sehen Sie ’mal, was da unter den Briefen ist: ,An das Christkind im Himmel!’“ Und er hielt ihm das von Willy so schön adressierte Couvert entgegen.

Schlüter, der Briefbote, grinste über sein ganzes breites gutmütiges Gesicht. „Jaa – Herr Sekertär, das wird wohl seine Schwierigkeiten haben mit der Bestellung. Da sind wir doch am Ende nich findig genug zu.“

„Hat dieser Brief Ueberporto?“ kam es von außerhalb des Schalters her.

Der Sekretär schob sein Schiebefenster zurück. Draußen stand ein Herr mit einem großen blonden Vollbart, einen Brief in der Hand haltend.

„Der?“ Der Brief wurde nur leicht in der Hand gewogen und taxiert.

[834] „Nein, der nicht, Herr Pastor. Da fehlen noch ein paar Gramm. Aber bitte, sehen Sie doch einmal, was wir hier zur Besorgung bekommen haben. Vielleicht wäre es Ihnen noch am ersten möglich, es an seine Adresse zu befördern. Sie haben da am Ende noch eher Verbindungen als wir.“

„An das Christkind im Himmel!“ Der junge Pastor lachte, der Sekretär lachte und der Postbote Schlüter lachte am allermeisten. Er konnte sich gar nicht wieder beruhigen.

„Geben Sie ihn immerhin mir, Herr Sekretär,“ sagte der Pastor, den Brief in die Tasche steckend, „ich kenne dergleichen; habe schon allerhand kuriose Schriftstücke bekommen und schon manchen armen Kindes Wunsch erfüllen können. Guten Abend! Vergnügte Feiertage!“

„Gleichfalls, Herr Pastor, gleichfalls!“ Tup – tup – tup – tup – machte der Stempel, das Schalterfenster war schon wieder zugeflogen.

Der junge Pastor lächelte draußen noch vor sich hin, zog den Brief wieder aus der Tasche und öffnete ihn vorsichtig. Es war noch eben hell genug, um die großen Buchstaben zu entziffern, und er hatte Zeit. Allerdings wollte er in die Kirche, die in einer halben Stunde begann, aber den Gottesdienst hatte heute nicht er zu leiten, sondern sein Kollege, und er beabsichtigte, vorher noch einen Besuch bei einer alten Frau zu machen.

„1 Weihnachtsbaum, 1 Flozipet“ – etc. bis hinunter zum „Willy“. Aha, das war wohl Doktor Rupertis kecker kleiner Schwarzkopf, der da so „bescheiden“ wünschte. Richtig, das blonde Schwesterchen war ja auch dabei.

„Libes Christkind im Himmel, bitte schenke mich –“ u. s. w.

So war er bis an die Nachschrift gekommen. Da stieg plötzlich eine heiße Röte in dem hübschen, männlichen Gesicht empor, und dreimal, viermal las der junge Pastor, was die ungeschickte Kinderhand geschrieben hatte. Er lachte gar nicht mehr. Ihm war auf einmal ganz ernsthaft und ganz – ja ganz sonderbar zu Mute.

Was schrieb das Kind da? Was schrieb es von der kleinen Toni?

Der Zusammenhang konnte ihm ja natürlich nicht klar werden, er war sich nicht bewußt, von Willy „soll Dibte gelekt“ zu sein, aber was schrieb das Kind? Dieses reizende kleine Veilchen, die Toni, hatte um ihn geweint und gesagt, sie hätte ihn lieb? Das Kind mußte das irgendwie erlauscht haben, so etwas ersinnt kein Kinderkopf! Unbegreiflich, wie der Zusammenhang ihm war, es stand doch da, schwarz, oder vielmehr grau auf weiß!

Er hatte sie lieb, die bescheidene kleine Mädchenblume, lange schon, und nur, weil sie ihm immer so scheu auszuweichen schien, weil sie ihn nie verstand, wenn er ihr einmal näher zu kommen suchte, hatte er ihr’s nicht gesagt bisher. Nicht aus Hochachtung und Respekt sollte sie ja doch seine Frau werden, und nur das, gar nichts weiter hatte er bis jetzt aus ihrem Wesen heraus zu lesen gemeint; schon war er im Begriff gewesen, den Mut zu verlieren!

Das Blatt mit den kindlichen Schriftzügen zitterte in seiner Hand. Ach, wenn es sein konnte – wenn er sie fragte! Wenn es doch Liebe wäre, nicht die kalte, dumme, unausstehliche Hochachtung, was sie für ihn fühlte! Er atmete tief auf.

So war er bis an die Thür des ärmlichen Hauses gekommen, in dem er seinen Besuch machen wollte. Schon hielt er den Griff in der Hand, da wurde derselbe von innen bewegt und die Thür öffnete sich. In der Dunkelheit sah er eine schlanke Mädchengestalt heraustreten.

„Herr Pastor!“ stotterte das Mädchen erschrocken und überrascht.

„Fräulein Toni!“ rief er ebenso verwirrt wie sie.

„Vergnügte Feiertage, Herr Pastor!“ und sie wollte an ihm vorüber eilen.

„Sie sind so eilig?“

„Ja, es wird dunkel, und Frau Justizrat hat es nicht gern, wenn ich dann allein draußen bin.“

„Da ist Fran Justizrat vollständig im Recht. Sie müssen mir schon erlauben, Sie nach Hause zu geleiten, ich – ich wollte Sie ohnehin schon lange etwas fragen, Fräulein Toni.“

„Sie – mich?“

„Ja,“ sagte er und zog ihren Arm durch den seinen. Eben begannen die Glocken zu läuten von dem alten kleinen Kirchturm am Markt. Wie schön es klang, wie festlich und feierlich, wie heimatlich und verheißungsvoll!

Glück zu! Sie ist das Fest der Liebe, die heilige Weihnacht! 00000000000000000 Am nächsten Morgen früh, kaum war’s noch rechter Tag – es wird spät Tag um Weihnachten – schellte es gewaltig an der Thür der Frau Justizrat.

Toni, über deren Gesicht heute eine wundersame Verklärung lag, eilte, zu öffnen, und schon klangen auch die hellen Stimmchen der Doktorskinder draußen auf dem Flur.

„Tante Toni!“ schrie Willy überlaut und triumphierend, „wir wollten Dir bloß was sagen!“

„Tante Toni!“ das war Dodo – „und wir haben doch ein Schwesterchen bekommen! Ein ganz neues!“

„Ein ganz lebendiges!“

„Und schreien kann es auch! Ganz von selbst!“

„Ei, was ihr sagt!“

„Ja, vom Christkind. Und was hast Du bekommen?“

„Ich? Ja, mir hat das Christkind einen neuen Pastor Bruhn geschenkt; es war ganz gnt, daß Du den alten voll Tinte geleckt hast, Willy, der neue ist viel besser,“ sagte Toni und küßte in ihres Herzens Glückseligkeit beide Kinder auf den Mund.