Eine Hochzeit in der Seligmacherarmee

Textdaten
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Autor: Wilhelm Ferdinand Brand
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Titel: Eine Hochzeit in der Seligmacherarmee
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 179–180
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Hochzeit in der Seligmacherarmee.

Von Wilh. F. Brand (London).


Seine Excellenz der „General“ und Mrs. Booth haben mir die Ehre erwiesen, mich zur Hochzeit ihrer ältesten Tochter, des „Marschalls“ von Frankreich, mit dem „Oberst“ Clibborn einzuladen. Dieses brachte mich einigermaßen in Verlegenheit; denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß mir jene Einladung aus dem Grunde zu Theil geworden war, damit ich als „Kriegsberichterstatter“ mit dem Brautpaare zu Felde zöge. Um mich aber vor dem späteren Vorwurfe einer groben Indiskretion zu schützen, daß ich als Hochzeitsgast mich vielleicht gar zu frei geäußert über das, was ich zu hören und zu sehen bekam, so knüpfte ich an die Annahme der Einladung die ausdrückliche Bedingung, daß ich mich als einen in jeder Beziehung ganz und gar unabhängigen Beobachter betrachten dürfte, Ueber die Seligmacherarmee ist schon wiederholt in der „Gartenlaube“[1][WS 1] berichtet worden, und so brauche ich, bevor ich die Hochzeit schildere, nur Einiges über die „glückliche Braut“ mitzutheilen. Der Gründer der Armee, General Booth, entsandte seine älteste Tochter schon vor etlichen Jahren nach Frankreich und gab ihr für diesen Feldzug den Titel „La Maréchale“; in ihrem Thatendrange erstreckte Miss Booth ihr Operationsgebiet auf die benachbarte Schweiz, wo sie, wie das noch Manchem frisch in Erinnerung sein dürfte, von den Behörden über die Grenze gebracht wurde. Es ist leicht möglich, daß diese „Feldherrin des Kontinents“ in nächster Zeit Deutschland mit Krieg überziehen wird; denn General Booth hat mir mitgetheilt, daß das officielle Organ der Armee „The War Cry“ („Der Schlachtruf“) bereits auf Deutsch und in Deutschland erscheint und daß seine Avantgarde zunächst in Stuttgart ein Feldlager aufgeschlagen hat. –

Als ich am 8. Februar etwas vor der festgesetzten Zeit um halb elf Uhr Morgens in die festlich geschmückte Halle trat, war diese bereits ziemlich gefüllt. Statt auf einem der reservirten Plätze mich niederzulassen, zog ich es thörichterweise vor, unter dem Gros der Truppen in einer Ecke Platz zu nehmen, weil ich wähnte, hier eine ungestörtere Anschauung von der Denkweise und dem Gebahren der Gemeinen gewinnen zu können. Anfangs war es unter ihnen auch noch auszuhalten. Als die Halle sich aber immer mehr füllte und die Truppen mir immer näher rückten, so daß wir bald ganz dicht gedrängt an einander saßen, wurde es doch schließlich recht peinlich. Natürlich kann ich Niemand tadeln als mich selbst, denn es hatten mir ja bessere Plätze zur Verfügung gestanden. Diese Truppen putzen erbärmlich schlecht oder putzen doch nur innerlich. Wie erbaulich aber ein reines Herz auch sein mag, für den nächsten Nachbar sind jedenfalls reinliche Ellenbogen derer, die reines Herzens sind, eine gar angenehme Zugabe.

Nach der Schätzung des Generals waren nicht weniger als 5000 Personen anwesend. Die große Halle war mit mancherlei Bannern stattlich herausgeputzt und die Wände waren mit packenden Inschriften verziert, wie „Du magst verdammt sein, bedenke das,“ „Du kannst gerettet werden auf der Stelle,“ „Erlösung hier und jetzt“ u. dergl. Auf der uns entgegengesetzten Seite der Halle, auf amphitheatralisch aufsteigenden Sitzen hatten zahlreiche Vertreter des Officierkorps männlichen und weiblichen Geschlechts Platz genommen. Daneben saßen die Kadetten und Kadettinnen, die zuweilen auch als besondere Leibgarde des Generals fungiren und mit diesem religiöse Feldzüge durch die Provinzen unternehmen. Vor ihnen saßen die ausländischen Krieger der Armee, aus Schweden, Kanada, Australien und selbst aus Indien in ihren zum Theil recht bunten Nationalkostümen. Der weibliche Generalstab der Marschall-Braut aus Frankreich und der Schweiz war durch ein halbes Dutzend junger Damen vertreten. Sie trugen gewaltige Rosetten von der Farbe der französischen Trikolore, mit denen das rothe Kreuz auf weißem Felde recht geschmackvoll verwoben war. So waren ziemlich alle Nationen der Welt hier vertreten, nur Deutschland nicht, oder dieses doch – wie ein charmanter Mädchen-Lieutenant gar zu schmeichelhafter Weise später sich äußerte – nur durch mich!

Ueberall herrschte lauter Jubel, ja eine gewisse Ausgelassenheit, die ein charakteristisches, von der Armee bereitwilligst anerkanntes Merkmal ihrer religiösen Andacht ausmacht. Denn auf diese Weise, sagen die Salvatoristen, sei den verstockten Sündern am besten beizukommen.

Heute aber, bei dem fröhlichen Feste der Vermählung der geliebten Marschallin, herrschte doppelter Jubel. Mit verdoppeltem Enthusiasmus wurden heute die Kriegsgesänge, die Hymnen der Armee gesungen, die allesammt zu den bekanntesten Volksmelodien gedichtet worden sind. Die populärsten Trinklieder und Gassenhauer sind mit verändertem Text die populärsten religiösen Lieder der Seligmacher geworden. Und mit welchem Ausdruck, welchem Feuer sie dieselben absingen! Sie stampfen den Text mit den Füßen, klatschen dazu in die Hände oder begleiten die Melodie mit Tambourinengepauke und auf allen möglichen anderen musikalischen und unmusikalischen Instrumenten.

Wir hatten bereits mehrere Lieder gesungen, da trat der Chef des Generalstabs ein, der mit lautem Jubel begrüßt wurde. Ihm folgte bald der General mit der Frau Generalin, denen ein noch enthusiastischerer Empfang zu Theil wurde. Der General zog ein buntes Schnupftuch aus der Tasche und schwenkte es zur Begrüßung hin und her. Alle folgten jubelnd seinem Beispiel, Alle wenigstens, die ein Taschentuch aufzuweisen hatten; und ich – leider muß ich’s bekennen – gehörte nicht zu ihrer Zahl! Es ist nicht mehr als billig, daß, wenn man bei Andersgläubigen einer religiösen Handlung beiwohnt, man auch möglichst deren Gebräuche mitmacht. Unwillkürlich, wenn auch mit einigem Zögern, griff ich daher, als alle Taschentücher in der Halle zu eben so viel fliegenden Bannern wurden, auch nach meinem Taschentuch – doch ich hatte keins – mehr! – Ich will den Verlust zu verschmerzen suchen, ohne irgend welche unliebsame Betrachtungen daran zu knüpfen; aber daß ich ein Taschentuch eingesteckt hatte, als ich von Haus ging, brauche ich wohl kaum zu versichern.

Es nahte nun auch der Bräutigam und unter lautestem Jubel bald auch die Braut. Sie trug das einfache Kleid der Armee, nur eine gewaltige krèmefarbene Schärpe darüber. Die Ceremonie begann mit einem Gesang der französisch-schweizerischen Abgeordneten, der nichts Anderes war, als das richtige – Jodeln, und einen außerordentlichen Effekt erzielte!

Hierauf sprach ein Major-Fräulein ein inbrünstiges Gebet, während dessen die glaubensvolle Menge auf den Knieen lag. Manche hoben ihre Hände verzückt zum Himmel auf, andere schlugen sich auch wohl pathetisch an die Brust und stöhnten Amen und Hallelujah. Es wurden verschiedene Ansprachen gehalten, unter denen die des Generals die kernigste war, und dann vollzog er den Trauungsakt, während dessen eine gewaltige Fahne von einem Hauptmann über den Häuptern der Brautleute langsam hin- und hergeschwenkt wurde. Sie hatten nicht nur das auch in der englischen Kirche übliche Gelübde abzugeben, sich als „gesetzmäßig angetraute Eheleute halten zu wollen“, sondern mußten auch noch geloben, „Zeit ihres Lebens einander treue Kameraden in diesem Kriege bleiben zu wollen“. Unter schallenden „Salven von Amen-Gejauchze“ und „Kanonaden von Hallelujahs“ aus dem Munde der Menge legte dann der General die Hände der Brautleute in einander und erklärte sie für Mann und Frau.

Jetzt aber konnten auch diese nicht länger mehr an sich halten. Der Bräutigam-Oberst riß sich hastig den Rock herunter und machte nun auch durch eine Feuerrede seinem Herzen Luft. Dann sang die junge Frau ein Solo nach der bekannten Melodie des alten schottischen Volksliedes „Auld lang syne“. Hierauf hub sie an und predigte, daß die ganze Halle von dem Schluchzen der allgemeinen Rührung wiederhallte. „Könnte wohl ein menschliches Wesen aus eigener Machtvollkommenheit so reden?“ sagte mir später ein höherer Stabsofficier entzückt und mit dem Ausdrucke innerster Ueberzeugung. „Sie ist das ganz vornehmlich auserwählte Rüstzeug. Durch sie besonders spricht eine höhere Macht!“ Es läßt sich nicht leugnen, die Frau Marschallin ist eine außerordentliche Rednerin sowie eine höchst sympathische Erscheinung; von schlankem Wuchs und regelmäßigen, edlen Gesichtszügen, hat sie einen ernsten, etwas melancholischen, doch vielleicht auch ein wenig überspannten Ausdruck im Gesicht, das von einer Fülle des schönsten, dunklen Haarwuchses umrahmt ist. Sie spricht äußerst fließend, eindringlich, mit wohllautender Stimme und mit lebhaften, aber nie unschönen Gesten. Sie ist von so einnehmendem Aeußern, wie sie offenbar selbst von ihrer Sache eingenommen und durchdrungen ist. Und wenn die Frau Marschallin in eigener Person den Feldzug in Stuttgart eröffnet, da mögen mir die Stuttgarter jungen Männer auf ihrer Hut sein. Ich habe mich nun aber über das „Wie“ ihres Vortrags so eingehend ausgesprochen, daß mir für das „Was“ leider kein Raum mehr bleibt!

Plötzlich trat hastigen Schrittes eine Ordonnanz an den General heran. Eine lebhafte Bewegnug entstand unter der ganzen Generalität und auch die Truppen in Reih und Glied standen in gespannter Erwartung. Es war etwa, als ob das Herannahen des Feindes gemeldet worden wäre. Aber der Grund der Aufregung war ein ganz anderer. Ein Major fühlte sich „gedrängt zu reden“. Ein schriller Pfiff der zum Signalisiren verwandten Pfeife gebot Ruhe. Lautlos harrte das ganze Heer der kommenden Eröffnung. Da erhob er sich schon, der inspirirte Major – es war ein männlicher. Die Augen geschlossen, wie wenn er auf die Stimme aus einer andern Welt lauschte, die Gesichtszüge verzerrt, die Hände himmelstürmend krampfhaft zur Decke aufgehoben stand er da, der vermeintliche Heilige – ein Bild des Jammers und des Mitleids. Und was hatte er uns nun mitzutheilen?

„Wir sollen sie zur Erlösung führen, die sündige Menschheit,“ hub er dumpf an. Dann stockte er einen Augenblick wie auf eine weitere Eingebung lauschend, während ein halb unterdrücktes „Wir wollen es“, „Hallelujah“ und dergleichen Ausrufe durch das Heerlager schwirrten.

„Wir sollen sie erlösen,“ wiederholte er eindringlicher und lauter. Und lauter erschallten die Rufe der Truppen durch das Lager.

„Erlösen sollen wir sie,“ rief der Major zum dritten Male, nun mit Donnerstimme. „Trete hervor, wer sich noch nicht erlöst fühlt. Hier ist der Ort, jetzt die Zeit.“ Ein enthusiastisches Feldgeschrei der Krieger folgte seinen Worten, als er sich wieder hingesetzt hatte. Doch ein bekehrter Sünder meldete sich dieses Mal nicht.

Manchen mag eine solche Scene tollhäuslerisch vorkommen. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß gerade derartige Vorgänge auf die erregbare, ungebildete rohe Masse einen besonderen Eindruck machen. Es soll gerade bei solchen Gelegenheiten immerfort vorkommen, daß die Sünder überwältigt und bußfertig hervortreten und sich zur Armee bekennen. Ob aber solche plötzliche Buße und Bekehrung unter der Erreguug des Augenblicks, selbst wo die Buße tief empfunden und sehr ernst gemeint sein mag, von irgend welchem nachhaltigen Nutzen sein kann und nicht vielmehr nur eine krankhafte Ueberspanntheit erzeugt, darüber sind eben die Ansichten des Mr. Booth und die der meisten anderen Menschen gar sehr verschieden.

Ueber zwei Stunden hatten die Vermählungsfeierlichkeiten bereits gewährt, da wurden wir endlich alle erlöst: die Ceremonie war zu Ende. In einem Nebensaal war die Tafel gedeckt und etwa 200 Personen, die nächsten Verwandten und Freunde des Brautpaares, die Spitzen der [180] Generalität und die angesehenen und wohlhabenderen Freunde und Gönner der Armee setzten sich nun zum Hochzeitsmahl nieder. Geredet wurde auch hier wieder sehr viel, doch eben nicht mehr als auf manchen anderen Hochzeiten. Wenn ich sage, daß ich noch nie ein so einfaches, dürftiges Hochzeitsmahl eingenommen, so ist das keineswegs Undank noch Unrecht gegenüber den gütigen Gastgebern, die ja die einfachste Lebensweise in jeder Hinsicht sich zur Aufgabe gestellt haben. Uebrigens gab es verschiedene kalte Fleischspeisen und Kartoffeln und dazu – Thee und Kaffee zu trinken. Alle Spirituosen sind in der Armee gänzlich untersagt. Nach Tisch wurde eine Subskription ins Werk gesetzt. Manche zeichneten 5 Pf. Sterl., einzelne auch 50 und 100 Pfund. Es mußten also wohl einige recht wohlhabende Leute zugegen sein. Doch ihre Anzahl ist verschwindend klein unter der großen Masse der ganz Mittellosen, die der Armee angehören. Der gebildete Engländer im Allgemeinen hat durchaus keine Sympathie für dieselbe. Allein es ist doch wohl eben nur in England möglich, daß eine derartige Bewegung eine solche Ausdehnung gewinnen konnte.



  1. Vergl. Jahrg. 1883, S. 124 und 1887, S. 83. Von dem Verfasser ist in seinem Werke „Londoner Streifzüge“ (Halle a. S., Otto Hendel) eine ausführliche Abhandlung über die Seligmacherarmee veröffentlicht worden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 1887, S. 183