ADB:Weiß, Franz Rudolf von

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Artikel „Weiß, Franz Rudolf (v.)“ von Emil Blösch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 582–583, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wei%C3%9F,_Franz_Rudolf_von&oldid=- (Version vom 17. September 2021, 18:18 Uhr UTC)
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Band 41 (1896), S. 582–583 (Quelle).
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Weiß: Franz Rudolf (v.) W., getauft in Iferten im damals Bernischen Waadtlande im J. 1751, war der uneheliche aber nachher legitimirte Sohn eines angesehenen Berners. Er empfing seine militärische Bildung zuerst im französischen, dann im preußischen Dienst, stieg hier bis zum Rang eines Obersten und machte nach seinem Austritt größere Reisen in Deutschland und England. Im letzteren Lande soll er einen Beweis persönlichen Muthes und ungewöhnlicher Körperkraft abgelegt haben, indem er einen berühmten Boxer im Faustkampf überwand. Nach Bern zurückgekehrt wurde er Landvogt zu Milden (Moudon), der alten Hauptstadt des Waadtlandes; dann Stadtmajor (Befehlshaber der städtischen Besatzung) in Bern und 1785 Mitglied des Großen Rathes. Von der französischen Modephilosophie begeistert, trat er bald als Schriftsteller auf. Es erschienen von ihm 1785 „Principes philosophiques, politiques et moraux“ (2 Bde.), ein Werk, dem es trotz seiner Oberflächlichkeit nicht an Erfolg fehlte, indem es sieben Auflagen erlebte und in die deutsche und englische Sprache übersetzt wurde. Um so mehr wuchs das Selbstgefühl des Verfassers. Durch die beginnende revolutionäre Bewegung in Frankreich angeregt, ließ er 1789 die Schrift: „Les deux chambres“ folgen, und 1793 den „Coup d’oeil sur les relations de la France avec le corps Helvétique“ (auch deutsch erschienen). Als die Lage für die Eidgenossenschaft bedrohlich zu werden begann, glaubte man in Bern in diesem Freunde der französischen Machthaber, dem offenen Bekenner moderner Grundsätze, die richtige Mittelsperson gefunden zu haben, um das Mißtrauen zu heben: Eine Reise nach Paris sollte W., ohne amtlichen Charakter, zur Herstellung guter Beziehungen nützen, und da ihn Robespierre mit der Erklärung empfing: „Le nom Suisse est une recommandation puissante auprès d’un vrai français et surtout auprès de moi!“, so war der eitle Mann vollständig überzeugt von seiner Bedeutung, von der Wichtigkeit und dem Erfolge seiner Sendung. Sein vermeintlicher Weckruf: „Reveillez-vous, Suisses, le danger approche“ (1797) diente nur zur Beunruhigung, nicht zur Erkenntniß dessen, was nothwendig war, noch weniger zur Ermöglichung fester Entschlüsse, indem er die Abneigung der französischen Demagogen gegen die politischen Einrichtungen der Schweiz durch das weitgehendste Eingehen auf ihre Forderungen zu entwaffnen, der Gefahr durch sofortige innere Umgestaltungen zu begegnen anrieth. Im französisch sprechenden, an Frankreich angrenzenden Waadtlande begann der Geist der Revolution am ersten zu wirken. Die Regierung von Bern verlangte von ihren Unterthanen eine allgemeine Huldigung; die Feierlichkeit fand am 5. Januar 1798 ohne ernstliche Schwierigkeiten statt, allein die günstige Stimmung wurde nicht benutzt; wenige Tage später brachen Unruhen aus, welche zur Aufstellung von Truppen nöthigten. Der erfahrenste Berner Officier, K. L. v. Erlach (A. D. B. VI. 220). entzog sich der Aufgabe des Oberbefehls über dieselben, und nun wurde W. damit betraut, für die innere Ruhe und äußere Sicherheit des Waadtlandes zu sorgen. Man hielt die Wahl des aufgeklärten und angeblich volksthümlichen Mannes für ein Zeichen besonderer politischer Klugheit, geeignet, ebensowol das Directorium der französischen Republik, als die empörten Unterthanen zufrieden zu stellen. Es zeigte [583] sich bald, wie sehr man sich geirrt. „Ohne militärische Talente, ohne politische Geschicklichkeit, ohne kaltes Blut und Festigkeit, aber voll falschen Zutrauens zu sich selbst, kam er nach Lausanne“ (Mallet du Pan[WS 1]). Mit wortreichen Ansprachen, pomphaften Proclamationen und einer ziellosen Thätigkeit meinte er die Unruhe beschwichtigen, die Geister lenken zu können. Die agitatorischen Umtriebe traten immer frecher auf; die Treugesinnten wurden unsicher gemacht und entmuthigt. Unter den Augen des Generals, den man mit Grund einen „friedlichen Feldherrn und kriegerischen Schriftsteller“[WS 2] genannt hat, nahmen die Vorbereitungen zur Umwälzung ihren Fortgang; Nach Bern mußte W. melden, daß Niemand ihm gehorchen wolle. Die französische Armee stand an der Grenze; die Aufrührer forderten sie zum Einmarsche auf; der Aufstand brach aus. Ohne einen Versuch zu militärischer Vertheidigung des Landes zu machen, zog sich der General mit den ihm treu gebliebenen Truppen nach Iferten zurück; die Berner Landvögte mußten die Flucht ergreifen, Ende Januar 1798. Der französische General Menard[WS 3] besetzte die Waadt, und das schöne Land war für Bern verloren, damit aber auch Bern selbst und die deutsche Schweiz dem Feinde eröffnet. W. begab sich nach Bern, dann aber, da er alle Achtung eingebüßt hatte, ins Ausland. Vom Breisgau aus, wohin er sich gewendet, schrieb er eine Vertheidigungsschrift: „Du début de la révolution en Suisse, ou défense du cidevant général de W. contre ses détracteurs“ (1799); nicht ohne Beredsamkeit, wol auch nicht ohne Wahrheit behauptend, daß auch ein anderes Verfahren, als das von ihm befolgte, kein anderes Ergebniß herbeigeführt hätte. Im J. 1801 kehrte er in die Schweiz zurück und suchte nochmals die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, namentlich durch mehrere Flugschriften: „Mémoire à Bonaparte, I consul“; „Une lettre d’envoi aux deux conseils de la république helvétique“; „Au citoyen Reinhard, ambassadeur de la république française en Suisse“. – Er endete, ohne festen Wohnsitz, wie es scheint, sein Leben zu Nyon am Genfersee, in einem Gasthaus, im J. 1818. Er war mit einer Dame von ausgezeichneten Eigenschaften verheirathet, lebte aber von derselben getrennt, da er sie schlecht behandelt haben soll. Man wird nicht vergessen dürfen, daß alle Urtheile über den merkwürdigen Mann von seinen Gegnern herrühren, dieweil er keine Freunde hatte. Seine Schriften zeigen ihn zwar als einen oberflächlich gebildeten, aber geistreichen, vielleicht sogar genialen Charakter, der unter günstigen Umständen Bedeutendes zu leisten vermochte. Ein Unglück war es für sein Vaterland, wie für ihn selbst, daß er den Glauben an seine Größe, die ihn in maßlosem Grade erfüllte, auch Andern einzuflößen verstand. So fiel ihm eine Aufgabe zu, der er nicht gewachsen war, die aber vielleicht auch kein Anderer zu lösen im Stande gewesen wäre.

Biographie universelle (v. Michaud), tom. 50, p. 336. – Mallet du Pan, Die Zerstörung des Schweizerbundes (aus dem Französischen). Leipzig 1799, Bd. II, S. 50–62. – Berner Staatsarchiv: Manuale des Geheimen Rathes. – Sämmtliche Berichte über die französische Invasion des Jahres 1798.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Jacques Mallet du Pan (1749–1800), Schweizer Journalist und politischer Propagandist.
  2. écrivain belliqueux et général pacifique (Désiré-Raoul Rochette über Weiss in Histoire de la révolution helvétique de 1797 à 1803).
  3. Philippe Romain Ménard (1750–1810).