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Textdaten
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Autor: J. P.
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Titel: Wilhelm Heinrich Riehl †
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 814
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[814]
Wilhelm Heinrich Riehl †.

Als vor vier Jahren W. H. Riehl und mit ihm die Nation seinen siebzigsten Geburtstag beging – auch die „Gartenlaube“ widmete ihm damals einen Aufsatz, den sein Bildnis begleitete – brachte er gerade ein neues Buch zum Abschluß. Er hatte zuvor ein schweres Augenleiden zu überstehen gehabt, das ihn mit Erblindung bedrohte, dankbar pries er in der Vorrede zu dem neuen Buche das Schicksal, das ihm vergönnt hatte, wieder klar und hell die Schönheit der Welt zu schauen.

Nun hat der Tod diese Augen für immer geschlossen – am 16. November ist Riehl in München einer plötzlichen Krankheit erlegen. Seine Art aber, klar und hell die Schönheit der Welt zu schauen, lebt weiter in seinen Werken.

Das damals zum Abschluß gebrachte Buch waren die „Religiösen Studien eines Weltkindes“. In ihnen führte er aus, daß die beste Frömmigkeit die Bethätigung dankbarer Weltfremde sei. Er setzte darin die frohsinnige Lebensphilosophie auseinander, die sowohl seine Novellen als seine kulturgeschichtlichen und sozialpolitischen Werke durchdringt und dort wie hier so innig verschwistert ist mit einem urkräftigen Wirklichkeitssinn und einem lebhaften Widerwillen gegen alle romantischen und utopistischen Träumereien, welche die Menschen um den auf Erden möglichen Daseinsgenuß betrügen. Diese Lebensphilosophie ging darauf aus, die Einzelerscheinungen der Wirklichkeit in dem großen Zusammenhang des geschichtlichen Werbens zu betrachten, in dem er die Harmonie einer göttlichen Weltordnung wahrnahm. Daß diese Philosophie der „Weltfreudigkeit“ vielen willkommen war und ist, dafür zeugt der seltene Erfolg seiner Werke.

Riehl selbst hat die Eigenart seines litterarischen Wesens – ganz seiner geschichtlichen Betrachtungsweise gemäß – auf seinen Ursprung zurückgeführt. Er kam am Ufer des schöne Rheinstroms zur Welt, zu Biebrich in Nassau, wo sein Vater Verwalter des herzoglichen Schlosses war, ist er am 26. Mai 1823 geboren. „Ich bin ein Rheinländer,“ sagte er mit Bezug hierauf in späteren Jahren einmal in Verteidigung des kulturhistorischen Charakters seiner Novellen, „und am Rhein gilt uns eine Gegend für keine rechte Landschaft, wenn nicht hinten wenigstens eine alte Burg zu sehen ist“. Im Vordergrunde genießen wir dann doch die Gegenwart so fröhlich, wie irgend andere Deutsche. Ich erzähle Geschichte am liebsten aus einer Zeit, die selbst bereits Geschichte geworden. Denn die Geschichte breitet Frieden und Versöhnung über den Kampf und ich möchte nicht im Byronschen Sinne anfragen, sondern im Goetheschen anregen, wenn ich erzähle. Was in den Landschaftsbildern seiner rheinischen Heimat die „alten Burgen, das sind in seinen poetischen Erzählungen interessante Vorgänge der Weltgeschichte, das sind in seinen sozialpolitischen und kulturhistorischen Schilderungen die alte Zucht und Sitte der Väter, das „Herkommen“, der „Brauch“, die sein historischer Sinn als Offenbarungen der Volksseele auffaßte und zu deuten bestrebt war.

Das rege Interesse für den poetischen und historischen Reiz der heimatlichen Landschaft hatte ihn in der That zum Schriftsteller gemacht. Die erste Arbeit, die er als Jüngling zum Druck brachte, war die Schilderung einer frohgemuten Wanderfahrt durchs Lahnthal nach Frankfurt a. M. Dieser erste größere Ausflug weckte in ihm die Lust an einer ganz besonderen Art des Reisens, welche für seine weitere Entwicklung von größter Bedeutung wurde und die auch später eine Lieblingsgewohnheit von ihm blieb – wir verweisen dafür auf das schöne Erinnerungsblatt „Eine Rheinfahrt mit J. V. Scheffel, das im Jahrgang 1891 der „Gartenlaube“ (S. 474) erschien. Nicht anders als zu Fuß, gleich den fahrenden Scholaren des Mittelalters, durchmaß er die Thäler der Heimat und dann immer weitere Gebiete der deutschen Lande. Nicht flüchtig eilte er durch Dörfer und Städtchen, um schnell von einem namhaften Ort zum andern zu gelangen. Auch beschränkte er seinen Verkehr nirgends auf die zufälligen Begegnungen im Wirtshaus oder auf der Landstraße. Ueberall knüpfte er mit Bewohnern des Orts von allerlei Stand Bekanntschaften an, zutraulich forschend nach altherkömmlichem Brauch und heimischer Sitte.

So gewann er aus eigner Anschauung eine reiche Kenntnis des deutschen Volkslebens, das schließlich nach litterarischer Gestaltung rang. Das Ergebnis war das Buch „Land und Leute“, das, mit seinen farbenfrischen Schilderungen der bunten Mannigfaltigkeit deutscher Volksart auf dem Hintergrunde der gemeinsamen Nationalgeschichte, großes Aufsehen erregte und vielen Beifall fand. Zu den Erfolgen des Buches gehörte seine Berufung nach München als Professor der Staatswissenschaften im Jahre 1855. In den Jahren vorher war er Redakteur der „Allgemeinen Zeitung“ in Augsburg gewesen. Der historische Charakter der alten Fuggerstadt hatte ihn zu weiteren sozialpolitischen Studien angeregt, aus denen sich das Buch „Die bürgerliche Gesellschaft gestaltete. In beiden Werken verwies Riehl auf die historisch gewordenen Zustände als die feste Grundlage jedes gedeihlichen Fortschritts. Er mahnte in beiden sein Volk, von der Fülle der Besonderheiten der deutschen Stämme und ihrer sozialen Gliederung auszugehen, um die Lösung der großen Probleme der nationalen Einigung und sozialen Annäherung zu finden. Mit den weiteren Bänden „Die Familie“ und „Wanderbuch“ ergänzte er die zwei früheren zu einem System deutscher Gesellschaftswissenschaft, dem er den Titel „Naturgeschichte des Volkes“ gab. Riehls Familien“ ist sicher das geist- und gemütvollste Buch, das über Wesen und Wert des Familienlebens jemals geschrieben wurde, Riehl verherrlicht das letztere als die Voraussetzung aller politischen und moralischen Entwicklung der Völker.

In München trat er bald in nähere Beziehungen zu dem Kreis hervorragender Dichter, der sich dort gerade damals an Geibel und Paul Heyse zu bilden begonnen hatte. Der Verkehr hat letzteren beiden, der ein sehr freundschaftlicher wurde, regte ihn an, sein frisches Talent, scharf und liebevoll Beobachtetes anschaulich zu erzählen, auch rein künstlerisch als Novellist zu erproben. Sein reiches kulturhistorisches Wissen bot ihm die Stoffe. Die Kritik, die Heyse freundschaftlich an den ersten Versuchen übte, schulte sein künstlerisches Empfinden überraschend schnell. Bald sah Heyse in ihm auf dem Gebiet seiner anerkanntesten Erfolge einen ebenbürtigen Kunstgenossen. Riehls „Kulturgeschichtliche Novellen“ fanden sogleich nach ihrem Erscheinen die gebührende Würdigung. Die „Geschichten aus alter Zeit“, die Bände „Neues Novellenbuch“, „Aus der Ecke“, „Am Feierabend“, „Lebensrätsel“ ließen in immer höherem Grade die Fähigkeit des Verfassers, sich in fremde Stimmungswelten vergangener Zeiten hineinzufühlen, bewundern. Die innige Heimatsliebe, die frohe Wanderlust, der weltfreudige Sinn des Dichters beseelten anmutend auch viele seiner originell erfundenen Gestalten. Riehls Vortragsweise ist schlicht und klar, dabei von innerer Wärme, die Erfindung ist immer eigenartig und reizvoll, in vielen der Novellen waltet ein gar erquicklicher schalkhafter Humor, der sich dem historischen Charakter jeder einzelnen echt künstlerisch anpaßt.

Bis an sein Lebensende hat sich Riehl, der auch im mündlichen Vortrag ein Meister war, seiner seltenen Schaffenskraft erfreuen dürfen. Von seinen kleineren Arbeiten sind noch besonders die fein ausgeführten Charakterbilder von Meistern der Tonkunst hervorzuheben, für die er eine große Verehrung hegte. Der Dichtkunst blieb er bis zum Tode treu. Ehe er erkrankte, hatte er gerade die Durchsicht der Korrekturbogen seines letzten Werkes beendet. Der großen Gemeinde seiner Verehrer bietet sein Geist nun den Roman „Ein ganzer Mann“ über das Grab hinweg dar. In diesem ersten und einzigen Romane Riehls, der in einer alten deutschen Stadt, aber in neuerer Zeit spielt, findet sich die liebenswürdige kraftvolle daseinsfrohe Geistesart des Verstorbenen in ebenso charakteristischer wie anheimelnder Weise ausgeprägt. Und indem wir über dieses Spiegelbild seines Wesens auf ihn selbst und die ganze schöne Welt seines Schaffens dankbar zurückblicken, wird uns der Titel dieses letzten seiner Bücher zum Ausdruck des Abschieds von ihm – in der harmonischen Geschlossenheit seines Charakters war fürwahr gerade er ein „ganzer“ Mann!
J. P.