Alles schon dagewesen

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Alles schon dagewesen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 216–217
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Friedrich Wilhelm von Grumbkow sieht den Geist vom verstorbenen August des Starken
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[216] Alles schon dagewesen. Mit dem Od, Tischrücken und Geisterklopfen wird die große Menge wieder auf das Gebiet des Geheimnißvollen und Wunderbaren geleitet. Was im vorigen Jahrhundert bereits so vielfach bearbeitet und von Gauklern aller Art ausgebeutet wurde, was man durch Wissenschaft und nüchterne Verstandesanschauung längst beseitigt glaubte, dieser ganze romantische Plunder mit seiner Welt des Geisterspukes und Uebersinnlichen, seinen Wahrsagern und Erscheinungen der Verstorbenen, er scheint noch einmal wiederkehren zu wollen. Justinus Kerner mit seiner Seherin von Prevorst, von Immermann in Münchhausen so prächtig versiflirt, schwimmt wieder oben. In den Zeitungen wimmelt’s bereits von geisterhaften Andeutungen, und die Buchhändler, „um einem längst gefühlten Bedürfniß abzuhelfen,“ sorgen nicht für geistreiche, sondern für Geisterlektüre. So ist in Berlin jetzt unter dem Titel: „Beglaubigte Mittheilungen aus der Geisterwelt und Nachtgebiete der Natur“ eine Schrift erschienen, die „beglaubigte“ Geistererscheinungen, Heraustreten aus sich selbst, Todesprophezeihungen etc. in Masse bietet. Zum Vergnügen unsrer Leser theilen wir eine Probe daraus mit:

König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, Vater Königs Friedrich II., stand mit dem König August II. von Polen in so freundschaftlichen Verhältnissen, daß sie einander, wenn’s möglich war, wenigstens Einmal des Jahres sahen. Dies geschah auch noch kurz vor dem Tode des letztern; derselbe schien sich damals ziemlich wohl zu befinden, nur hatte er eine etwas bedenkliche Entzündung an einer Zehe. Die Aerzte hatten ihn daher vor jedem Uebermaaß in starken Getränken sehr gewarnt, und der König von Preußen, welcher dies wußte, befahl seinem Feldmarschall von Grumbkow (der den König bis an die Grenze begleitete und ihn dort in einem königlichen Schloß standesgemäß bewirthen sollte), daß er bei jenem Abschiedsschmauß alles sorgfältig vermeiden möchte, wodurch die – dem König von Polen aus erwähnter [217] Ursache von den Aerzten so sehr empfohlene Mäßigung im Genusse des Weins überschritten werden könnte.

Als aber König August noch gleichsam zu guter Letzt einige Bouteillen Champagner verlangte, so gab Grumbkow, der diesen Wein selbst liebte, nach, und genoß dessen auch seinerseits so viel, daß er sich, indem er über den Hof des königl. Schlosses in sein Quartier ging, an einer Wagendeichsel eine Rippe zerbrach und sich daher in einem Tragsessel zum König August bringen lassen mußte, als dieser seine Reise des andern Morgens sehr früh fortsetzen und ihm noch einige Aufträge an König Friedrich Wilhelm geben wollte. Hierbei war der König von Polen, außer einem vorn geöffneten Hemd, nur mit einem kurzen polnischen Pelz bekleidet.

In eben diesem Aufzuge, nur mit geschlossenen Augen, erschien er am 1. Febr. 1733 früh, ungefähr um 3 Uhr, dem Feldmarschall von Grumbkow und sagte zu ihm:

„Mon cher Grumbkow! je viens de mourir ce moment à Varsovie.“[1]

Grumbkow, dem die Schmerzen des Rippenbruchs damals noch wenig Schlaf gestatteten, hatte unmittelbar zuvor bei dem Schein seiner Nachtlampe und durch seine dünnen Bettvorhänge bemerkt, daß sich die Thüre seines Vorzimmers, worin sein Kammerdiener schlief, öffnete, daß eine lange menschliche Gestalt hereinkommt, in langsam feierlichem Schritt um sein Bett herumgeht und seine Bettvorhänge schnell öffnet. Nun stand die Gestalt König August’s gerade so, wie Letzterer nur wenige Tage vorher lebendig vor ihm gestanden, vor dem erstaunten Grumbkow und ging dann, nachdem er obige Worte gesprochen hatte, wieder zu eben der Thür hinaus. Grumbkow klingelte und fragte den zur nämlichen Thür hereineilenden Kammerdiener, ob er den nicht auch gesehen habe, der so eben gerade da herein und hinaus gegangen sei? – der Kammerdiener hatte nichts gesehen.

Grumbkow schrieb sogleich den ganzen Vorgang an seinen Freund, den damals bei König Friedrich Wilhelms Hoflager befindlichen kaiserlich königlichen Gesandten und Feldmarschall, Grafen von Seckendorf, und bat Letzteren, die Sache dem König bei der Parade mit guter Art zu hinterbringen. Bei dem Gesandten von Seckendorf befand sich, als ihm das Grumbkow’sche Billet schon früh um 5 Uhr zukam, dessen Schwestersohn und Gesandschaftssekretair von Seckendorf, nachheriger Brandenburg-Anspachischer Minister und zuletzt kaiserlicher Geheimer Rath. Jener sagte zu diesem, indem er ihm das Billet zum Lesen darbot: „sollte man nicht denken, die Schmerzen hätten den alten Grumbkow zum Visionär gemacht? Ich muß aber den Inhalt dieses Billets noch heute dem König hinterbringen!“

Nach 40 Stunden (wo ich nicht irre) langte durch die von Warschau nach Berlin von 3 zu 3 Stunden unterlegten polnischen Ulanen und preußischen Husaren die Nachricht in Berlin an, daß der König von Polen in der nämlichen Stunde, wo Grumbkow jene Erscheinung gehabt hatte, zu Warschau gestorben sei.



  1. Mein lieber Grumbkow! ich bin so eben in Warschau gestorben.