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Textdaten
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Autor: Emil Rittershaus
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Titel: Zum Sängerfest in Chicago!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 391
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[391]
Zum Sängerfest in Chicago![1]

Meerüber send’ ich meinen Sang, meerüber meines Grußes Wort!
Dem Sängerbund’ am Seegestad’ den Gruß von deutschen Rheines Bord!
Im Römer perlt der Traube Saft, die hier der Sonne Strahl gereift;
Hoch über meinem Haupt im Blau mit Jubellied die Lerche schweift.
Der Kukuk ruft; aus grünem Busch der Duft der wilden Rose quillt;
Um mich herum in Blüthenpracht das ganze, weite Lenzgefild.
Wie blankes Silber blitzt der Strom; die Wogen rauschen murmelnd hin,
Als sängen sie den Chor zum Lied der holden Sängerkönigin.

So schön ist’s hier, und heute doch die Sehnsucht ihre Schwingen hebt;
Mein Auge späht der Wolke nach, die leisen Flugs gen Westen schwebt.
O, flinke Lerchenflügel mir, damit ich westwärts eilen kann!
Zu Sängern zieht’s den Sänger hin, den deutschen Mann zum deutschen Mann!
Ich möchte grüßen mit Hurrah des Freistaats deutschen Sängerbund,
Und drücken jede Manneshand und küssen jeden Säugermund!
Die Fäuste, die das Schwert geführt, als einst zur Schlacht die Freiheit rief,
Die einst mit Blut besiegelt kühn der Menschheit ew’gen Adelsbrief,
Die möcht’ ich pressen fest und warm und rufen: Ob am Strand des Rheins,
Ob drüben in Amerika – wir sind im tiefsten Wesen eins!
Wir Alle eins und ungetrennt, wir Alle, die wir in’s Gefecht
Getreten sind und kämpfend steh’n für Volkes Freiheit, Volkes Recht!
All’ sind wir eins, die wir ja all’ der einen Mutter Kinder sind,
Wir Alle, denen deutsches Blut hochwallend durch die Adern rinnt,
Wir Alle, deren Lippe singt in einer Sprache süßem Ton,
Wir nennen uns mit freud’gem Stolz die Söhne deutscher Nation!

O, also spräch’ ich heute gern und stände mitten in der Schaar
Der sangeskund’gen Brüder dann und hört’, wie voll, wie frisch und klar
Das deutsche Lied zum Himmel klingt, wo hoch das Sternenbanner weht!
Ach, an die Scholle bindet fest das Leben heute Dich, Poet!
Nicht darfst Du steh’n im Sängerkreis, nicht in die lieben Augen schau’n
Der Brüder in Amerika! – Wohlan, von meines Rheines Au’n
Meerüber denn, mein Flügelroß! Wohlan, mein Lied verkünden muß,
Was zehnmal lieber ich gesagt mit Händedruck und Bruderkuß!

Heil euch, die ihr das deutsche Lied im fernen Westen hegt und pflegt!
Das deutsche Lied! Wer sagt es aus, was es in sich verborgen trägt?
An unsrer Wiege hat’s getönt, wenn Dämm’rung leis den Schleier zog,
Wenn sich die Mutter liebevoll zu unsern Kissen niederbog.
Durch unsre Knabenjahre ist sein heller, klarer Ton erschallt,
Wenn wir uns lustig tummelten im maiengrünen Buchenwald.
Ans unserm Herzen stieg’s empor und gab der Seele Wort und Laut,
Wenn in ein schönes Augenpaar wir gar zu tief hineingeschaut.
Und, wenn die Trauer uns erfaßt, wenn unsrer Freuden Beet verdorrt,
Dann fangen wir uns doch den Gram zuletzt aus unserm Busen fort!

Das deutsche Lied, es goß den Muth dem Krieger in das Herz hinein!
Das deutsche Lied, es rief und ruft: „Ihr sollt der Freiheit Kämpen sein!
Der freie Geist, des Lichtes Geist, hat als Apostel euch gesandt,
Auf daß ihr schafft in jedem Land dem freien Geist ein Vaterland!
Der freie Geist, die Welt für ihn!“ – Was heut’ du bist, er gab es dir,
Amerika! Er hat entrollt dein siegreich sternbesät’ Panier.
Ihm gilt es ein Johannes sein! O, feine Morgensterne sind’s,
Die Sterne deines Fahnentuches, umspielt vom Hauch des Sommerwind’s.
Zum Kampf denn für den freien Geist, und immer vorwärts, nimmer Halt,
Bis über aller Völker Stirn’ der Freiheit Sonnenfahne wallt! –

Wer hat nicht lieb das Fleckchen Welt, wo er der Kindheit Traum verbracht,
Wo ihn in vollem Rosenlicht das junge Leben angelacht?
Wer streichelt nicht verstohlen gern des alten Baumes rauhen Bast,
In dessen Schatten mit dem Lieb’ er koste, Hand in Hand gefaßt?
Wen zieht es nach dem Friedhof nicht, darauf das Grab der Eltern liegt?
Wer sehnt sich nach dem Hüttchen nie, darin die Mutter ihn gewiegt?
O Gott, ist’s uns im Herzen nicht, als ob auch an dem Kleinsten hing
Ein Stück von uns’rer Jugendzeit, ein Theil von uns am ärmsten Ding?
O, da ist Alles so bekannt! Was längst vergangen, aufersteht!
Das Spielzeug selbst, der Kindertand, er redet mächtig, stummberedt.
Und dennoch, dennoch sag’ ich euch: Hier oder dort – die Heimath ruht
Im Herzen, in der Scholle nicht! Im Herzen wohnt der Heimath Gut!
Die Muttersprache, wahret sie! Sie haltet fest in aller Welt!
Sie ist die Mutter, die das Herz, das deutsche Herz umschlungen hält!
Weh’, wenn das Kind die Mutter läßt und Buhlschaft treibt mit fremder Art!
Das Kind verliert die Führerin und irr’ wird seine Lebensfahrt.
Es sitzt, ein Knecht, am fremden Tisch, nie als des Hauses Sproß geehrt,
Ein Lohnlakai, von dessen Kraft hohnlachend dann der Fremdling zehrt!
Und deutsche Sprache, deutscher Laut! Nur deutsche Sprache hat ein Lied,
Nur sie das Wort, das Alles faßt, was durch die tiefste Seele zieht!
In finst’ren Mittelalters Nacht rief sie den ersten Kampfruf zu
Tyrannenmacht und Pfaffenmacht, als man erhob den Bauernschuh,
Als von der Wartburg Zinne flog des Luther’s Wort wie Donnerschlag. –
Hoch uns’re Muttersprache, hoch! Ihr treu bis zu dem letzten Tag!
Wo sie ertönt, da fühlen wir vereinigt uns von festem Band,
Da haben eine Heimath wir, da haben wir ein Vaterland!
Die Sprache birgt das Heimathrecht! Ich ruf’s euch zu beim Sängerfest:
„Gruß jedem deutschen Herzen! Fluch für Jeden, der die Mutter läßt!“
Meerüber send ich meinen Gruß, meerüber send’ ich meinen Sang,
Und rufe: Segen eurem Fest! Gesegnet eurer Lieder Klang!
Den Handdruck jeder Bruderhand, den Ruß für jeden Sängermund.
Bin ich auch fern – es ist bei dir mein Herz, du deutscher Sängerbund!

Emil Rittershaus.
  1. Der Dichter war vom Festcomité zur Theilnahme an dem großen deutschen Sängerfeste in Chicago eingeladen worden, konnte aber dem Rufe nicht folgen und sendet durch die Gartenlaube diesen schwungvollen Sängergruß über den Ocean hinüber.
    D. Red.