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Artikel „Diefenbach, Lorenz“ von Hermann Wunderlich in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 677–679, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Diefenbach,_Lorenz&oldid=- (Version vom 5. Dezember 2019, 21:51 Uhr UTC)
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Band 47 (1903), S. 677–679 (Quelle).
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Diefenbach: Lorenz D., Sprachforscher und Dichter, wurde am 29. Juli 1806 zu Ostheim im Großherzogthum Hessen geboren. Ein Pfarrerssohn, war er zum Predigerberufe bestimmt und bezog schon 1821 die Universität Gießen. Doch bereits dort kreuzten sich verschiedenartige Bestrebungen in ihm, als Privatlehrer verließ er die Universität und war bald in Frankfurt, bald in anderen Orten der Umgegend als Lehrer, Stadtpfarrer, Bibliothekar thätig. 1843 wurde er Privatmann in Bockenheim: „Gelehrter sonst, nun nichts mehr als ein Dichter“.

1845 gründete er die erste süddeutsche Gemeinde der Deutschkatholiken in Offenbach. Die Bewegung des Jahres 1848 zog ihn wieder nach Frankfurt a. Main, ohne daß er jedoch der Nationalversammlung angehört hätte. Dagegen gelang es ihm, in der dortigen Stadtbibliothek Fuß zu fassen (1865 Stadtbibliothekar), wodurch auch seine wissenschaftlichen Arbeiten neue Stützpunkte gewannen. Wie aber die Mannichfaltigkeit seiner Bestrebungen und die Beweglichkeit seiner Neigungen in jedem dauernden Verhältnisse eine Fessel empfanden, so wurden ihm auch die Grenzen dieses Berufes zu eng, er legte [678] sein Amt am 1. April 1876 wieder nieder und zog sich in den Ruhestand nach Darmstadt zurück. Dort starb er am 28. März 1883.

Diefenbach’s Bedeutung liegt in seinen wissenschaftlichen Bestrebungen, die hauptsächlich der Erforschung der deutschen Sprache zugewandt waren. Anfangs weiter greifend („Sur les langues littéraires romanes actuelles“, 1831; „Celtica“, 3 Bände, Stuttgart 1839), zog er den Kreis dieser Studien immer enger. Beherrschenden Einfluß auf seine Auffassung des Sprachlebens hatte Jacob Grimm, sein Landsmann, gewonnen. Vor allem reizte es ihn, die Sprache in ihrem Zusammenhang mit anderen Lebensäußerungen zu erfassen: „Ueber Leben, Geschichte und Sprache“ (Gießen 1835); „Origines Europaeae. Die alten Völker Europas mit ihren Sippen und Nachbarn“ (Frankfurt 1861); „Vorschule der Völkerkunde und Bildungsgeschichte“ (1864). Auch die Vorrede zur „Pragmatischen deutschen Sprachlehre“ wurzelt in dieser breiteren Grundlage. Das Buch ist Jacob Grimm gewidmet und durfte eine zweite Auflage erfahren (1847, 1854). Weniger bedeutsam sind hier die aufgeführten Einzelheiten als der Standpunkt, den der Darsteller für seine Beobachtungen wählte und den er – wenigstens programmatisch – mitten in den Fluß der lebendigen Spracherzeugung verlegte.

Von dauerndem Werth sind Diefenbach’s lexicographische Forschungen. Sein „Vergleichendes Wörterbuch der Gotischen Sprache“ (1846–51) trägt heute freilich die Spuren des Alters, aber sein „Glossarium Latino-Germanicum mediae et infimae aetatis“ (Frankfurt 1857, Novum Glossarium 1867) und sein im Verein mit Wülcker zusammengestelltes „Hoch- und niederdeutsches Wörterbuch der mittleren und neueren Zeit“ (Frankfurt 1874–79) ist noch heute ein unentbehrliches Hülfsmittel für die deutsche Wortforschung. Der glückliche Gedanke, den in Vocabularien und ähnlichen unzugänglichen Quellen aufgespeicherten Wortschatz zu sammeln, und der Verzicht auf die Bethätigung der eigenen Anschauungen innerhalb dieses Sammeleifers haben gerade diesen Arbeiten den nachhaltigsten Erfolg zugewiesen.

Dieser treue, fleißige Sammler war aber zugleich ein Mensch von lebhaftem Temperamente, der mit sich selbst und mit den Anschauungen seiner Zeit in heißem Kampfe rang. Davon legen die „Gedichte“ (Gießen 1840. Zweite Sammlung 1841) Zeugniß ab, wie sie überhaupt wesentlich biographischen Werth haben. Der Drang nach Mittheilung hat hier nicht immer die Reife abgewartet, die Herrschaft über die Sprachmittel verführte zu Wortbildungen und Metaphern, die die Stimmung oft aufheben. D. scherzt selbst darüber:

Es sagt ein Recensent: ich
Verbliebe besser stumm;
Zum Dichten zu verständig,
Zum Weisen doch zu dumm,
In der Syntax unbändig,
Im Metrum schief und krumm.
 (Gedichte, Neue Sammlung S. 161.)

Auch die Versuche in der Erzählungsprosa („Novellen“, Frankfurt 1856–65, 2 Bde.; Romane: „Die Aristokraten“, 1843, u. a.) erwärmen mehr für den Menschen als für den Künstler. Noch in der Novelle „Der Zögling der Ursulinerinnen“ (1881) schiebt sich der Erzähler so breit vor seine Personen, daß wir von diesen selbst nur wenig zu sehen bekommen. In einem Gedichte, das der persönlichen Empfindung einen allgemeineren Ausdruck gewann und das bald auch einen Componisten fand, spricht D. die zwiespältigen Neigungen aus, die sein Leben durchzogen:

[679] Die Blume steht seufzend am Bach
Und blickt der Welle voll Sehnsucht nach,
Die flüchtig die ewig Gefesselte küßte.
Sie klagt: „Wenn die fliehende Welle doch wüßte,
Wie ich mit all meinen Farben und Düften
Ihre reine, durchleuchtige Schönheit liebe:
Gewiß, sie bliebe!“ . . . . .
Doch die Blume muß bleiben, die Welle entweichen;
Und sie können sich nimmer auf Erden erreichen.
Da löst sich das Wesen der Blume in Duft,
Und die Welle hebt am Abend sich als Wölkchen in die Luft.
 (Gedichte, S. 49.)