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Artikel „Ruß, Jakob“ von Paul Beck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 3–5, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ru%C3%9F,_Jakob&oldid=- (Version vom 26. Januar 2020, 21:36 Uhr UTC)
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Ruß: Jakob R. (Ru[o]ß, in den Urkunden steht ein „o“ über dem „u“), tüchtiger Bildschnitzer zu Ravensburg in der Zeit von 1482–1511. Ob er daselbst auch geboren ist, hat sich bis jetzt nicht erheben lassen; vielleicht ist die Bodenseegegend oder Villingen im Schwarzwalde seine Geburtsstätte. Nachweislich [4] erscheint R. im J. 1482 erstmals zu Ravensburg, woselbst er als „Maister Jakob, Bildhower“, im J. 1484 in das Bürgerrecht aufgenommen wurde. In Ravensburg scheint damals die plastische Kunst in Blüthe ge- und vielleicht eine Bildhauerschule bestanden zu haben, sofern diese Reichsstadt aus jener Zeit eine Reihe von Bildhauern und Steinmetzen, vor allen den allerdings urkundlich immer noch nicht vollbeglaubigten Bildhauer Friedr. Schramm ausweist. Zu Chur taucht dann R. erstmals im J. 1485 als „Meister von Ravensburg“ auf. Unter andern fertigte er daselbst in der Zeit bis 1492 in der bischöflichen Kathedrale für das Domcapitel im gothischen, bezw. echt oberdeutschen Stile den noch besterhaltenen figurenreichen Prachtbau des in der Hauptsache die Verherrlichung der Jungfrau und der Bisthumsschutzheiligen St. Lucius und Emerita sowie die Passion darstellenden Hochaltares, „eine ganze Welt von heiligen Gestalten“, Schreinwerk und Sculpturen ohne Vergoldung und Polychromirung um den Preis von 500 fl. Dieser Hochaltat war früher – vielleicht insofern ein Unicum – drehbar; die Schienen liefen auf der Mensa; Gebrauch wurde von dem (jetzt verdorbenen) Mechanismus in der Fastenzeit gemacht; die Passionsscenen auf der Rückseite des Altars bildeten dann die Vorderfront desselben. Vielleicht hat man in R. auch den Schöpfer des zierlich und genial gearbeiteten Sacramentshäuschens im Dome von schlanker, gothischer, reich ornamentirter Thurmform aus dem Jahre 1484 zu suchen. Darauf fertigte R., was erst kürzlich urkundlich festgestellt wurde, in der Zeit von 1491 bezw. 1492 bis 1494 die in der Kunstgeschichte genugsam bekannten, im spätgothischen Stile gehaltenen herrlichen Schnitzereien im Rathhaussaale von Ueberlingen a. B., im ganzen 41 Statuetten, bei deren so lange fraglicher Urheberschaft man bisher irrthümlich an Schramm oder an einen der beiden Syrlin gedacht. Erst ein im Spätsommer 1887 durch Prof. Dr. Christian Roder in Ueberlingen glücklicherweise aufgefundenes Schriftstück bereitete der langjährigen Ungewißheit ein Ende. Dasselbe enthält den Vertragsentwurf zwischen R. und dem Magistrate von Ueberlingen über Verfertigung der Schnitzereien „in der Stuben des neuen Rathhauses“ und bietet auch ein gewisses culturgeschichtliches Interesse. Danach verpflichtete sich R., der nunmehr als der langgesuchte Meister sichergestellt ist, unter Stellung von zwei Bürgen, daß er die Stuben nach der „Visierung“ machen, im Sommer von 4 Uhr, im Winter von 5 Uhr morgens bis je abends 7 Uhr einschließlich der ortsüblichen Pausen zum Essen arbeiten, keinen Gehülfen („knecht“) ohne Gutheißung des Rathes einstellen, jeden demselben mißfällig gewordenen sofort entfernen und nur bei Ueberlingens Stadtgericht Recht suchen und nehmen wolle. Neben freier Behausung, Feuer und Licht und Befreiung von Steuern und bürgerlichen Lasten (Wacht, Kriegsdienst, Frohnen) solle der Meister „für spis und lon“ täglich 15, ein jeder Gehülfe 10 Xr. empfangen, bis zur Vollendung des Werkes aber ohne Bewilligung des Rathes keine andere Arbeit annehmen. – Im J. 1497 erscheint R. dann wieder in Ravensburg. Ueber weitere Kunstschöpfungen, fernere Schicksale und das Lebensende des R. ist nichts zuverlässiges bekannt, und haben die Forschungen über diesen Künstler noch ein weites Feld vor sich. Jedenfalls hat derselbe allein schon mit diesen zwei hervorragenden, zweifellos von seiner Meisterhand herrührenden plastischen Werken aus dem Ende des 15. Jahrhundertz, selbst wenn die denselben zu Grunde liegenden Gedanken, die eigentliche Conception nicht sein, sondern eines anderen geistiges Eigenthum und ihm nur deren künstlerische Ausgestaltung, Anordnung und Durchführung zuzuweisen wäre, sich würdig den besten Künstlernamen jener Zeit, wie den Syrlin angereiht und sich als einer der tüchtigsten Vertreter der Sculptur in jener froh blühenden Kunstperiode documentirt.

[5] Roder, Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins, N. F. II. Bd., Heft 4, S. 490 ff. – (Rottenburger) Archiv f. christliche Kunst von 1888, Nr. 8 ff., „Der Bildhauer Jak. R. v. Rav.“ mit den das. gegebenen Nachweisen.