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Artikel „Autenrieth, Ferdinand von“ von Carl von Voit in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 1 (1875), S. 695–696, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Autenrieth,_Ferdinand_von&oldid=- (Version vom 4. Dezember 2019, 01:26 Uhr UTC)
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Band 1 (1875), S. 695–696 (Quelle).
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Autenrieth: Joh. Herm. Ferd. von A., Professor der Medicin an der Universität Tübingen und Kanzler derselben, geb. 20. Oct. 1772 zu Stuttgart, † 2. Mai. 1835, Sohn Jakob Friedr. Autenrieth’s (s. d.). Früh reif und talentvoll wurde er von früher Jugend auf sorgfältig in Naturwissenschaften und Medicin herangebildet, und zwar von seinem 13. Lebensjahre an auf der damals berühmten Karlsakademie, an welcher er 1792 den Doctorgrad erwarb. Nachherige Reisen nach Italien und Nordamerika trugen wesentlich zu seiner geistigen Entwickelung und zur Erweiterung seiner Kenntnisse bei. Auf der ersteren verweilte er längere Zeit in Pavia, woselbst er durch er durch Scarpa und Peter Frank vielfache und nachwirkende Anregung erhielt. Nach seiner Rückkehr ließ er sich in Stuttgart 1794 als praktischer Arzt nieder; begleitete aber noch in demselben Jahre seinen Vater auf einer für die damalige Zeit seltenen Reise nach Pennsylvanien, welches Land ihn so fesselte, daß er in Lancaster als praktischer Arzt auftrat; hatte er ja dort die günstige Gelegenheit, sich Kenntnisse über manche interessante Krankheiten, so z. B. das gelbe Fieber, das er selbst durchmachte, zu erwerben. Nach 1½jährigem Aufenthalte daselbst kehrte er reich an Erfahrungen nach seiner Vaterstadt zurück, wo er alsbald zum Hofmedicus und Aufseher der zoologischen Sammlung ernannt wurde.

Es ist nicht zu verwundern, daß sich bei Erledigung der Lehrstelle für Anatomie, Physiologie, Chirurgie und Geburtshülfe an der Universität Tübingen die Augen des Senates auf den jungen, viel versprechenden Mann richteten; er wurde 1797 zum ordentlichen Professor für die genannten Fächer erwählt, vertheidigte seine Dissertation: „Supplementa ad historiam embryonis humani“ und trat dann sein Amt mit einer Rede über den Einfluß der Krankheiten auf die Cultur des menschlichen Geschlechtes an. Es hätte wol keine bessere Wahl getroffen werden können. Seine ausgebreiteten Kenntnisse und sein unübertrefflicher Eifer als Lehrer machen A. in kurzer Zeit zu einem der einflußreichsten Mitglieder der Tübinger Universität. Selbst für die damaligen Verhältnisse der medicinischen Wissenschaft muß es als etwas ganz Außerordentliches angesehen werden, daß A. in seinem 38jährigen Lehramte nach und nach fast alle Fächer der Heilkunde und zwar mit großem Erfolge vorgetragen hat. Sein Vortrag [696] war völlig frei, in hohem Grade anziehend und die Schüler zum Nachdenken erweckend. Vor allem hervorzuheben sind seine anatomisch-physiologischen Vorlesungen, die Klinik und die am Ende seiner Lehrthätigkeit gehaltenen Vorträge über gerichtliche Medicin. Sein vortreffliches Gedächtniß, seine räumliche Phantasie, die Benützung der vergleichenden Anatomie und der gesammeten praktischen Heilkunde, womit er den vor ihm liegenden Leichnam gleichsam belebte, machten ihn zu einem der geistvollsten Lehrer der Anatomie.

Das im J. 1805 eingeweihte neue Klinikum war seine Schöpfung. Die Vielseitigkeit seine medicinischen Kenntnisse und seine scharfe, an anderen Naturobjecten erprobte Beobachtungsgabe ließen ihn Zusammenhang in die Erscheinungen am Krankenbette bringen. Er drang seinen Schülern gegenüber auf Beobachtung und physiologische Untersuchung, und dies war um so mehr werth zur Zeit der Blüthe der Naturphilosophie, in welcher sonst meist nur leere Speculationen über Krankheiten angestellt wurden. Wenn A. auch nicht ganz frei davon blieb und so manche seiner Ideen sich als unhaltbar erwiesen haben, so hat er doch gewiß mitgeholfen, richtige Anschauungen in der Medicin zu vermitteln. Seinem Klinikum strömten von Nah und Fern nicht nur Schüler, sondern auch Kranke zu, die den berühmten Arzt aufsuchten. Er war Arzt im vollsten Sinne des Wortes durch seine reichen Erfahrungen, seine Theilnahme und Aufopferung für die Kranken und seine gewinnende Persönlichkeit. In späteren Jahren wurde er zum consultirenden Leibarzte des Königs von Würtemberg erhoben. Ganz musterhaft war für seine Zeit die Behandlung der gerichtlichen Medicin, zu der er durch die große Uebung in Beurtheilung gerichtlicher Fälle, welche er sich als langjähriges Mitglied von Medicinalcommissionen erworben hatte, ganz besonders befähigt war. An der Umgestaltung des Medicinalwesens von Würtemburg hat er den thätigsten Antheil genommen.

Einen tiefeingreifenden Einfluß auf die Universität gewann A. durch seine mit Beibehaltung des Lehramtes (1822) erfolgte Ernennung zum Kanzler der Universität Tübingen, welches Amt er bis zu seinem Tode verwaltete. In dieser seiner Stellung führte er wesentliche Reformen an der Universität durch; sie führte ihn auch in den Landtag, woselbst er als Kanzler die Universität zu vertreten hatte.

A. entwickelte eine nicht unbedeutende litterarische Thätigkeit. Seine Schriften sind außerordentlich zahlreich und erstrecken sich auf alle möglichen Gebiete der Medicin und der Naturwissenschaften. Von umgestaltendem Einflusse auf die Wissenschaft sind seine Arbeiten nicht gewesen, aber er hat sich doch durch die meist kleineren, in Journalen zerstreuten Abhandlungen ein Verdienst um die praktische Medicin erworben. Sein umfassendstes Werk war sein „Handbuch der empirischen menschlichen Physiologie“ (3 Theile 1801), in dem er die ächte Empirie und die durch Versuche gestützte Forschung gegen die damals herrschende naturphilosophische Richtung vertheidigte, und ähnlich dem ihm geistesverwandten und befreundeten Reil die Gesetze des Lebens auf die der übrigen Natur zurückzuführen bestrebt war. Allerdings ging er bei diesen seinen Bestrebungen oft viel weiter als bewiesen werden konnte, namentlich da wo er die Aehnlichkeit des galvanischen Fluidums mit der sogenannten Lebenskraft hervorhob und ersteres zur Erklärung vieler Lebenserscheinungen benützte. Außerdem erschienen von ihm mehrere interessante akademische Reden und unter seinem Vorsitze 83 in lateinischer Sprache geschriebene Dissertationen.

Klüpfel, Geschichte und Beschreib. d. U. Tübingen. S. 255 u. 482. – R. Rekrol. d. D. 1835. S. 454. – Sachs, Medicin. Almanach 1836.