Textdaten
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Titel: Die Heilsarmee
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 83
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[83] Die Heilsarmee läßt wieder von sich hören. Ihr General Booth ist von seiner amerikanischen Rundreise nach London zurückgekehrt, und diese Rückkehr ist in Exeterhall festlich begangen worden. Ein Zug von 4000 bis 5000 Mann holte den General von der Eisenbahnstation ab und marschirte durch London unter ungeheurem Zudrang des Volkes. In Exeterhall wurden Hymnen gesungen und der mit der üblichen stürmischen Begeisterung begrüßte General stattete Bericht ab über seine amerikanische Reise: er erzählte, er habe 15000 Meilen durchstreift und in 200 Versammlungen gesprochen.

Diese Heilsarmee ist eine der merkwürdigsten Ausgeburten der englischen Sektirerei: auf ihrem Programm steht in erster Linie eine lärmende Frömmigkeit, welche gerade durch diesen Lärm, den sie auf den Straßen und in den Blättern macht, immer neue Anhänger zu werben sucht. Begründet wurde die Armee von William Booth, jetzt General Booth, einem früheren Methodistenprediger. Im Jahre 1865 hielt er in den östlichen Armenvierteln Londons eine Reihe von Missionspredigten zur Rettung des Seelenheils der Armen, deren trostlose Lage durch den Schnapsgenuß noch verschlimmert wird; er gründete einen Ostlondoner christlichen Wiederbelebungsverein, der später den Namen „Christliche Mission“ führte, doch es wurde in den Ausschußsitzungen zu viel debattirt, und Booth kam auf den Gedanken, eine militärische Disciplin einzuführen. Er verwandelte die Mission in eine Armee, deren Oberbefehlshaber er selbst war: diese Armee von bekehrten Männern und Weibern soll alle Menschen veranlassen, den Ansprüchen Gottes an ihre Liebe und Verehrung gerecht zu werden, die Sklaven der Sünde befreien und in Kinder Gottes verwandeln. Alles in dieser Armee ist militärisch organisirt und benannt: es giebt einen General, einen Generalstab, ein Hauptquartier, Kasernen, Fahnen, Soldaten, Kanonaden, schweres Geschütz, Bombardements, Exercirübungen. „Blut und Feuer“ ist die Losung: das Blut der Erlösung und das Feuer des heiligen Geistes im Kampfe gegen den Teufel. Die Uniform besteht aus einer dunkelblauen, höchst einfachen, mit rothen Schnüren eingefaßten Jacke, deren Kragen auf jeder Seite ein S trägt („Salvation“, Erlösung); unter der Jacke tragen die meisten noch ein rothes Garibaldihemd. Die weibliche Uniform besteht aus sehr einfachen Hüten und Kleidern. Die Armee besitzt eine Schulungskaserne, aus der die Kadetten als Probelieutenants hervorgehen; die Lieutenants und Kapitäne leiten die Processionen und Versammlungen; es giebt auch weibliche Officiere. Die Frau des Generals erfreut sich des größten Ansehens bei der Armee, und eine seiner Töchter leitete die Operationen in Paris und in der Schweiz. Die Officiere haben wöchentliche Berichte an das Hauptquartier in London einzusenden, die im Hauptblatte des Vereins, „Das Kriegsgeschrei“, zum Abdruck kommen; sie berichten darin besonders über die Städte, die sie „erobert“ haben, und diese Mittheilungen sind in lauter Wendungen militärischer Berichterstattung abgefaßt.

Wo die Heilsarmee einrückt oder einen Umzug veranstaltet, da macht sie einen wahren Höllenspektakel: je mehr Lärm, desto mehr Erfolg; Frau Generalin Booth hat sich dahin geäußert, daß dies Alles nothwendige Reklame sei, die eine so gute Sache so wenig entbehren könne wie manche schlechte: daher blutrothe Plakate und Fahnen, lärmende Musik bei den Märschen, der Gesang frommer christlicher Lieder, die oft in ganz burschikosen Versen abgefaßt sind und nach Melodien aus Operetten und Tingeltangels gesungen werden. Die an der Spitze schreitenden Kapitäne machen oft die verrücktesten Gebärden. Diese Umzüge mit dem Skandal, den sie mit sich bringen, reizen den Spott der Gassenjugend, welche die Heiligen oft mit Koth bewirft, oder die Unbekehrten mißhandeln die Bekehrten auf offener Straße; ja es hat sich eine ganze Armee, die sogenannte „Skelettarmee“, gebildet, welche auf ihren Fahnen Todtengerippe, an schweren Knütteln, welche gelegentlich den „Seligmachern“ sich sehr unliebsam erweisen, farbige Tücher trägt und mit Zinnpfeifen, zerfetzten Trommeln und Eisentöpfen, die mit Steinchen gefüllt sind, einen tollen Lärm macht; in jeder Hinsicht sucht diese Armee die Heilsarmee zu überbieten; auch im Geheul von Liedern will sie dieselbe übertäuben: natürlich kommt es zu gelegentlichen Zusammenstößen, wobei die Skelettmänner, da sie keine christliche Milde zu üben brauchen, in der Regel den Sieg davontragen.

In den Erlösungsversammlungen fehlt es ebenfalls nicht an Gesang und Musik. Blasinstrumente und Trommeln werden von Tambourins begleitet, die von den sogenannten Hallelujahmädchen gespielt werden, die dann auch das Geld auf Tellern einsammeln; es wird gepredigt, die Rekruten melden sich; die Bekehrten erzählen von den Wundern des Glaubens; in den Zwischenpausen ergeht man sich in unheiliger Plauderei. Dann giebt es auch Versammlungen der Heiligen selbst, die ohne diesen ganzen Hokuspokus stattfinden und einen ernsten geistlichen Charakter tragen.

Es würde unbegreiflich scheinen, daß diese „Heilsarmee“, die in ihren äußeren Formen eine Karikatur des religiösen Lebens darstellt, einen so außerordentlichen Erfolg erringen konnte, wenn man nicht des gesunden Kerns gedenkt, der allen diesen Verzerrungen zu Grunde liegt: der Kampf gegen den Alkohol und das Laster in jeder Art ist gewiß ein berechtigter und wird außerdem in den verrufensten Stadtvierteln der großen Städte geführt, inmitten einer Bevölkerung, welche nie von einem Strahle geistigen und religiösen Lichts berührt wird. Der Lebenswandel, zu dem sich viele Hunderttausende bekehren, steht in schroffem Widerspruche mit den Wegen, die sie früher gewandelt sind; die Kleidung muß schmucklos sein, das Rauchen und der Genuß geistiger Getränke ist aufs Strengste verboten, eben so das Spielen von Glücksspielen, das Lügen und Fluchen, jeder Betrug im Geschäftsleben, jede unreine Handlung, jeder unreine Gedanke.

Damit mag man sich den großen Zuwachs der Heilsarmee von Jahr zu Jahr erklären. Nach dem letzten Jahresbericht zählt dieselbe gegenwärtig 1786 Korps mit 4192 Offizieren, während sie im vorigen Jahre nur 1322 Korps und 3076 Offiziere zählte. In der ersten Woche des Jahres 1886 wurden 25496 Versammlnngen abgehalten, in der letzten Woche 29733, während des ganzen Jahres 1435980. Die Einnahme betrug im Ganzen 73430 Pfund Sterling. Immer andere Länder sucht die Heilsarmee in ihr Netz zu ziehen; in Amerika hat General Booth jetzt große Eroberungen gemacht. Doch in der Schweiz und in Deutschland stößt der Siegeszug der Erlöser auf unüberwindliche Hindernisse. †