ADB:Zündt-Kenzingen, Ernst Anton Joseph von

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Artikel „Zündt-Kenzingen, Ernst Anton Joseph von“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 486–489, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Z%C3%BCndt-Kenzingen,_Ernst_Anton_Joseph_von&oldid=- (Version vom 29. Mai 2020, 17:26 Uhr UTC)
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Zündt: Ernst Anton Joseph Z.(-Kenzingen), deutsch-amerikanischer Lyriker und Dramatiker, wurde am 12. Januar 1819 auf dem St. Georgenberge bei Mindelheim im bair. Kreise Schwaben geboren, aus der im bairischen Staatsdienste seit langer Zeit verdienten Familie der Zündt Freiherrn von Ken(t)zingen. Den Vater Max Wilh. Alexander (1791–1831), Gutsbesitzer und Landwehrofficier in den Feldzügen des bairischen Heeres unter Napoleon, verlor er früh und kam in das Seminar des sog. „holländischen Instituts“ in München, wo er eine vortreffliche Gymnasialbildung und Erziehung genoß und seine drei ersten Preise aus der Hand des damals erst 11jährigen Prinzen Luitpold, des jetzigen Prinzregenten, erhielt. Er studirte darauf die Rechte und Philosophie an der Universität München, huldigte aber neben den Pandekten anscheinend mehr der Muse. Sein litterarisches Debüt ist jedenfalls: „Lukretia. Trauerspiel in fünf Akten von Ponsard [eben vorher in Paris französisch herausgegeben und von der Académie française mit dem Preise für die beste Tragödie von 40 000 Frcs. gekrönt]. Uebersetzt von Ernst Freiherrn von Zündt“, 1843 zu München als Manuscript gedruckt, im iambischen Fünffüßler abgefaßt und von dem hämischen Splitterrichter Wolfgang Menzel in seinem „Literaturblatt“ rühmlichst erwähnt; nicht gerade bescheiden fügte er dem Werkchen den Geleitsatz bei: „Möge wie Brutus Rom die Freiheit gab, auch dieses Werk jener wahnwitzigen Aftermuse den Todesstoß versetzen“. Es folgten unmittelbar: „Einsame Stunden von Ernst Zündt Freiherrn von Kenzingen“, 1844 (nicht, wie wol überall angegeben ist, 1842) zu München erschienen und „dem Dichter Uhland verehrungsvollst gewidmet“; es heißt, von diesen Jugendgedichten blieb Z. kein Exemplar, kaum die Erinnerung übrig, und so setzte er denn später seltsamerweise als Erscheinungsjahr selbst falsch 1842 an. Nach vollendeten akademischen Studien hielt sich Z. zeitweise bei begüterten Verwandten auf dem Lande auf und führte dann am 8. Mai 1849 Johanna Ammann heim, jedenfalls eine treue alte Liebe, denn schon in der Gedichtsammlung von 1844 sind zahlreiche Nummern an „Johanna“ gerichtet. Sie hat fürder mit ihm alle seine Schicksale getheilt und noch trauernd an seinem Sarge gestanden. Hat sich Z. damals in den Strudel der Tagespolitik gemischt? Als Flugblatt ist zu Beginn der Revolutionsbewegung, unterzeichnet „Ernst Zündt von Kenzingen“ (man beachte, der „Freiherr“ ist verschwunden), hinausgeflattert: „Sieges-Lust. München, den 6. März 1848“, ein Gedicht von vier Strophen (Münchener Hof- und Staatsbibl. Bavar. 1180n5), „Bayerns Ludwig“ zujubelnd, welcher „vorantrete“. Mit Hermann Lingg, dem bekannten Lyriker und Epiker gleichen Alters und Ursprungs, stand er, Familienmittheilungen zufolge, in geistigem Zusammenhange und danach in stetem Verkehre und die gleichen Ideale verfolgten sie in der Jugend. Daher ist ein Hinneigen Zündt’s zu radicaler Gesinnung nicht eben wahrscheinlich. Jedoch mag dies Hervortreten oder seine schöngeistige Beruflosigkeit oder endlich die bürgerliche Heirath der wohlhabenden adligen Verwandtschaft nicht standesgemäß erschienen sein, sie zogen jedenfalls bald die Hand von ihm ab. Was Z. in jenen Jahren eigentlich getrieben hat, läßt sich nicht feststellen. Im J. 1855 wurde „den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt“ und zwar noch in München „Die Gambsenjaga. Alpenscene mit Gesang und Tanz in zwei Akten. Nach einer Gebirgssage von Ernst Zündt-Kenzingen [nun auch ohne Adelspartikel!]. Das Stück spielt in den [487] nächsten Umgebungen Hohenschwangau’s (Münchener Hof- und Staatsbibl. P. o. germ. 1675 s). Dies in, für einen Schwaben gut beherrschter oberbairischer Mundart geschriebene kleine Volksstück, das aber ebensowenig „Gemsenjäger“ wie „Die Gemsjäger“ auf dem Titel trägt, ist nett, durchweg harmlos, in Prosa mit Arien-, Duett- und Choreinlagen; die hochdeutsche „Widmung“ in drei Sonetten bekundet patriotische, im besten Sinne conservative Anschauung.

Die Verhältnisse ließen sich mittlerweile immer ungünstiger für ihn, der immer nur idealen Zwecken nachhing, an, und so entschloß er sich denn, eines jahrelangen bittern Kampfes überdrüssig, 1857 mit der Gattin und den zwei Knaben in der Neuen Welt das Heil zu suchen. Nach kurzem Aufenthalte in New-York reiste die Familie nach dem mehr als halb deutschen Milwaukee, wo Z., ausgenommen die sehr bald aufgenommene zehnmonatige Thätigkeit an der von ihm begründeten „Greenbay Post“ zu Green Bay in Wisconsin, seitdem bis 1864 wirkte, während einer Wintersaison als Regisseur am Stadttheater; ferner redigirte Z. daselbst dreiviertel Jahre, vielleicht nach Otto Ruppius’ (s. d.) Weggange (1861), den „Gradaus“, arbeitete einige Zeit am „Herold“ und „Banner“, und war danach nach vorangegangenem Privatunterricht drei Jahre Lehrer der öffentlichen Schulen und zwar der erste deutsche. Jedoch all diese Beschäftigung sicherte ihm und den Seinigen die Existenz nicht, und so übersiedelte Z. 1864 nach der nordamerikanische Großstadt, die stets den höchsten Procentsatz Deutsche aufweist, St. Louis. Hier trat er bei der seit 1857 bestehenden großen „Westlichen Post“ als Feuilletonist und Uebersetzer ein, und folgte 1868 einem Rufe nach Jefferson City, der Hauptstadt des Staates Missouri, um deutsche Sprache an den öffentlichen Schulen zu lehren. 1876 gab Z., nachdem in Jefferson City die Lehrergehälter beträchtlich heruntergesetzt wurden, diesen Wohnsitz und den Beruf überhaupt auf und kehrte nach St. Louis zurück. Ein Jahr war er dort als städtischer Uebersetzer thätig, nach Verlust dieses Postens sechs bei der communalen Steuerbehörde. Es war das für Z. eine Periode harter Heimsuchungen: zu dem gedrückten Dasein, das seiner Herkunft und Bildungsstufe durchaus unebenbürtig war, gesellten sich Krankheiten und anderes Unglück, und schließlich verlor er infolge politischer Umwälzung gar noch seine geringfügige Beamtenfunction. Nach arger Bedrängniß kam der allgemach bejahrte Mann als Redacteur beim „Herold“ in Minneapolis an, welche Stellung er aber wegen der finanziellen Schwierigkeiten der Herausgeber noch vor Jahresfrist einbüßte. Bald darauf, 1886–88, gehörte er der dortigen „Freien Presse“ als Redacteur an. 1890 zog er sich wieder und diesmal endgültig nach Jefferson City zurück, der Bitte seines Sohnes folgend, um, von neun blühenden Enkeln umgeben, den Abend seines wenig freudigen, allezeit sorgenvollen Lebens in beschaulicher Muße zu verbringen. Am 2. Mai 1897 ist er so, fast 781/2 Jahre alt, gestorben. Das Heimath- und das Vaterland sollte er während der vierzig Jahre nicht wieder sehen, deren neue Geschicke er in Gedanke und Gedicht so begeistert begleitet hat.

Im J. 1865 trug Zündt, der sich seit der Ankunft in den Ver. Staaten nur mehr mit diesem Namen bezeichnet hat, für sein „Lied eines Deutsch-Amerikaners“ unter zweihundert Bewerbern den Preis davon: sechs neunzeilige Strophen, anhebend „Es stürmet und braust das unendliche Meer“ und von Z. selbst ins Englische übertragen. Außerdem schuf er eine Menge deutschnationaler Gedichte und Lieder vom besonderen Standpunkte der deutschsprachlichen Staatsbürger der weiten Republik und errang mit diesen volltönenden sinnigen und edel empfundenen, großentheils auch rasch musikbeschwingten Poesien außerordentliche Popularität, zumal sein Talent ihm die Anwartschaft verlieh, mit an der Spitze der deutsch-amerikanischen Dichterbarden zu marschiren. Was er auf diesem [488] unangewiesenen Posten geleistet hat, ist vollsten Beifalls würdig: man erwäge nämlich, daß die Tendenz des gemäßigt demokratischen Z. stets auf die Anlehnung mit Herz und Verstand an die Mutter Germania hinauslief. Um so erfreulicher berührt also die Kunde, daß durch die deutschen Turner von St. Louis und Jefferson City auf Zündt’s Grab im Friedhofe bei letzterer Stadt, am Sonntag den 8. Mai 1898 in Anwesenheit von Tausenden, darunter von Behörden beider Städte, der vielen deutschen Turnvereine und der verschiedensten Volksgenossen von nah und fern, ein Denkmal enthüllt worden ist. Die öffentlichen Ansprachen bei dieser Gelegenheit feierten die vorbildlichen Tugenden des Dichters E. A. Zündt in beredtesten Worten: Deutschthum, Freiheit, echten Bürgersinn, edle Menschenwürde, diese Ideale habe den Deutschamerikanern seine Poesie eingepflanzt; auch der bescheidene, ehrenwerthe persönliche Charakter des für alles Schöne entflammten Verblichenen fand geziemendste Anerkennung.

Zündt’s hauptsächliche poetische Werke liegen in zwei weit getrennten Sammlungen vor. Jener Band Jugendversuche von 1844, „Einsame Stunden“, enthält lauter Lyrik auf den 312 Seiten: S. 1–96 Lieder, S. 99–108 Sonette, S. 111–208 Episteln, S. 211–219 Glossen, S. 223–237 „In Stammbücher“, S. 241–265 Romanzen und Balladen, S. 269–303 Verschiedenes, von S. 307 an Uebersetzungen (Hor. od. I 5 u. III 9 und „Gang der Dinge“ nach Lafontaine). Die „Lieder“ sind noch sehr schwach, der Gedanke trivial, die Form alltäglich, oft wie von Gelegenheits- oder Stegreifdichtern. Außer dem nur sechs Nummern umfassenden Abschnitte „Romanzen und Balladen“ ist die ganze Sammlung noch sehr unreif, und der Meister Ludwig Uhland dürfte kaum Freude daran gehabt haben. In den vielen Gelegenheitsgedichten wörtlichsten Begriffs überwiegt die abgeblaßte Convention, die Familien- und Jahresfeste nicht unangedichtet verstreichen lassen zu dürfen wähnt. Thurmhoch darüber ragt nun der 703 Seiten starke Band „Lyrische und dramatische Dichtungen von E. A. Zündt“, der 1871 in St. Louis zusammengestellt und herausgegeben worden ist. Drei Siebentel davon entfällt auf die Lyrik und es scheint kaum möglich, daß der Vater dieser schwungvollen, erhebenden und ideenreichen Verse mit 25 Jahren noch eine so niedrige Sprosse dichterischer Ausdrucksfähigkeit eingenommen haben soll wie soeben dargelegt. Freiheits-, deutsch-volksthümliche und Turnerlieder stellen die Hauptmasse, und viele davon sind trefflich geeignet, auch bei uns vaterländischer Stimmung zu dienen. Daneben stehen „Jugurtha. Trauerspiel in 5 Acten“, ein kräftiges, doch zu wenig zugespitztes Stück, schon mitten im Getriebe des nordamerikanischen Staatswesens ausgeführt mit einem Seitenblicke auf „manche Aehnlichkeiten“ desselben mit der altrömischen Republik. „Rienzi, der letzte Tribun. Trauerspiel in 5 Acten. Nach dem Englischen der Miß Mitford [London 1855, nach Bulwer’s Novelle] frei für die deutsche Bühne bearbeitet“ und „Galilei. Schauspiel in 3 Acten von François Ponsard. Deutsch in metrischer Uebertragung“, 1868 nach dem 1867 erschienenen sensationellen Schwanengesange des berühmten französischen Dramatikers besorgt, zeigen Z. als gewandten Nachdichter, dessen bedeutende Uebersetzerbegabung leider Jahre lang der Familie hat Brot herbeischaffen müssen. Außer diesen beiden typischen Veröffentlichungen Zündt’s sind noch zu nennen: einzeln das Gedicht „Amerika“ (1876), sodann die 1879 gesammelten dramatischen und lyrischen Dichtungen („Lyrische Gedichte“; das Bühnenspiel „Dornröschen“ v. 1878, das dramatische Feenmärchen „Aschenbrödel“, das Lustspiel „Im Olymp“ v. 1874, „Die Eis-Fee, oder: Die gefrorne Hand“, eine Zauberposse), die in der Lyrik keine neuen Bahnen einschlagen, im Drama Z. sich in Kleinkram verzettelnd zeigen. Ausgewählte [489] lyrische Dichtungen und das Jugurtha-Drama erschienen dann noch 1895 als Jubiläumsausgabe. – In dem unten angeführten biographischen Artikel des Bettelheim’schen Nekrologs ist vielleicht aus einer deutsch-amerikanischen Zeitung über Z. als Dichter in folgender Weise geurtheilt: „Sein bestes Können tritt uns in seinen episch-didaktischen Dichtungen entgegen, die alle in großem Style abgefaßt sind. Viele seiner Gedichte sind politischen Inhalts. Sonst erinnern seine lyrischen Gedichte vielfach an Brentano und Heine; dieselbe Ironie und Gracie auf der einen, und der volksthümliche Ton, sowie der geheimnißvolle Hauch auf der anderen Seite“. Wir können diesem Urtheil nur sehr theilweise zustimmen und halten die aus unserer Darstellung hervorgehende Charakteristik für die treffendere.

Biographie und Bibliographie bei Brümmer, Lex. d. dtsch. Dicht. u. Pros. d. 19. Jhs.4 IV, 429 f. sowie ders. in Bettelheim’s Biogr. Jahrb. u. dtsch. Nekrolog II, 102 f. (gestützt auf G. A. Zimmermann, Deutsch in Amerika. Beiträge z. Gesch. d. dtsch.-amerikan. Litteratur2, 1894, S. 121, und die „Dtsch. Ztg.“ zu New-Orleans v. 10. Mai 1897); authentische, aber keineswegs stichhaltige Bibliographie in Kürschner’s Litteraturkalender XIX, 1521, wo Z. sich wie alle die neunziger Jahre hindurch als „Sprachlehrer“ bezeichnet. Der eingehende Bericht der New-Yorker Staatszeitung vom 2. Mai 1897 ging in die Voss. Ztg. v. 14. Mai Nr. 225, Abendausg. sowie die Frankf. Ztg. v. 16. Mai, 1. Mgbl., kl. Feuilleton, wörtlich, in die Augsb. Postztg. v. 23. Mai, S. 9 verkürzt über. Kurzer Artikel in Bornmüller’s Biogr. Schriftsteller-Lex. d. Gegenwart, S. 789, wonach der Zündt zugefallene Preis vom New-Yorker Sängerbund stammte. – Die Personalien (vgl. das Gothaer Freiherrl. Taschenbuch s. v. Z. v. K.) wurden mir durch kgl. Postzahlmeister Max Zündt Freih. v. Kentzingen in München, des Dichters Neffen, durch Vermittlung des Hrn. k. Bibliothekar Dr. Aug. Hartmann, sowie durch Frau Major Marie v. Rebay, Zündt’s Schwester, näher gebracht, welch letztere auch die in Europa sonst wol schwer erlangbaren, in St. Louis von F. B. Meißner verlegten Dichtungen sammt der Nummer der dortigen „Westlichen Post“ vom 9. Mai 1898 mit dem „dem Andenken Zündt’s“ geweihten langen Aufsatze über die Enthüllungsfeier zugänglich machte.