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Textdaten
Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Von der Aesopischen Fabel
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aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 124-173
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Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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Zerstreute Blaetter Band III 124.jpg
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[124]
III. Von der Aesopischen Fabel.


Wenn es der menschlichen Seele eine eigene, fortwährende Beschäftigung ist, sich Bilder zu [125] schaffen, sie aus dem Chaos der Naturgestalten zu sondern, ihre Wirkungsart zu bemerken und solche mit einem Namen, den ihr der anschauende Sinn gab, zu bezeichnen: so konnte es unmöglich fehlen, daß nicht bald auch die äsopische Fabel entstehen mußte. Der Mensch siehet nur, wie ein Mensch siehet; aus seiner Brust trägt er Empfindungen und Leidenschaften in andre Geschöpfe, aus seiner Vorstellungs- und Handlungsweise also auch Absichten und Handlungen zu ihnen hinüber; er siehet alles in seiner Person, nach seinem Maaße. Dies nannten Wir Dichtung; und wenn er diese Anschauungen nun so stellet und ordnet, daß er in ihnen einen Erfahrungssatz oder eine praktische Lehre für sich anerkennet und daraus absondert, so ist die äsopische Fabel gegeben. Mögen in ihr Götter, Thiere, Bäume oder Menschen handeln; gnug wenn die Anschauungskraft unsrer Seele sie als Handelnde wähnen und die Abstraction [126] aus ihrem Betragen eine Lehre fürs menschliche Leben absondern mag. Demnach ist die äsopische Fabel sofern nichts als eine moralisirte Dichtung.

     Auf einmal treten wir durch diesen angegebnen Stand aus einem Netz von Fragen und Widersprüchen hinaus, welches man sich in der Theorie der Fabel vielleicht unnöthig vor die Füße knüpfte. Z. B.

     1. Warum handeln Thiere in derselben? Etwa des Wunderbaren oder der Bestandheit ihrer Charaktere wegen?

     Thiere handeln in der Fabel, weil dem sinnlichen Menschen alles Wirkende in der Natur zu handeln scheinet; und welche wirkende Wesen wären uns näher als die Thiere? Ein Kind zweifelt niemals, daß die lebendigen Geschöpfe, mit denen es umgeht, gewissermaaße [127] seines Gleichen sind, also auch seiner Art nach begehren, wollen und wirken. Es hält sie, selbst wenn es sie quält, nicht für leblose Cartesische Maschienen. Mit allen sinnlichen Völkern ists Dasselbe. Der Araber spricht mit seinem Roß, der Hirte mit seinem Schaaf, der Jäger mit seinem Hunde, der Neger mit seiner Schlange, ja der arme Gefangene endlich mit seiner Spinne und seiner Maus. Je mehr der Mensch eine Thiergattung kennen lernt und mit ihr vertraulich umgeht, desto mehr gewöhnen sich beide an einander und theilen einander von ihren Eigenschaften mit. Er glaubt, sie zu verstehen und wähnt, daß sie ihn verstehe; also ist der Grund der kühnsten äsopischen Fabel, dem Wahn der Menschen nach, beinah als Erfahrung, als historische Wahrheit gegeben. Allerdings sind die Gattungen der Thiere in ihren Fähigkeiten einander sehr ungleich: sie werden uns auch immer unbemerkbarer und unverständlicher, [128] je unähnlicher sie uns sind oder je entfernter sie von uns leben; den hochmüthigen Wahn indessen, daß das geringste Thier in seinen Wirkungen und Fähigkeiten ein dem Menschen ganz Ungleichartiges sei, sollte endlich die stolze Unwissende, die Metaphysik aufgeben: denn er wird durch die Naturgeschichte reichlich widerlegt. In ihrem ganzen Habitus des Lebens sind Thiere Organisationen, wie es der Mensch ist; es fehlt ihnen nur die menschliche Organisation, und das große Werkzeug unsrer abstrahirten, symbolischen Erinnerungen, die Sprache.


     Also ists eigentlich nicht des Wunderbaren wegen willkührlich ersonnen, daß Thiere sprechen; a)[1] es war ein alter Glaube des sinnlichen Wahns der Menschen, der durch das Ansehen der Sage bekräftigt, sich von den ältesten Zeiten [129] heraberbte. Niemand hatte etwas dagegen, wenn jedes Thier sprach, wie es in seinem Charakter, in der von ihm bekannten Lebensweise etwa sprechen konnte; und dem Ueberklugen, dem daran ein Zweifel ankam, dürfte man nur sagen: „Es war einmal! Es war eine Zeit, da die Thiere sprachen, da also auch der Fuchs und die Schlange sprach; jetzt sprechen sie dir nur in einem erdichteten Mährchen.“ Dem Kinde und dem anschauenden sinnlichen Menschen kam der Zweifel nicht ein; und das um so weniger, je mehr er mit ihnen bekannt war und ihre Sitten vor Augen hatte. Für Kinder und das Volk aber ward eigentlich die Fabel erzählet.


Wenn man also nicht sagen kann, daß die Thierfabel blos des Wunderbaren wegen erfunden sei, wäre sie etwa blos der allgemein bekannten Bestandheit des Thiercharakters [130] wegen, ersonnen worden? b)[2] Ausschliessend glaube ich auch dieses nicht: denn die Bestandheit im Thiercharakter war zwar Eine, aber nicht eben die Erste und Einzige der Eigenschaften, die man im Reich der Thiere bemerkte und in der Fabel dem Menschen lehrreich zu machen suchte.

Viel andre Eigenschaften des Thiercharakters waren ihm lehrreich, da ja der ganze Habitus der Thiere, eines jeden nach seiner Art, der Lebensart des Menschen zumal in seinem früheren Zustande sehr ähnlich war, mithin auch seiner Anschauung sehr nahe lag. Diese Aehnlichkeit, dies durchgängige analogon rationis humanae, das auch der eigensinnigste Philosoph anerkennen muß, drängte sich dem Menschen auf und so war die fabelnde Dichtung dem anschauenden Naturweisen [131] von der Natur selbst vorgezeichnet. Wollen wir dies Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit nennen: so war diese Wahrheit der Analogie, mit der ihr beiwohnenden Lebhaftigkeit und Klarheit die Ursache der Fabel: denn eben dadurch gewann sie alle drei Stücke, die ein Bild oder eine Allegorie haben muß, um sich der menschlichen Seele zu empfehlen. Unter dieser Wahrheit, Lebhaftigkeit und Klarheit war nun sowohl die Bestandheit der Thiercharaktere, als ihre Verschiedenheit, mithin der Reichthum, die abwechselnde Neuheit, das Unerwartete der Belehrung, die anschaulichste Einfalt, ja Alles enthalten, was man sonst von der Thierfabel zu rühmen pfleget; wovon doch das Meiste sich auf anschauliche Aehnlichkeit zurückführen ließe. Die Aesopische Fabel nämlich war gleichsam die Grenze zwischen Dichtung und Moral. Sie flog durch alle Räume der Natur, ja durch ein „man sagt“ in die [132] vorige Zeit zurück, und sog aus allem, was ehemals sinnliche Anschauung gewesen war, den Saft einer Lehre. Aus diesem Standort muß man sie, wie mich dünkt, nie entfernen: denn von abstracten Philosophen für abstracte Philosophen ward sie nicht erfunden. Also wird sich auch sogleich die zweite Frage beantworten:

2. Wie müssen die Thiere in der Fabel handeln? Als Thiere oder als Menschen?

Mich dünkt, als Thiere; aber Menschen ähnlich. Die anschauliche Wahrheit und sinnliche Ueberzeugung beruhet ja eben darauf, daß der Fuchs als Fuchs, der Löwe als Löwe spreche und handle. Durchbreche ich diese Schranken der Anschauung und erhöhe den Charakter der Thiere so hoch über ihre Sphäre, daß die Täuschung verschwindet: so wird, wie Leßing sinnreich sagt, der witzigsprechende Esel der [133] Sittenlehrer, der Fabulist hingegen der Esel seyn, der ihn so ungereimt metamorphosirte. Also leidet die Behauptung nothwendig eine Einschränkung, c)[3] „daß wenn man den Thieren einmal Freiheit und Sprache zugestanden, man ihnen zugleich alle Modificationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen müsse, die aus jenen Eigenschaften folgen, auf welchen unser Vorzug vor ihnen einzig und allein beruhet.“ Denn dieser Ausspruch könnte nicht anders als alle sinnliche Anschauung und gefühlte Wahrheit einer so erhöheten Fabel rauben. Ists allenthalben nur der verkappte Mensch, der geistreiche, witzige Sittenlehrer, der unter dem Gewande der Thiere spricht: so mag dies Maskenspiel freilich ergötzen, man kann auch in ihm viel Gutes lernen und hören; die eigentliche äsopische Fabel aber ist damit zerstöret. Nach dieser spricht [134] jedes Thier genau nur in seinem Kreise, nach seinem Charakter; d)[4] nicht als Mensch, sondern nur Menschenähnlich. Die menschliche Seele ist gleichsam unter alle Thiercharaktere vertheilt, und die Fabel sucht diese vertheilte Vernunft nur hie und da zu einem Ganzen zu bilden. Ihr süßester Reiz ist eben diese treue Einfalt, diese Beurkundung aus kleinen Zügen der Natur und aus der ganzen Sphäre des thierischen Lebens. Je genauer der Esel so spricht, daß, wenn ihm wie Bileams Esel der Mund aufgethan würde, er nicht anders, als also sprechen könnte: desto wahrer und anmuthiger ist die Fabel. Daher jener unnachahmbare Reiz so vieler alten morgenländischen, griechischen und aller Nationen Fabeln, die im Stande der Natur den Thieren [135] näher als wir lebten. Durch sinnliche Anschauung nämlich hatten sie den Habitus der Thiere erfaßt und konnten gleichsam nicht anders als in ihrer Sphäre dichten. So gemein zuweilen die Lehre ist, die sie das Geschöpf sagen lassen: so mächtig dringt sie uns ans Herz, als ob der Naturgeist selbst aus diesem Wesen spräche. Die feinere Fabel, da das Thier als Philosoph räsonniret, mag für uns feinere Menschen seyn, deren Gaum von stärkern Gewürzen gereizt werden muß, wenn er an dieser Milchspeise Geschmack finden soll; einfältigere Nationen würden in einer Reihe Fabulisten dieser Art ihren alten Aesop schwerlich erkennen, und sich oft wundern, warum man zu diesen unthierischen feinen Sprüchen die Masken der Thiere brauchte.

3. Wieweit erstrecket sich das Gebiet der Fabel auch dies- und jenseits dem Reich der Thiere?

[136] Mich dünkt, soweit als der Fabulist sich getrauet, seiner gedichteten Handlung Wahrheit, Lebhaftigkeit und Klarheit, kurz der Lehre, die er im Sinn führet, Anschauung geben zu können. Weiter lassen sich hier keine Grenzen zeichnen. Einer Nation, die unter Bäumen lebt, sprechen die Bäume: es ist ihr nicht anstößig, daß Einer vor dem Andern König seyn will, denn wie verschieden ist das Ansehen, der Nutzen und Rang der Bäume dem sinnlichen Menschen! Es ist ihr nicht befremdend, daß Ein Baum die Tochter des Andern zur Braut begehret: denn sie kennet die Geschlechter der Bäume und hat selbst Bäume durch Bäume einimpfend veredelt. Ihre Sprache ist dazu eingerichtet, daß Ausdrücke solcher Art, z. B. die Tochter des Baumes, der König der Bäume, durchaus nichts Auffallendes mehr haben, weil sie in andern Dichtungen längst und [137] kühner gebraucht sind. So erzählte Jotham, e)[5] so ließ Joas eine kühne Baumfabel dem werbenden Könige zur Antwort sagen f)[6] und in beiden Fällen war der Sinn der Dichtung keinem Zuhörer fremde. Gleichergestalt werden bei allen sinnlichen Völkern Berge, Flüsse, Quellen, Sonne und Mond, Gestirne, Wind, Wolken für beseelt geachtet und es liegt sodann nicht ausser der Sphäre ihrer Anschauung, wenn Geister der Berge, der Ströme, der Quellen, der Gestirne, wenn Wind und Wolke zu einander sprechen und gegen einander wirken. Alles kommt hier, wie man sieht, auf den anschauenden Sinn des Erfinders, auf die Art, wie er die wirkenden Wesen zusammenstellt und aus ihnen seine Welt dichtet, endlich auf die National- und individuelle Denkart der Zuhörer an, denen er seine Fabel vorträgt. Wenn für Leser eine Fabel geschrieben wird, so ist dies schon zwiefache Kunst [138] oder eine Fabel der Fabel: denn auf der lebendigen Situation der Zuhörer, die da hörten und des Redners, der zu ihnen sprach, beruhete eigentlich der Zweck der ersten Erfindung. Als Menenius Agrippa dem versammleten Römervolk seine Fabel vom Magen und den Gliedern vortrug, dachte er gewiß nicht daran, ob auch Zuhörer seyn würden, die philosophische Skrupel darüber faßten, daß weder Magen, noch Hand und Fuß sprechende Wesen oder Römische Bürger wären. Er trug seine Fabel vor und sie gelang: denn der Sinn derselben war dem aufgebrachten Volk anschaulich und überzeugend. So ists mit allen Fabelwesen, sie mögen auf der Leiter der Dinge über oder unter das Thierreich von uns gestellt werden. Hat mich der Dichter durch die Anschauung, die er mir gewähren wollte, nicht sinnlich überzeugen können, daß diese Wesen handeln, daß sie mir diese Lehre, als eine ihrer Natur nothwendige Lehre, sagen: so hasse [139] ich denen Fabulisten, er möge Götter oder Töpfe, verständige Wesen oder, wie Triller, unvernünftige Hemde auf den Schauplatz der Fabel führen. Gleich von Anfange dieser Abhandlung bemerkten wir, daß selbst bei dem, was wir Bild nennen, für uns alles an der Seele liegt, die sich das Bild denket; wer also auch im Reich der Fabel aus völligen Ruinen oder sehr baufälligen Materialien mir einen Pallast herzustellen weiß, daß er bewohnt werde, der ist für mich dieses Pallastes Dichter und Schöpfer.


Ich berge es daher nicht, daß mir jene mancherlei Eintheilungen der Fabel in die mythische und hyperphysische, die mythisch- und hyperphysisch sittliche, die mythisch- und hyperphysisch vernünftige, die wahrscheinliche und wunderbare, die wunderbar-göttliche und wunderbar-thierische, die kosmische und heterokosmische u. f. eine [140] vergebliche Mühe ihrer sinnreichen Erfinder dünken. Ob die Wesen, die uns ihre Handlung gegenwärtig machen, Götter, Menschen oder Thiere sind? kann dem Zuhörer gleichgültig seyn, gnug wenn sie im lehrreichen Wesen ihrer Handlung nur in seine Welt gehören, da eben ihm die Fabel erzählt wird. Wesen außer unserer Welt kennen wir überhaupt gar nicht, noch minder eine Moral außerhalb dem Kreise der Menschheit; und aus welchem Fach vom Linneischen Natursytem die Geschöpfe der Fabel genommen seyn, kann uns nicht interessiren, sobald wir das Hauptgesetz der Dichtung an ihnen erfüllet sehen. Auch die Götter Aesops gehören zu unsrer Welt, zur Welt der Sage nämlich und einer den Menschen angemessenen nutzbaren Lehre; das Mehr und Minder im Analogen ihrer Vernunft, wenn solches Charakter-mäßig beobachtet worden, ändert nichts im Wesen der Fabel.

[141] Indessen verdient Eine Classe der handelnden Personen eine nähere Erörterung; es sind die allegorischen Wesen der Fabel. Darf der Verstand, kann die Phantasie, der Neid, das Glück, das Schicksal u. f. in ihr erscheinen oder nicht? Mich dünkt, ja! Jedes erscheine, wenn es erscheinen kann, wenn der Dichter sich getrauet, ihm Anschauung und gleichsam handelnde Substanzialität zu geben. Kann er dieses, so ist die Person ein Gott, ein Genius oder ein Dämon; kann ers nicht, bleibet sie in seiner Dichtung ein Gestaltloses Wort, eine Abstraction, ein Name so ist sie ein Fehler seines Werks, nicht weil sie Allegorie, sondern weil sie kein Wesen ist, dem Er Sprache und Handlung zu geben vermochte. Also kommt auch hier alles auf die Kunst des Dichters und auf den Zusammenhang an, in welchen er sein Figment setzte. Niemand tadelt es an einem Fabulisten, wenn er den Tod, den Genius des Schlafs, den [142] Schutzgeist des Menschen, oder eine Fee, eine Nymphe, eine Najade handelnd einführt; gnug, wenn sie in ihrem Charakter handelten, und sich in ihrer Wirklichkeit darstellten. Denn getraueten sich die Alten Götter und den Tod, oder Shakespear Gespenster und Schatten sogar auf den dramatischen Schauplatz zu bringen; wie sollte es nicht möglich seyn, daß der Fabeldichter einen Geist oder eine erdichtete Wortgestalt auf den viel engeren Schauplatz seiner Dichtung zaubre und ihm so viel treffende Anschaulichkeit gebe, daß diesen Augenblick niemand an seinem Daseyn zweifle? Allerdings aber muß er seiner Zauberkunst gewiß seyn: denn sonst wird jede solcher Erscheinungen lächerlich, abgeschmackt oder wenigstens unkräftig, insonderheit wenn weder die Natur, noch die Sage den Wahn, den er uns aufdringen will, vorbereitet, unterstützet und festhält. Wesen solcher Art können nicht vorsichtig gnug, dazu nur an gehörigem Ort mit [143] Anstand und Würde erscheinen; oder sie zergehen wie Lüftblasen; sie sausen unserm Ohr wie ein nichtiger Wortschall vorüber, und die Mühe des Dichters ist verlohren.

4. Was ists, das uns in der Fabeldichtung anschaulich gemacht wird? Ists ein bloßer Erfahrungssatz oder eine moralische Lehre?

Mit dem einzigen Exempel einer holbergschen Fabel, aus welcher erhellet, „daß keine Creatur weniger in der Zucht zu halten ist, als eine Ziege“ hat Lessing treffend gnug gezeigt, g)[7] daß nicht jeder Erfahrungsatz, nicht jede nichtige Lehre der Mühe einer Fabeldichtung werth sei; und woher käme ein großer Theil der so unbedeutenden Fabeln, mit denen die Welt überschwemmet ist, als eben auch des nichtigen Ziels wegen, das sie ihrer Mühe zum Zweck setzten? [144] Sobald ich einen jeden Allgemeinsatz auf einen besondern Fall zurückführen, ihm in einer erdichteten oder wahren Geschichte die Wirklichkeit ertheilen und ihn nachher aus derselben durch eine leichte chymische Kunst wieder abziehen will: so ist nichts leichter, aber auch nichts armseliger, als die Fabeldichtung.


Also, sagt man gemeiniglich, sei es ein allgemeiner moralischer Satz, der in der Fabel erscheine.


Ein allgemeiner moralischer Satz? Indessen gehe ich der besten Fabeldichter beste Fabeln durch und finde in einer beträchtlichen Anzahl derselben nicht eben einen moralischen Satz känntlich, oder das Wort müßte in einem eignen Sinne genommen werden. Oft sind es wirklich nur interessante Erfahrungssätze, Regeln der Klugheit u. f.; auf welche in sehr schönen Dichtungen der Dichter es anlegte. Ueberdem ist das [145] Wort moralischer Satz an sich unbestimmt und undeutlich. Soll es eine wirkliche Pflicht der Moral seyn, die mich Thiere lehren? Wie könnte ich diese von einem Thier, einem an sich unmoralischen Wesen, das nur in seinem Charakter handelt und nur in ihm handeln muß, lernen? Der Fuchs bleibt immer ein Fuchs, der Wolf ein Wolf, der Löwe ein Löwe; und ich laufe Gefahr, die ungerechtsten, für uns unsittlichsten Allgemeinsätze zu abstrahiren, wenn ich dem Instinktmäßigen Betragen dieser Thiere blind folgte. Da wäre keine Gewaltsamkeit, keine List, keine Blutdürstige Frechheit, die sich nicht aus dem Beispiel eines Thiers durch eine Fabel beschönigen ließe, so daß eben aus der durchgängigen Bestandheit ihres Charakters zuletzt kein andrer als der allgemeine Fabelsatz folgte: „jeder gehe seinem Instinkt mit Thierbestandheit nach: denn der Fuchs muß ein Fuchs seyn, bis ans Ende [146] seines Lebens.“ Eine Fabelmoral, die alle Moral aufhübe.

„Aesop, sagt Leßing, machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfällen. Er mußte also die Aehnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem gegenwärtigem Vorfall faßlich machen, und zeigen, daß aus beiden sich eben dieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiß ergeben werde h)[8]“ Ist dies, (und der Umstand ist eben so bekannt als unläugbar;) so wars offenbar weder eine abstrakte Wahrheit, noch ein allgemeiner moralischer Satz, auf welche der Fabeldichter arbeitete; es war ein besondrer praktischer Satz, eine Erfahrungslehre für eine bestimmte Situation des Lebens, die er in einer ähnlichen Situation anschaulich und für den gegenwärtigen bestimmten Vorfall anwendbar machen wollte. Und hiemit ist unsre Frage aufs deutlichste beantwortet.

[147] Nun unterscheidet man zwar zwischen einfachen und zusammengesetzten Fabeln; „jene, sagt man, sei die Fabel mit der bloßen Lehre, diese mit dem Falle der Anwendung zugleich.“ Allein was ist eine Lehre ohne Anwendung? Muß, wenn die Fabel von mir gefaßt werden soll, ich mir bei dem abstrakten Satz derselben nicht sogleich einen bestimmten Fall denken, in welchem er mir wieder erscheine? Und woher käme abermals das Langweilige und Nutzlose vieler unsrer Fabelbücher, als unter andern auch von jenen wankenden, dürren Todtengestalten allgemeiner, unbestimmter, vielleicht unanwendbarer Lehren, zu deren Anerkänntniß der Leser die Mühe seiner Fabelreise schwerlich bedurfte. Das schöne Anziehende der Fabeln Aesops und andrer alten Dichter, entsprang eben daraus, daß die Fabel auf einen gegenwärtigen Fall des Lebens einen äußerst-passenden Fall der Dichtung darstellte, in welchem kein Umstand [148] vergeblich war, der nicht eben der gegenwärtigen Situation Licht und Leben geschenkt hätte. Aus der Fabel mit der abstrakten Lehre ist diese anziehende Seele der Fabel verschwunden; ein nackter Körper hängt am Kreuze da und die Aufschrift dessen, was er bedeuten soll, hängt unter dem Kreuze. Jeder Lehrer, der seinem Lehrlinge eine Fabel dieser Art nur einigermaaßen nützlich machen will, muß zu ihr eine zweite fehlende Hälfte, den Fall der Anwendung nämlich, so gut er kann, erfinden; oder er ziert den Kopf des Kindes mit einem trocknen Allgemeinsatz und erntet leere Hülsen.


Es giebt also eigentlich keine einfache Fabel; jede ist zusammengesetzt aus dem wirklichen Fall, auf welchen sie angewandt werden soll und aus dem erdichteten, den eben für ihn der Fabellehrer aussann. Daß die schriftlichen Sammler der Fabeln Aesops die Eine, die wahre und wirkliche [149] Situation nämlich oft ausließen, kam daher, daß sie solche entweder nicht wußten oder daß sie sich die Mühe verkürzten. Sie setzten dafür eine nackte, bisweilen gar eine falsche und verzogne Lehre hin und überließen jedem Lesenden die Anwendung; oder sie glaubten den Fall der Anwendnng in die Lehre selbst schon verborgen zu haben, wie es auch zuweilen wirklich geschehen war. Die ältern wahren Fabeln indeß, deren Entstehung man weiß, sind jederzeit mit diesem Gegenstück ihrer Dichtung ausgezeichnet worden, wie die Fabel Jothams und Joas, Nathans Parabel, die Dichtung des Stesichorus, des Menenius Agrippa, sehr viele die in den Geschichten und andern Schriften der Morgenländer vorkommen, ja auch selbst als Sammlung das ganze Buch Kelileh und Damne zeiget. Nur den Sammlern haben wirs zuzuschreiben, daß wir die Lockmannischen und Aesopischen Fabeln so abgekürzt, gleichsam als Enthymemen der [150] Fabeldichtung vor uns sehen; wie sie denn auch sonst der Gnomen, Sprüche und Sprüchwörter gnug zusammengetragen haben, ohne daß sie es wußten und sagen konnten: woher oder wozu jeder Spruch ursprünglich erfunden wäre? Nachahmende Fabulisten, die für Bücher schrieben, fanden diese Abkürzung sehr bequem, da sie ihnen die Mühe ersparte, einen Fall der Anwendung sich selbst zu erdenken; und warum hätten sie damit den Leser belästigen wollen, da sie zum Zeitvertreib oder zur moralischen Provision aufs Gerathewohl der Zukunft schrieben? Daher nun die unerträgliche Langeweile, wenn wir eine Reihe Fabeln ohne Anwendung auf bestimmte Fälle des Lebens nach einander lesen. Es ist als ob uns ein Sack voll moralischer Lehren und Anschauungen über das Haupt geschüttet würde, da, wenn jede dieser Fabeln in einer Geschichte an Stell’ und Ort vorkäme, sie unstreitig ihre Wirkung thäte. Das ist aber einmal das Schicksal [151] aller Sammlungen, sie mögen Fabeln, Lieder, Epigramme, Sprüche und was es sei, enthalten: man giebt zerstreute Blätter; Blumen, die ihrer Wurzel entrissen sind und also wie auf einem Todtenbett verwelkt trauren. - Wie angenehm ists im Gegentheil, wenn man bei Aesop und Phädrus, bei Leßing, Hagedorn, Gleim, Gellert, Lichtwehr u. a. hie und da eine zusammengesetzte Fabel lieset. Man fühlt sich gleichsam befriedigter und wird gewahr, daß billig eine jede Fabel so erfunden seyn oder so angewandt werden sollte. Leßing insonderheit ist in den zusammengesetzten Fabeln sehr glücklich.


Ferne seis von mir, die einfache Fabel aus unsrer jetzigen Bücherwelt zu verbannen oder einen müßigen Kopf aufzufordern, daß er zu jedem Werk jeglichen Meisters eine zweite Hälfte hinzufüge. Jeder Lehrer indessen schäme sich mit seinem Lehrlinge dieser Mühe nicht. Statt [152] die Moral der Dichtung weitläuftig zu erklären und über sie neu zu moralisiren, i)[9] setze er sie in einen Fall der Anwendung und je mehr dieser mit dem erdichteten übereinkommt, desto eindrücklicher, lebhafter und schöner wird dem Lehrlinge die Geschichte der Fabel. Wie Leßing einen heuristischen Nutzen dieser Dichtungsart für die Schulen zur Bildung der Genies vorschlug, k)[10] „indem man die Geschichte derselben bald eher abbricht, bald weiter fortführt, bald diesen und jenen Umstand so verändert, daß sich eine andere Moral darinn erkennen läßt“ und von diesem Spiel der Erfindung selbst schöne Beispiele gegeben hat: so möchte ich zu Bildung kluger Köpfe einen andern Gebrauch der Fabel [153] vorschlagen, der sowohl auf die Anwendung der Fabel selbst, als auf die Erfindung ähnlicher Fälle zum wirklichen Gebrauch des Lebens wiese. Es wäre nämlich die reine Erzählung der Situation, auf welche die Dichtung paßt und zwar eine treffende Erzählung nach allen Umständen der Fabel. Hier lernte der Jüngling nicht nur einen allgemeinen Satz aus einer Geschichte finden und einen neuen aus einer veränderten Geschichte abstrahiren; (eine Uebung, der ich ihren Nutzen nicht absprechen will;) sondern er gewöhnte sich in der Fabel selbst das Wesentliche vom Unnöthigen zu unterscheiden, die ganze Situation derselben praktisch anzusehen und die brauchbarste seiner Seelenkräfte, die analogische Erfindungskraft zu üben. In jedem Stande des Lebens ist uns diese unentbehrlich. Die Seele fragt sich unaufhörlich bei jeder neuen Situation, in der sie sich findet: „bist du in ihr oder in einer ähnlichen gewesen? hast du sie bei [154] andern bemerkt und wie benahmen sich diese?“ Zu Bildung solcher praktischen Klugheit erfand Aesop seine Fabeln: nicht zum Behuf der Abstraktion einer allgemeinen moralischen Wahrheit. Er lehrte die Menschen, sich durch Erinnerung ähnlicher Fälle zurecht zu finden im Leben und legte ihnen in seinen Erfindungen dergleichen ihrer Situation zutreffende Fälle vor. Den Sinn derselben ließ er sie selbst abstrahiren und auf ihre jetzige Lage anwenden; so war nicht nur ihr Räthsel enträthselt, sondern ihre Seele ward auch gewöhnt, in andern Fällen eben so zu denken, sich ähnlicher Vorfälle zu erinnern und aus ihnen Belehrung, Rath, Trost herzuholen. Ich kenne keine nützlichere Bildung menschlicher Seelenkräfte, als diese Uebung der Analogie, ähnliche Fälle zu erdenken und in ihnen das Aehnliche auf treffende Art genau zu bezeichnen. Nicht etwa nur die innere Möglichkeit eines gegebnen Falls wird dadurch anschaulich gemacht und zur [155] Anwendung feiner, als einer Erfahrung, der Weg aufs Gerathewohl gebahnt; man bahnet sich dadurch zugleich den sicherern Weg, vielen Situationen allgemeine, veste Gesetze zu erfinden, und kommt also aus dem Lande der Dichtung ins Land der gewissesten Wahrheit. In allen Wissenschaften sind die größten Erfindungen nur durch Analogieen gemacht worden: man dachte sich mehrere ähnliche Fälle und machte Versuche; man verglich die Folgen dieser Versuche und führte sie auf allgemeine Begriffe, zuletzt auf ein Hauptprincipium zurück; und wenn dies auf jeden der gegebnen analogischen Fälle paßte: so war die Wissenschaft erfunden. Ein Gleiches ists auch mit den treflichen Köpfen, die man im gemeinen Leben nicht gnug zu schätzen weiß. Sie wissen sich zu helfen; d. i. sie haben ähnliche Fälle erlebt oder dichten sich solche in der größten Schnelle und treffen den Ausgang. Diese praktische Klugheit sowohl für die Wissenschaft als [156] für das Leben zu bilden, ist das Werk der Erziehung und Aesops Lehrart ist dazu eine gute Schule. Die Lehrart des ältern Aesops nämlich; und ihr zufolge sehe man bei der Fabel vorzüglich dahin, daß man bei ihr nicht etwa blos die Lehre abstrahire, d. i. auf halbem Wege stehen bleibe; sondern daß man der ganzen Fabelsituation sammt ihrer Lehre einen congruenten Fall der Anwendung erfinde: dann erst ist das ganze Fabelgebäude fertig. - Hiernach ergiebt sich auch die fünfte Frage:

5. Wie muß die Handlung der Fabel beschaffen seyn? Ists gnug, daß das Ganze, das sie erzählt, blos eine Folge von Veränderungen sei, deren jede dazu beiträgt, den moralischen Lehrsatz der Fabel anschauend zu zeigen; oder muß sie auch in der Fabel wirkliche Handlung d. i. eine Veränderung

[157] der Seele mit Wahl und Absicht seyn? l)[11] Es ist leicht zu sehen, woher der Unterschied dieser Meinungen komme und wie er einzig gehoben werden könne? Erfanden Aesop und seine Brüder ihre Fabel für eine wirkliche Situation des Lebens, in welcher gehandelt werden mußte: so konnte die Fabel nichts als eine analoge Handlung schildern, die den Zweifelnden belehrte. Offenbar war hier eine ähnliche Bestimmung der Seele mit Wahl und Entschluß, in einer ähnlichen Situation vorzustallen nöthig. Die meisten Fabeln der Alten sind also, ihrer Einfalt ungeachtet, selten ohne eine wirkliche Handlung, da ja eben diese zu einer ihr ähnlichen Bestimmung der Seele als ein Spiegel dienen sollte. - Der Kürze halben wollen wir diese [158] praktische oder um des Aphthonius Eintheilung beizubehalten, sittliche Fabeln nennen.


Unläugbar ists aber auch, daß selbst unter den alten viele Fabeln erscheinen, die blos einen Erfahrungssatz anschaulich machen. Ihr Amt ist also nur, eine Situation zu dichten, wo ein solcher in seinen Veranlassungen und Folgen gezeigt wird. Und was hinderte uns, diese theoretische oder nach dem Aphthonius, vernünftige, logische Fabeln zu nennen? In ihnen kommt auch eine Handlung vor; aber in einem weitern Verstande. Mehrere wirkende Wesen können an ihr Theil nehmen, da sie im Grunde nichts als eine Begebenheit, ein Eräugniß (evenement) seyn darf, das uns den Erfahrungssatz klar und vollständig vorstellt.

Die neuern Fabeldichter haben das Feld der Fabel noch mehr erweitert. Da sie nicht für wirkliche Situationen des Lebens dichteten und [159] also weder eine praktische Lehre, noch einen unmittelbaren Erfahrungssatz anschaulich machen wollten: so begnügten sie sich oft mit einer Speculation, einem ästhetischen Urtheil, einer feinen Bemerkung, für welche sie einige veranlassende Umstände herbeiführten und sie am Ende einem der Fabelwesen in den Mund legten. Ich habe nichts dagegen, daß man diese Fabel-Gattung philosophische oder Conversationsfabeln nennt: sie können viel Feines und Nützliches enthalten; selten aber wird die feine Bemerkung dieser Art in der gedichteten Situation selbst völlig anschaubar gemacht worden seyn, daß sie aus ihr durch eine Art innerer Nothwendigkeit folge. Eine Reihe von veranlassenden Umständen, oft nur eine Gedankenfolge ist in ihr zusammengestellt worden, damit die Bemerkung Stelle und Ort finde. Ich zweifle, daß Aristoteles diese Situationen für äsopische Fabeln erkennen würde; den Namen sinnreicher Dichtungen [160] aber würde er ihnen gewiß nicht versagen. Und verlören sie mit diesem Namen?

Leicht wird sich hieraus auch beurtheilen lassen, wiefern man der Fabel Allegorie zuschreiben oder von ihr sagen könne, daß ein allgemeiner Satz in ihre Dichtung eingekleidet worden sei? m)[12] Ist jede Fabel eigentlich eine zusammengesetzte Fabel, da für einen gegebnen Fall des wirklichen Lebens ein anderer, ihm congruenter erdichtet wird: so kann diese Congruenz in der Sprache der Alten allerdings Allegorie genannt werden. In jedem von beiden Fällen ist nämlich [161] der Erfahrungssatz oder die praktische Lehre anschaubar, mithin wird wirklich Eine Handlung oder Begebenheit zur Anwendung für eine Andre als Allegorie gedichtet. - - Daß wenn unwichtige Erfahrungssätze eingekleidet oder alberne Mährchen zu nützlichen Lehren allegorisirt werden, auch alberne Allegorieen daher entstehen müssen, ist unzweifelhaft; die Schuld dieses Fehlers aber liegt am Bearbeitenden, der so schlechte Materialien wählte, nicht aber am Wesen der Kunst seiner Bearbeitung. - Gleichergestalt ist das Wort, Einkleidung, der Fabel eigentlich nicht anstößig; es steht auch der anschauenden Erkänntniß nicht entgegen. Von uralten Zeiten an hat man den Ausdruck geliebt, daß die Wahrheit, die sich selten nackt zeigen dürfe, sich angenehmer und anständiger einkleide. Die besten Fabeldichter haben sich diese Idee zum Zweck gesetzt n)[13] und fanden sich glücklich, wenn sie der nackten [162] Vertriebnen ein etwanniges Gewand verschaft hatten, in welchem sie unerwartet, oder unerkannt erschiene und desto mehr gefiele. Nur ungeschickte Hände warens, die sie unter diesem Gewande ganz unkänntlich machten, die ihr jene schwere gothische Drapperie zuschnitten und mit tausend Falten, mit einer langen Schleppe von Lehren und einem ganzen Markt von Zierrathen ihre schönen Glieder krümmten. Unmöglich aber kann diese Galla-Tracht der Wahrheit, wie Gleim sie nennet, jenes durchsichtige Koische Gewand verruffen, das alle ihre Glieder und ihren ganzen Wuchs im schönsten Ebenmaas zeiget. Selbst das härtere Wort Verkleidung ist einer gewissen Gattung von Fabeln nicht unanständig, deren Zweck es eben war, den Sinn der Erdichtung eine Zeitlang aufzuhalten und zu verbergen, damit er am Ende der Erzählung auf einmal desto größere Wirkung thäte. Oft ging diese Verkleidung zweckmäßig soweit, daß der Dichter dem [163] Zuhörer selbst mußte entkleiden helfen und ihm, wie Nathan dem David zurief:

 - mutato, nomine de te
fabula narratur -

Und wiewohl ich diese Verhüllung nicht unbedingt vertheidigen mag: so können doch Umstände eintreten, wo eben sie durch ihre Täuschung mehr Herzen gewinnet, als die nacktere Wahrheit je würde gewonnen haben. Hoc amat obscurum; amat hoc sub luce videri - -

Endlich wundre ich mich, wie den scharfsinnigsten Untersuchern der Fabeltheorie gerade der Punkt entgangen sei, auf den es doch, wie mich dünkt, bei dieser Dichtung am meisten ankommt -

6. Beispiel, Parabel und Fabel, wie sind sie von einander unterschieden? und worauf beruht die vorzügliche Kraft der Fabel vor jenen beiden?

[164] Hat nicht auch das Exempel seine Wirklichkeit und stellet einen Erfahrungsatz oder eine Lehre anschauend vor? Wird nicht auch die Parabel als ein wirklicher Fall erzählet?

Allerdings; und dennoch kann das Beispiel der Geschichte nur zum Zeugniß der Möglichkeit einer Sache dienen, so lehrreich und aufmunternd es uns übrigens auch seyn möge. Immer bleibt bei ihm der Zweifel übrig, ob unter tausend Fällen der Geschichte der damalige Fall auch der unsrige sei und ob wir ihm also sicher folgen mögen. Zween Rednern, die Fälle der Geschichte anführen, wird es selten schwer seyn, gegenseitige Beispiele anzuziehen und die Wirkung des Einen durch das Andre wo nicht zu vernichten, so doch zu schwächen und zu mindern: denn in der vollen Urne der Geschichtszufälle, die Alles ausschüttet, ist zu rechter Zeit und Stunde alles Mögliche möglich. [165] Die Parabel geht dem Beispiel zur Seite: denn sie ist nur ein erdichteter Fall aus der menschlichen Geschichte, der sich also zwischen Dichtung und Wahrheit in der Mitte verliert. Was fehlet also beiden, dem Beispiel und der Parabel am Ueberzeugenden der äsopischen Fabel? Das Hauptstück der letztern, die innere Nothwendigkeit der Sache selbst fehlt ihnen, durch welche sich eine Fabel vom Beispiel, von der Parabel und von allen andern Dichtungen auszeichnet. Ein Beispiel erläutert; aber es zwinget, es überzeugt nicht. Eine Parabel macht wahrscheinlich; aber auch ihr fehlt der Punkt der innern Gewißheit, der hier entscheidet. Andre Dichtungen können empfehlen; die Fabel allein dringet unausweichlich, weil sie uns die innere Nothwendigkeit der zu beginnenden Handlung oder des Erfahrungssatzes anschauend zeiget.

Und wodurch zeigt sie dies? Eben durch den Charakter der Wesen, die sie handeln läßt; [166] es mögen Götter und Dämonen, oder Bäume, Thiere, Pflanzen seyn und was sonst zur Natur gehöret: denn eben sie führt die Fabel wirkend oder redend ein, damit sie dem Trüglichen des Beispiels, dem Mangelhaften der Parabel entweiche und uns durch diese handelnde Naturwesen die moralischen Gesetze der Schöpfung selbst in ihrer innern Nothwendigkeit zeige. Der Charakter dieser Wesen nämlich und ihr Verhältniß gegen einander ist durch die Natur bestimmt; sie handeln in diesem Charakter und müssen in ihm handeln, nicht aus Willkühr, sondern aus Notwendigkeit (εξ αναγκης) Er gehet fort durch ihr Leben und kein Geschlecht kann ihn ändern. Da er nun zugleich stark ausgeprägt und nicht wie bei dem Menschen unbestimmt, wandelbar und versteckt ist; da ihn jedermann, auch ein Kind, kennet und von Jugend auf mit dem Namen und mit der Gestalt des Gottes, des Baums und Thieres auch [167] sein inneres Gepräge, ja mit der Geschichte desselben zugleich sein unwandelbares Schicksal verbindet: so ists eben die Fabel, die uns jetzt eine Lehre, jetzt einen Erfahrungssatz aus dieser Geschichte als nothwendig darstellt; mithin von den ewigen Gesetztafeln der Natur uns ein Wort oder eine Sylbe unauslöschlich ins Gemüth präget. Eine Fabel, die diesen Zweck nicht erreicht (und viele irren weit von demselben) kann zwar als ein erläuterndes Beispiel, als eine uns zuredende Parabel, als eine Zeitkürzende Erzählung gelten; das hohe Ziel ihrer Gattung aber hat sie verfehlet. Denn wozu die mühsame Dichtung? wozu der ganze Apparat neugeschaffner Wesen und ihrer Verhältnisse zu einander, wenn durch sie nicht etwas gelehrt und mit einer Kraft anschaulich gemacht werden könnte, wie solches uns weder Geschichte noch Parabel zu lehren vermochte? [168] Zum Beweise meines Satzes liegt das ganze Feld der erlesensten Fabeln vor mir und ich habe Mühe zu wählen. Wenn es hier auf eine willkührliche, kleinfügige Menschen-Moral ankäme, welchem Guten könnte nicht ein Uebel, welcher zu befolgenden Pflicht nicht eine andre entgegengesetzt werden, die sich eben sowohl im Reich handelnder Wesen zeigte? So könnte man durch das Beispiel des Habichts, des Hechts und andrer königlichen Würger den Würgern der Erde fein-äsopisch schmeicheln, durch das Beispiel des Sperlings die Wohllust und zwar wie jener Weltweise es that, durchs Vorbild des Schweins die unveränderliche Gemüthsruhe des Weisen empfehlen; sobald es nämlich auf nichts als auf herausgerissene Beispiele von Thierhandlungen ankäme, die sich allesammt schon dadurch entkräften, daß der Mensch weder Hecht noch Habicht, noch Sau noch Sperling ist und seyn soll. Also kommt es hier auf höhere, allgemeine [169] Naturgesetze, auf die unwandelbare Verbindung der Wesen im Reich der Schöpfung an, wo kein Glied der Kette entweichen, wo jedes aber an seiner Stelle thun soll, was es zu thun vermag. Daß z. B. der Mächtigere den Schwächern drücke und verzehre, ist eine traurige Bemerkung der Naturgeschichte; daß aber auch der Schwächere sich schützen könne gegen den Starken, daß Verstand, Fleiß, Klugheit und Tüchtigkeit oft mehr als die blinde Macht gelte, daß jedes Geschöpf seine Mängel und Vorzüge, sein Glück und Unglück habe, daß jedes also, mit seiner Natur zufrieden, die Natur keines andern begehren müsse und alles glücklich sey, wenn es seinem Loose auf Erden treu bleibt; welche schöne Dichtungen hierüber haben wir in der Fabel! Dichtungen, die als Anschauungen der Natur, als Beweise der höchsten, der innern Nothwendigkeit gelten können und als solche von Dichtern [170] ausgemahlt sind. Das Kind lernet sie und druckt sie sich ein; es empfängt mit dieser simpeln Anschauung ein Naturgesetz Gottes in seine Seele, nach welchem es in seinem Kreise gleichfalls handeln soll. Wie manche schöne Fabel haben wir darüber, daß wer keinen Verstand braucht, nothwendig zu Grunde gehe; daß wer nach fremden Vorzügen trachtet, die seinigen schändlich aufopfere; daß wer dem andern eine Grube gräbt, sie sich selbst bereite; daß in der ganzen Natur ein Gesetz der Wiedervergeltung herrsche, mithin wer da hasset, gehaßt, wer verfolget, verfolgt werde; daß Falschheit, Tücke und Arglist überall niederträchtig, hingegen Wahrheit, Liebe, Geselligkeit, Treue und Ordnung, die Beobachtung der väterlichen, mütterlichen, kindlichen, freundschaftlichen, häuslichen und Gesellschaftsplichten ein allgemeines, ersprießliches Gesetz der Natur sei u. f. In vielfacher Rücksicht sind Thiere hierüber die unbefangensten Lehrer der Menschheit: [171] denn sie reden und handeln ohne Willkühr, gleichsam nur als Organe des Schöpfers. Wenn sie also den Menschen zur Zufriedenheit auf seiner Stelle, zum Fleiß und zu jeder Ausbildung seines Daseyns, zur Klugheit, Billigkeit, Treue, Geselligkeit, Großmuth antreiben: so ists, als ob ihm der Schöpfer durch alle Stimmen der Natur dies selbst geböte. Daher weilt auch die Fabel sogern im Kreise der Thiere: denn tiefer hinunter werden uns die Naturgesetze dunkler, unsere Aehnlichkeit und Sympathie mit diesen niedrigern Classen vermindert sich und höher hinauf verschwinden die Naturgesetze in den Wolken. In den Fabeln Aesops kommen also auch die Götter meistens nur als Entscheider des Schicksals vor, wo es bei widerwärtigen Fällen der Natur nicht wohl anders als durch sie kurz und anschaulich entschieden werden konnte. So erscheint auch der Mensch in ihnen, bald als ein niedrigeres, bald als ein höheres Wesen gegen die Thiere; [172] immer aber, seinem ganzen Habitus nach, als ein bloßes Naturwesen. Solche Gesetze des ewigen Systems der Dinge macht uns die Fabel anschaulich und eben in ihnen ist sie am glücklichsten. Alles was in der Welt willkührlich ist, es möge zur gesellschaftlichen oder politischen, zur häuslichen, gelehrten oder artigen Welt gehören, ist nicht für diese Lehrerin reiner Verhältnisse, die fabelnde Naturmuse; sie läßt solches ihrer jüngern Schwester, der Conversationserzählung und lässets ihr gern.


Wie ich nun wünschte, daß diese reine Naturfabeln, die uns ihren Erfahrungssatz oder ihre praktische Lehre nach einer inneren Nothwendigkeit derselben anschaulich machen, aus allen Nationen und Sprachen gesammlet würden: so bin ich auch überzeugt, daß diese Quelle bei weitem noch nicht erschöpft, dies Feld bei weitem noch nicht ganz geerntet sei. Oft sind schöne Erdichtungen [173] schlecht vorgetragen, oft die schlechtsten Privatvorfälle der Welt aufs zierlichste und schönste erzählet. Für diesen Ort ists gnug, den reinen Begriff der äsopischen Fabel entwickelt zu haben, nach welchem sie

eine Dichtung ist,
die für einen gegebnen Fall des menschlichen Lebens
einem andern congruenten Falle
einen allgemeinen Erfahrungssatz oder eine praktische Lehre
nach innerer Nothwendigkeit derselben so anschaulich macht,
daß die Seele nicht etwa nur überredet; sondern Kraft der vorgestellten Wahrheit selbst
sinnlich überzeugt werde.

  1. a) Breitingers Meinung in seiner lehrreichen Critischen Dichtkunst, Abschnitt 7.
  2. b) Leßings Meinung in seinen Abhandlungen über die Fabel S. 181. u. f.
  3. c) Leßings Abhandlungen S. 208. 209. u. f.
  4. d) Leßing selbst schränkt durch diese Bestimmung seine eben angeführte Behauptung ein S. 208. 209. In Bodmers Untersuchung der Leßingschen Theorie S. 201. ist diese Einschränkung ausgelassen worden.
  5. e) Richter 9, 7.
  6. f) 2 Kön. 14, 9.
  7. g) S. 131.
  8. h) S. 114.
  9. i) Leider ist dies der Fall in den meisten Ausgaben Aesops für Kinder, deren fernes doch sogenannten moralischen Erklärungen, die hinter jeder Fabel stehen, lieset. Ein eigenticher Aesop für Kinder ist mir noch nicht bekannt.
  10. k) S. 233.
  11. l) Das Erste ist Leßings, das Andre Breitingers, Bodmers und andrer Theoristen Meinung.
  12. m) Leßing war gegen Beides, sowohl gegen die Allegorie der Fabel, als die Einkleidung der Lehre, für welche er das unstreitig treffendere Wort der Anschauung oder der anschauenden Erkänntniß wählte. S. 128-144. In Bodmers unäsopischen Fabeln S. 231. ist der Leßingschen Theorie zwar widersprochen; wenige Punkte derselben aber sind, wie es mir scheint, widerlegt worden, auch wo diese die Widerlegung selbst mit sich führten.
  13. n)Gleims, Lichtwehrs und a. erste Fabel.