ADB:Florentini, Theodosius

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Artikel „Theodosius, P.“ von Otto Hunziker in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 715–716, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Florentini,_Theodosius&oldid=- (Version vom 28. Februar 2020, 18:19 Uhr UTC)
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Theodosius: P. Th. (Anton Crispin Florentini, oder wie der Familiennamen eigentlich lautet: Florintöni), ist am 28. Mai 1808 aus angesehener Bauernfamilie in Münster (Kt. Graubünden) geboren. Seine Gymnasialbildung gewann der hochbegabte junge Romane in tirolischen und schweizerischen Schulanstalten, die Vorbereitung zum theologischen Studium am bischöflichen Seminar in Chur; auf der Durchreise nach Solothurn, an dessen theologischer Lehranstalt er seine Studien fortsetzen wollte, faßte er auf dem frischen Grabe seines älteren Bruders in Baden den Entschluß, wie einst dieser, Kapuziner zu werden und trat 1825 als Novize in den Orden ein; 1830 erhielt er die Priesterweihe und nun finden wir ihn als Novizenmeister und Professor zuerst in Solothurn, dann in Baden, wo er 1838 Guardian seines Klosters wurde. Bereits hatte er hier durch Gründung eines Mädchenpensionates in dem Frauenkloster Maria Krönung seine organisatorische Thätigkeit nach außen zu entwickeln begonnen, als er in die politischen Wirren (die dann zur Aufhebung der aargauischen Klöster führten) hineingezogen wurde und fliehen mußte, 1841. Nach kurzem Aufenthalt im Elsaß ward er von seinen Obern in die Schweiz zurückberufen und kam nach Altorf; 1845 ward er Pfarrer und Superior an der bischöflichen Kathedralkirche in Chur, 1859 Generalvicar des dortigen Bischofs; am 15. Februar 1865 starb er, vom Schlagfluß getroffen, in Heiden (Appenzell A. Rh.).

Aber die geistlichen Aemter und Würden sind nicht das, was die Bedeutung des P. Th. ausmacht, so wirkungsvoll er als Prediger, so populär er als erbaulicher Schriftsteller (Neubearbeitung von Goffine’s christlich-katholischem Unterrichts- und Erbauungsbuch; „Leben der Heiligen Gottes“, 4 Bände), so eifrig er in seiner Sorge für die Katholiken in den protestantischen Schweizerstädten war; sie beruht darauf, daß er als zweifellos überzeugungstreuer Katholik, Geistlicher und Ordensmann (er hat auch als Generalvicar die Kapuzinerkutte bis an sein Lebensende getragen) die ganze Macht seiner kraftvollen Persönlichkeit in den Dienst der Armen und Hülflosen stellte und mit ebenso großer Selbstaufopferung als organisatorischer Begabung die socialen Fragen praktisch zu lösen versuchte: „Was Bedürfniß der Zeit ist, das ist Gottes Wille“ war seine Devise. Sein christlicher Socialismus trägt ausgesprochenes confessionelles Gepräge; Endziel war ihm der Erweis des Katholicismus als weltüberwindender Macht; das hinderte ihn aber keineswegs, in weltmännischer Toleranz auch in interconfessionellen Vereinigungen wie der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, seine Ideen zu entwickeln, und protestantischen Geistlichen, die auf dem Felde christlicher Liebeswerke sich bethätigten, den Bruderkuß zu geben.

Wir sahen bei P. Th. schon in Baden die Anfänge einer über die Ordensziele hinausgehenden freien Thätigkeit für Erziehungszwecke; im Elsaß lernte er [716] nun das Lehrschwesterninstitut des Abbé Moitier kennen; nach diesem Vorbild gründete er, nachdem er auch in Altorf wesentlich auf dem Gebiet des Volksschulunterrichtes thätig gewesen, an die schon in Baden gesponnenen Fäden anknüpfend, die Congregation der „Schwestern vom hl. Kreuz“ („Theodosianische Lehrschwestern“) mit dem von ihm gestifteten Institute in Menzingen (Zug) als Centrum, 1845, und als ihm durch hierarchische Gegenwirkung die Leitung dieses Instituts aus der Hand gewunden wurde, das Institut der „barmherzigen Schwestern“ (vornehmlich für Krankenpflege) in Chur, später (1858) in Ingenbohl (Schwyz); gegen seinen Wunsch blieben die beiden Organisationen getrennt. Gegenwärtig beläuft sich die Zahl der Menzinger Lehrschwestern auf 430, die in acht Kantonen der Schweiz, in Süddeutschland, Italien und Afrika wirken; die der Kreuzschwestern von Ingenbohl auf 2220 (worunter 400 Lehrschwestern) in der Schweiz, Deutschland und Oesterreich (Planta S. 58, 55).

Mittlerweile hatte er in Chur zugleich Anfänge mit Hausindustrie gemacht, die katholische Schule im Hof reorganisirt, durch die Gründung des Kreuzspitales (1852) eine große bleibende Leistung auf dem Gebiete der Krankenpflege erzielt, welche Armen und Kranken beider Confessionen zu gute kam, eine katholische Rettungsanstalt für Graubünden, zuerst in Paspels (1857), dann in Löwenberg den schon bestehenden protestantischen zur Seite gestellt. In Schwyz kaufte er 1855 das ursprünglich für die Jesuiten errichtete und seit dem Sonderbundskriege halb unausgebaut leerstehende Collegium Mariahilf und rief in demselben eine specifisch katholische höhere Bildungsanstalt für Knaben ins Leben, die sich bald und dauernd hoher Blüthe erfreute. Endlich warf er sich auch auf Gründung und Betrieb industrieller Fabriken, nachdem er schon zuvor am Gubel bei Neuägeri (Zug) für Arbeitskinder eine Erziehungs- und Arbeitsanstalt organisirt hatte. So übernahm er – der für alle diese Unternehmungen selbst und durch die Schwestern das Geld erst mühsam im In- und Ausland zusammenbetteln mußte – 1859 eine im Eingehen begriffene Tuchfabrik in Oberleitensdorf (Böhmen) und gründete 1864 eine Maisstrohpapierfabrik in Thal (Kanton St. Gallen). Sein ausgesprochener Zweck war dabei das Streben, die Fabrikarbeit zu christianisiren und zugleich (wie bei Pestalozzi auf dem Neuhofe) den Fabrikationsgewinn für die Hebung der Arbeiterbevölkerung selbst zu verwerthen. Aber diese Versuche auf dem Felde der Großindustrie überstiegen sein Können, die Liquidation beider Fabriken erschien unvermeidlich, als die Lebenskraft des Th., den körperlichen und seelischen Anstrengungen bei einer Reise, die er zur Rettung dieser seiner Schöpfung nach Böhmen unternommen, erliegend, auf dem Heimwege nach Chur zusammenbrach.

Biographien von P. H. Elsener (Luzern, Räber 1865), P. C. Krauthan u. C. Führer. – Marty, P. Theodosius Fl., in Hunziker’s Geschichte der schweiz. Volksschule III, 262–271. Zürich 1882. – Planta, Dr. P. C., Pater Theodosius, ein menschenfreundlicher Priester. Bern 1893.