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Artikel „Fraas, Oskar von“ von Viktor Hantzsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 671–674, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Fraas,_Oscar_von&oldid=- (Version vom 24. Februar 2020, 09:48 Uhr UTC)
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Fraas: Oskar von F., Naturforscher, wurde am 17. Januar 1824 zu Lorch am Fuße des Hohenstaufen in Württemberg als Sohn eines Pfarrers geboren. Nachdem er den ersten Unterricht im elterlichen Hause empfangen hatte, bezog er die Lateinschule zu Göppingen. Obwohl er sich seit früher Jugend zu den Naturwissenschaften hingezogen fühlte, beschloß er, dem Wunsche seines Vaters folgend, den geistlichen Beruf zu ergreifen. Nachdem er das in Württemberg übliche Landexamen bestanden hatte, besuchte er zunächst das [672] niedere Seminar in Blaubeuren und dann das theologische Stift in Tübingen. Schon als Schüler und noch mehr als Student widmete er alle freien Stunden seinen naturwissenschaftlichen Liebhabereien. Besonders sammelte er Pflanzen und Versteinerungen. In Tübingen hörte er neben seinen theologischen Lehrern namentlich die Vorlesungen Friedrich August Quenstedt’s, des Professors der Mineralogie, Geologie und Paläontologie, der ihn für diese Wissenschaften begeisterte und bald auch in ein freundschaftliches Verhältniß zu ihm trat. Q. regte seinen Schüler namentlich zu krystallographischen Untersuchungen, sowie zu Studien über die schwäbischen Sedimentformationen und die darin vorkommenden Fossilien an. Wie schnell sich F. in diese Gebiete einarbeitete, beweist die Thatsache, daß er bereits 1845 durch eine geognostische Aufnahme der Umgegend von Tübingen einen Preis der philosophischen Facultät davontrug. Besonders lehrreich waren ihm verschiedene, gemeinsam mit seinem Lehrer ausgeführte größere Excursionen, die ihn bis in die Alpen, nach Oberitalien und Südfrankreich führten. Nachdem er die theologische Prüfung bestanden hatte, war er zunächst bei seinem Vater, damals Decan in Balingen, als Vicar thätig. 1847 hielt er sich in Paris auf, um die école des mines zur Fortsetzung seiner Studien zu besuchen. Im Anschluß daran unternahm er eine wissenschaftliche Wanderung durch die Normandie und das südliche England. Als Frucht dieser Reise erschien 1850 im Jahrbuch der Mineralogie seine erste literarische Arbeit, der „Versuch einer Vergleichung des deutschen Juras mit dem französischen und englischen“. Seit 1848 wirkte er als Pfarrvicar in Leutkirch, von 1850–54 als Pfarrer in Lauffen an der Eyach. Hier gründete er einen Hausstand und sah bald eine zahlreiche Familie um sich. Da die Umgebung seines Wohnortes reich an Versteinerungen ist, legte er nicht nur selbst eine wertvolle Sammlung an, sondern lehrte auch seine wenig bemittelten Gemeindeglieder, wie sie sich aus Steinen Brot schaffen könnten, indem er ihnen ergiebige Fundörter zeigte und sie anwies, wie man dieselben zweckmäßig ausbeuten müsse. Um die gesammelten Gegenstände im Interesse seiner Pfarrkinder bestmöglich zu verwerthen, reinigte, bestimmte und ordnete er sie und richtete in seinem weitläufigen Pfarrhause ein Musterlager ein, das bald ein Anziehungspunkt für Sammler und Forscher aus nah und fern wurde und aus dem selbst große öffentliche Museen ihren Bedarf an schwäbischen Jurafossilien für einen sehr mäßigen Preis bezogen. Durch diese gemeinnützige und für die Wissenschaft höchst ersprießliche Thätigkeit wurde der Name des Lauffener Pfarrers bald nicht nur in den Kreisen der Geologen, sondern auch im ganzen Württemberger Lande bekannt. Als daher 1854 die allerdings sehr bescheiden dotierte Stelle eines wissenschaftlichen Hülfsarbeiters für die geologischen, paläontologischen und mineralogischen Abteilungen im Kgl. Naturaliencabinet in Stuttgart frei wurde, bot man ihm dieses Amt an. Da ihn die Aussicht, ganz seinen Neigungen leben und seiner Wissenschaft weit intensiver als bisher nützen zu können, mächtig anzog, folgte er gern dem ehrenvollen Rufe und wurde so aus einem Theologen ein Geolog. In seinem neuen Wirkungskreise war er volle 40 Jahre hindurch thätig. Er lebte sich rasch in die neuen Verhältnisse ein und entwickelte sich infolge seines ausgezeichneten Gedächtnisses und seiner bewunderungswürdigen Arbeitskraft allmählich neben Quenstedt zum besten und gründlichsten Kenner der geologischen Verhältnisse Württembergs. Bereits 1856 wurde er zum Conservator ernannt und durch den Professortitel ausgezeichnet. Besondere Aufmerksamkeit wendete er der vaterländischen Abtheilung des Museums zu. Um sie dem Ideale möglichster Vollständigkeit nahe zu bringen, wanderte er unermüdlich sammelnd im Lande umher, so daß er bald eine der volksthümlichsten Persönlichkeiten [673] Schwabens wurde und unter dem Namen Steiner-Fraas oder Höhlen-Fraas selbst in den abgelegensten Dörfern der Rauhen Alb bekannt war. Seine Bemühungen beschränkten sich nicht auf das geologische Gebiet, sondern sie erstreckten sich auch auf das paläontologische und anthropologische. Er durchforschte zahlreiche Höhlen nach Knochenresten, von denen er für das Museum viele tausende erwarb und mit scharfem Blick und wachsender Sicherheit bestimmte. Seine Specialitäten auf diesem Gebiete waren tertiäre und diluviale Säugethiere, Wirbelthiere aus dem Jura und Reptilien aus der Trias. Am ergebnißreichsten erwiesen sich seine 1861 vorgenommenen Ausgrabungen am Hohlenstein im Jagstkreise, sowie die in den siebziger Jahren veranstalteten am Hohlenfels und in der Ofnet im Ries. Ebenso deckte er viele vorgeschichtliche Siedelungen und Gräber auf, so 1867 an der Schussenquelle eine höchst interessante paläolithische Niederlassung aus der Rentierzeit, später die altgermanischen Hügelgräber im Ludwigsburger Fürstenhügel und die alte heidnische Opferstätte auf dem Lochenstein. Auch ins Ausland unternahm er mehrere Studienreisen, deren Ergebnisse nicht nur der ihm anvertrauten Sammlung, sondern auch der Wissenschaft im allgemeinen zu gute kamen. 1865 und 1866 durchzog er Aegypten, die Sinaihalbinsel und Palästina. 1875 folgte er einer Einladung Rustem Pascha’s, des Generalgouverneurs von Syrien, um als erster europäischer Gelehrter eine geologische Untersuchung des in dieser Hinsicht damals noch nahezu unbekannten Libanon zu veranstalten. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er in den Höhlen des Wadi Djauz und am Nahr el Kelb höchst merkwürdige vorgeschichtliche Reste. 1882 endlich bereiste er in Gemeinschaft mit seinem Sohne Eberhard, der später sein Nachfolger im Amte wurde, Südfrankreich und Spanien. 1891 wurde er zum ersten Vorstand der Stuttgarter Naturaliensammlung ernannt. Drei Jahre später, nachdem er seinen 70. Geburtstag und sein 40jähriges Dienstjubiläum gefeiert hatte, trat er in den wohlverdienten Ruhestand. In Anerkennung seiner vielseitigen und reichgesegneten Wirksamkeit wurde er bei dieser Gelegenheit in den Adelstand erhoben, und die naturwissenschaftliche Facultät der Tübinger Universität überreichte ihm ihr Ehrendoctordiplom. Den Rest seines Lebens verbrachte er in beschaulicher Ruhe in seinem durch Natur und Kunst verschönten Landhause nahe bei Stuttgart. Hier ereilte ihn am 22. November 1897 ein sanfter Tod.

F. war ein ungemein vielseitig begabter Mann von nie ermüdendem Fleiß, ungewöhnlicher Arbeitskraft, klarem Blick und sicherem Urteil, dazu stets bereit, sein Wissen und Können in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Deshalb wurde er vielfach in Ehrenämter und Vertrauensstellungen berufen. So wirkte er lange Jahre als Mitglied der Commission zur Herstellung eines geognostischen Atlasses von Württemberg, als Berather des Ausschusses für die Verwaltung der staatlichen Sammlungen vaterländischer Kunst- und Alterthumsdenkmale, als geognostischer Sachverständiger der württembergischen Eisenbahnbauverwaltung, sowie auch als Stadtverordneter. In politischer Hinsicht stand er der deutschen Partei nahe. Viele gelehrte und gemeinnützige Gesellschaften wählten ihn in den Vorstand oder zum Ehrenmitglied, so die Deutsche anthropologische Gesellschaft, die Leopoldino-Carolinische Akademie der Naturforscher, der Württembergische anthropologische Verein, der Verein für vaterländische Naturkunde, der Württembergische Weinbauverein und der Stuttgarter Gewerbeverein. Auch an Orden und sonstigen Auszeichnungen fehlte es ihm nicht.

Als Schriftsteller verstand er es, die Ergebnisse seiner Studien in allgemein [674] verständlicher und geschmackvoller Form darzustellen, ohne auf Gründlichkeit zu verzichten. Die wichtigsten unter seinen größeren Werken beschäftigen sich mit seiner württembergischen Heimath, so: „Die nutzbaren Mineralien Württembergs“ (1860), „Die geognostische Sammlung Württembergs“ (1869), „Die Fauna von Steinheim“ (1870), „Die Albwasserversorgung im Königreich Württemberg“ (1873), eine Monographie über die gepanzerte Vogeleidechse Aetosaurus ferratus (1877), „Württembergs Eisenbahnen mit Land und Leuten an der Bahn“ (1880), die geognostische Beschreibung von Württemberg, Baden und Hohenzollern (1882) und die geognostische Profilirung der württembergischen Eisenbahnlinien (1883–85). Auch bearbeitete er theils allein, theils gemeinsam mit Bach[WS 1], Deffner und Hildenbrand[WS 2] 16 Sectionen der geognostischen Specialkarte von Württemberg im Maßstab von 1 : 50 000 sammt den zugehörigen Begleitworten und die geognostische Wandkarte von Württemberg, Baden und Hohenzollern in 4 Blättern im Maßstabe von 1 : 280 000 (1882). Ebenso übernahm er den geognostischen Abschnitt in der vom Kgl. statistisch-topographischen Bureau herausgegebenen Beschreibung und Geschichte des Hohentwiel (1879). Einige andere seiner Schriften beschäftigen sich mit allgemeiner Geologie, so „Vor der Sündflut, eine populäre Geschichte der Urwelt“ (1864) und die geologischen Wandtafeln (1871). Drei weitere enthalten Reiseerinnerungen: „Aus dem Orient“ (I: 1867, II: 1878), „3 Monate am Libanon“ (1876) und „Reisebriefe aus dem Süden“ (1883). Außerhalb seines eigentlichen Arbeitsgebietes liegt eine historische Untersuchung über die Nördlinger Schlacht am 27. August 1634 (1869). Außer diesen größeren Werken hat er seit 1850 eine große Zahl von Abhandlungen geologischen, paläontologischen und anthropologischen Inhalts in verschiedenen Fachzeitschriften, namentlich im Neuen Jahrbuch für Mineralogie, in der Zeitschrift der Deutschen geologischen Gesellschaft, in den Jahresheften des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg, in den Beiträgen zur Naturgeschichte der Vorwelt, im Archiv für Anthropologie und im Correspondenzblatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie veröffentlicht.

Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik XI (1889), S. 43 ff. (mit Bild). – Leopoldina XXXIV (1898), S. 13–18, mit Bibliographie (E. Fraas). – Biographisches Jahrbuch II (1898), S. 146–148 (R. Krauß).


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Carl Philipp Heinrich Bach (1812–1870), Offizier, Ingenieur-Topograph und Künstler.
  2. Jacob Hildenbrand (1826–1904), Geognost, Quenstedt-Schüler; http://d-nb.info/gnd/117729884