Zimmerische Chronik/Band 1/Kapitel 38

<<< Kapitel 38 >>>
aus: Zimmerische Chronik
Seite: Band 1. S. 206–210
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Wie herr Wörnher freiherr von Zimbern die statt
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Pfullendorf mit listen vor überfaal irer feindt errett und bei dem reich behalten.

[A94a] Es ist zu wissen, das umb die jar nach Christi gepurt ain tausendt drewhundert und sechzige die statt Pfullendorf vil [131] anstös von iren nachparn erlitten, dann 1

[207] bemelte stat war under dem kaiser Friderico Barbarossen von grave Rudolfen von Pfullendorf, dem es dozumal aigenthumblichen zugehört, und als er, der graf, one ainiche leibserben mit tod vergangen, an bemelten kaiser erblichen
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gefallen, die auch von seinen nachkomnen römischen kaisern und künigen, auch herzogen zu Schwaben vil jar ingehabt und besessen. Nachdem aber der letst herzog von Schwaben, mit namen Conradin, wilund des römischen königs Conradts son, durch list, anstiften und falsche pratiken bapst Clementis,
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des vierten des namens, von herzog Karln von Anjou erbermbclich in anghender jugendt umbbracht, ist das herzogthumb Schwaben in vil tail zertrent und von ainandern komen; dann unangesehen das die graven von Hapspurg und Würtenberg vor andern den mererthail der abgestorbnen
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herzogen von Schwaben landtschaft, ainsthails mit gwalt, auch ainstails mit listen, an sich gebracht, so haben sich doch nit die wenigisten stet in Schwaben, die bemeltem herzogen von Schwaben erblichen zugehört hetten, zu dem reich gethon, mit andern reichsstetten sich verbunden, auch
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endtlichen darbei beliben, und noch, under welchen stetten auch Pfullendorf gewest; dieselbig hernach gleich so wol als andere stett feindtschaft und aufsatz mertails von dem umbgeseßnen adl gehabt. Nu begab sich umb [A94b] obangezaigt jar, das ain anschlag über die statt Pfullendorf
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gemacht ward, also das sie bei nächtlicher weil die stat auf ain bestimpte zeit mit dreien haufen zu ros und zu fuos haimlichen umbgeben, inen mornderigs tags mit dem geringisten haufen ire herdt vich ze nemen und hinweg zu treiben, der zuversicht, so der gemain mann sollichs bericht,
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das merertails burger mit einer ungestümme und one alle ordnung, ir vihe zu retten, aus der statt fallen wurden; damit möchten sie ain guten weg von der stat gebracht, umbgeben und nach allem vortl angriffen werden; die überigen zwen heufen kinten die stat also unbewart leichtlichen
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einnemen, plündern oder aber gewaltigclichen inhaben und behalten. Disen anschlag hat herr Wörnher freiherr von Zimbern gewist, villicht ist er darbei und mit, als der gemacht worden, gewesen; seitmals aber er sollich fürnemen nit wenden, haben in die von Pfullendorf, so dann seine
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besondern guete nachparn, die im auch iederzeit vil dienst, liebs und guts bewisen hetten, höchlichen bedauret, und ob er gleichwol die warnen kinden, het im doch sollichs, in

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[208] ansehung, das im hierinnen vertrawt worden, zu eröffnen kainsweg gepüren wellen; darab er ain sollichen unmuot und kimbernus empfieng, das alle die, so täglichs umb in waren, vermerkten, das im etwas wichtigs angelegen.
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Insonderhait aber, als die wiber gemainclich am fürwitzigisten, also begab sich, das herr Wörnhers gemahel, fraw Brigita von Gundelfingen, ab ires herrn unmuoth sich so hoch verwundert, das sie in mermals die ursach [A95a] seiner bekömmernus, oder was im doch so hoch angelegen, gefragt.
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Als er nu [132] ir nichts sagen wellen, sonder ir bevolhen, sie solle in allain lassen, dann er sein not und anligen Got clagen, ist sie von im aus dem gemach geschaiden und dergleichen gethon, als ob sie zu andern gescheften sich schicken, ist doch allernechst wider zu dem gmach gangen,
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dermaßen herr Wörnher solchs nit vermerkt; welcher, als er vermaint allain zu sein, hat er anfahen mit im selbs zu reden, auch obgehörte anschleg sambt der geferlichkait der statt Pfullendorf zu melden und zu beclagen. Under andern reden aber, die er gethon, hat er in ainer ungeduldt den
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bestimpten tag, darauf der anschlag solt volzogen werden, genennt, wenig achtend, das ihemandts vor dem gemach ainich aufmerkens haben solte. So baldt fraw Brigita dise reden gemerkt, ist sie eilendts in ainer stille davon geschlichen, auch gegen herr Wörnhern, irem herrn, oder auch
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andern nit dergleichen gethon, als ob sie etwer von wisse oder gehört hab. Nichtsdesterweniger aber hat sie glich des andern tags mit aigner handt dem burgermaister zu Pfullendorf, ist ain Gremblich gewest, geschriben, in solchem schreiben allen anschlag geöfnet, mit pit, dise ernstliche
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handlung nit zu verachten, sonder auf ernembte zeit gut sorg zu haben. Disen brief hat sie haimlich durch ain vertrawten brotbecken in ain weisbrot bachen lassen, welches sie aim bekannten potten aufgeben, mit bevelch, sollichs one verzug gen Pfullendorf zu tragen, daselbst dem burgermaister
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Gremblich in sein hand und sonst [A95b] niemandts anders zu überantwurten, auch darbei zu sagen, er solle im sollich brot wol bevolhen lassen sein. Der pot, als er geen Pfullendorf komen und iezgehörten bevelch ausgericht, hat sich der burgermaister dessen nit wenig verwundert, ist doch
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in sein gmach gangen und hat das brot ufbrochen, darin er den brief, in welchem alle handlung, wie oblaut, begriffen, gefunden und verlesen. Wiewol er nu ab solchen geschwinden

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[209] pratiken nit wenig schreckens empfangen, hat er doch mit gutem beschaid den potten widerumb abgefertigt und, unangesehen das er sein gemüeth gegen niemandts eröffnet oder sich ainicher gefar vernemen lassen, hat er doch
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´nichtsdestoweniger, mitlerweil und der bestimbt tag komen, die stat in großer hut und haimlicher verwarung gehapt. Als die bestimbt zeit erschinen, ist die herdt vichs an gewonnliche ort und ende für die stat hinaus uf die waid getriben worden; demnach aber anfengclichs wenig der feindt im
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veldt sich sehen ließen, welche dann die hert vihe mit gwalt darvon triben und die hürten übel schlugen, ist ain lerman in der stat entstanden, dann merthails burger des willens waren, denen feinden nachzeilen, ob in glicken, das sie denen iren eroberten raub wider möchten abjagen. Sollichs aber
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wolt inen der burgermaister kainswegs bewilligen, auch vil weniger die verwarten, beschlossnen porten öffnen lassen, sonder bericht sie der gegenwurtigen gefarlichhait, auch was der feindt anschleg [133] weren. [A96a] Durch solchen bericht ward die gemaind domals gestilt und von irem
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fürnemen abgehalten. Als nu die feind gesehen, das ir anschlag geöffnet, auch das sie des orts nichts mer schaffen künden, seind sie aus denen helten, umb die statt gelegen, darin sie sich versteckt gehabt, wider zusamen geruckt und abzogen, dermaßen das die von Pfullendorf sollichs ab den
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thürnen und mauren wol sehen mögen. Gleich hernach haben die von Pfullendorf sich bei andern stetten und nachparn sovil beworben, auch mit sollicher fürsichtigkait gehandelt, das sie hinfüro dergleichen überfals und untrew überhebt, bei dem reich beliben sein. Von solcher handlung
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wegen, auch der getrewen nachpurschaft herrn Wörnhers haben die von Pfullendorf ain sollichen nachpurlichen und guten willen zu dem zimberischen geschlecht überkomen, das sie zu eewiger gedechtnus der sach geordnet, iedes jars auf den tag, als die stat, wie obgehört, eingenomen solt
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worden sein, ain hochmal zu halten; zu solchem haben sie die herrschaft alle jar geladen, welches lange zeit also pliben. Nachgendts ist solch hochmal uf kain gewissen tag im jar, sonder, wann sie ire jarrechnungen vor weihenechten beschlossen, phlegen sie diser zeit solchs zu halten[1].
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* [1507] Es ist umb dise zeit den stetten seltzamlichen

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[210] hin und wider ergangen, das sie großen ufsatz erfaren. Die statt Speuer sollt von bischof[2] Waldram, war ain graf von Veldenz, verraten und eingenommen sein worden. Das ward durch ain botten fürkommen, der hett ongeferd die prattik
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und anschleg vernommen. Do lief er so schnell in die statt, das er gleich under den thoren umbfiel und dodt war. Dieweil er aber nit mer reden kund, so zaicht er im hinsterben uf den deschen, darin die brief. Dardurch kam die pratik an tag und ward die statt erhalten. Disem botten ist ain
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ewiger jartag zum Prediger daselbs gestift worden uf den tag Severi, als die statt sollt eingenomen sein worden, und muß disem botten ain ganzer rat in signum gratidudinis jerlichs uf sollichen tag zu opfer gen. Den tag darvor last man durch die statt usruefen: »Morgen wurt der tag, an
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dem Speur verraten ward.« Mit sollichen prattiken ist man auch mit Basel umbgangen, daher noch die stundglock daselbst zu ewiger gedechtnus alle mal ain stund speter schlecht, dann es an der sonnen oder an der zeit ist. *



  1. halten] vgl. Walchner, Pfullendorf s. 10 ff.
  2. von bischof] hs. und bischof.