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Textdaten
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Autor: Rudolf Cronau
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Titel: Washington
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 108–111
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Washington.
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
In Wort und Bild geschildert von Rudolf Cronau.
Die Gartenlaube (1897) b 108.jpg

Das Weiße Haus und das Jackson-Denkmal.

Unter den Großstädten der Erde ist Washington, die politische Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Nordamerika, unstreitig eine der eigenartigsten. Ihr Ursprung läßt sich nicht, wie derjenige der meisten Städte, auf Handelsinteressen zurückführen, die da oder dort die Anlage größerer Ansiedlungen wünschenswert scheinen ließen; auch ist sie nicht wie mancher andere Platz zu Zwecken der Landesverteidigung gebaut worden, und ebensowenig zählt sie zu der Gruppe solcher Städte, die aus irgend einem Grunde religiöse Bedeutung erlangten. Washington wurde einfach auf Bestellung, und zwar zu Zwecken der Regierung der Vereinigten Staaten, gebaut.

Dies trug sich folgendermaßen zu:

Nachdem im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die dreizehn englischen Kolonien der Ostküste Nordamerikas sich von der englischen Herrschaft losgerissen und einen selbständigen Staatenbund aufgerichtet hatten, führte die Regierung desselben die ersten zehn Jahre hindurch ein unstetes Dasein. Man hatte sich noch nicht entschieden, wo der Sitz der Bundesregierung sein solle; bald tagte der aus Abgeordneten aller Staaten bestehende Kongreß in New York, bald in Philadelphia, Baltimore, Trenton oder Annapolis. In Philadelphia ereignete es sich im Jahre 1783, daß ein Pöbelhaufen eines Tages in die Sitzungsräume des Kongresses drang und die Mitglieder desselben verjagte. Die Thatsache, daß die Behörden der Stadt keine Anstalten trafen, um den Kongreß gegen derartige Vorkommnisse zu schützen, rief das Verlangen wach, daß derselbe einen Zusammenkunftsort besitzen möge, über den ihm allein die Verfügung und Gerichtsbarkeit zustehe. Dieser Gedanke fand allgemein Zustimmung und

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Die Gartenlaube (1897) b 109.jpg

Washington, vom virginischen Ufer aus gesehen.

von seiten der Staaten Maryland und Virginien insofern thätige Unterstützung, als dieselben freiwillig eine 100 englische Quadratmeilen umfassende Strecke Landes kostenlos zur Verfügung stellten, damit der Bundeskongreß daselbst eine Stadt baue, die fortan als der von den Einzelstaaten unabhängige Sitz der Bundesregierung betrachtet werden solle. Die Ehre, den Platz auszusuchen, übertrug man dem Präsidenten George Washington, der sich für eine an der Mündung des Anacostia in den Potomacfluß gelegene Stelle entschied, die im Jahre 1791 unter dem Namen „Territory of Columbia“ abgegrenzt wurde.

Es galt nun, den Plan zu der Bundeshauptstadt zu entwerfen. Mit dieser Arbeit wurde ein im Regierungsdienst befindlicher französischer Ingenieur Namens L’Enfant beauftragt. Das schon damals in Amerika immer mehr zur Annahme kommende, von den Spaniern den aztekischen und altperuanischen Städteanlagen entlehnte System, die Städte in Form eines Schachbrettes anzulegen, hatte sich zu sehr bewährt, als daß L’Enfant davon hätte abstehen dürfen. Indem er die rechtwinklig einander durchschneidenden Straßen und die gleichmäßig großen Häuservierecke dieses Systems beibehielt, verband der Franzose damit aber das bei den Parkanlagen seiner Heimat, in Versailles und dem Bois de Boulogne, angewendete System, verschiedene Stellen zu Ausgangspunkten breiter, nach allen Richtungen der Windrose ausstrahlender Alleen oder Avenuen zu machen, welche die rechtwinklige Anordnung des Stadtplans durchschneiden. Solche Centren wurden vor allem diejenigen Stellen, wo das dem Kongreß zum Versammlungsort dienende „Kapitol“ und das dem Präsidenten der Regierung zum Wohnsitz dienende „Executive Mansion“ ausgeführt werden sollten. Andere Centren sind von öffentlichen Parks umgeben. Vom Kapitol strahlen zehn, vom Hause des Präsidenten sieben breite Avenuen aus und führen nach den anderen Centren hin, so daß auch die letzteren als Ausgangspunkte derselben angesehen werden können. Alle Avenuen eröffnen reizende Fernblicke auf das Kapitol, das Haus des Präsidenten oder auf prächtige Reiterstatuen, die aus schöngepflegten Anlagen emporragen.

Leider ward der großartigste Teil des von L’Enfant entworfenen Planes nicht in der von ihm gewünschten Weise durchgeführt. Es hatte in seiner Absicht gelegen, vom Kapital aus eine 130 m breite Triumphallee nach dem 1½ km entfernten Potomacfluß zu führen, wo auf einem Hügel ein mächtiges Reiterstandbild des Präsidenten Washington errichtet werden sollte. Zu beiden Seiten der Allee waren 300 m breite Parkanlagen gedacht, in deren Hintergrund die von der Regierung zu bauenden Ministerialgebäude zu stehen kommen sollten. Gewaltige Kaskaden, kleine Seen und Bildsäulen berühmter Männer sollten über den Park gleichmäßig verteilt werden. Hätte man diesen Plan, der von den Nachfolgern des Franzosen leider nicht verstanden wurde, durchgeführt, so würde Washington eine Sehenswürdigkeit erhalten haben, wie sie großartiger und eindrucksvoller keine Residenz der Welt bietet.

Aber auch trotz des Fortfalles dieser Triumphallee ist Washington eine der schönsten Städte der Welt geworden. Dazu trug vor allem der Umstand bei, daß L’Enfant sämtliche Straßen in einer nicht bloß den Verhältnissen seiner Zeit, sondern den Bedürfnissen späterer Geschlechter entsprechenden Breite angelegt hatte. Beträgt doch die Durchschnittsbreite der Straßen 30, die der Avenuen hingegen 50 m. Dabei besitzen die fast durchweg mit Asphalt belegten Straßen 3 bis 5 m in breite Fußstege und zwischen diesen und den fast stets nur für eine Familie berechneten Häusern mehr oder minder breite Rasenplätze und Gartenanlagen. Sämtliche Straßen mit Ausschluß natürlich der Geschäftsstraßen haben doppelte Reihen von Schattenbäumen, die Avenuen hingegen, wie z.B. die 7 km lange Massachusetts Avenue, haben gar vierfache Reihen von Linden, Platanen, Sykamoren, Kastanien und anderen Baumarten. In wie reichem Maße dieser Baumschmuck zur Anwendung gekommen ist, ergiebt sich aus dem Umstand, daß Washington gegenwärtig zwischen 75- und 100 000 Schattenbäume besitzt, die besonders im Frühling dem Stadtbild einen überaus lieblichen Anblick verleihen. Auch jene stumpfen Ecken und spitzen Winkel, die dort entstanden, wo die Avenuen die Straßen durchschneiden, haben ziergärtnerischen Schmuck, welcher phantastischen Blumenvasen, Springbrunnen oder Bildsäulen zur Folie dient.

Sein eigenartiges Gepräge erhält Washington aber doch erst durch die zahlreichen großartigen Regierungspaläste, die hauptsächlich über den westlich vom Kapitol gelegenen Stadtteil verstreut sind. Der Bau der meisten dieser eindrucksvollen Gebäude fällt in das letzte Jahrzehnt des vorigen und den Anfang dieses Jahrhunderts, wo eine große Vorliebe für altgriechische und altrömische Architektur, Dichtung und Tracht sowohl Europa wie Amerika beherrschte. Diese Vorliebe war beim Präsidenten Washington besonders stark ausgeprägt, und seinem Einfluß dürfte es hauptsächlich zuzuschreiben sein, daß alle damals aufgeführten Regierungsgebäude in streng klassischem Stil errichtet wurden. Thatsächlich haben in verschiedenen dieser Paläste die herrlichsten Tempelbauten Altgriechenlands ihre Auferstehung gefeiert. So ist beispielsweise das Gebäude des Ministeriums des Innern eine getreue Wiederholung des Parthenon, das Gebäude der Generalpostverwaltung ist eine Kopie des Theseustempels, das Schatzamt die des Minervatempels. Auch das städtische Rathaus, ferner das vom Präsidenten bewohnte „Weiße Haus“ sind im klassischen Stil gehalten, so daß ein begeisterter Reiseführer mit Recht behaupten [110] durfte, Washington allein besitze mehr klassische Säulenfronten als ganz Griechenland.

Der Preis unter diesen Architekturwerken gebührt unstreitig dem Kapitol, das, einem von Titanen aufgeführten Wunderbau gleich, von einem 30 m hohen Hügel Umschau über die ganze Stadt und das weite, vom Potomac durchzogene Gelände hält. Aus saftig grünen Parkanlagen emporwachsend, haben seine gewaltigen Marmormassen nur den wundervollen Himmel des Südens zum Hintergrund, in dessen tiefes Blau die 87 m hohe, von Säulengängen umgebene Kuppel des Doms hinaufragt, um hoch droben noch eine 6 m große, 7490 kg schwere Bronzefigur der Freiheitsgöttin zu tragen.

Die architektonischen Schönheiten des Kapitols, seine herrlichen Säulenfluchten, welche gleich einem schützenden Wald alle Seiten des Bauwerks umgeben, die kostbaren Bronzethüren, welche den Eingang ins Innere gestatten, und die gewaltige Rotunde des Doms auf kurzem Raum zu schildern, ist ebenso unmöglich, wie all die unzähligen, die wichtigsten historischen Vorgänge des Landes darstellenden Gemälde und die vielen Standbilder der um das Land verdienten Helden aufzuzählen, die das Innere des Kapitols schmücken und es zu einem wahren Nationalmuseum amerikanischer Geschichte machen. Ansichten des Kapitols bieten unsere Bilder auf S. 104 und 105 sowie 109, außerdem bringen wir den Senatsflügel als ein Beispiel der Bauart der Washingtoner Regierungsgebäude auf S. 111 zur Darstellung.

Von den beiden Haupträumen des Kapitols gewährt der 24 zu 34 m messende Saal des Senats 90 Senatoren, der 28 zu 42 m messende Saal des Repräsentantenhauses 390 Abgeordneten Sitzgelegenheit, wobei die dem Publikum eingeräumten Galerien 1200 bezw. 2500 Personen fassen. In diesen beiden Sälen finden jene Debatten statt, deren Nachhall selbst in Europa oft genug verspürt wird und am besten für die bedeutungsvolle Stellung spricht, welche die Vereinigten Staaten trotz ihres jungen Daseins sich bereits in dem allgemeinen Völkerkonzert errungen haben.

Die im Kapitol tagenden Volksvertreter bilden den gesetzgebenden Teil der Regierung, die ausübende Gewalt ruht in den Händen des alle vier Jahre zu erwählenden Präsidenten, der im „Executive Mansion“ oder „Weißen Hause“ seinen Wohnsitz hat. Wer in diesem vielgenannten Bauwerk sich ein Schloß, einen Palast nach europäischem Muster denkt, dürfte enttäuscht sein, denn das „Weiße Haus“ hat außer seinen wohlgepflegten Parkanlagen und seinem von ionischen Säulen getragenen Portikus keinen weiteren Schmuck und erinnert mehr an das Heim eines reichen südlichen Pflanzers, der in stiller Zurückgezogenheit sich des hart erkämpften Gutes freut. Die reizenden Parkanlagen, die das Weiße Hans umgeben, umfassen eine Fläche von 30 Hektar; vor ihm liegt der Lafayette Square mit dem Reiterdenkmal Andrew Jacksons, des siebenten Präsidenten der Republik.

Außer diesen Sehenswürdigkeiten, die Washington zum Mekka jedes Amerikareisenden machen, besitzt die Stadt noch zahlreiche andere. Wer sich für die Urgeschichte, Tier- und Völkerkunde der Neuen Welt interessiert, wird reichlich befriedigt durch die im Nationalmuseum und dem Smithsonschen Institut befindlichen Sammlungen. Bücherfreunde finden in der gegen eine Million Bände umfassenden Kongreßbibliothek die seltensten Werke, wer nach geschichtlich interessanten Stätten zu pilgern wünscht, mag seine Schritte dorthin lenken, wo die Märtyrerpräsidenten Lincoln und Garfield unter den Kugeln der Meuchelmörder dahinsanken. Er mag das liebliche Mount Vernon aufsuchen, wo George Washington lebte und starb, oder er mag sich im Schatten der Anlagen des herrlichen Soldatenheims oder des Friedhofs von Arlington ergehen, auf welchem 16000 im Bürgerkriege gefallene Soldaten ruhen. Prachtvoll ist der Anblick der Stadt von dem virginischen Ufer. Im Vordergrunde am silbernen Spiegel des Potomac ragt das dem Andenken des edlen Gründers der Vereinigten Staaten gewidmete Washington-Monument empor, ein 159 m hoher, über 80 Millionen Kilogramm schwerer Marmorobelisk, in dessen Hohlraum Treppen und ein Aufzug bis zum Gipfel des Monuments führen, wo ein überwältigend großartiger Rundblick über die im Grün gebettete Stadt den Ausschauenden belohnt.

Doch werfen wir jetzt auch einen Blick auf die Bevölkerung der Bundeshauptstadt! Das ganze Lebenselement derselben ist die Politik. Ruht diese während der Sommermonate, so ist auch die Stadt verödet und tot, steigt aber am ersten Montag des Dezember auf beiden Flügeln des Kapitols das Sternenbanner in die Höhe zum Zeichen, daß der Kongreß seine Sitzungen wieder aufgenommen, so atmet die Bewohnerschaft Washingtons freudig erregt auf, denn nun ist der lange Sommerschlaf vorüber und es beginnt eine neue lebensfrische Thätigkeit. Alle Schauläden werden aufgeputzt, die großen Gasthöfe präsentieren sich in neuem Glanz, die Theater, die so lange leer standen, bevölkern sich wieder, denn mit der Rückkehr der Kongreßmitglieder stellen sich auch deren Familien sowie die Fremden wieder ein, die während des Sommers das tropisch heiße Washington ängstlich gemieden haben.

In Bezug auf seine Bevölkerung ist wohl kaum eine Stadt der Erde so eigenartig gestellt wie Washington, wohl keine wechselt so unablässig und gründlich ihre Bewohner. Da ist ein ewiges Kommen und Gehen, ein beständiges Ein- und Ausziehen wie in einem großen Gasthof oder vielbesuchten Badeort Personen, die eine Zeit lang in Washington lebten und einen ausgedehnten Bekanntenkreis erwarben, würden, wenn sie nach mehrjähriger Abwesenheit hierher zurückkehrten, bitter enttäuscht sein. und sich vergeblich nach bekannten Gesichtern umschauen. Fremde sind an ihre Stelle getreten die „Löwen“, welche damals die „Gesellschaft“ beherrschten, sind in alle Lande verstreut und haben ihre Plätze anderen Personen überlassen.

Dieser Wechsel steht mit dem Regierungssystem der Vereinigten Staaten in Zusammenhang. Dasselbe kennt kein ständiges Beamtentum in europäischem Sinne. Beamter wird, wer Lust dazu und politisch einflußreiche Gönner besitzt, die Fürsprache für ihn erheben. Tritt, was alle vier Jahre zu erwarten ist, ein Präsidentenwechsel ein, so muß der Beamte gefaßt sein, über kurz oder lang von einem Nachfolger verdrängt zu werden, der unter den dem neuen Präsidenten befreundeten Personen mächtigere Fürsprecher hat. Besonders gründlich ist die Umgestaltung, wenn auf einen republikanischen Präsidenten ein demokratischer folgt oder umgekehrt. In diesem Fall betrifft der Wechsel fast sämtliche Beamte vom Staatsminister bis zum letzten Dorfpostmeister und Zolleinnehmer hinab. Ein solcher Umschwung vollzieht sich auch gegenwärtig, denn am 4. März wird der Republikaner Mc Kinley den Demokraten Cleveland in der Präsidentschaft ablösen.

Da das in Washington beschäftigte Beamtenheer gegen 15000 Personen umfaßt, von denen viele von ihren Familien begleitet sind, die alle bei einem Verlust ihrer Stellen möglichst schnell in die Heimat zurückkehren, da ferner auch aus dem Senat und Abgeordnetenhause alljährlich eine bestimmte Zahl von Mitgliedern ausscheidet, um neu eintretenden Platz zu machen und da endlich unter den in Washington beglaubigten Vertretern der auswärtigen Regierungen Versetzungen häufig sind, so kann man leicht ermessen, welch gründlicher Umgestaltung das gesellschaftliche Leben der Bundeshauptstadt unterworfen ist.

Der Hauptteil desselben drängt sich auf die zwischen Neunjahr und Ostern gelegenen Wochen zusammen. Natürlich bilden die offiziellen Empfänge des Präsidenten sowie die von ihm veranstalteten Staatsdiners die Glanzpunkte, aber auch von seiten der anderen offiziellen und nichtoffiziellen Gesellschaft wird nicht selten ein außergewöhnlicher Aufwand getrieben. Fälle, wo ein einzelner Senator auf den Blumenschmuck seiner Empfangsräume an einem Abend Tausende von Dollars verwendete oder es sich 10 000 Dollars kosten ließ, um seine Gäste mit den gesanglichen und musikalischen Leistungen der erlesensten Koryphäen zu unterhalten sind durchaus nicht vereinzelt. Dabei sind derartige Veranstaltungen die „Receptions“, „Musicals“, „Dinners“, „Suppers“ und „five o’clock teas“, so häufig, daß man tiefes Mitgefühl mit den Aermsten empfindet, deren Stellung sie dazu verpflichtet, inmitten der hochgehenden Wogen dieses gesellschaftlichen Treibens zu schwimmen. Dasselbe erhält allerdings dadurch einen eigenartigen Reiz, daß die Teilnehmer im wahrsten Sinne des Worts kosmopolitisch zusammengewürfelt sind. So veranschaulichen die aus allen Teilen des weiten Landes kommenden Kongreßmitglieder mit ihren Damen sämtliche Typen des Amerikanertums. Da sind hagere Yankees aus den Neu-Englandstaaten und [111] robuste Gestalten aus dem fernen Westen, welch letztere sich durch eine Vorliebe für breitrandige Schlapphüte und Buffalo-Bill-Locken verraten. Dem Süden entstammen chevalereske Pflanzer, deren Gesichtern man sehr wohl die spanische oder französische Abstammung anmerkt. Unter diesen Mitgliedern des Kongresses fehlt es nicht an Leuten, die durch ihre Erscheinung Interesse erregen, besonders unter den Senatoren sieht man prächtige von silberweißen Haaren und wallenden Bärten umrahmte Köpfe, die sich auch über einer römischen Toga stattlich ausgenommen haben müßten. Zu diesen Typen gesellen sich europäische und amerikanische Touristen, Künstler und Gelehrte, Geldleute sowie die Vertreter der auswärtigen Regierungen, die hier in weit größerer Zahl als an europäische Höfen vorhanden sind, da außer den Mächten der Alten Welt sämtliche Freistaaten Mittel- und Südamerikas sowie die Reiche Asiens eigene Botschafter und Gesandte in Washington besitzen.

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Der Senatsflügel des Kapitols.

Einen ganz besonders hervortretenden Bestandteil der Bevölkerung von Washington bilden die Neger, die mit 80 000 Köpfen ein volles Drittel der Einwohnerschaft ausmachen und in hohem Grade dazu beitragen, der Stadt einen südliche Charakter zu verleihen. Unter dieser großen Masse des sogenannten „farbigen Volks“ ist nicht nur die ganze Musterkarte afrikanischer Negerphysiognomien zu finden, sondern auch die all jener Mischlingsarten, die aus Verbindungen zwischen Weißen und Negern hervorgehen und deren oberste Stufen nur noch durch eine matte Farbe sowie gewisse Merkmale an den Nägeln, Lippen und Augen kenntlich sind. Die Thätigkeit dieser Farbigen beschränkt sich nicht bloß auf untergeordnete Beschäftigungen, sondern man findet auch zahlreiche Advokaten, Aerzte und Apotheker unter ihnen. Im Regierungsdienst haben gegen 3000 Neger Verwendung gefunden, desgleichen sind viele farbige Pastoren und Lehrer in den für Neger reservierten Kirchen und Schulen thätig. Washington hat sogar seine schwarze Aristokratie, welche in hocheleganten Villen wohnt und durch zahlreiche Dienerschaft und prächtige Equipagen zu glänzen sucht. Diese schwarzen Aristokraten verdanken ihr Vermögen meist dem außerordentlichen Steigen des Wertes ihres Grundbesitzes. Der Anteil, den die Neger an dem Grundbesitz haben, belief sich im Jahre 1895 auf über 8 Millionen Dollars.

Will man die kosmopolitische Bevölkerung Washingtons auf kurzem Raume zusammengedrängt sehen, so braucht man nur die Anlagen vor dem Kapital mit dem herrlichen Peace-(Friedens-) Denkmal aufzusuchen und den dort beginnenden bis zum „Weißen Hause“ sich erstreckenden Teil der Pennsylvania Avenue entlang zu wandern. Man könnte denselben mit den Berliner „Linden“ vergleichen, nur entbehrt die Pennsylvania Avenue noch jenes weltstädtischen Glanzes, jener großartigen Kaufläden, eleganten Cafés und Restaurants sowie jenes Heeres männlicher und weiblicher „Flaneure“, die für die Berliner „Linden“ so charakteristisch sind. Dagegen stößt man hier auf einen weit größeren Reichtum der verschiedenartigsten menschlichen Typen. Neben Mitgliedern des Kongresses oder des gleichfalls im Kapital tagenden Obersten Bundesgerichts begegnen wir Dutzenden von welterfahrenen Journalisten, die von den hervorragendsten Zeitungen der Welt hierhergeschickt wurden, um auf telegraphischem und brieflichem Wege die wichtigen Vorgänge auf dem vielgestaltigen Gebiet der Politik zu berichten. Neben Armee- und Marineoffizieren stoßen wir auf Weltreisende, sogenannte „Globetrotter“, Erdballtreter, die es selbstverständlich nicht unterlassen, bald nach ihrer Ankunft auf der westlichen Erdhälfte auch einen Abstecher nach Washington zu machen, ohne welchen ihr Reiseprogramm ja unvollständig sein würde. Drüben ladet vor einem Austernkeller ein kohlschwarzer Neger einen Wagen Austern ab und beschmutzt dabei das Wäschebündel eines schlitzäugigen Chinesen, der eben im Begriff stand, eine seiner weißen Kundinnen mit frischer Osterwäsche zu versorgen. Dem ob des Unfalls entbrennenden Streit, der von seiten des Sohnes des Reiches der Mitte in einem wundersamen Kauderwelsch von Chinesisch und Englisch, von seiten des Negers in dem ebenso sonderbar klingenden „schwarz-amerikanischen Dialekt“ geführt wird, sucht ein in der städtischen Polizistenuniform steckender Irländer ein Ende zu machen. Dort auf dem „Sidewalk“, wie man hier den zu deutsch Trottoir benamsten Fußsteig zu nennen beliebt, sind italienische Arbeiter mit Ausbesserungen beschäftigt, halten aber schnell mit ihrem Werk inne, wenn ein Landsmann seinen hohen klävierähnlichen Marterkasten aufstellt und demselben die Weisen der Cavalleria rusticana entlockt. Voll aufgetakelt wie Fregatten, die eben zu frischer Fahrt auslaufen, kommen uns einige Schönheiten entgegen, um plötzlich erschreckt vor einem Trupp in vollem Kriegsschmuck prangender Indianerhäuptlinge zu fliehen, die von den fernen Prairien und Felsengebirgen nach der Bundeshauptstadt kamen, um den Großen Vater, den Präsidenten, zu sehen und einige ihren Stamm betreffende, wichtige Angelegenheiten mit demselben zu besprechen. Weiter begegnen wir jüdischen Kleiderhändlern, deutschen Gastwirten, kubanischen Cigarrenarbeitern, türkischen Zuckerwerkverkäufern, persischen Teppichhändlern usw.

Ein ebenso reichhaltiges Leben entwickelt sich auf den Fahrwegen. Omnibusse, Pferdebahnen, Droschken, Packwagen und Privatfuhrwerke aller Art hasten aneinander vorüber, zwischendurch suchen männliche und weibliche Radfahrer ihren Weg und bekunden beim Ausweichen eine Geschicklichkeit, daß man auf die Vermutung kommen könnte, jedermann in Washington sei ein professioneller Kunstfahrer. In Washington, das mit seinen insgesamt gegen 150 bis 200 km langen vorzüglichen Asphaltstraßen zum Radsport geradezu herausfordert, radelt jung und alt, sowohl der mit Paketen beladene Briefträger wie der Herr Senator.

Man würde sich eines unverzeihlichen Vergehens schuldig machen, wollte man verabsäumen, zu erwähnen, daß Washington auch eine Stadt der Kongresse ist. Abgesehen von den regelmäßigen Sitzungen des Bundeskongresses halten hier unzählige politische, wissenschaftliche und religiöse Verbände ihre Zusammenkünfte ab, wie z.B. der Weltpostverein, die Pan-Amerikanisten, die Mäßigkeitsvereine, die Freunde des allgemeinen Weltfriedens und zahllose andere.

Das alles trägt im Verein mit der absonderlichen Entstehungsgeschichte und dem ebenso eigenartigen, stetig wechselnden Volksleben dazu bei, Washington unter allen Städten der Neuen Welt eine Sonderstellung zu verleihen.