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Textdaten
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Autor: Wilhelm Buchholz
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Titel: Zur Goethe-Literatur
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 339-340
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[339] Zur Goethe-Literatur. Wenn Goethe’s Werke zugleich die Offenbarung seines ganzen innern Wesens und äußern Wirkens in so hohem Maße sind, wie dies bei keinem zweiten Dichter der Welt der Fall gewesen, indem der „Olympier“ nichts geschaffen, was nicht als ein „Erlebtes“ durch seine Seele gegangen, nicht aus seinem „eigenen Innern hervorbrach“, so gewinnen wir umgekehrt aus dem tiefern Einblick in sein Leben ein volleres Verständniß für seine Werke, und jeder neue Beitrag zur Kenntniß des Menschen Goethe wirft nothwendig auch ein neues rückstrahlendes Licht auf den Dichter. Bei der unermeßlichen Goethe-Literatur und den vielfach damit verzweigten Correspondenzen zwischen dem Altmeister und seinen Zeitgenossen sollte es nun fast scheinen, als ob gewissermaßen die Quellen zu den Studien über sein Leben erschöpft sein müßten.

Um so mehr überraschte uns vor Kurzem die Veröffentlichung eines zwar wenig umfangreichen, aber bedeutsamen Buches, das den Titel führt: „Goethe, Weimar und Jena im Jahre 1806. Nach Goethe’s Privatacten. Am fünfzigjährigen Todestage Goethe’s herausgegeben von Richard und Robert Keil.“ Ohne noch einen Blick in das Buch gethan zu haben, muß der Leser durch die Worte: „Nach Goethe’s Privatacten“ um so lebhafter angeregt werden, den Inhalt kennen zu lernen, als dieselben nach dem vollständigen Buchtitel die furchtbaren Ereignisse des 14. Octobers im Jahre 1806 betreffen. Diese verhängnißvolle Unglückszeit hat bekanntlich der Klatsch- und Parteisucht kleiner und scheinbar großer Geister einen willkommenen Anlaß zu schweren Verdächtigungen des Dichters geboten; die moralische und politische Kleinmeisterei, die ihm gegenüber noch immer nicht verstummt ist, gipfelte schon seiner Zeit in dem Vorwurf, daß er für sein Volk kein Herz gehabt und nicht im patriotischen Sinne gewirkt und gedichtet habe. Auf diesen Vorwurf hat Niemand treffender geantwortet als Goethe selbst, der noch kurz vor seinem Tode die in seinen Gesprächen mit Eckermann enthaltenen, leider zu wenig beachteten goldenen Worte sprach:

„Was heißt denn: sein Vaterland lieben? und was heißt denn: patriotisch wirken? Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurtheile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Denkweise zu veredeln, was soll er denn da noch Besseres thun? Und wie soll er denn da patriotischer wirken?“

Den rechten Maßstab zur Beurtheilung eines Unsterblichen trägt selbstverständlich nicht Jedermann in der Tasche, und von diesem Standpunkt aus erklärte Goethe die Heftigkeit seiner Ankläger in den freundlich-ironischen Versen:

„Hätten sie mich beurtheilen können,
So wär’ ich nicht, was ich bin.“

In den jetzt veröffentlichten Mittheilungen aus den Privatacten des Dichters kommt vor Allem seine aufrichtige, herzliche Menschenliebe zum vollsten Ausdruck. Eben deshalb bilden diese Acten eine Bereicherung der Goethe-Literatur; denn fast jedes Blatt legt davon Zeugniß ab, daß der Dichter in den Tagen der Schmach, auch wenn er keine Kriegslieder geschrieben, die nicht sein Element waren, darum doch auf das Eifrigste für das gemeine Wohl gewirkt und auf diese Weise seinen patriotischen Sinn lebendig bethätigt hat. Mit Recht sagte Herder von ihm, er habe sich bei jedem Schritte seines Lebens als ein ganzer Mann gezeigt. Was war es denn auch sonst als die Macht des Persönlichen, die Napoleon bei dem ersten Anblicke von Goethe zu dem Ausrufe brachte: „Voilà un homme!“ Reichen Stoff zu moralischen Beschwerden lieferte der Dichter den schönen Seelen durch seine unter dem Donner der Kanonen erfolgte Vermählung mit Christiane Vulpius. Diese eigenthümliche, in ihren Detailzügen mit großer Lebendigkeit wiedergegebene Vermählungsfeier erregt nicht nur ein historisches, sondern auch ein echt dramatisches Interesse, indem das einfache, durch seine gesunde herzliche Naivetät so anziehende Mädchen in dem Augenblicke zur Heldin emporwächst, als Goethe von ernster Lebensgefahr bedroht wird. Der Dichter hätte in der That ein Anderer sein müssen, als er war, wenn ihn diese rasche Entschlossenheit, diese völlige Nichtachtung des eigenen Lebens, mit welcher Christiane seine theure Person vertheidigte, nicht im Innersten ergriffen haben würde. Das ganze hier vor uns aufgerollte Gemälde enthält für den berufenen Dramatiker einen Geschichtsstoff, wie er zur Gestaltung wirksamer Theaterscenen nicht besser zu wünschen ist. Hoffentlich findet sich einmal der richtige Mann, um den hier verborgenen Bühnenschatz zu heben. Wem der Sinn für das Dramatische innewohnt, der wird überhaupt die erste Hälfte dieses Goethe-Buches mit erhöhtem Interesse lesen. Auf dem dunkeln Hintergrunde der grauenvollen Tage von Weimar – welch’ eine [340] leuchtende Gestalt ist nicht die edle, heroische Herzogin Louise, deren Zusammentreffen mit Napoleon vollkommen dramatisch wirkt und zugleich jedem Patrioten aus den Tagen der Erniedrigung das erhebende Idealbild einer echt fürstlichen Frauengröße in voller Wahrheit zur Anschauung bringt! Welcher klare, scharfe Geist spricht aus jedem Worte der heldenmüthigen Herzogin, wie wächst ihre Erscheinung in den Augen Napoleon’s höher und immer höher, bis er, der mächtigste Feind der Deutschen, hingerissen von Bewunderung in die Worte ausbricht:

„Madame, Sie sind wahrhaftig eine der achtungswürdigsten Frauen, die ich jemals kennen gelernt. Sie haben Ihren Gemahl gerettet.“

Der Herzog Karl August, von dem Goethe so schön gesagt, es wäre ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein, wenn jeder Fürst ihm gliche, tritt in dem Keil’schen Buche weniger hervor. Der Verfasser konnte uns das Bild des damals nicht in Weimar anwesenden Herzogs gewissermaßen nur aus der Ferne zeigen, doch fällt immer noch ein heller Schimmer darauf zurück.

In der zweiten Hälfte steigt das Keil’sche Werk von seiner Höhe herunter. Es verliert den Charakter der historischen Poesie und führt uns öfter in das flache Gebiet einer etwas öden Briefliteratur, deren Werth durch die ereignißvolle Zeit, in welcher sie entstanden, nicht gehoben werden kann.

Wie ein unvermuthet schöner Ausblick erfreut uns aber der köstliche Brief Knebel’s an Goethe vom 24. October, in welchem sich ein freier großer Geist ausspricht, ein Geist, dessen bitterer Schmerz über die Zerfahrenheit der damaligen Zeitzustände in dem Bewußtsein der eigenen deutschen Mannhaftigkeit wurzelte. Knebel fühlte aber auch die Machtlosigkeit des Einzelnen, und nur die Klugheit und der ihm angeborene Humor konnten dem kerndeutschen Mann über die traurige Zeit, so weit es möglich war, hinweghelfen. Da die Franzosen vor den Männern der Wissenschaft eine Art Respect hatten, so staffirte sich der Major als deutscher Professor heraus, und Goethe war der Erste, der ihm zu dem heitern Uebergang aus dem Wehrstand in den Lehrstand gratulirte. Dieser ausführliche, von tiefem Gemüth getragene und dabei mit so vielen treffenden Bemerkungen in unbefangenster Weise durchwebte Brief nebst der Goethe’schen Antwort hat in der That einen literarischen und culturhistorischen Werth. Ganz anders verhält es sich mit der „Abhandlung Goethe’s über Jena und Weimar“, deren Echtheit Robert Keil mit großem Eifer zu vertreten sucht. Ob diese Abhandlung aber von Goethe oder Riemer, das ist wirklich gleichgültig; denn sie besteht lediglich aus einer katalogischen Zusammenstellung der verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften, Anstalten, Privatinstitute, Zeichenschulen, Vereine von Kunstfreunden etc., eine an sich ganz verdienstliche Zusammenstellung, die aber ihres Gegenstandes wegen eine besondere Auffassung und Darstellung überhaupt nicht zuläßt. Wenn nun der Herausgeber trotzdem dieser bisher unbekannten Abhandlung angemerkt hat, sie sei „offenbar ein Dictat Goethe’s an Riemer“, dessen Handschrift sie an sich trägt, so übertrifft er beinahe noch jene allzu eifrigen Goethomanen, von welchen die geistreiche Frau von Staël behauptete, sie verstünden selbst in einer Goethe’schen Briefadresse sein Genie zu finden.

Man sieht, wir müssen Manches mit in den Kauf nehmen, wodurch wir weder eine Anregung noch eine Belehrung zum volleren Verständniß des Dichters empfangen. Das Werk ist eben die Hervorbringung von zwei Brüdern, deren Geist in einer verschiedenen Darstellungsweise zum Ausdruck kommt. In dem einen Theil waltet bei aller historischen Wahrheit in den Schilderungen der Zeit eine dichterisch angelegte Natur, aus dem andern Theil dagegen spricht vornehmlich ein geschichtlicher Sammel- und Forschergeist. Ungeachtet dieser mangelnden Harmonie im Darstellungsstil ist das Werk eine historisch und literarisch nicht zu übersehende Erscheinung, schon wegen jener Urkunden, in denen der universellste deutsche Dichter, der wie Apollo in dem Reiche des Lichtes stand, uns Vieles mittheilt, wodurch unsere Liebe zu ihm als Menschen nur noch mehr gefestigt wird.

Wilhelm Buchholz.