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Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten/4. Die Theatermütter

Textdaten
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Autor: Adolf Meyer
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Titel: Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten/4. Die Theatermütter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 572–573
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.
4. Die Theatermütter.


Die originellsten Typen in der Theaterwelt sind die sogenannten Theatermütter; ihre Sippe theilt sich in verschiedene Abarten. Ich will es versuchen, einige interessante Genrebilder aus ihrer Gattung dem freundlichen Leser vorzuführen. Theatermütter kommen als echte, wirkliche und unechte bei der Bühne sehr häufig vor. Die echte, natürliche Theatermutter, von der ich zuerst reden will, gleicht einer alten Henne, die ihr Küchlein, Tochter genannt, mit Argusaugen bewacht – ihre Rechte dictatorisch vertritt und stets kampfbereit ist, wo es gilt, ihrem Kinde nachzutreten. Auch ist sie unerschöpflich im Lobe ihres Kindes. Alles, was dem zur Seite mitwirkt, ist unbedeutend talentlos. Sie spricht stets mit Pathos und gesticulirt bei jedem Worte heftig mit beiden Armen; ihre Kleidung ist auffallend und wird nur aus der abgelegten Garderobe ihrer Tochter für sie angefertigt, so daß ihre Toilette stets alle Farben des Regenbogens schillern läßt. Einen jeden Satz beginnt sie gewöhnlich mit: „Meine Tochter“. Ist diese nun in irgend welchem Schau- oder Lustspiel oder in einer Oper nicht beschäftigt, so zieht sie ohne Erbarmen die größten Meisterwerke herunter, wären sie auch von Goethe, Schiller oder Mozart. Mit verächtlicher Miene, den Kopf zurückwerfend, sagt sie dann wegwerfend: „Es ist mir sehr lieb, daß meine Tochter nicht in diesem langweiligen Kram von Goethe beschäftigt ist“ oder: „Meine Tochter ist immer froh, wenn sie in dieser Mozart’schen Dudelei nicht mitsingen muß.“ Ist nun gar diese Tochter ein wirkliches Talent und nimmt demnach bei der Bühne eine erste, künstlerische Stellung ein, dann ist ganz der Teufel los. Mama tritt in solchem Falle jedem Intendanten oder Director resolut entgegen; sie ist dann der Barometer, welcher das Repertoire genau verkündet; um zu wissen, ob die Abänderung einer Vorstellung stattfindet oder nicht, braucht man nur ihr Gesicht zu beobachten.

Ich kannte eine solche eben beschriebene Theatermutter, welche eine sehr talentvolle Tochter besaß, die, bei der großherzoglichen Bühne in K. engagirt, dort erste Liebhaberin mit großem Erfolg spielte; ihre Mutter war ein Original von Theatermutter und eines von der bösesten Sorte. Sie war der Schrecken der ganzen Hofbühne. Vom Intendanten bis zum Theaterdiener herab war Frau E… gefürchtet wie der Satan, denn Recht und Unrecht waren der guten Frau E… böhmische Dörfer; sie hatte stets Recht. Diese wahrhaft böse Frau trug allein die Schuld, daß ihr so reich begabtes Kind von der deutschen Bühne spurlos verschwand; ihre Herrschsucht trieb es aus einem Engagement in das andere. Frau E… riß die erste beste Gelegenheit, Scandal zu veranlassen, gleichsam vom Zaune; sie bereitete durch ihr rücksichtsloses Gebahren ihrem Kinde manche bittere Stunde und raubte so demselben eine vielleicht glänzende Zukunft. War ein Stück angesetzt, worin ihre Tochter eine unbedeutende Rolle zu spielen hatte, so trachtete Mama danach, sofort das Stück zu hintertreiben.

„Laura, Du hast den Schnupfen. Du spielst mir heute Abend auf keinen Fall! Dein Organ ist nicht frei. Ich lasse abändern, oder sie können diese Lumpenrolle durch die erste beste Choristin spielen lassen.“

„Aber, lieb’ Mütterchen, weshalb soll ich denn den Intendanten unnöthig in Verlegenheit setzen? Ich fühle mich ja vollkommen wohl. Auch ist kein anderes Stück vorbereitet,“ entgegnet dann schüchtern Laura.

„Gerade deshalb spielst Du nicht. Du mußt dem Volke hier zeigen, daß Du unentbehrlich bist; man muß vor Dir Respect haben.“

„Aber Mütterchen –“ wirft Laura bittend ein.

„Nichts da!“ schreit die jetzt schon leidenschaftlich erregte Mama, „Du spielst nicht und damit Punktum!“ Mit diesem kategorischen Imperativ eilt sie in’s Nebenzimmer, aus welchem sie nach kurzer Zeit in voller Toilette in’s Zimmer tritt. „So, nun werde ich dem Herrn Intendanten mit seiner ganzen Sippschaft den Staar stechen.“ Sofort verläßt sie, ohne weiter ein Wort mit ihrer Tochter zu wechseln, das Haus und eilt im Sturmschritte dem Hoftheater zu, wo eben der Intendant, Capellmeister und Regisseur beschäftigt sind, das Repertoire für die nächsten vierzehn Tage festzustellen. Plötzlich öffnet sich mit großem Geräusch die Thür des Bureau’s und Frau E… stürmt, zum Schrecken sämmtlicher Herren, mit glühendem Gesicht in’s Bureau. „Guten Morgen, Excellenz!“ ruft sie, sinkt wie eine Königin unaufgefordert in einen Sessel und ordnet ganz ungenirt ihre knatternde, sich aufbauschende Seidenrobe in künstlerische Falten, ohne weiter von den anwesenden Herren Notiz zu nehmen.

„Ah, Frau E…! Was verschafft mir die Ehre?“ fragt sie höflich der Intendant. „Was wünschen Sie, Frau E…?“

„Ich für meinen Theil gar nichts, Excellenz,“ erwidert Frau E…, „aber meine Tochter, mein Kind, wünscht heute Abend nicht zu spielen. Meine Laura hat den Schnupfen und aus dem Schnupfen entstehen allerlei Krankheiten, wenn man sich nicht in Acht nimmt; dem will ich mein Kind nicht aussetzen. Sie können ja die kleine Rolle, die meine Tochter spielen soll, von der ersten besten Choristin spielen lassen, brauchen also deswegen nicht Abänderungen vorzunehmen.“

„Meine beste Frau E…, das geht mit dem besten Willen nicht. Das Stück muß mit den ersten Kräften der Hofbühne in Scene gehen,“ wirft bescheiden der Regisseur ein; „auch hat es der Großherzog befohlen.“

„Ach, was Sie da Alles sagen, Herr Regisseur! Befohlen hin, befohlen her! Meine Tochter spielt nicht, wenn sie commandirt wird. Meine Tochter ist eine Künstlerin ersten Ranges. Verstanden?“

Um den Scandal nicht auf die Spitze zu treiben, beginnen die Herren, ohne weiter von Frau E… Notiz zu nehmen, die Arbeit wieder.

„Sie machen wohl das Repertoire für die nächsten vierzehn Tage?“ beginnt sie wieder, indem sie ihre Robe in malerische Falten zu bringen sucht; „darf man wissen, was Sie Alles ausgeheckt haben?“

„Nein, Frau E…,“ erwidert sehr pikirt der Intendant; „das Repertoire wird, wie üblich, den Mitgliedern der Hofbühne durch den Theaterdiener überbracht, wenn es festgestellt ist.“

„Also nicht? Na, mir auch recht! Meine Tochter spielt aber nicht jeden Abend; das merken Sie sich, Excellenz. Das Kind soll sich hier für diese miserable Gage nicht die Schwindsucht an den Hals spielen.“

„Es ist dafür bereits gesorgt, daß Ihr Fräulein Tochter nicht allzu sehr in Anspruch genommen wird,“ erwidert unwillig der Intendant; „sie spielt in jeder Woche nur ein Mal.“

„Was? Nur ein Mal spielt mein Kind? Das will ich doch abwarten. Meine Tochter spielt jetzt in jeder Woche drei Mal, und das lauter Hauptrollen,“ ruft Frau E… entrüstet, „oder sie spielt ebenso wenig wie heute! Verstehen Sie mich, Excellenz?“

Mit diesen drohenden Worten rauscht sie wie ein entschleußter Wasserfall zum Bureau hinaus. Alle schlagen mit Andacht ein Kreuz.

Die Folgen des unanständigen Gebahrens dieser stets muthigen Theatermutter ließen nicht auf sich warten. Der armen, unschuldigen Tochter wurde der Contract nicht wieder erneuert. Engagementslos zog sie mit ihrer Megäre von Mutter, lange Zeit bei Wanderbühnen gastirend, umher, bis sie mit ihrer stets wüthenden Mama aus der Theaterwelt spurlos verschwand. Die soeben beschriebene Art von Theatermutter nennt man in der Bühnensprache „Lärmkanone“. Sie ist der Schrecken aller Intendanten, Directoren und Regisseure. Darum ist auch gleich die erste Frage eines Directors, wenn er ein Engagement mit einer Primadonna, oder mit einer ersten Liebhaberin und Heldin abzuschließen gedenkt: „Haben Sie eine Mutter bei sich?“ Fällt eine solche Frage bejahend aus, so zieht sich sofort die Stirn des Directors in düstere Falten, und ist die Errungenschaft nicht hochfein, so wird aus dem Engagement nichts.

Eine andere Spielart von Theatermüttern, die auch noch zu den echten, natürlichen gehören, sind die Zudringlichen, Schwatzhaften; sie sind lange nicht so schlimm, wie die dominirenden; denn hält man sie sich ein wenig vom Leibe, so verschaffen sie den Bühnenangehörigen oft die heitersten Augenblicke [573] durch ihr drolliges, komisches Gebahren. Lobt man ihre Töchter – Söhne findet man selten bei der Bühne von einer Mutter begleitet –, sagt man ihnen, daß dieselben die oder jene Rolle gut gespielt haben, so werden sie sofort klettenartig, tragen dem Lobspender ewige Freundschaft an und beehren ihn mit dem traulichen „Du“; kurz, man hat sie am Halse. Bei alledem tragen sie eine rührende, innige Liebe für ihr Kind im Herzen, die jeder Aufopferung fähig ist.

Eine solche originelle Theatermutter war die alte Frau F…, deren Tochter einst die Zierde der Berliner Hofbühne war. Diese alte, drollige, schwatzhafte Frau wird Jedem, der nur einmal mit ihr zusammen gekommen ist, unvergeßlich bleiben. Es war rührend mit anzuhören, wenn sie von ihrer Tochter sprach, die sie abgöttisch liebte. Jedem, der es hören wollte, erzählte sie, wie brav, wie gut ihr Kind, ihre liebe Line sei, was sie für gute Tage bei ihrem Töchterchen habe etc. Der Schluß solcher Lobrede war dann jedesmal: „Meine Line ist ein Engel in Menschengestalt.“ Und darin hatte die alte Frau vollkommen Recht. Fräulein Lina F … verdiente dieses Prädicat im vollen Maße; denn sie war nicht nur eine hervorragend hochbegabte Künstlerin, sie war auch in ihrem Privatleben eine hochgeachtete Persönlichkeit. Die alte Frau hatte, wie schon gesagt, Recht, auf ihre Tochter stolz zu sein. Aber Stolz kannte die gemüthliche Matrone nicht, und deshalb verzieh man ihr so Manches, was sonst im gewöhnlichen Leben Anstoß erregt haben würde. Nichts Drolligeres, aber auch zugleich oft Störenderes gab es, als das Gebahren der Mama F… Abends in der Loge, wenn ihre Tochter eine bedeutende Rolle zu spielen hatte. Fast dreiviertel Stunden vor Beginn der Vorstellung trat Mutter F… in eine Loge des zweiten Ranges. Ihr erstes Geschäft war, sich den besten Platz auszusuchen; war das geschehen, so breitete sie bedächtig den Theaterzettel über die Logenbrüstung aus, so daß er gleichsam für Jedermann praktikabel war. Trat nun Jemand in die Loge, so suchte sie sich sofort mit ihm bekannt zu machen. Wehe ihm, wenn er sich mit Mama F … in eine Conversation einließ! Das ganze Stück war dann für ihn verloren. Kam nun zufällig eine dicke Persönlichkeit in die Loge, so machte sie sich sofort so breit als möglich und sagte ganz harmlos: „Sie, bitte, rücken Sie mir nicht so dicht auf den Leib! Diesen Platz habe ich contractlich: denn ich bin die Mutter von der ersten Schauspielerin hier,“ und indem sie mit dem Finger auf den Theaterzettel tupfte, sagte sie: „Hier steht sie. Das ist mein Kind. Meine Line spielt heute Abend die Ophelia in Hamleten. Na, da passen Sie mal auf! Da können Sie was zu sehen kriegen, daß Ihnen die Augen übergehn. Die Andern, die mitspielen in Hamleten, sind gegen meine Line gar nichts. Und die Toilette, die mein Engel von Kind macht, der reine Zucker! Die Andern sehen immer dagegen aus wie die Schlampampen.“ Dabei zog sie alle Augenblicke die Uhr und rückte auf ihrem Platze hin und her. Kaum war das erste Zeichen gegeben, so rief sie überlaut: „Nun geht es los! Nun passen Sie Alle recht auf! Sie werden eine Freude über mein Götterkind haben. Ach, ich bin die glückliche Mutter, die einen Engel geboren hat. Heute Abend ist meine Line verrückt; na, ich sage Ihnen, wie aus der Charitée herausgegriffen. Ich sollte es eigentlich nicht sagen, denn ich bin ja die Mutter von dem Wunderkinde, aber wenn meine Tochter als Ophelia mit dem Strohkranze auf dem Kopfe angewankt kommt, Verrückteres können Sie sich gar nichts denken, meine Herrschaften.“ So plauderte die von ihrer Tochter entzückte Alte unaufhörlich fort, bis sich der Vorhang hob, um des großen Briten Werk in Scene gehen zu lassen. Alles lauschte auf des großen Dichters Worte, nur Mutter F… nicht; unaufhörlich wisperte sie ihrem unglücklichen Nachbar etwas zu. „Sie, das Alles ist nichts; das Beste kommt noch. Wenn meine Tochter kommt, dann geht es erst los.“

„Pst!“ schallt es plötzlich aus dem Parterre hinauf, doch das kümmert Mutter F… nicht, denn sie flüstert abermals dem unglücklichen hin- und herrückenden Nachbar ziemlich laut zu:

„Sie, da brauchen Sie jetzt gar nicht so genau aufzupassen. Aber wenn Hamlet meine Tochter in’s Kloster schickt, da passen Sie auf – da sollen Sie was erleben, wie meine Line dabei spielt, ohne ein Wort zu reden. Sie werden Ihr blaues Wunder sehen.“

„Ruhig da oben!“ brüllen mehrere Stimmen aus dem gefüllten Parterre. Aengstlich und leise versucht der bedrängte Nachbar Frau F… begreiflich zu machen, daß sie die Vorstellung durch ihr fortwährendes Geplauder störe.

„Ach was,“ erwidert sie, „ich habe hier meinen Platz contractlich; mir hat hier Niemand den Mund zu verbieten.“

„Ruhig!“ donnert’s von Loge, Parterre und Galerie.

Da öffnet sich plötzlich geräuschlos die Logenthür und der ehrwürdige Kopf des alten Theaterdieners[1] Zagner zwingt sich durch die schmale Oeffnung. „Sie, Frau F…!“ wispert er leise, „Sie sollen augenblicklich zu Ihrer Tochter kommen; sie will was.“

Sofort erhebt sich der Störenfried und verläßt mit den Worten: „Ich komme gleich wieder, meine Herrschaften,“ die Loge, deren Thür der alte Zagner leise mit den Worten schließt:

„Die kommt heute Abend nicht wieder, meine Herrschaften. Die ist besorgt und aufgehoben.“

Obgleich die alte Frau F… das Urbild einer echten Theatermutter war, so hatte sie doch das Gute für sich, sich nie in Kunstangelegenheiten, wozu sie wohl von vornherein nicht fähig war, zu mischen; ihre liebenswürdige Tochter suchte stets ihre Schwächen, die ihr gar oft Verdrießlichkeiten bereiteten, auf freundliche Weise zu verdecken. Nie beklagte sie sich über das Thun und Lassen ihrer alten Mutter; sie war ihr ein Heiligthum. Für die Mutter sorgte sie mit kindlicher Liebe, bis der Tod sie von ihrer Seite nahm.

Die gefährlichste Sippe ist die der sogenannten unechten Theatermütter. Dieses Genre wird jedem jungen Mädchen gefährlich, ja oft verderbenbringend, durch ein einschmeichelndes Wesen, durch Lobhudelei und aufdringliche Gefälligkeit. Die unechte Theatermutter ist der personificirte Eigennutz; sie ist ein Vampyr, der unnachsichtlich sein Opfer aussaugt und um guten Namen und Ehre bringt. Dem Raffinement dieser Geschöpfe fällt manch schönes Talent zum Opfer, noch ehe es sich entfaltet hat. Diese Hetären schänden den reinen Cultus der Kunst, indem sie ihn zum Deckmantel ihres unreinen Treibens bei der Bühne benutzen. Gewöhnlich gehören sie nicht einmal dem Theater an, und wenn dem so ist, so sind es alte, talentlose, unbrauchbare Schauspielerinnen, die nicht mehr anderweitig im Stande sind, bei der Bühne ihr armseliges Dasein zu fristen, als eben durch Bemutterung junger, unerfahrener Mädchen, die sich dem Theater widmen. Sie spielen dann die Beschützerin, Lehrerin, wenn sie auch von der Schauspielkunst keinen Begriff haben, ordnen, wenn ihr Opfer Abends zu spielen hat, die Garderobe, benehmen sich in Gegenwart Uneingeweihter stets gesittet, spielen die Ehrbaren, um sich so in Familien zu drängen, die theatersüchtige Töchter haben. Hat nun auf diese Weise so eine unechte Theatermutter ein Opfer erwischt, so führt sie es in die Welt, damit es auf kleinen Bühnen die Schwingen regen lernt; sie spielt dann vollkommen die Mutter, weist jeden Zudringlichen energisch zurück, bis er sich durch ein bedeutendes Geschenk bei Frau Mama legitimirt hat; denn jede unechte Theatermutter hat die Natur des Hamsters: Alles heimset sie ein, ob auf rechtlichem Wege oder nicht, das gilt ihr gleich. Bei Diners und Soupés ist sie unersättlich, beseitigt heimlich alles übriggebliebene Confect und trinkt übermäßig Wein. Kurz, sie ist die Fäulniß der Bühne, die leider durch keine Desinficirung vertrieben werden kann. –

Jedes junge Mädchen, das sich der Bühne zu weihen gedenkt, möge die vorstehenden Zeilen mit Ernst und Bedacht lesen und sie im Herzen bewahren, wenn sie jenen verhängnißvollen Pfad betritt! Sie möge dann sorgsam die geheimnißvoll aufgestellten Netze dieser Spinnen zu vermeiden suchen, um nicht in ihre vernichtende Gewalt zu kommen!

Ich könnte hier, um das nichtswürdige Treiben dieser unechten Theatermütter, zuweilen auch Tanten genannt, zu kennzeichnen, noch Beispiele der empörendsten Art anführen, welche darthun, wie dieselben, eigennützig, kein Mittel scheuend, so manch schönes Talent durch ihre raffinirte Habsucht zu Grunde gerichtet und schließlich dem Elend preisgegeben haben. Doch lassen wir den Vorhang über ihr schmachvolles Walten sich senken!
Adolf Meyer.

  1. Vorlage: „Theaterdienes“