Zimmerische Chronik/Band 2/Kapitel 50

Textdaten
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Autor: Froben Christoph von Zimmern
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Titel: Wie sich herr Gotfridt Wernher freiherr zu Zimbern in sterbendsleufen zu Wildenstain gehalten, auch von andern sachen, die umb die zeit verloffen.
Untertitel:
aus: Zimmerische Chronik Band 2. S. 498–511
Herausgeber: Karl August Barack
Auflage: Zweite Verbesserte Auflage
Entstehungsdatum: 16. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck)
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Erscheinungsort: Freiburg und Tübingen
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Quelle: Digitalisat der UB Freiburg
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[498]

Wie sich herr Gotfridt Wernher freiherr zu Zimbern in sterbendsleufen zu Wildenstain gehalten, auch von andern sachen, die umb die zeit verloffen.

Anno 1518 ist ain gemainer landsterbendt in deutschen
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landen entstanden, der hat nun uf den herbst zu Mösskirch einbrochen und vil gueter leut, reich und arm, hingenomen, auch weder der jungen, noch alten verschonet; derhalben herr Gottfridt Wernher mit sampt seiner fraw muetter, der grefin von Öttingen, auch seinem gemahl, der grefin von
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Hennenberg, seiner dochter, mit gar wenig gesinds geen Wildenstain gewichen. Daselbst ist er ain ganz jar verharret, und als in nachgendem 1519 jar der sterbendt ufgehört und die luft allenthalben sich gebessert, ist er mit aller haushaltung wider geen Mösskirch zogen. Was sorg er
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domals über das haus Wildenstain, auch über die im alda zuversprechen[1], getragen, davon ist nit genug zu schreiben. Er hat wenig leut weder uß noch eingelassen; das geschuch, das brott und alles essendigs hat er in das haus nit gelassen, die sollichs gebracht, haben zuvor abweichen müeßen.
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Sollichs ist nachgends durch seine verordnete fleißig wider geweschen oder doch wol erluftet; keine klaider, kein schuch, auch nichs von werk oder dergleichen hat er in geben las-

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[499] sen, darauß gevolgt, das die im frawenzimmer, auch seine diener, an klaidern und dem geschuch großen mangl gelitten. Dieweil es aber anders nit sein megen und sie alle im haus von gnaden des allmechtigen durch solchen
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beharrlichen fleis vor aller krankhait und unfahl gelücklichen erhalten, haben sie es ain guete sach sein lassen und in gedult getragen. Mitler weil, als sie den winter zu Wildenstain hausgehalten, hat die alt fraw, herr Gotfridt Wernhers fraw muetter, die pantoffeln durchdretten, also das sie die
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nit mehr anlegen[2] kinden; so haben ir auch keine newe ußer obgehörter ursachen megen werden, derhalben sie die alten pantoffeln eim wächter daselbs, Conlin Uchter genannt, die wider zuzurichten, geben lassen. Derselbig Conlin ist hievor seins handtwerks kain schuchmacher, sonder ain
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schneider gewesen, der hat in ainem schimpf die pantoffeln mit keim leder, sonder mit aim leinin tuch geflickt und die der frawen also wider zugeschickt, welche anfangs der sach übel zufriden und in befragen lasen, was er hiemit gemaine. Hat er geantwurt, er seie vor jaren kein schuchmacher,
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sonder ain schneider gewesen, [566] darumb nehe er wie ain schneider, er künde mit dem leder nit umbgeen, es gehöre den schuchmachern zu. Der antwurt ist sie wol zufriden gewesen, und ist ain groß gelechter darauß worden. Sie hat im auch ain ehrliche schenkin verordnet.
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In solchem sterbendt[3] haben sie gleichen fleis gepraucht in der Mainow und auch die selbst also erhalten. Die herren haben inen selbs die klaider geflickt und die schuch, und ist inen wolgerathen. Darbei ist zu wissen, das herr Gotfridt Wernher ein priester stettigs in dieser gefärlichen zeit
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bei sich zu Wildenstain gehapt, war ain schwarz, hinkends pfeffle von Beuren, hieß herr Balthasar, von Zürich pürtig. Derselb nam sich vilerlai handtwerk an; er beredt sich, glasen künden, darneben zaigt er herr Gottfriden Wernhern die kunst, gueten leim zu sieden, und beredt den gueten
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herren, was großen nutz er im schaffen, so er in leim liese sieden, mit beger, er sollte im alte brief, die nit mehr zu gebrauchen, und ander perment zustellen, darauß wellte er im den leim zurüsten. Herr Gotfridt Wernher ließ sich das fantestle bereden, sucht die alten brief herfür, und unange-

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[500] sehen das die bösten brief vorhin in Churwalhen kommen, deren diß geschlecht noch mit nachteil entperen muß, so gieng uf das mal das böst von überigen briefen auch darvon, damit doch dem stammen und namen nachtails genug
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beschehe und in solchem fahl nichs underlassen würde. Ain arme sach ist es, das herr Gottfridt Wernher also die alten brief hat hinweg gethon und leim lassen darauß sieden. Kurzlich vor unsern zeiten hat herr Gangolf von Geroltzeck, dem die grefin von Rapin vermehelt gewest, sich in seinen
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alten brieflin ersehen, die im und seim brueder noch bliben waren, wiewol sie sonst gar nahe umb alles kommen waren, in denen er sovil berichts eingenomen, das er ainer ansprach an den herzogen von Lottringen sich anmaßte. Darauf sprach er seine herren und guete freundt, auch ander
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guete gesellen, umb ain reuterdienst an, auch bewarb er sich umb etlich fueßvolk; damit understande er sich, den herzogen zu überziehen. Er kam biß zu S. Pilt im Elsaß. Aber der herzog wolt das gesündt nit übers pürg lassen und besorgte, es steckte villeucht sonst etwas weiters
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darhünder, darumb ließ er ain underhandlung zu und accordiert sich mit dem von Geroltzeck; er gab im etlich tausendt guldin für sein ansprach und erlittnen kriegscosten. Das pracht Geroltzeck mit seim alten brieflin zuwegen. Hernach zog der von Geroltzeck wider ab, und ist solch kriegsgewerb
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oder überzug lang hernach nur der schaffkrieg genennt worden von wegen ainer großen anzal schaff, die der von Geroltzeck selbigs mals erpeutet het. * [1353] Wie diser krieg ain anfang, also gewan er auch ain endt. Herr Gangolf ließ die knecht widerumb verlaufen,
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so verstoben auch die reuter. Es bekam ain gueter gesell seiner trumenschlager ainem bei Schletstatt, sprechendt: »Wo ist der Geroltzecker im landt?« antwurt der tromenschlager: »Wo sollt er sein? die trommen haben in gefressen.« *
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* [1358] Gleicher gestalt hat über etliche jar hernach graf Jos Niclas von Zollern auch gehandlet. Es hetten im seine vordern ein ansehenliche canzlei verlassen, ain anzall vaß und truchen mit briefen, darin wunder zu finden und vil ußzuklauben gewest, das iezundt verloren und nimmer
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an tag kompt, insonderhait von rathschlegen und andern haimlichen, borgnen sachen, die kaiser Maximilianus mit dem alten graf Itelfriderrichen, seinem großhofmaister, zu

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[501] verrichten gehapt. Aber unangesehen dessen alles, macht sich graf Jos über solche brief, wolt die erlesen, als er auch thette. Dieweil sie im aber seines vermainens nichs eintruegen, hat er die den mererthail aller zerrissen und
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verbrent, das doch imer schadt und zu berewen. Es sollten die grafen von Zollern vil darfür geben, aber es ist beschehen. Ich hab zu mehrmaln gehört, das graf Carl von Zollern solche furia und wüeten seins vetterns über die brief höchlichen beclagt. Aber es müeßen die brief, die historiae
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und alte verzaichnusen ire feindt und widersächer gleich so wol haben, als ander geschepf, zu dem solche sachen ergere feindt nit haben künden, dann eben die, so uf historias sich zum wenigisten versteen und sich als idioten und ungelerten leut deren zum wenigisten wissen zu geprauchen.
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* [1510] Die herzogen von Würtenberg sein bei unser zeiten, und nemlich anno domini 1534, auch umb ire eltesten brief kommen, gleichwol nit mit irem willen; dann wie herzog Ulrich von Würtenberg und landtgraff Phillips von Hessen mit gewalt das land zu Würtenberg überzogen und
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sich die königischen ainer schlechten victoria versahen, do waren die eltesten brief, ain groß vaß vol, ufm Asperg in summa perturbatione et consternatis animis[4] vom canzler Joseph Minsinger verbrennt. Ist im mer zu berewen, dann hiemit vil alter, wunderbarlicher documenta von den
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fürnemen geschlechtern, als Teck, Urach, Neifen, Tübingen, Calv und ander veruntrewt und verderpt worden. Also findt man allenthalben eintweders unverstendig, oder doch so neudig leut, die gern was stattlichs verlieren, das ain anderer gar verdürb, oder ainöuger begerte zu sein, domit
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[ain] ander gar blind were. * Die baide herrn gebrüeder[5] von Geroltzeck, [herr Gangolf][6] und herr Walther, haben irer alten brieflin vil mehr in achtung gehapt, haben auch dessen genossen; dann in wenig jaren, als inen ire herrschaft Geroltzeck wider
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zugestanden, haben sie in iren alten briefen sich ersehen und befonden, das sie noch was forderung und zuspruch an den herzog von Lottringen haben, belangen die herrschaften

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[502] Bolchen und Blankenburg, die der herzog baide inhet, sollt aber nach absterben des letzsten herren von Blankenburg[7] ires vermainens an sie geerbt haben. Derhalben, als sie ir gerechtigkait mertails dem herzogen fürbringen lassen
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und des iren begert, ist inen doch abschlegige und kain wilfärige anwort begegnet. Derhalben do befarten sie ainer gelegnen zeit, bewarben sich bei iren herren und gueten frainden, auch bei iren bekannten, und zogen dem herzogen von Lottringen mit dreien heufen ins landt, dem sie dann
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auch etliche schlösser, landt und leut abgewonnen und großen schaden thetten. Und namlich so war iren vetter, graf Wilhelm von Eberstain, in ir hilf. Der pracht ain sondern haufen zu wegen mit hilf grafe Ruedolfs von Sulz, Melchior von Reinows, Wilhelm Waldners und anderer vom
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adel ußerm Elsas, Breisgew und Sunkew. Mit denen zoge er in Lottringen und beschediget das landt übel. Er blindert mit demselbigen haufen die statt Conflang in Lottringen und brandschatzet die. So thetten grafe Ott und graf Reinhart von Solms, der herr von Rennenberg, Franciscus von
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Sigkingen, Caspar von Cronnenberg und sonst vil vom adel bemelten herrn[8] von Geroltzegk auch ain reuterdienst mit neunhundert wolgerüsten pferdten und zwai tausendt fueßknechten, die fielen durch das Westerrich in Luttringen, erobreten das [1359] schloß Schonberg, das dem herzogen
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zustuende, das wardt besetzt; verbrannten und plinderten darneben vil dörfer. So hetten herr Gangolf und herr Walther von Geroltzeck bei fünf tausenten zu fueß ufbracht, mit denen zoch er über Rein zu Bürken und Limpurg, überfielen S. Pilten, das Lebertal und Maßmünster, namen,
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was sie fanden. Mit solchem raub und dann den brandtschatzungen wardt der hauf underhalten und versoldet. Und im Westerrich bei Limbach, unferr von Zweibrucken, do stiesen die baiden haufen zusammen, der geroltzegkisch und der, so die grafen von Solms und Franciscus von Sicken
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fürten. Wie der herzog dise leut im landt vername, do war im nit gehewr darbei, ließ eilends mit inen uf ain vertrag und abzug, damit sie ime nit weiter ins landt kemen, handln, das war in ainer somma, was ieder thail eingenomen und überkommen, das sollt er behalten biß uf ain spruch des
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römischen kaisers Maximiliani, und wie es von demselbigen

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[503] erkennt würde, darbei solt es ungewaigert bleiben. Darauf sein die herren von Geroltzegk abgezogen. So baldt das beschach, do wardt der vertrag durch den herzogen gebrochen, dann der bericht allain darauf angesehen, das man die
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Deutschen wolt ußerm landt pringen. Es lihe der könig von Frankreich, Franciscus, dem herzogen etlich reuter und fueßvolk, damit er S. Pilt, das Lebertal, Maßmünster und Schomberg wider einname, und wolt vom vertrag nichs mer wissen. Do bewarben sich die herren von Geroltzeck zum
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andern mal mit reuter und fueßvolk, insonderhait bei den Schweizern, und standt die kriegsrüstung uf aim großen bewerb. Aber kaiser Maximilian bedracht zeitlichen, was großer unruhe noch hierauß ervolgen möcht, darumb macht er ain anstandt zwischen dem herzogen und den herren
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von Geroltzeck, beschrib und vertagt baide partheien für sich uf ain reichstag gen Augspurg. Daselbst warden sie nachlengs verhört und mit rath etlicher chur- und fürsten und andern treffenlicher personen durch ermelten kaiser verglichen, namlich, das die gefangnen zu baiden thailn ledig
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sein und der herzog von Lottringen den herrn von Geroltzeck für ir ansprach und fordrungen zustellen sollten zehen tausent guldin in goldt, dargegen sie aller gerechtigkait an baiden herrschaften, Bolchen und Plankenburg, sich genzlichen und gar verzeihen. Disem vertrag kamen baide
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partheien nach und warden die zehen tausendt guldin den herren von Geroltzeck erlegt. Die fielen an ploße haut, dann sie der wol bedorften. Darzu halfen inen ire alte brief. * Aber das ich widerumb uf Wildenstain kom, obbemelts
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pfeffle, herr Balthasar, sollte in der karwochen die mettin uf den karfreitag zu Wildenstain in der capellen betten. Als nun das beschahe, wolt er nun das Benedictus singen, so war er haiser, kunts nit herauß bringen. Er fiengs zum zwaiten mal an, reusplt, do wolt es aber nit lauten; er
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reuspert sich noch vester und hustet, fiengs darauf zum dritten und darnach zum vierten mal wider an, do kunt ers noch weniger zu weg bringen und muest also mit großem gelechtert aller umbstender darvon lassen. Neben diesem pfefflin, herr Balthaser, hett herr Gottfridt Wernher ein
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barbierer, den Jacob Maienbron, der muest uf in warten. Dess bevelch war, das er alle morgen früe in herr Gottfridt Wernhers cammer muest ein rauch von weckholder machen. So

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[504] er dann sollichem nachkam und für seins herren bet gieng, so buckt oder naigt er sich ganz tief und behielt aber damit allwegen seinen großen huet uf, das er den nit [567] auch abzoge. Das gefiel herr Gottfridt Wernhern, der mocht
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dessen wol lachen. Er het dozumal ein jungs, hüpsch jaghündlin zu Wildenstain, das het er über die maßen lieb, wollt aber, das solch hündlin uf in allain wartet; es sollte im auch sonst niemands zu essen geben. Also must das guet hündlin vil darob vasten, dann es dorft im niemands
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zu essen geben, das ers erfure. So gab er im auch wenig, dann er wolt nit, das es faist und groß würde. Also begab es sich manchmal, das der guet hundt großen hungers halb allen wust und unsauberkait uffraß. Darab erzürnt sich dann herr Gotfridt Wernher, das er seim parbierer, Jacob
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Maienbron, ernstlich bevalch, den hundt mit ainer gerten zu streichen. Das thette dann derselbig, schlueg aber mit fleis neben den hundt, dem thett er nichs. So dann der hundt also jemerlichen schrüe, sprach herr Gotfridt Wernher: »Das ist recht, Jacob!« Darnach nam er dann das
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hündlin wider zu sich und liebets, das war wol gestraft worden umb sein unzucht. Sonst darft im den selben hundt niemands anrüeren, vil weniger lieben, das er das gesehen het, dann er sprach, man solte deren herren irer weiber und hundt müeßig geen, daher nachmals ain sprüchwort
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entstande von aim burger zu Mösskirch, hieß Hanns Henne, war ain großer spaifogel, der sagt, Alexander Pfefferlin, war dozumal ain diener zu Wildenstain, der wer dem bevelch nit nachkomen, dann er het den hundt geliebet, nachgends auch herr Gottfridt Wernhers beschließere geehlichet. Herr
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Gottfridt Wernher mueste die unnutzen spotfögel reden lassen, er kunts inen nit verbieten. * [1409] Diß schlahen des hunds gemanet mich vast an graf Philipsen von Eberstain bastarddochter, die ward von seiner, des grafen, fraw muetter, der grefin von Hanow,
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uferzogen, gleichwol so verwent und maisterlos, das sich dess zu verwundern. Manichmal, das sie das kündt, so die rueten wol verschuldt, straffen wolt, strich sie das mit ainer rueten, aber sie ließ die straich mit fleis neben ab geen und sagt zum kindt, es sollte schreien und sich übel geheben. Das
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macht wolgezogne, guete kinder, die man also mit dem fuchsvech[9]

1 [505] erstreichet, gleichwol an sollichem holz nit vil gelegen und ain schlechter schad ist. *

Wie gehört, das herr Gotfridt Wernher nit gleich, nachdem der sterbend zu Mösskirch ufgehört, mit der
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haushaltung zu Wildenstain verruckt, sonder ist noch ain guete zeit alda bliben, dann er pflag zu sagen, man sollte bei zeiten dem sterbend weichen und nit baldt widerkomen. Mitler zeit begab sich, das ain armer taglöner ußer dem dorf Lübertingen die grefin von Hennenberg, herr Gotfridt
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Wernhers gemahl, zu gefatter über ain kindt gewan. Mer gewann der guet man, wie dann preuchlich bei den Schwaben, das man vil gefetterig zu aim kindt hat, das hofgesindt zu Wildenstain. Nun ordnet herr Gotfridt Wernhers gemahl ein edle junkfrawen geen Lübertingen, das kindt in irem
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namen auser dem tauf zu heben, hieß Barbara von Hausen, ir vatter het gehaißen Merk, und war ir muetter aine vom Ross. So ordnet aber das gesindt an iren stat den maister koch alda, hieß maister Hanns, war gar ain holseliger, aber ain gespöttiger mentsch. Das vertroß nun die junkfraw,
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das sie das kindt neben und mit aim koch ußer tauf heben sollt. Das markt Hanns Koch, derhalben, wie die kindteufete zu Lübertingen verricht, sprücht er in aim spott: »Junkfraw Barbele, mich rewet nit wenig, das ich euch das kindt hab helfen ußer tauf heben.« Dess wolt die junkfraw
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ie ursach wissen, warum. Also, do sie nit nachlassen, sonder stets fraget, warumb, antwurtet er: »Ja, so mein hausfraw sturb, künten wir ainandern zu keiner ehe haben, dann ich höre,« sprach er, »es seie in gaistlichen rechten verbotten.« Das nam die junkfraw gar für übel uf, rupft im
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uf, er were kein edelman und ains solchen heirats nit genoß, mit andern worten mehr. Dieweil dann die junkfraw gar ain lange nasen, wiste er ir mehr laidts nit zu thuon, dann das er zwen finger uf dnasen legte und sie frevenlich ansahe. Das wolt sie im nit für guet haben. Damit kamen
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sie wider biß geen Wildenstain. Und so oft hernach der koch die zwen finger uf die nasen teute, so speuzet sie gegen im auß, thet findsellig, macht damit ir selbs ain gespött und andern ain kurzweil. Sie ist hernach [568] aim von Werdenstain vermehelt worden, bei dem sie kein kindt
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gehapt. Sie sein letzstlich durch underhandlung der freundt von ainandern gesöndert, und hat ir der edelman, ir hauswürt, irn widdem allermaßen, als ob er gestorben, geben

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[506] und ir lebenlang raichen müeßen. Man hat seltzame ding gesagt, die dem epigramma Martialis . . . verglichen megen werden. Got waist aber die recht ursach. Den weibern soll nit allweg geglaubt werden, sonderlich so es ain
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partheische sach antrifft. Sie ist, nachdem sie pensioniert, in irem letzsten alter geen Mösskirch zogen, da hat sie haus gehalten und die überigen zeit irs lebens biß uf das jar 1564 alda in gueter ruw verschlißen und zupracht. Wie nun der sterbendt vergangen, begab sich, das die
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grefin von Hennenberg, herr Gotfridt Wernhers gemahl, an ainem schönen tag die bet zu Wildenstain ließe bestreichen, also lag die wissen vorm schloß mit bettern, leinlachen, tischtüecher und anderer leinwat an vil orten übersprait. Herr Johanns Wernher wolt bei seinem brueder zu
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Wildenstain zu morgen essen; wie er aber den rust vorm schloß erfuere, wust er inen kain größer schalkhait zu thon, sonder bei ainem unerkannten entpot er geen Wildenstain, es keme herr Dieterich Spet mit etlichen gueten herren und gesellen ufs morgenessen. Do ward ainsmals ain große unmuß, was
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vor dem schloß uf der wissen, das ließ man ligen, was aber im schloß, das muest ufgeraumbt werden. Herr Gottfridt Wernher war selbs ganz ernstlich in der sach. In dess ersicht er sein köchin alda, hieß Dorothea Gepsin, ein bett über den steg schlaifen und hilf begern. Er vermaint aber,
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sie könts allain wol tragen, darumb schrüe er sie an, sie sollts allain tragen, oder er welte sie mit dem bet in den graben hinab werfen. Die guet fraw erschrack ab der rede, nimbt das bet, das sie zuvor nit erschlaifen kunt, im schrecken uf den rugken und tregts ohne alle hündernus
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ins schloß. Es entkam ir die grefin, fragt sie, warumb sie das groß bet allain trüege. Sprücht sie: »Ach, gnedige fraw, ich mueß es nur allain tragen.« Wie sie noch in allem ufraumen und bemühet waren, so reut herr Johanns Wernher zum schloß und zaigt an, er seie herr Dieterich
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Spet. Also ließ man das überig ufraumen bleiben, und ward der unmuß und sonderlichen der Gepsin, das sie das bet im schrecken allain getragen, wol gelachet. Umb die zeit nach dem sterbendt hat Wolf Sigmundt vom Stain, der dozumal zu Fridingen an der Tonaw
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gewonet, zwo guet dirnen von Lübertingen, hieß die ain Kefer, die ander der Hujus, von denen auch hieoben meldung beschehen, zu sich in die Senge, also haist ain waldt

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[507] nit ferr bei Wildenstain, beschaiden. Die sein nun uf die bestimpten zeit erschinen, bald hernach ist Wolf Sigmundt uf aim esel auch komen. Der hat ain fleschen mit wein und ain gueten bratnen esch in ainem onser mitgepracht.
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Aber so baldt er die zwo dirnen ersehen, hat er den esel angepunden, auch das gescheft mit profiant am satel lassen hangen, und hat den Hujus und den Kefer weiter in waldt gefiert und alda sein gugelfuer triben. Interim ist ain taglöner, Jacob Schorer, ungeferdt zum esel kommen, der hat
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die profiant gefunden, darneben dem rauschen im waldt nachgeschlichen. Do hat er den Wolf Sigmunden zwischen den zwaien huren sehen ligen, iez von der uf dise, dann von diser uf die, und als er solcher abwechslung und abenteur ein guete weil zugesehen, ist er zum esel gangen, hat
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den onser mit der fleschen und dem pratfisch mit sich genomen und den nechsten geen Lübertingen gangen. Baldt darnach ist bemelter Wolf Sigmundt nach seiner vollendten handtierung [569] zum esel gangen, des willens, ain refection zu nemen. Also ward im das zusehen, dann er fandt
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sein onser nit, und ungeferdt ersicht er den Schorer mit dem sack aller nechst bei dem dorf. Also reut er eilends hernach, aber der Schorer entschlupft im, das er in nit erreiten megte. Er fragt im in dem dorf allenthalben nach, aber im wolt niemands den mit dem onser zaigen. Also
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nach lang und vilen trewworten und fluchen, wie sich die pauren anfiengen rottieren und zusamen laufen, muest Wolf Sigmundt mit seim esel wider abziehen, es wolt im niemands alda weder bratfisch noch wein wider geben, und het er lenger verharrt, sollten ime die pauren wol den
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hundtshabern außgedroschen und ine sauber und rain abgeschmirbt[10] haben. Er, Wolf Sigmundt, ist hernach zu großer armut kommen. Als er die güeter zu Fridingen schulden halb verkaufen müesen, hat im der alt Fatz von Enzberg ein behausung, haist der Klingel, ist ain badt nit
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fer von Mülhaim, eingeben, darin hat er gewonet, so lang, das herzog Ulrich das landt zu Würtemberg wider eingenomen. Dozumal hat sich der herzog über in erbarmet, hat im zu Maulpronnen im closter sein lebenlang ain pfrundt verschaft; aber er hat wenig jar im closter gelept, ist bald
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gestorben. Bei seinem leben ist er seines leichtfertigen wesens halben Wolf Sewmal genannt worden.

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[508] Und seitmals von diesem Jacob Maienbron sovil in diesen geschichten gesagt und sein gedacht wurt, will die notturft erfordern, etwas weitleufiger von ime zu sagen, seitmals er der ist, so Scherrers Michel[11] ist genannt worden,
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von dem in deutschen landen so weit und prait ist gesungen worden. Es sein vor jaren zwen gebrüeder in der under marggrafschaft Baden gesessen gewesen, genannt die Maienbronnen, der ain Jacob, der ander Daniel, die sein beide ires handtwerks barbierer und verrüempte wundarzet
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gewesen. Sie sein in irer jugendt dem handtwerk lange jar nachzogen, letzstlich aber sein sie geen Pfullendorf ins landt zu Schwaben kommen, da haben sie beide sich nider gelassen und lange jar alda gewonet, auch sich baide alda verheirat. Es ist ain gemaine sag gewesen, der ain brueder,
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Jacob genannt, hab ain edelman in unser landsart gemacht, desen nam doch verschweigen bleibt, wiewol er sich hernach auch dankbar gegen dem geschlecht erzaigt. Das wellen wir nun iezmals einstellen. Und hat gemelter Jacob Maienbron etliche kinder hünder im zu Pfullendorf verlassen;
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aber sein brueder, der Daniel, het sich zu ains großen Hannsen dochter alda verheirat, aber sie hielt im nit farb, sonder der pfarrer zu Pfullendorf, ain verbuebter, kunstloser, aber daselbs ain wol verfreundter pfaff, fiel im in die schanz. Der trib sein bubenleben so grob unverschempt, das er
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vom Daniel, dem eheman, ainsmals ergriffen wardt. Der het in nach eren künden absolvirn, aber der pfaff entran im laider und kam darvon. Derhalben, dieweil der Daniel der enden ain frembder und newlicher weiln erst alda einkommen, handlet er des weibs halben dester sitlicher und
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gar nit nach der gepür, sonder ließ sich durch gepürliche mitel von der huren schaiden. Er nam nachgends ein schöne neherne zu sich, war von Igelswis gepürtig, ein Würtin, also hetten ire voreltern gehaisen. Bei der überkam er zwai kindt, Jacoben und ain dochter, Walpurgam.
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Die dochter ist im closter zu Waldt erzogen und alda mit ainem schreiner verheirat worden, auch lange jar gastmeisterin daselbs gewesen; letzstlich ist sie geen Mösskirch kommen, da sie noch lept. Aber ir brueder, der jung Jacob Maienbron, ward [570] nach absterben seins vatterns

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[509] von seim vetter, dem alten Jacob Maienbron, erzogen und in der wundarznei underwissen. Hernach zog er dem handtwerk nach. Er kam geen Haidelberg an pfalzgraf Philipsen, des alten churfürsten, hof. Nach dem selbigen nam in
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kaiser Maximilians wundarzet, maister Ulrich Gassar von Lindaw, zu sich. Mit dem durchwandlet er dem hof nach das ganz Deutschlandt, die Niderlandt, Hollant und Engellandt. Nach absterben seins maisters kam er wider herauf in hoche deutsche landt, enthielt sich also unverheirat zu
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Ravenspurg, das der zeit für ain fürneme statt im reich geachtet wardt. Er kam, wie dann vilmals den jungen gesellen beschicht, hünder ain reiche burgerin daselbst, ir man was ain reicher burger, hieß Hanns Beutler, seines handtwerks ain beck, wiewol er das handtwerk nit mehr trib.
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Bemelter Jacob het durch hilf ainer magt sein ufritt im selbigen haus bei den zwai jaren oder darob. Uf ain zeit, namlichen uf s. Ulrichs tag[12], als ain groß fest zu Weingarten und daselbs ain großer zulauf vom gemainen man, kam neben andern Hanns Beutler auch dahin. Hiezwischen thette
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sich der Maienbron haimlich ins haus zu der frawen. Mitler weil, als der Hanns Beutler zu Weingarten, ward er von seiner nachpeurin einer in vertrawen gewarnet, was er alda schaffete, er sollte billicher zu seinem haus sehen und in selbigem wol durchsuchen, er würde ain gast finden.
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Hiemit ward der Beutler bewegt, der gleichwol vorhin ain argkwon, saß eilends wider uf sein ross und kam unversehens ins haus. Der Maienbron hört gleichwol ein getümel und wardt im grausen. Das weib standt eilends uf und darvon, aber Maienbron wardt vom Beutler, der etlich seiner
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verwandten darzu berüeft, in der cammer mit werhafter handt überfallen, die thür zerstoßen und geöffnet. Also kamen sie beide mit ainandern zu fechten, und wiewol der Beutler in allweg den vorteil, als gegen aim, der bloß in eim hembdte vor im stande, iedoch mueste der Beutler weichen,
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und hawe in der Jacob Maienbron gewaltigclichen zu der thür hinauß und die stiegen hinab. Wiewol er im nun willens nachzufolgen, als er aber das geschrai und die vile seiner feindt und widerwertigen unden im haus vername, [nam][13] er die flucht oben ins haus, da thett er in aller höche
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zu aim kornzug hinauß in ain ander haus, dargegen über

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[510] ain enge gassen, ain wunderbarlichen sprung. Der gerieth im, darab sich hernach vil leut verwundert haben. Er floche durch das haus hinab und über den platz, also nackendt im hembde, durch iederman, mit blosem schwert, in den
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pfarrhof; darin wardt er von den helfern verborgen. Und wiewol der pfarrhof von der obrigkait außer anriefen des Beutlers umbstellt, auch alle thor etliche tag in sonderhait verhüet wurden, iedoch thette iederman das böst, bevorab die gaistlichen, und demnach domals die bettelorden zu
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Ravenspurg ir closter und auch im brauch, das sie etliche tag in der statt und ußerhalb uf dem lande dem terminiern nachwandleten, wardt sovil erfunden, das sie den Jacob Maienbron mit ainer kuten anlegten, auch allermaßen wie ain ordensman ußrüsten. Er rit ains morgens mit aim
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andem münch durch seine widerwertigen zum thor hinauß, das er nie gerechtfertiget wardt oder erkannt, kam also undanks seiner feindt glücklichen darvon geen Weingarten in die freihait. Ich hab gehört, das mertails in Ravenspurg ein mitleiden mit im gehapt und seien fro gewesen, das er
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nit ergriffen, sonder darvon kommen und entronnen. Darumb, wie man [571] vermaint, hat man also durch die finger gesehen. Und wiewol der Hanns Beutler und sein freundtschaft vil kuntschaft uf den Jacob Maienbron gemacht, so hat man im doch unlangs hernach von
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Weingarten geen Pfullendorf geholfen, daselbst hin im die vom rath zu Ravenspurg zu wissen gethon, soverr sein gelegenhait, mög er sein haab alda holen lassen, oder selbs personlichen holen. Aber Jacob hat bei Ulrichen von Reischach zu Linz, der im sonderlichen genaigt war, und bei andern
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seinen gueten gönnern und freunden sovil an rath erfunden, das er durch andere und mitelpersonnen sein hab solle zuwegen bringen. So ist auch die Beutlerin hiezwischen von iren eltern und freunden widerumb zum eheman eingetedingt worden, und hat der man des orts ein perg in ein tal
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müeßen werfen; dann, wie man sagt, so ist er vom schweher mit ainer ansehenlichen anzall gelts, damit er die sach laß gericht sein und das weib wider zu gnaden neme, wider begüetiget worden. Er hat meins erachtens weislichen gehandlt, dann manicher muß sein ducx haben und behalten
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und gipt im dennost niemands nichs, sonder den spot von menigclichen, und ain haimlichs leiden und nagen mueß er zu guet und für gewin achten. Also ist die sach gericht

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[511] gewesen, und haben die von Ravenspurg ime, dem Jacoben, sein hab uf sein erfordern verfolgen lassen. Er hat sich darnach von Pfullendorf gethon geen Lindow, alda er nit lang bliben, ist durch rath und hilf Hannsen Gremlichs, «der
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zu Menningen gesessen, wider geen Pfullendorf kommen, und hat im Paule Bader zu Mösskirch sein dochter geben. Damit hat er das burgkrecht alda und dann die erbgerechtigkait uf seiner badtstuben erlangt, hat die überigen zeit seins lebens in gueter gesundthait und gelückselligkait
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verzeret. Von obgehörter tragedia zu Ravenspurg ist ain lied[14] daselbst gemacht worden, darin alle sachen, wie die ergangen, verfast und erzellt werden, ist vor jaren vil gesungen worden. Es wurt der Maienbron in solchem gedicht nur Scherers Michel genempt.



  1. zuversprechen] d. i. zuvorsprechen, vorsprechen, einkehren.
  2. anlegen] hs. anligen.
  3. sterbendt] erwähnt von Roth von Schreckenstein, Die Insel Mainau (1873), s. 94.
  4. consternatis animis] conjectur statt des von dem der lateinischen sprache, wie es scheint, ganz unkundigen abschreiber dieses nachtrags geschriebenen conservatis animus.
  5. Die baide etc] erzählt.den schon oben, s. 500, 8 ff., erwähnten geroldseckischen zug, jedoch ausführlicher.
  6. herr Gangolf] erganzt; s. (Reinhard) Geschichte des Hauses Geroldseck § CVI und unten 502, 26.
  7. Blankenburg] hs. Blankenberg.
  8. bemelten herrn] hs. bemelter herr.
  9. fuchsvech] hs. fuchshrechs. WS: das komplette Wort auf dieser Seite zusammengezogen.
  10. abgeschmirbt] hs. abgeschimrbt.
  11. Scherers Michel] es ist mir nicht gelungen, in der mir zu gebot stehenden literatur ein lied zu finden, in welchem dieser barbier besungen wird.
  12. tag] hs. tags.
  13. nam] wurde ergänzt.
  14. lied] s. anmerk. auf s. 508.