Wie bekämpft man die Abmagerung

Textdaten
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Autor: Dr. E. Heinrich Kisch
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Titel: Wie bekämpft man die Abmagerung?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 7–8
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[0007]
Wie bekämpft man die Abmagerung?
Von Professor Dr. E. Heinrich Kisch.


Nicht nur der ästhetische Sinn stellt die Schönheitsanforderung an den menschlichen Körper, daß derselbe eine gewisse Fülle besitze, die Formen eine bestimmte Rundung haben: auch die medizinische Wissenschaft weiß die Wichtigkeit eines in normalen Grenzen stattfindenden Fettansatzes für die Gesundheit des Individuums zu schätzen. Und so wie die plötzliche Abmagerung den Körper verunstaltet, den Gesichtsausdruck verändert, die Ebenmäßigkeit des Körperbaues stört, die Muskeln straffer hervortreten läßt, den Bewegungen die Anmut nimmt und die Wellenlinien der Schönheit beeinträchtigt, so gilt auch dem Arzte das rasche Schwinden des Fettpolsters, die wesentliche Abnahme des Körpergewichtes als ein sehr wichtiges und zugleich ungünstiges Symptom, das zuweilen einen höchst beachtenswerten Weckruf bildet, ein Alarmzeichen, daß im Organismus bedrohliche Vorgänge von statten gehen. Ist doch der plötzliche Verbrauch des aufgespeicherten Fettes nicht selten das erste sichtbare Zeichen eines Lungenspitzenkatarrhs oder einer im Körper sich entwickelnden bösartigen Neubildung, häufig aber nur die Folge einer ungünstigen Beeinflussung des Nervensystems durch psychische Momente wie Sorge, Kummer, Aerger und Kränkung. Abmagerung ist immer der Ausdruck eines fehlerhaften Ganges des Stoffwechsels. Sie deutet an, daß die Ernährung des gesamten Körpers beeinträchtigt ist, daß in dem Haushalte des Organismus mehr ausgegeben wird als eingenommen werden kann, wobei das Fett, welches als Spardepot den Organismus vor zu raschem Verbrauche schützen soll, verzehrt wird.

Schreitet die Abmagerung fort, so wird nicht nur das Fett aufgezehrt, sondern auch der Eiweißbestand des Organismus angegriffen: das Fleisch des Körpers nimmt ab, die Muskeln büßen an Kraft ein, ihre Leistungsfähigkeit ist herabgesetzt, der gesamte Körperbau ist erschüttert. Das sehr abgemagerte, fettarme Individuum vermag infolge des Fettschwundes wie der Abnahme der Muskelkraft nicht längere Zeit zu gehen oder zu stehen, aber auch das Sitzen und Liegen wird ihm schwer und schmerzhaft, denn es fehlt ihm das in der Norm so mächtige Lager von Unterhautfett, welches wie ein Luftkissen äußeren Druck und Stoß schonend abwehrt. Dieser Schmerz giebt sich besonders in der Fußsohle, in der Hohlhand und am Gesäße, wo äußerer Druck bei den Bewegungen und Lagerungen des Körpers am stärksten und anhaltendsten wirkt, zumeist kund. Der stark Abgemagerte ist ferner sehr empfindlich gegen den Wechsel der Lufttemperatur, er friert sehr leicht und ist zu Erkältungen geneigt, denn er ist des Schutzes beraubt, welchen das Fett als schlechter Wärmeleiter auf die von diesem bedeckten und umhüllten Gewebe, sie vor Abkühlung wahrend, ausübt. Es wird aber weiters durch den raschen Schwund des Fettes eine schwere mechanische Störung in dem Aufbaue des Körpers herbeigeführt, die sich besonders durch Erschütterung der Struktur des Herzmuskels bedrohlich gestaltet, Herzschwäche mit allen ihren das Leben gefährdenden Erscheinungen herbeiführt. Endlich leidet unter dem gewaltsamen Verbrauche des Fettgewebes und der damit einhergehenden Schädiguug des Eiweißbestandes des Körpers die Bildung der roten Blutkörperchen und die ganze Blutbeschaffenheit in wesentlicher Weise. Es ist also von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, die Abmagerung schon in ihren Anfängen festzustellen, sie zu beachten und ihr, wo es nötig ist, durch geeignetes Verfahren Einhalt zu thun.

Bei Bekämpfung und Verhütung der Abmagerung muß nun vor allem in Betracht gezogen werden, wie überhaupt ein stärkerer Fettansatz im Körper stattfindet. Während man früher der Anschauung huldigte, daß nur gewisse Nahrungsstoffe, nämlich Fett, Stärke und Zucker, darum auch Fettbildner genannt, die Ansammlung von Fett im Körper fördern und die Verbrennung des gebildeten und abgelagerten Fettes vermindern, ist es jetzt festgestellt, daß auch bei der Zersetzung der eiweißartigen Stoffe, also bei Fleischnahrung, eine stetige Abtrennung von Fett erfolgt und daß jede Art von Ueberernährung, das heißt jede Zuführung von Nahrungsstoffen aller Art in einer zur Erhaltung des Organismus bedeutend übersteigenden Menge, zur Fettbildung führt, das Fett anmästet. Ein anderes, in dieser Beziehung förderliches Moment ist andauernde Ruhe, Mangel an körperlicher Bewegnng bei reichlicher Nahrung, während erhöhte Muskelthätigkeit den Fettverbrauch im Körper steigert, die Zersetzung des Fettes zu Kohlensäure und Wasser beschleunigt. Sehr ausgiebige Ernährung, besonders mit einer Kost, in welcher Fette, Butter, Mehlspeisen, Kartoffeln, Süßigkeiten überwiegen, lange dauernde beschauliche Ruhe, langes Schlafen sind unerläßliche Erfordernisse einer Lebensweise, welche der Abmagernng Einhalt thun und eine stärkere Fettbildung zuwege bringen soll.

Auf diesen Grundsätzen beruht die zuerst von dem amerikanischen Arzte Weir-Mitchell gegen Blutarmut, Nervenschwäche und allgemeine Ernährungsstörungen empfohlene, nun aber auch von deutschen Aerzten häufig angewandte diätetische Kurmethode, die sogenannte Mastkur. Diese Kurmethode sucht den Zweck, binnen kurzer Zeit, im Laufe weniger Wochen, die ganzen im herabgekommenen Zustande befindlichen Ernährungsverhältnisse eines kranken, abgemagerten Individuums zu bessern, den allgemeinen Kräftezustand zu heben, Fett und Blut in reichlicher Menge zu bilden und so das Körpergewicht bedeutend zu steigern – dadurch zu erreichen, daß die betreffende Person in vollkommener körperlicher und geistiger Ruhe gehalten wird, also sich möglichst wenig bewegen und gar nicht arbeiten darf, dabei aber eine ungewöhnlich große Menge von Nahrungsstoffen zu sich nehmen muß. Am geeignetsten ist die Durchführung dieser Kur bei Entfernung der Patienten aus der gewohnten Umgebung, in einer eigenen Anstalt oder in einem Kurorte, wo es auch möglich ist, die bessere Verdauung und Anbildung der Nährstoffe durch Massage in geeigneter Weise zu unterstützen. Die Steigerung der Nahrungszufuhr, die Vermehrung der Mahlzeiten darf nur allmählich geschehen. Im [0008] Beginne wird empfohlen, nur Milch zur Ernährung zu verwenden, wobei die Vorsichtsmaßregel zu beachten ist, die Milch stets in sehr kleinen Portionen, schluckweise trinken zu lassen, weil sie nur solchermaßen sehr leicht verdaut wird. Man läßt also zunächst alle 2 bis 3 Stunden 90 bis 120 Kubikcentimeter Milch trinken und steigert diese Portionen binnen 3 bis 4 Tagen auf 2 bis 3 Liter in 24 Stunden. Nachdem diese Milchdiät durch mehrere Tage vorbereitend auf die Verdauungsorgane eingewirkt hat, kann man diesen eine höhere Leistung zumuten und läßt die gewöhnlichen Mahlzeiten, Frühstück, Mittag und Abendbrot, einhalten, dazu aber leicht verdauliche und nahrhafte Speisen in großer, allmählich steigender Menge nehmen. Es ist erstaunlich, an welch bedeutende Quantitäten sich der Magen gewöhnt und wie sehr der Organismus, besonders angeregt durch Massage, solche Fütterungskur verträgt, welche sich nach und nach nicht mehr auf die drei Mahlzeiten beschränkt, sondern jede zweite Stunde und noch öfter die Verdauungsthätigkeit in Anspruch nimmt. Den Gang einer solchen gesteigerten Nahrungszufuhr mag folgende Liste der Speisen veranschaulichen, welche dem betreffenden Individuum am elften Tage der Fütterungskur gereicht wurden. Sie lautet: Morgens um 7½ Uhr ½ Liter Milch, 2 Zwiebacke, um 8½ Uhr Kaffee mit Sahne, 80 Gramm Fleisch, Weißbrot, Butter, geröstete Kartoffeln, um 10 Uhr 1/4 Liter Milch, 3 Zwiebacke, um 12 Uhr mittags ½ Liter Milch; um 1 Uhr Suppe mit Ei, 200 Gramm Fleisch, Kartoffelbrei, Gemüse, 125 Gramm Pflaumenkompott, süße Mehlspeise, um 3½ Uhr nachmittags ½ Liter Milch, um 5½ Uhr 1/3 Liter Milch, 80 Gramm Fleisch, Weißbrot, Butter, um 9½ Uhr abends 1/3 Liter Milch, 2 Zwiebacke. Wenn sich dauernde Uebelkeit und Erbrechen einstellen, so muß die Kur auf einige Tage unterbrochen werden, während welcher Zeit dann wiederum nur Milch zur Nahrung gereicht wird. Es braucht wohl nicht erst betont zu werden, daß eine solche Mastdiät nur auf Verordnung eines Arztes und unter steter Kontrole desselben durchgeführt werden darf. Dann ist aber auch der Erfolg oft ein überraschender, nach einer Woche zeigt sich die Menge des Fettansatzes bereits durch Zunahme des Körpergewichtes um 2 bis 3 Kilo, dabei wird das Aussehen besser, die Gesichtsfarbe röter; eine Gewichtszunahme von 8 bis 10 Kilo nach einer vier- bis sechswöchigen Kur ist kein seltenes Ereignis.

Wer an Fett zunehmen will und einen guten Magen hat, wird eine leichte Mastkur in der Weise vornehmen können, daß er zu seiner reichlichen Kost vorzugsweise solche Speisen wählen wird, welche sich durch großen Gehalt an den oben erwähnten Fettbildnern auszeichnen. Unter den Fleischarten wird er den fettreichsten den ersten Rang einräumen: dem Schweinefleisch, Kalbfleisch, Hammelfleisch, dem Fleische der Ente und Gans, dem geräucherten Ochsenbraten, der geräucherten Gänsebrust, den fettreichen Würsten, fettem Schinken. Von Fischen wird er sich den Lachs, die fetthaltigen Bücklinge, Sprotten und Heringe gönnen, und auch dem Kaviar wird er einen Ehrenplatz an der Tafel zuweisen, einerseits wegen des Fettgehaltes, anderseits schon deshalb, weil dieses pikante Genußmittel den Appetit anregt und steigert. Brot, mit viel Butter oder Schmalz bestrichen, süße Mehlspeisen sind ausgezeichnete Förderer des Fettansatzes. Von Gemüsen sind Kartoffeln am reichsten an stickstofffreien fettbildenden Substanzen; anderen Gemüsen wird man, um sie „mästend“ zu gestalten, recht viel Butter, Schmalz oder Oel zusetzen. Als Dessert werden sich für solchen Kandidaten eines Fettbäuchleins süßes Obst, Trauben, Mandeln, Nüsse, Datteln empfehlen und auch der Käse, namentlich der Rahmkäse, darf nicht vergessen werden. Von Getränken sind zum Zwecke der Fettanbildung fette Bouillon, nicht abgerahmte Milch, Chokolade, Kakao zu empfehlen, desgleichen schwere süße Ungarweine, Champagner, malzreiche Biere, Liqueure. Nach der Erfahrung ist reichliches Trinken, und wenn es auch nur gewöhnliches Wasser oder Sodawasser ist, ein die Fettbildnng förderndes Moment und wird darum mageren Personen anzuraten sein.

Günstige Erfolge hat man bei Abmagernng auch von dem methodischen Gebrauche des Kumys und Kefir, welche in jüngster Zeit vielfach empfohlen werden, gesehen. Das erstere Getränk, auch Weinmilch genannt, wird von asiatischen Steppenvölkern aus Stutenmilch durch alkoholische Gärung bereitet und gilt besonders bei Baschkiren und Kirgisen als beliebtes Volksmittel gegen Lungenschwindsucht und andere „zehrende“ Krankheiten. Der Gebrauch dieses Getränkes, welches in der That durch seinen bedeutenden Gehalt an Fett, Milchzucker und Alkohol eine rasche Zunahme der Fettbildung beim Menschen bewirkt, hat sich in unseren Gegenden, trotz mehrfacher Versuche, wegen des hohen Preises nicht einzubürgern vermocht. Besser ist dies bei dem Kefir der Fall, einem ursprünglich von Tataren des kaukasischen Gebirges hergestellten Getränk, welches gleichfalls wie der Kumys ein Gärungsprodukt der Milch ist. Dasselbe läßt sich sehr leicht aus Kuhmilch durch Zusatz der jetzt in vielen Apotheken erhältlichen Kefirkörner herstellen. Diese Körner bestehen aus Hefezellen und einem stäbchenförmigen Mikroorganismus (Bacillus), welche die alkoholische Gärung der Kuhmilch bewerkstelligen. Dieses sehr angenehm erfrischende, säuerlich schmeckende, wie Champagner schäumende Getränk bewährt sich, mehreremal des Tages ein Glas (1/4 Liter) voll getrunken, in der That als ein Feind der Magerkeit und begünstigt in rascher Weise eine größere Fettablagerung im Körper. Ein Gleiches läßt sich, vorausgesetzt, daß die Verdauungsorgane sich in gutem Zustand befinden, von dem Gebrauche des Leberthrans, jenes Fettes, das bekanntlich aus der Leber des Kabliaufisches gewonnen wird, rühmen, welches, durch längere Zeit genossen, die Zunahme des Körpergewichtes in wesentlichem Maßstabe vermehrt und vor allen anderen Fetten den großen Vorteil besitzt, im Darme überaus rasch aufgesaugt, ferner in größeren Einzelgaben und durch einen längeren Zeitraum (wochenlang mehrmals täglich selbst 15 bis 30 Gramm) vertragen zu werden. Der Leberthran ist neben Milch das beste Mittel, um Kindern, welche nach dem zehnten Lebensjahre bis zur Entwicklungszeit mager und schwächlich bleiben, einen fettbildenden Zusatz zu der aus Fleisch- und Mehlspeisen bestehenden Kost zu gewähren. Kinder im Sänglingsalter, welche an der Brust oder durch Ersatzmittel der Frauenmilch nicht gedeihen und nicht in normaler Weise an Gewicht zunehmen, darf man nicht ohne weiteres durch Fettbildner wie Mehlbreie, süße Grütze etc, recht dick und rund aufzupäppeln versuchen, sondern in diesen Fällen ist der Rat des Arztes einzuholen, welcher die Ernährungsweise sorgfältig den Umständen entsprechend zu regeln hat. Dasselbe gilt auch in allen Fällen bei Erwachsenen, wenn das Körpergewicht in rascher Weise unter die Norm heruntergegangen, die Abmagerung eine plötzlich entstandene oder sehr bedeutende ist; denn bis zu einem gewissen Grade gehört die Fettaufspeicherung zum Normalbestande unseres Organismus und muß Magerkeit als krankhafter Zustand betrachtet werden.