ADB:Roller, Christian Friedrich Wilhelm

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Artikel „Roller, Christian Friedrich Wilhelm“ von Melchior Josef Bandorf in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 29 (1889), S. 95–97, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Roller,_Christian_Friedrich_Wilhelm&oldid=- (Version vom 4. August 2020, 20:46 Uhr UTC)
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Roller: Christian Friedlich Wilhelm R., Irrenarzt. Geboren am 11. Januar 1802 zu Pforzheim, wo sein Vater Dr. Johann Christian R. Irren- und Siechenhaus-Physikus war, wendete er sich nach Absolvirung des Pädagogiums seiner Vaterstadt und des Lyceums zu Karlsruhe 1818 dem Studium der Medicin zu, besuchte die Universitäten Tübingen, Göttingen und Heidelberg und legte 1822 sein medicinisches Staatsexamen ab. Nach dreijähriger Thätigkeit als praktischer Arzt in Pforzheim unternahm er im Auftrage der Sanitätsbehörde zu seiner weiteren Ausbildung eine wissenschaftliche Reise durch Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland, verweilte längere Zeit in Paris und auf Siegburg, wo eben unter der Leitung Maximilian Jacobi’s eine Lehrstätte der Psychiatrie sich eröffnet hatte. In die Heimath zurückgekehrt, erfolgte 1827 seine Berufung als Assistenzarzt an die Heidelberger Irrenanstalt, hier war ihm neben der praktischen Förderung in der Psychiatrie zugleich Gelegenheit gegeben, sich im Verkehr mit den Professoren der damals so blühenden Hochschule in verschiedener Richtung weiter zu bilden. Mit der Veröffentlichung seiner ersten größeren Schrift „Ueber die Irrenanstalt nach allen ihren Beziehungen“, Karlsruhe 1831, auf Grund welcher ihm von Seite der Heidelberger medicinischen Facultät die Doctorwürde honoris causa zuerkannt wurde, begannen seine Bestrebungen, daß für Baden an Stelle der Heidelberger Anstalt eine neue, hinreichend große und den Anforderungen der Wissenschaft entsprechende Irrenanstalt errichtet werde, welche Bemühungen schließlich vom besten Erfolge gekrönt wurden. 1842 siedelte R., welcher inzwischen zum Director vorgerückt war, in die neue Anstalt zu Illenau über. Er selbst hatte nach Jahre langem Herumsuchen den so geeigneten Platz aufgefunden, nach seinen Principien war der Bau ausgeführt worden und unter seiner Leitung entwickelte sich Illenau bald zur viel bewunderten Musteranstalt. Der ärztliche Dienst in derselben wurde aufs beste organisirt und der Hebung des Wartepersonals eine ganz besondere Sorgfalt gewidmet. Durch die Mitwirkung von Aerzten und Geistlichen [96] im Lande suchte er tüchtiges Material zum Pflegedienst zu gewinnen, durch sorgfältige Ausarbeitung von Dienstesanweisungen, Haltung von Vorträgen und fortwährende persönliche Einwirkung wußte er die Neulinge zum Dienst heranzubilden und durch Besserung ihrer materiellen Lage, wie Gründung von Cassen zu Remunerationen und Fonds für erkrankte oder unverschuldet dienstunfähig gewordene Wärter sowie durch Verleihung von Auszeichnungen an verdiente Jubilare das Personal dauernd an die Anstalt zu fesseln. Was Illenau aber vor allem auszeichnete, war das dort überall hervortretende Bestreben, dem Leben in der Irrenanstalt einen familiären Charakter einzuprägen und alle Bewohner derselben, Pfleglinge wie Bedienstete, zu einer „Illenauer Gemeinschaft“ zu verbinden. Ein Bild der Entwicklung dieses Anstaltslebens bietet die 1865 von R. herausgegebene Schrift über Illenau, worin auch die Geschichte, der Bau, die Organisation und der finanzielle Zustand der Anstalt ausführlich behandelt und durch Ansichten und Pläne erläutert sind.

Aber auch über die Anstalt hinaus reichte die Thätigkeit Roller’s in der Irrenfürsorge. Für die aus der Anstaltspflege Entlassenen bewahrte er eine wachsame Sorgfalt, indem er ihnen, wo es nothwendig wurde, in Verbindung mit ihren heimathlichen Behörden und Seelsorgern mit Rathschlägen und Unterstützungen beistand. Ueberhaupt war es sein unabläßliches Bestreben, die Theilnahme, Pflege und Hülfe für die Geisteskranken in Baden einer immer weiteren und vollendeteren Organisation entgegenzuführen. Schon frühzeitig war ihm die Verbreitung psychiatrischer Kenntnisse unter den Aerzten, diese wichtigste Grundlage einer geordneten Irrenfürsorge, angelegen. Auf seine Anregung ordnete das badische Ministerium bereits 1851 an, daß bei Besetzung von Physikatsstellen unter sonst gleichen Verhältnissen auf diejenigen Bewerber besondere Rücksicht genommen werden sollte, welche sich durch wenigstens dreimonatlichen Aufenthalt in einer Irrenanstalt mit den Geisteskrankheiten und deren Behandlung vertraut gemacht haben. Eine große Anzahl badischer Aerzte besuchte infolge dieses Erlasses Illenau und fand bei R. jede Unterstützung in der Erreichung ihres Zieles, sich praktische Kenntnisse in der Psychiatrie zu erwerben. Allein nicht nur für Baden wurde Illenau eine Hochschule der Irrenheilkunde, auch von auswärts kamen Fachcollegen, um bald kürzere, bald längere Zeit da zu verweilen und durch eigene Anschauung und Betheiligung ihre Kenntnisse zu mehren und zu erweitern.

Als Mitbegründer und Mitredacteur der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie (1844), welche eine Reihe von Abhandlungen, Vorträgen und Referaten Roller’s enthielt, sowie durch seine lebhafte Theilnahme an den psychiatrischen Vereinen wirkte er auch in weiteren Kreisen fördernd und anregend. Die 1866 herausgegebene Statistik über die ersten 20 Jahre der Illenauer Wirksamkeit ist in mancher Beziehung von bleibendem Werthe. In den „Psychiatrischen Zeitfragen“ (Berlin 1874) behandelte R. die bedeutendsten Controversen auf dem Gebiete der Irrenfürsorge in und außer den Anstalten und ihrer Beziehungen zum staatlichen und gesellschaftlichen Leben in zusammenfassender Weise. Es war dies seine letzte größere Arbeit. Im Herbste 1877 stellten sich bei dem bis dahin rüstigen R. die ersten Krankheitserscheinungen ein, doch arbeitete er bis zur dritten Woche vor seinem Tode angestrengt weiter, bis das auftretende Fieber seine Kräfte erschöpfte. Er starb an dem nämlichen Tage, an welchem er vor 51 Jahren seinen Dienst als Irrenarzt angetreten hatte, am 4. Januar 1878. Roller’s Leben war reich an äußeren Ehrungen, insbesondere hatten ihm in Baden der Landesherr und seine Regierung vielfache Anerkennungen und Auszeichnungen durch Verleihung von Orden und Titeln zu Theil werden lassen, auch von anderen deutschen Regierungen erfreute er sich [97] gleich ehrender Auszeichnungen und viele wissenschaftliche Vereine des In- und Auslandes hatten ihn zu ihrem Mitgliede erwählt.

Illenauer Wochenblatt 1878, Nr. 4 ff. und Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 35, S. 119.