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Zweite Abhandlung (Über das tugendhafte Leben)

Textdaten
Autor: Isaak von Ninive
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Titel: Zweite Abhandlung
Untertitel:
aus: Über das tugendhafte Leben, Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 300-310.
Herausgeber: Gustav Bickell
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 7. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Faksimile auf den Commons
Kurzbeschreibung:
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BKV Erste Ausgabe Band 38 300.png
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[300]

Zweite Abhandlung

Über die Dankbarkeit gegen Gott, nebst anderen kurzgefaßten Belehrungen.

Die Dankbarkeit des Empfängers bewegt den Geber zu Gaben, die noch größer als die ersten sind. Wer das Geringe unbenützt läßt, ist auch in großen Dingen untreu und undankbar.

Der Kranke, welcher von seiner Krankheit überzeugt ist, kann leicht geheilt werden; und wer seine Schmerzen bekennt, ist der Genesung nahe. Ein hartes Herz erleidet um [301] so größere Schmerzen,[1] gleichwie die Qual eines Kranken zunimmt, der sich dem Arzte widersetzt.

Keine Sünde ist ohne Vergebung, ausser der, welche ohne Buße ist; und keine Gabe bleibt ohne Vermehrung, ausser der, welche nicht mit Danksagung angenommen wird.

Es steht geschrieben,[2] daß in den Augen der Thoren[BN 1] sein Antheil zu gering erscheint.

Erinnere dich immer an Diejenigen, welche dich an Tugend übertreffen, damit du dir selbst allezeit im Vergleich mit ihnen verächtlich vorkommen mögest!

Betrachte stets die schwere Bedrängniß Derer, welche harten und argen Leiden ausgesetzt sind, damit du für die geringen, dir auferlegten Leiden Dank sagest und sie freudig zu ertragen vermögest!

Zur Zeit, da du niedergeschlagen, nachlässig und träge bist und dein Widersacher dich in kläglichem Elend und in der Qual des Sündendienstes gefangen und gefesselt hält, da stelle dir die früheren Zeiten des Eifers vor, als du noch bis in’s Kleinste Sorgfalt zeigtest, von Eifer gegen Die, welche deinen Fortschritt hindern wollten, ergriffen warst, Seufzer darbrachtest für die geringen Fehler, welche du, wie zufällig, aus Unachtsamkeit begangen hattest, und dir aus allen Kräften durch den Sieg über dieselben eine Krone bereitetest! Denn alsdann wird deine Seele durch solche und ähnliche Erinnerungen wie aus der Tiefe auferweckt, bekleidet sich mit Eiferflammen, steht aus ihrer Schlaftrunkenheit gleichsam wie von den Todten auf, erhebt sich und kehrt in ihre frühere Schlachtreihe zurück zum heissen Kampfe gegen Teufel und Sünde.

Gedenke des Falles der Starken, damit du in deinem Tugendstreben demüthig bleibest, und erinnere dich an die reuigen Büßer, welche früher schwere Sünden begangen hatten und dennoch nachher Erhöhung und Ehre erlangten, damit du in deiner Buße ermuthigt werdest!

[302] Verfolge dich selbst, so wirst du deinen Widersacher von dir hinwegtreiben!

Halte Frieden mit deiner Seele, so werden Himmel und Erde mit dir Frieden haben!

Bestrebe dich, in die Schatzkammer, welche in deinem Inneren ist, einzugehen, so wirst du die himmlische sehen! Denn jene und diese ist eine und dieselbe; durch ein Hineingehen wirst du beide schauen!

Die Leiter zum Himmelreiche ist in dir verborgen in deiner Seele. Tauche von der Sünde hinweg in dich selbst unter, so wirst du dort Stiegen finden, auf welchen du hinaufsteigen kannst!

Die (heiligen) Schriften haben uns nicht auseinandergesetzt, was die Dinge der zukünftigen Welt seien, sondern sie haben uns einfach gelehrt, daß wir schon jetzt, ohne Umwandlung unserer Natur und Wechsel des Orts, unmöglich eine Empfindung von ihrer Seligkeit erlangen können.

Wenn sie auch denselben zu unserer Aneiferung liebliche Namen von erhabenen Dingen, die uns angenehm und theuer sind, gegeben haben, so beweist uns der Ausspruch:[3] „Kein Auge hat es gesehen und kein Ohr gehört u. s. w.“, daß die zukünftigen Dinge wegen ihrer Unbegreiflichkeit keine Ähnlichkeit mit irgend etwas Irdischem besitzen.

Die geistliche Glückseligkeit besteht ja nicht in dem Genusse für sich bestehender Dinge, welche von den Empfängern ausserhalb ihres Ichs gefunden und uns in der zukünftigen Weltordnung verheissen würden. Wenn es sich anders verhielte, so müßten wir ja nach den Aussprüchen:[4] „Das Himmelreich ist in euch“ und: „Dein Reich komme“ einen Vorrath von sinnlich wahrnehmbaren Dingen als Unterpfand der dadurch zu bewirkenden Glückseligkeit in uns besitzen. Denn das Unterpfand muß nothwendiger Weise eine gewisse Ähnlichkeit mit diesen Dingen selbst besitzen, wenn wir sie auch hier nur theilweise, jenseits aber ganz und vollkommen erlangen, [303] da ja auch der Ausspruch: „wie in einem Spiegel,“[5] wenn gleich nicht das eigentliche Wesen, so doch auf jeden Fall die Eigenschaft der Ähnlichkeit anzeigt. Wenn es aber nach dem wahrhaften Zeugniß der Schriftausleger eine übersinnliche Thätigkeit des heiligen Geistes und diese ein Theil von jener vollständigen ist, so ist also jenseits, neben der Thätigkeit des Geistes, welche durch übersinnliche Wahrnehmung zwischen ihm und ihnen vermittelt wird, in der Seligkeit der Heiligen nichts sinnlich Wahrnehmbares inmitten der übersinnlichen Dinge vorhanden, ausser jenen Urgründen,[6] welche Alles in seiner Bestimmtheit in sich einschließen, und, wenn wir uns so ausdrücken wollen, der Lichtausstrahlung, die wir aber nur als eine rein geistige auffassen dürfen.

Ein Liebhaber der Tugend ist nicht Derjenige, welcher nur eifrig Gutes thut, sondern der, welcher die damit verbundenen Leiden freudig auf sich nimmt.

Aber auch daß der Mensch um der Tugend willen geduldig Leiden ertrage, ist nicht etwas so Großes, als daß sein Geist nicht durch die Verlockung zu Lüsten von der Wahl seines guten Willens abwendig gemacht werde. Denn jede Reue, welche nach der Aufhebung der Willensfreiheit erfolgt,[7] bringt keine Freude hervor und wird auch dem Reuigen nicht als Verdienst angerechnet.

Halte die Fehler des Sünders verborgen, ohne dich selbst durch ihn in Gefahr zu bringen, und sprich ihm Muth ein, damit auch dich das Erbarmen des Herrn ertrage!

[304] Stütze die Schwachen und Geistesbedrängten durch Worte, so gut sie dir zu Gebote stehen, damit auch dich die rechte Hand, welche Alles trägt, stütze! In schmerzerfülltem Gebete und herzlichem Seufzen sei ein Gefährte Derer, welche betrübten Herzens sind, damit der Quell des Erbarmens vor deinen Bitten geöffnet werde!

Strenge dich in stetem Gebete vor Gott an, indem dein Herz reine Gesinnung voll Reueschmerz trägt, so wird er deinen Geist vor unreinen Gedanken bewahren, damit nicht der Weg Gottes deinetwegen verachtet werde!

Verwende deine Blicke zu steter verständiger Beschäftigung mit den (heiligen) Schriften, damit nicht in Folge deines Müssigganges ein fremdartiger Gegenstand deinen Blick trübe!

Führe deinen Geist nicht in Versuchung, indem du ihn, wie um ihn auf die Probe zu stellen, auf unreine, gefährliche Gedanken richtest, in der Meinung, du würdest nicht besiegt werden! Auch Weise sind auf diese Art verwirrt und thöricht geworden. Trage nicht eine Flamme in deinem Busen, wie gesagt ist![8] Ohne strenge Abtödtungen des Leibes ist es schwer, die Unerfahrenheit der Jugend unter das Joch der Heiligkeit zu bringen.

Wenn sich in der Seele ein Zeichen für den Anfang der geistigen Verfinsterung zeigt, so beginnt es zunächst mit Nachlässigkeit im Dienste Gottes und in den Gebeten. Denn auf andere Weise kann der Weg zum Irrthum nicht in der Seele gebahnt werden, als dadurch, daß sie zuerst diese Übungen aufgibt, damit sie der göttlichen Hilfe beraubt werde, welche ihr durch dieselben zufließt, und so leicht in die Hände der Feinde falle; dann aber auch, damit sie das Streben nach dem Erwerbe der Tugend vernachlässige und so nothwendig zu dem entgegengesetzten Streben hingerissen werde. Denn die Abwendung von der einen Seite ist der Anfang der Hinneigung zu der entgegengesetzten. Laß die [305] Ausübung der Tugend in deiner Seele zunehmen, indem du über sie nachdenkst und sie auch ausführst![9]

Zeige immer vor Gott deine Schwäche, damit nicht die Fremden[10] deine Stärke auf die Probe stellen, während du von deinem Helfer verlassen bist!

Zwiefach ist die Übung des Kreuzes gemäß seiner doppelten Natur, da es in zwei Theile getheilt wird, nämlich in die geduldige Ertragung der leiblichen Drangsale, welche durch die Wirksamkeit des zornig strebenden Theiles der Seele zu Stande kommt und Thätigkeit heißt, und in die feine Wirksamkeit des Geistes durch Verkehr mit Gott, stetes Gebet und Ähnliches, welche in dem begehrenden Theile geübt wird und Beschaulichkeit heißt.[11] Die eine reinigt durch die Kraft ihres Eifers den empfindenden Theil der Seele; die andere läutert den erkennenden Theil durch die liebende Thätigkeit der Seele, welche das ihr naturgemäße Streben ist.

Gegen einen Jeden also, welcher, ohne sich zuvor in Bezug auf den ersten Theil Übung erworben zu haben, begierig, um nicht zu sagen träge, zum zweiten wegen dessen Annehmlichkeit hinüberspringt, entbrennt der Zorn Gottes, weil er nicht zuerst seine irdischen Glieder ertödtet hat, das heißt weil er nicht die Krankheit seiner Gedanken durch Erdulden der Mühe und Schmach des Kreuzes geheilt hat [306] und es dennoch wagt, sich in seinem Geiste die Herrlichkeit des Kreuzes einzubilden.

Deshalb haben die Heiligen der Vorzeit gesagt: „Wer seinen Geist zum Kreuze erheben will, ehe seine Sinne von ihrer Schwäche befreit sind, der zieht sich den Zorn Gottes zu.“

Dieses zornberwirkende Aufsteigen zum Kreuze bezieht sich nicht auf jene ersten Theil, das Erdulden von Leiden, was auch eine Kreuzigung des Leibes ist, sondern auf das Aufsteigen zur Beschaulichkeit, welche erst als zweiter Theil nach geschehener Heilung der Seele geübt werden soll. Denn wer dazu eilt, sich in seinem Geiste Gedankenbilder vorzustellen, während derselbe noch mit unreinen Leidenschaften befleckt ist, der wird durch Strafe zum Schweigen gebracht, weil er nicht zuvor seinen Geist durch schmerzliche Überwindung der fleischlichen Begierden geläutert hat, sondern sogleich dem Gehörten und Gelesenen entgegeneilt, um mit erblindeten Augen auf einem von dichter Finsterniß verhüllten Weg zu wandeln, wo doch sogar Diejenigen bei Tag und Nacht in Gefahr sind, welche gesunde, erleuchtete Augen haben und von der Gnade auf dem Wege geleitet werden, indem ihre Augen mit Thränen angefüllt sind und sie in Gebet und Weinen den Tag mit der Nacht verbinden aus Furcht vor dem Wege, vor den gewaltigen Felsen, an die sie sich stoßen, und vor den Trugbildern, welche sich häufig auf dem Wege neben den Erscheinungen der Wahrheit finden.

Diese göttlichen Dinge kommen von selbst, ohne daß du es merkst, wenn sie in dir eine reine, unbefleckte Stätte finden. Wenn aber der kleine Augapfel deiner Seele nicht gereinigt ist, so wage nicht in die Sonnenscheibe zu schauen, damit du nicht sogar die gewöhnliche Sehkraft verlierest, welche ist einfacher Glaube, Demuth, herzliche Lobpreisung Gottes und die deinen Kräften angemessene geringe Thätigkeit, und hinweggeschleudert werdest in einen von den begrifflichen Orten, welcher die von Gott entfernte Finsterniß [307] und ein Vorbild der Hölle ist, gleich Jenem, der es wagte, mit unreinen Gewändern zum Festmahle zu kommen![12]

Aus Anstrengung und Behutsamkeit entspringt Reinheit der Gedanken, aus Reinheit der Gedanken Erleuchtung des Verstandes; mittelst dieser leitet die Gnade den Geist zu dem, was die Sinne weder lehren noch lernen können.

Stelle dir die Tugend als den Leib, die Beschaulichkeit aber als die Seele vor, welche beide den vollkommenen Geistesmenschen ausmachen, in dem die sinnlich wahrnehmbaren und übersinnlichen Bestandtheile vereinigt sind!

Gleichwie es nicht möglich ist, daß die Seele ins Dasein kommen und entstehen kann, wenn nicht der Körper nach seinen Gliedern vollständig ausgebildet ist, so vermag auch die Beschaulichkeit, diese zweite Seele, welche der Geist der Offenbarungen ist, nicht[13] in dem Schooße der Vernunft, welche den Vorrath des geistlichen Samens in sich aufnimmt, gebildet zu werden, wenn nicht zuvor die Ausübung der Tugend als das Haus der Erkenntniß, welche die Offenbarungen aufnimmt, Gestalt gewonnen hat.

Die Beschaulichkeit ist die Empfindung der göttlichen Geheimnisse, welche in den Dingen und Ursachen verborgen sind.

Wenn du aber die Entfernung von der Welt oder das Verlassen der Welt oder die Reinheit von der Welt nennen hörst, so mußt du zunächst lernen und erkennen, nicht thöricht, sondern mit verständigem Sinne, was der Name „Welt“ bedeutet, und aus wie vielen verschiedenen Bestandtheilen dieser Begriff besteht. Alsdann wirst du erkennen können, in wie weit du selbst von der Welt entfernt oder mit ihr verbunden bist.

[308] Wenn der Mensch nicht zuvor weiß, was die Welt ist, so versteht er auch nicht, mit wie vielen Gliedern er von der Welt losgelöst oder in sie verstrickt ist.

Es gibt Viele, welche sich einbilden, sie seien in ihrem Wandel der Welt überaus weit entrückt, weil sie sich in zwei oder drei Dingen von ihr entfernen und sich enthalten. Denn sie sind nicht weise genug, um einzusehen, daß sie zwar in einem oder zwei Gliedern der Welt abgestorben sind, aber mit ihren übrigen Gliedern in dem Körper der Welt leben. Deßhalb vermögen sie nicht einmal ihre Leidenschaften zu merken, und weil sie dieselben nicht wahrnehmen, sind sie auch nicht für ihre Heilung besorgt.

Unter dem Worte „Welt“ versteht man, zufolge der Untersuchung durch die Kontemplation, die Aufstellung eines gemeinsamen Namens, welcher für alle einzelnen Leidenschaften paßt. Denn wenn wir die Leidenschaften in einem einzigen Worte zusammenfassen wollen, so nennen wir sie Welt; wenn wir aber die einzelnen Leidenschaften bezeichnen wollen, so nennen wir eine jede mit ihrem besonderen Namen.

Die Leidenschaften sind Theile des Laufes des Weltgetriebes; wo nun die Leidenschaften aufgehört haben, da hat auch die Welt mit ihrem Treiben aufgehört.

Es gehört aber zu denselben: die Liebe zum Reichthum, die Ansammlung von Besitzthum, die Überfüllung des Leibes, aus welcher die Leidenschaft der Unkeuschheit entsteht, die Ehrfurcht, welche die Quelle des Neides ist, das Streben nach Ausübung der Obergewalt, Stolz und Hochmuth wegen des Machtbesitzes, Eitelkeit, das Haschen nach Ruhm bei den Menschen, welches die Ursache der Feindseligkeit ist, und die Furcht vor Gefahren des Leibes.

Wo aber der Lauf dieser Dinge zur Ruhe gebracht ist, da hat im Verhältniß zu dem Grade ihres Schwindens auch der Bestand der Welt aufgehört und ist zu Ende gekommen, wie bei einigen Heiligen geschehen ist, welche lebendig todt waren. Sie lebten nämlich im Leibe, aber nicht dem Fleische nach.

[309] Siehe zu, in welchen von jenen Dingen du noch lebst, so wirst du erkennen, in wie vielen Theilen du der Welt, lebst, und in wie vielen du ihr abgestorben bist! Wenn du gelernt hast, was die Welt ist, so lernst du aus diesen ihren besonderen Theilen auch, in wie weit du in sie verwickelt oder von ihr losgeschält bist. Mit einem Worte: die Welt ist der Wandel nach dem Leibe und die fleischliche Gesinnung. Denn auch die Erhebung über sie wird an diesen beiden Merkmalen erkannt, an der Veränderung des Wandels und an der Verschiedenheit der Regungen.

Aus den unmittelbaren Äusserungen deines Geistes über die Dinge, in welchen seine Regungen umherschweifen, kannst du das Maß deiner Sitten erkennen, nämlich wonach deine Natur unwillkürlich verlangt, welche Äusserungen ihr fortwährend entspringen, und durch welche sie nur zufällig bewegt wird, ob dein Geist durchaus nur die Empfindung unkörperlicher Regungen in sich aufnimmt, oder ob er sich ganz in der Materie bewegt.

Diese seine materielle Richtung ist ein leidender Zustand oder eine Abprägung der äusserlichen Thätigkeit. Denn der Geist stellt sich unwillkürlich auch diejenigen Dinge vor, durch welche er die Tugenden ausübt, und wird durch sie in nicht geringem Grade zur Aufwallung und zur Sammlung der Gedanken veranlaßt. Denn auch wenn das Ziel auf das Gute gerichtet ist, kann der Geist noch wegen seiner Ungeübtheit in der Richtung auf das Körperliche thätig sein, wenn gleich nicht in leidender Weise, und so lange ihm noch nicht die heimliche Einwirkung der Gedankenbilder Schmerz bereitet wegen der stärkeren Entflammung durch Gott, welche die nichtigen Erinnerungen abzuschneiden pflegt.

Die wenigen Zeilen dieses Kapitels genügen so gut als viele Bücher, um Den zu erleuchten, welcher still und verständig ist.

Die Furcht des Leibes wirkt so stark auf den Menschen ein, daß er oft um ihretwillen Erhabenes und Herrliches unterläßt. Wenn aber die Furcht der Seele auf jene [310] herabblickt, so vergeht sie vor dieser wie Wachs vor der Gewalt der Flamme.

(Aus Cod. Mus. Brit. 14633, f. 4—7. Vgl. die griechische Übersetzung, S. 186—196).


  1. Jes. Sir. 3, 27.
  2. Jes. Sir. 14, 9.
  3. I. Kor. 2, 9.
  4. Luk. 17, 21; Matth. 6, 10.
  5. I. Kor. 13, 12.
  6. Wahrscheinlich die den geschaffenen Dingen zu Grunde liegenden göttlichen Ideen oder das Bewußtsein Gottes von der möglichen und wirklichen Mittheilung seiner Vollkommenheiten an die Kreaturen. Die griechische Uebersetzung hat den ganzen Nachsatz weggelassen, offenbar wegen seiner Schwierigkeit.
  7. Soll wohl bedeuten: in einem späteren Lebensalter, in welchem jene Versuchungen von selbst aufgehört haben und es also keine Selbstüberwindung und Bethätigung der Willensfreiheit mehr erfordert, ihnen zu widerstehen.
  8. Sprüche Salom. 6, 27.
  9. Das Folgende lautet im Syrischen wörtlich: „und denke über sie nach, und so weiter.“ Die griechische Uebersetzung hat: „und kümmere dich nicht um nichtige Dinge.“
  10. Die bösen Geister.
  11. Nach Aristoteles zerfällt das niedere oder sensitive Strebevermögen (welches Isaak im folgenden Satz den „empfindenden Theil“ oder die Affekte nennt, im Gegensatz zu dem „erkennenden Theil“, dem höheren, geistigen Strebevermögen) in „Begierde“ und „Zorn“, von den Scholastikern pars concupiscibilis und irascibilis genannt. Erstere entspricht dem niederen Begehrungsvermögen im Allgemeinen; letzteres demselben, insofern es sich gegenüber einem Hinderniß geltend macht.
  12. Vgl. Matth. 22, 13.
  13. Die griechische Übersetzung und eine syrische Variante haben bloß: „in dem Mutterschooße, welcher“, ohne Erwähnung der Vernunft.

Berichtigungen und Nachträge

  1. S. 301, Z. 6 lies: des Thoren statt: der Thoren. Berichtigungen und Nachträge, S. 409