ADB:Lachmann, Wilhelm

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Artikel „Lachmann, Wilhelm“ von Paul Zimmermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 51 (1906), S. 523–525, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lachmann,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 11. August 2020, 02:19 Uhr UTC)
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Lachmann: Heinrich Wilhelm Ludolf L., Arzt, Blindenlehrer und Naturforscher, † 1861, wurde als jüngster Sohn des Pastors Karl Ludolf Friedr. Lachmann zu St. Andreä in Braunschweig am 22. November 1801 (nicht 1800, wie mehrfach angegeben) geboren. Er war ein Halbbruder des berühmten Philologen Karl (Konr. Friedr. Wilh.) Lachmann (s. A. D. B. XVII, 471 ff.), dessen Mutter, Julia geb. v. Löben, am 31. Januar 1795 gestorben war. Der Gatte hatte sich am 26. Januar 1796 wieder verheirathet mit Joh. Elis. Konr. Heyer, die schon am 12. August 1797 im Wochenbette verstarb; ihr am 3. August geborener Sohn Franz Heinrich Aug. L. wurde praktischer Arzt in Braunschweig und bethätigte sich schriftstellerisch u. a. auf dem Gebiete der Geschichte der Freimaurerei († am 5. November 1872). Am 19. Juni 1798 ging Pastor Lachmann mit Anna Luise Sabine Tüntzel, der hinterlassenen Tochter des Professors jur. Joh. Friedr. T. am Collegium Carolinum zu Braunschweig, eine dritte Ehe ein, welcher außer jenem Wilhelm noch ein älterer Sohn entstammte, Karl Friedrich Theod. L., der, am 2. December 1800 geboren, als Privatdocent und Bibliotheksassistent zu Göttingen am 14. December 1828 einen frühen Tod fand. – Wilhelm besuchte das Gymnasium Katharineum seiner Vaterstadt, das er Ostern 1817 verließ, um ebendaselbst auf dem Collegium Carolinum und zugleich dem Collegium anatomico-chirurgicum sich medicinischen Studien zu widmen. Seit Herbst 1821 setzte er diese auf der Universität Göttingen fort, wo er am 18. December 1823 zum Dr. med. promovirte; seine Dissertation handelte de Anglica ratione sine Mercurio morbum venereum sanandi novissimis temporibus. Anfang Mai bestand er in Braunschweig in vorzüglicher Weise die medicinische Staatsprüfung; er wurde hier nun sogleich (5. Mai) in die Zahl der Aerzte aufgenommen und als Geburtshelfer beeidigt. Schon im Beginne des folgenden Jahres erhielt er eine militärärztliche Anstellung; er wurde am 2. Februar 1825 zum Gehülfschirurgen ernannt und unterm 9. März 1828 zum Bataillonsarzt befördert. Daneben setzte er die schon früher begonnenen wissenschaftlichen Arbeiten mit Eifer fort. So insbesondere seine „Flora Brunsvicensis“, mit der er sich schon in seiner Braunschweiger Studienzeit (1817–20) lebhaft beschäftigt hatte, und von der 1827 der erste Theil ausgegeben wurde (II, 1. Abthlg. 1828; II, 2. Abthlg. 1831). Der Wunsch, dieses Werk zu vollenden, war für ihn mit ein Grund gewesen, in die Heimath zurückzukehren. Denn sonst ging seine Neigung mehr auf eine [524] öffentliche wissenschaftliche Lehrthätigkeit hinaus. Er suchte diese wiederholt auch in Braunschweig zu erlangen, doch hatte er dabei nicht ganz den gewünschten Erfolg. Zunächst war sein Streben, die botanischen Vorlesungen am Collegium anatomico-chirurgicum zu bekommen, doch fand dies das Obersanitätscollegium „für jetzt in den Verhältnissen nicht annehmlich“. Dagegen erhielt er später auf Fürsprache derselben Herren, die „dem durch Talent, Kenntnisse und Fleiß vorzüglich ausgezeichneten Gelehrten“ gern im Lande halten wollten, die Erlaubniß, im Sommersemester zwei Stunden an jener Anstalt über experimentale Physiologie Vorträge zu halten, die er 1830 begann. Als er dann aber auch im Winter auf eigene Hand über allgemeine Therapie u. a. zu lehren begann, wurde ihm dies 1833 untersagt. Wiederholt (1838, 1841) bat er um eine wirkliche Lehrerstelle an dem Collegium anat.-chir.; sie wurde ihm wol hauptsächlich deshalb nicht gegeben, weil man ihm vorwarf, daß er bei seinen Vorlesungen, die er nicht zu beenden pflege, oft vom Thema abweiche und sich in den allgemeinen Unterrichtsplan nicht hineinfüge; ja es wurde ihm sogar April 1838 das bisher von ihm versehene Lehrfach der experimentalen Physiologie genommen und einem früheren Schüler von ihm, dem Dr. Victor Bruns (s. A. D. B. XLVII, 312), übertragen. Er hat dann noch eine Reihe von Jahren Vorträge über physikalische Geographie gehalten, diese aber 1842 auch aufgegeben. Schon früher (11. Nov. 1840) hatte er auf seinen Wunsch den Abschied als Bataillonsarzt erhalten. Unterm 15. Februar 1841 war ihm der Professortitel verliehen. Seine wissenschaftlichen Untersuchungen setzte er auch später mit unvermindertem Eifer fort. Seine Arbeiten: „Nivellement des Harz-Gebirges oder die Meereshöhe von 413 Punkten im Harzgebirge“ (Braunschweig 1851) und „Die Physiographie des Herzogthumes Braunschweig und des Harzgebirges“ (I. Th. Nivellement 1851; II. Th. Geognosie 1852), denen die lebhafte Bewunderung eines Leopold v. Buch und die volle Anerkennung eines Alexander v. Humboldt zu Theil ward, sichern Lachmann’s Namen auf dem Felde der heimischen Naturkunde ein dauerndes, ehrenvolles Andenken. Auf Grund 30jähriger Beobachtungen an 24 Pflanzen und am Wetter veröffentlichte er 1856 eine Abhandlung über „die Entwicklung der Vegetation durch die Wärme“, der er 1859 noch eine weitere Schrift: „Die Jahreszeiten in ihrer klimatischen und thermischen Begrenzung, ein Beitrag zur Meteorologie“ folgen ließ.

Noch mehr aber als dieses alles nahmen Kräfte und Wirksamkeit des vielseitigen Mannes seine segensreichen Bestrebungen für das Blindenwesen in Anspruch. Schon in Göttingen hatte die Bekanntschaft mit einem hochbegabten jungen Blinden dieses Interesse in ihm geweckt; er hatte dann im J. 1824 verschiedene Blindenanstalten in Deutschland besucht, namentlich in Berlin, Dresden, Prag, Wien sich umgesehen und dann im J. 1828, wo er im März zu Studienzwecken ein Jahr Urlaub erhielt, auch im Auslande, in Amsterdam, Paris und London die dortigen Blindeneinrichtungen gründlich kennen gelernt. Im November 1829 ließ er eine kleine Schrift ausgehen: „Ueber eine in Braunschweig zu errichtende Anstalt zum Unterrichte von Blinden und über Blinden-Unterricht überhaupt“, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Frage hinlenken sollte; zugleich suchte er auch die Regierung für sie zu interessiren. Aber er begnügte sich nicht mit dieser allgemeinen Anregung, sondern legte sofort selbst kräftig Hand an das Werk. Am 18. December 1829 begann er mit vier blinden Knaben einen Lehrcursus, der schnell immer größere Ausdehnung annahm. Im März des folgenden Jahres wurde ihm ein Blinder aus dem Flecken Hessen, Ludw. Holzheuer, zugeführt, den er mit bestem Erfolge zum Blindenlehrer ausbildete; 40 Jahre lang hat er als solcher dem [525] Institute treu gedient. Dieses von L. begründete Blindeninstitut bestand anfangs in seinem eigenen Hause, dann in verschiedenen gemietheten Räumen; 1843 wurde es in ein besonderes Gebäude verlegt, das 1852 käuflich erworben wurde. Schon 1834 war das Privatinstitut in eine öffentliche Anstalt umgewandelt, die Rechte und Befugnisse einer milden Stiftung erhielt und dem Stadtmagistrate unterstellt wurde. Nach verschiedenen Richtungen entfaltete L. für seine junge Schöpfung, die sein eigenstes Werk war, eine unermüdliche Thätigkeit. Er wirkte an ihr als Lehrer und vertiefte sich mit Eifer in alle Fragen des Unterrichts und der Lehrmittel für Blinde, auf deren Besserung er mit Erfolg bedacht war. Er erfand selbst eine „Blindentafel, ein einfaches, leicht zu behandelndes und nicht kostspieliges Hülfsmittel für Blinde aller Stände zum Rechnen, Lesen, Schreiben und Wiederlesen des Geschriebenen“ (1841), ferner einen „Rechenkasten für Blinde“ (1857); er schrieb 1854 einen Aufsatz: „Die Tyflo-Ectypographie d. i. der Bücherdruck für Blinde mittelst Relief-Buchstaben und Chiffern“ usw. Dann mußte er rastlos die Werbetrommel rühren, um das Geld für seine Anstalt zusammen zu bringen, deren Verwaltung er mit weiser Sparsamkeit führte. Aber auch das spätere Schicksal der Blinden lag ihm am Herzen. Er schuf 1856 einen Fonds zur Unterstützung hülfsbedürftiger Blinder. Zu gleichem Zwecke stiftete er in seinem Testamente ein größeres Capital. Zwar nicht in rechtsgültiger Form, aber die gleichgesinnte Gattin erhob keinen Einspruch gegen die Stiftung, die noch heute in Segen besteht. So verlief das ganze Leben Lachmann’s im Dienste strenger Wissenschaft und edler Humanität. „Thätigkeit war“, wie die Grabschrift besagt, „die Seele seines Lebens und Arbeit sein tägliches Gebet“. Es gehörten ein willensstarker Geist und ein liebewarmes Herz dazu, um einen schwachen, kränklichen Körper solche große Aufgaben ausführen zu lassen. Schon 1827 hatte sich ein Herzfehler bei ihm herausgestellt; 1851 hatte er einen Bruch des Schlüsselbeins, 1852 einen Lungenblutsturz erlitten. Alles das hinderte ihn nicht, seinem menschenfreundlichem Bestreben nachzugehen, bis ein piötzlicher Tod am 23. Juni 1861 in Wiesbaden, das er zur Badecur aufgesucht hatte, seinem an Arbeit und Erfolg reichem Leben ein Ziel setzte. Seine Gattin Johanne (Jul. Aug.) geb. Schaller, die zuvor an den Gastwirth Vogler verheirathet gewesen war und ihm am 20. März 1834 die Hand gereicht hatte, überlebte ihn bis zum 3. Februar 1865; Kinder sind der Ehe nicht erwachsen.

Vgl. G. Fischer, Wilh. Lud. Lachmann, Stifter und Director des Blindeninstituts zu Braunschweig (Braunschweig 1900). – Nachrichten aus dem Landeshauptarchive zu Wolfenbüttel, der Registratur des Landes-Medicinalkollegiums und der Stadtbibliothek zu Braunschweig.