An Ebendenselben (Hebel an Hitzig, 1812)

Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: An Ebendenselben
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aus: J. P. Hebels sämmtliche Werke: Band 2, S. 181–185
Herausgeber:
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Entstehungsdatum: 1812
Erscheinungsdatum: 1834
Verlag: Chr. Fr. Müller’sche Hofbuchhandlung
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Kurzbeschreibung:
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[181]
An Ebendenselben.
1812.

Auf, Ramsperger,[1] entzeuch dich der Kleider, entrinkle die Sohlen,
Schneide die Nägel ab, und tunke dich dreimal im Brunntrog;
Dreimal im Brunntrog sprich: Im heiligen Namen des Proteus!
Daß ich dich weihen möge dem hohen belchischen Zauber.

5
     Salbe dich jetzt mit Tinte, und pud’re die Locken mit Streusand,

Stell dich hinaus in die Nacht, den Blick zum Belchen gewendet,

[182]

Gegen Rötteln hinauf! Nach Rötteln[2] walten die Zauber.
Schraubt den Dekan mir an, ihr belchischen Mächte, am Schreibpult!

     Sey, Ramsperger, gefaßt, die Abentheuer beginnen.

10
Fürchte nichts! Ich bin mit dir, und mit mir ist Proteus.

Wirble dich auf in die Höh! Es trete dein irdischer Leichnam
In das Gleichgewicht mit dem nachtdurchzogenen Dunstkreis!
Sey nur ein Stück der Nacht, du selbst, in Menschengestaltung;
Und jetzt rück’ in den Strom der Luft, der leise nach Süden

15
An dem Knibis dahin und über den Blauen hinauf zeucht!

Jetzt im Wiesenthal halt, hoch über dem Pfarrhaus in Rötteln!

[183]

Und dort drüben, o du, o Friesenegger, ich bitte,
Halte den Odem an, und nieße mir nicht in den Zauber!

     Schlafst du da unten so still am Busen der freundlichen Täubin,

20
Armer Zenoides![3] nun den Schlaf der müden Dekane?

Schlaf denn ein Stücklein noch, dann weckt dich der belchische Zauber.

     Nimm jetzt, Ramsperger, dies Moos, und stopf es behend in die Ohren,
Daß dich nicht ertödte das Rauschen der nordischen Schwäne,
Die ich mit Zauber citire vom Nordmeer tausendmal tausend.

25
Schwäger und Schwägerinnen der Leda seyd mir gegrüßet!

Schwinget die Fittige nun in immer schnelleren Schlägen,

[184]

Bis euch die Kiele entfallen, wie dürre Blätter dem Eichbaum,
Wenn der Novembersturm durch Ast und Wipfel dahin fährt.
Sieh, Ramsperger, wie’s schneit, wie fußhoch die grünende Erde

30
Schon mit Federn sich deckt, und von dem Berg die Lavinen

Glitschen nach Rötteln hinab, und Thumringen[4] verschüttet
Nur noch Dächer übrig hat und obere Fenster.
Jetzt stell Boggen und Bütten und Züber so viel in den Pfarrhof,
Als dicht sich reihen mögen, und vor den Fenstern im Garten.

35
Siehst du nicht das Gewitter, das schwer am Belchen daherzieht,

Siehst du die schwarzen Wolken mit Tintenstoffgase geschwängert?
Auf! und melke die Wolken in alle Bütten und Boggen.

     Jetzt, ihr belchischen Mächte, weckt mir den schlafenden Special

[185]

Mit Federstichen von frisch geschnittenen Federn.

40
Jagt ihn aus dem Bett und von der schlummernden Taube,

Leuchtet ihm, bis es tagt, mit brennendem Siegelwachsflambeau.
Bindet das Bein ihm fest mit Federspulschnüren ans Stuhlbein, –
Jetzt das andere auch, – und also schreib’ er gefesselt
Dreimal der Stunden drei fortan in jeglicher Woche,

45
Die von der Sonnenaxe sich abspinnt, und auf die Erdax

Wirket im ewigen Kreis, und dreimal schreib’ er die Bogen,
Enggefügt die Lettern und aus der untern Zeile
In die obere verfilzt, an seinen Parmenideus.[5]

     Jetzt, Ramsperger, heim! Schon ruft die Wachtel dem Morgen.

50
Und Friesenegger du, dort drüben nieße den Tag an.

  1. Name des damaligen Lyceumsdieners zu Karlsruhe.
  2. Hitzig war damals, als diese Epistel geschrieben wurde, noch Pfarrer in Rötteln, aber bereits zum Decan in Schopfheim ernannt.
  3. Zenoides, ein Beiname, den Hebel seinem Freunde Hitzig zu ertheilen pflegte.
  4. Thumringen, ein Dorf nahe bei Rötteln, unterhalb des Berges.
  5. Parmenideus, ein Beiname, den Hebel schon zu Lörrach unter seinen Freunden hatte, und mit dem er sich nun selbst in dieser poetischen Epistel bezeichnet.