Am Abend des 31. August in Beaumont

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Am Abend des 31. August in Beaumont
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 700, 706
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[700]
Die Gartenlaube (1870) b 700.jpg

Am Abend des 31. August in Beaumont.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Specialartisten F. W. Heine.

[706] Am Abend des 31. August in Beaumont. (Mit Abbildung.) Von unserem Künstler, Herrn Fr. Wilh. Heine, erhielten wir aus Rethel einen Brief, welchen wir zu nachstehender Mittheilung benützen:

„Die Zeichnung, welche ich Ihnen heute in der Beilage schicke, führt Ihre Leser zwar zu den letzten Tagen des August zurück, anstatt ihre Sehnsucht nach Pariser und Straßburger Bildern zu erfüllen; der Erfolg weist jedoch jenen Gefechten in der Geschichte dieses Krieges eine so ausgezeichnete Stelle an, daß wir das Terrain schon genauer ansehen dürfen, das für uns zu Siegesfeldern wurde.

Ihre Leser müssen sich im Geist in die Zeit zurückversetzen, wo Frankreichs Hoffnung nur noch auf Mac Mahon und den im Lager von Chalons neuzubildenden Armeen beruhte, nachdem Bazaine mit seiner Armee in Metz eingeschlossen war. Als damals die Kunde kam, daß Chalons plötzlich von Mac Mahon und Napoleon verlassen sei und daß die nördliche Schwenkung derselben den Plan verrathe, zwischen der neuen „vierten Armee“ des Kronprinzen von Sachsen und der belgischen Grenze hin Metz zu erreichen und durch Entsetzung Bazaine’s eine Vereinigung der französischen Heereskraft zu bewirken, galt es den französischen Marschall, falls er wirklich den verwegenen Zug ausführte, so von drei Seiten zu umklammern, daß er eine Schlacht auf dem ihm ungünstigsten Terrain und gegen bedeutende Uebermacht annehmen mußte.

Und so geschah es. Am 29. August standen die Corps der französischen Armee auf beiden Seiten der Straße von Le Chêne nach Stenay – und ihnen gegenüber breiteten die deutschen Truppen sich von Grand-Pré bis Stenay aus, wo die Avantgarden dem Feinde gegenüberstanden. Das erste Gefecht lieferten ihm die Sachsen bei Nouart, um ihm den Vormarsch gen Osten hin zu verriegeln. Mac Mahon war dadurch „gestellt“, er hatte nur noch zu wählen, ob er sich dies- oder jenseits der Maas schlagen wolle. Während er aber, letzteres vorziehend, über die Maas setzte, packte der Kronprinz von Sachsen ihn noch beim linken Flügel. unweit Beaumont. Hier begann die Reihe von Gefechten, welche von da sich nach Mouzon hinzogen, um bei Sedan zu enden.

Dem Kampfe bei Beaumont wohnte König Wilhelm auf einem Hügel über dem Dorfe Sommauthe bei, wo sich ein großer Theil des Schlachtfeldes übersehen ließ. Ihm gegenüber befand sich Napoleon mit seinem Sohn. Trotz aller bisherigen Erfahrungen herrschte bei den französischen Vorposten noch der alte Leichtsinn, sonst würde es unserer Artillerie unmöglich gewesen sein, drei Lager derselben zu überfallen und mit Granaten zu beschießen, während die Officiere sich in der Stadt Beaumont gemüthlich beim Essen amüsirten und die Soldaten mit Abkochen beschäftigt waren.

Ich kam am Tage nach der Schlacht von einem Besuch des Schlachtfeldes gegen Abend nach Beaumont. Welch’ ein Anblick! Welches Durcheinander! Auf allen Gassen durchmarschirende deutsche Truppen und Verwundetentransporte, Flüchtlinge mit ihrem geretteten Hab’ und Gut, bald auf Karren, bald auf Mauleseln, bald auf dem Rücken, dazwischen Reitertrupps und Wagenzüge, überall hastige Bewegung, beleuchtet von mehreren helllodernden Häusern, die von den Franzosen in Brand geschossen worden waren.

Todtmüde kam ich endlich zu dem Platz vor der Kirche, wohin besonders der Strom der Verwundeten sich lenkte. Und da lagen sie, Freund und Feind im Schatten des Gotteshauses, das, wie sie, die Spuren der Kugeln und Granaten trug. Das ist der Anblick, den Ihnen mein Bild bietet und der wohl Tausenden unsrer Krieger, wenn ihnen dieses Blatt später, im Schooß des Friedens, einmal in die Hand kommt, eine dann nach überstandener Gefahr gewiß wohlthuende Erinnerung erwecken wird. Die Kirche ist ein Bau von reicher Architektur, im Style gothisch mit romanischen Anhängseln. Jetzt strich der Wind durch ihre Hallen, die Fenster waren zerschmettert, und was ringsum zu den Ohren drang, waren nicht die frommen Laute des Betens und Singens, sondern die Wehschreie der Verwundeten, das Weinen und Wimmern von Frauen und Kindern, das Commando der Führung und der Fluch der Verzweiflung. Meine Zeichnung kann Ihnen nur einen Augenblick andeuten, gleichsam die plötzlich erstarrte Bewegung; denken Sie sich in jedem Augenblick das Bild verändert und nur den Hintergrund, bei der Kirchmauer, mit den Statisten des Elends besetzt, so bekommen Sie vielleicht eine schwache Vorstellung von dem, was ich dort vor Augen hatte. Das volle Bild dieses aufreibenden Krieges giebt Ihnen weder Stift noch Griffel. Die Wirklichkeit ist so großartig gräßlich und mannigfaltig, daß die erregteste Phantasie hinter ihr zurückbleibt. Nur wer es sah, kennt es, sonst Niemand!“