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Textdaten
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Autor: Th. Kabelitz
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Titel: Von den ganz Kleinen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 848, 850
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Von den ganz Kleinen.
Pädagogische Winke und Rathschläge.


Endlich, endlich! Er hat ihn im Arm gehalten, der glückliche Vater; er hat ihm das kleine Gesicht geküßt – und ein stolzes Gefühl durchfluthet sein Herz; es ist ein Junge, der erste Junge!

Und nun sitzt er in seinem Studirzimmer am offenen Schreibtisch, links die brennende Kerze, rechts die Flasche Wein mit dem Glase, aus dem er abwechselnd die Gesundheit des Kindes und der Mutter trinkt.

Vor ihm liegt eine Liste der Personen, die eine besondere Anzeige erhalten müssen; die Hand ermüdet nicht, wieder und wieder die Worte zu schreiben: „durch die glückliche Geburt eines kräftigen Jungen wurden erfreut N. N. und Frau.“

„Ich schnitt es gern in alle Rinden ein!“ Die alte Melodie, welche das Herz des Mannes bewegte, als seine Lippen den Mund der Geliebten im ersten Liebeskuß gefunden, klingt auch jetzt durch seine Seele, indem er der Welt die Geburt des ersten Kindes mittheilt. Nur das Leid preßt die Lippen zusammen, das Glück öffnet uns Herz und Mund. Vaterglück und Vaterstolz schwellen die Brust des schreibenden Mannes.

Er sieht seinen Knaben, strahlend in der Kraft der Gesundheit, allen Andern voran, als König im Spiel; er sieht ihn, hoch über den Andern, als König der Geister. Am Ziel, das er sich selbst gesteckt, das er selbst nicht erreicht, sieht er den Sohn. Nein, es ist nicht der Sohn, den er sieht: er ist es selbst. Er selbst ist’s, der, vergnügt und neu geboren, auf’s neue zu ringen beginnt um den Preis, der ihn einst gelockt und begeistert – er selbst erfaßt ihn; denn der Sohn ist er selbst; er selbst lebt weiter im Sohne.

Glücklicher, träumender Vater! So wie du, träumte vor Jahren dein Vater, träumt nach dir einst dein Sohn. Und mit dir träumen Tausend und Abertausend der Andern; Tausend und Abertausend der Andern werden sich irren wie du.

Ja, wenn alle die Träume Wahrheit würden, die wir an der Wiege unserer Kinder träumen! Es ist das ewige Vorrecht des Menschen, zu irren, und in diesem Fall kommt die Erkenntniß des Irrthums so allmählich, so spät und so selten ganz, daß sie schließlich nicht eigentlich unglücklich macht. Und das ist ein Glück. Wenn alle Könige würden, was bliebe da noch zu regieren? Es ist schon ein Vorzug, sich einer gesunden Mittelmäßigkeit zu erfreuen.

So verzeihlich diese Träume an sich sind, sie werden gefährlich, wenn sie, was leider sehr oft geschieht, Einfluß auf die Lebensgestaltung der Kinder gewinnen, wenn sie dieselben in Bahnen drängen, die ihrem Geist und ihren Neigungen fern liegen. Es gehört eine gewisse Entsagung dazu – und nicht alle Eltern besitzen sie – in dem Kinde ein eigenartiges Individuum zu sehen, ihm das Recht auf individuelle Entwicklung zuzugestehen. Es soll und muß das Kind nun einmal eine unveränderte Ausgabe ihrer selbst sein; es soll und muß ihre Wege wandeln, ihre Neigungen theilen, ihre Ziele erstreben. Die Folge davon ist eine arge Vernachlässigung des Studiums der Kindesnatur überhaupt, der Natur des eigenen Kindes im Besondern.

Und doch hat jede vernünftige Erziehung diese Kenntniß zur Voraussetzung. Wo will der Erzieher den Hebel ansetzen, wenn er die Natur des zu Erziehenden nicht kennt? Die Unwissenheit in Bezug auf das Wesen der Erziehung erhellt am besten aus der oft gehörten Redensart: Laßt das Kind erst älter, laßt es vernünftiger werden, dann geht es mit der Erziehung besser! Ist es nicht Aufgabe der Erziehung, das Kind vernünftig zu machen? Es soll doch durch die Erziehung zur Vernunft, nicht durch die Vernunft zur Erziehung kommen. Kinder durch Vernunft erziehen wollen, heißt nichts anderes, als erst die Früchte pflücken und dann den Baum pflanzen.

Die Erziehung muß sogleich nach der Geburt ihren Anfang nehmen, gewöhnlich aber beginnt man damit erst in einem Alter, in welchem sie, wenn nicht beendet, doch wenigstens sicher fundamentirt sein muß. Ein guter Gärtner wartet nicht, bis der Stamm sich gekrümmt hat; er bindet das gerade Stämmchen, damit es nicht krumm wird.

Es mag ja sonderbar scheinen, daß die Erziehung sogleich mit dem Leben beginnen soll, da der flüchtige Blick kaum eine Handhabe erkennt, um auf das junge Geschöpf einzuwirken. Es ist wahr, Moralpredigten verfehlen bei Neugeborenen ihren Zweck, sie helfen aber auch bei größeren Kindern nicht. Aber an Handhaben fehlt es dennoch nicht: woher nimmt denn die Natur die Mittel, durch welche sie den Säugling im Laufe eines Jahres dahin führt, daß derselbe seine Glieder mit ziemlicher Sicherheit gebrauchen, sich in der gewohnten Umgebung orientiren, Angenehmes und Unangenehmes sehr gut unterscheiden kann? Wie jeder weiß, bedarf es dazu besonderer Mittel nicht. Die Natur regt die im Kinde schlummernden Kräfte an – übt und leitet sie! Das ist alles.

Die Außenwelt mit ihren Erscheinungen und ihren Veränderungen, das eigene körperliche Befinden mit seinem angenehmen und unangenehmen Wechsel weckt den Geist des Kindes zur Thätigkeit, zur Beobachtung, zum Bewußtsein, zum Wollen, zur Selbstbestimmung. Zu der erst regellosen, unwillkürlichen Bewegung gesellt sich die Absicht; sie wird zum Versuch, und durch tausend und abertausend Versuche lernt das Kind seine Hände zum Greifen, seine Füße zum Gehen benutzen. Und ob der Versuch noch so oft mißlingt, er wird wieder und immer wieder gemacht, bis er gelingt, bis die Glieder dem Impuls des Geistes folgen. Von der planlosen Bewegung der Hände bis zum bewußten Greifen ist ein weiter Schritt. Dazwischen liegt das Bewußtsein von allen einzelnen Momenten der Bewegung und das Bewußtsein ihrer Aufeinanderfolge. Die fortgesetzte Übung führt dann zur Fertigkeit, zum unbewußten, automatischen Thun, wie wir es bei den Erwachsenen beobachten können. Ähnliches findet sich bei angehenden Schlittschuhläufern und Tanzschülern. Sie sind sich jeder Bewegung in ihren einzelnen Momenten bewußt. Der ABC-Schütze sieht jeden Buchstaben an, der fertige Leser hat nur den Gesammteindruck des Wortes.

Noch ist das Kind kein halbes Jahr alt, und schon wendet es den Kopf genau nach der Seite, woher der Schall kommt; es unterscheidet genau Fremdes und Bekanntes, Angenehmes und Unangenehmes; es giebt schon Zeichen eigenen Wollens. Allerdings, Worte kann das Kind in diesem Alter noch nicht sprechen; denn von allen Bewegungen sind diejenigen der Sprechwerkzeuge die schwierigsten, weil complicirtesten. Aber das Kind von einem Jahre versteht schon viele, das Kind von zwei Jahren die meisten Wörter des täglichen Verkehrs; es verbindet [850] mit denselben den Sinn, den wir Erwachsene ihnen unterlegen, und ist im Stande, seine Gedanken und Wünsche mit den Worten der Sprache auszudrücken.

Sind das nicht untrügliche Zeichen einer vorhandenen, einer thätigen starken Geisteskraft? Sollte sich mit weiser Benutzung dieser Geisteskraft, welche das Kind in kaum zwei Jahren durch sich selbst zum Verständniß und theilweisen Gebrauch der Sprache führt, die Erziehung nicht anbahnen und bedeutend fördern lassen?

Das Kind nimmt die Welt, wie sie sich ihm bietet; es betrachtet und versteht sie, wie es dieselbe findet. Man führe das Kind in die wirkliche Welt, und es wird sich daran gewöhnen, wird es um so leichter, da es nie eine andere Welt gekannt hat. Ist dem aber so, dann arbeitet man an der Erziehung, und die erste Erziehung ist thatsächlich nichts anderes als Gewöhnung.

Man hört im Leben so oft und so viel von der Macht der Gewohnheit sprechen, daß man eigentlich erwarten sollte, alle Eltern ohne Ausnahme würden die Gewohnheit, deren Bedeutung sie kennen und von deren Macht sie sprechen, der Erziehung dienstbar zu machen suchen. Weit gefehlt; das Gegentheil geschieht. Man unterläßt nicht nur die Gewöhnung an das, was man später wünschen muß, sondern man duldet, ja man befördert Angewöhnungen, die später mit ganzer Autorität nicht selten vergeblich bekämpft werden. – Die Nacht ist zum Schlafen bestimmt; die Zeit zum Wachen und Wirken ist der Tag. Nun gehe man einmal des Nachts zwischen elf und zwölf Uhr durch die Straßen! In wie viel Häusern ertönt hinter matt erleuchteten Vorhängen klägliches Kindergeschrei! Es läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß von hundert schreienden Kindern kaum eines gegründete Veranlassung dazu hat, und doch beunruhigen die schrecklichen Töne die ganze Familie und stören die Nachbarn im Schlaf.

„Was haben wir doch für ein unruhiges Kind!“ klagt dann am andern Morgen die Mutter der Nachbarin, „heut hat es wieder die ganze Nacht geweint, und ich habe kein Auge geschlossen. Wenn ich nur etwas dagegen thun könnte!“

„Sie können sehr viel dabei thun, Frau Nachbarin, Sie können die Sache fundamental ändern. Gewöhnen Sie nur das Kind zur rechten Zeit an Ordnung, und es wird Sie nicht zur Unzeit stören.“

Wer dafür sorgt, daß seine Kinder am Tage die nöthige Zeit wach sind und Wartung finden, kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß sie in der Nacht schlafen und ihn schlafen lassen. Wer aber, vielleicht in Folge häuslicher Verrichtungen, gestattet, daß die Kinder den größten Theil des Tages schlafend im Bett verbringen, soll sich nicht wundern, wenn sie des Nachts unruhig sind und aufstehen wollen.

Vom ersten Tage an müssen sich die Kinder daran gewöhnen, zur bestimmten Stunde für die Nacht gebettet oder umgebettet zu werden. Ist das geschehen, dann bleiben sie unweigerlich sich selbst und dem Schlaf überlassen. Häusliche Verrichtungen, gesellschaftliche Verpflichtungen dürfen daran nichts ändern. Ja, sie mögen Gelegenheit bieten, die Kinder daran zu gewöhnen, daß sie auch von Jemand anders als der Mutter gebettet werden können. Wer Ruhe haben will, sorge zuerst und vor Allem für Regelmäßigkeit! Wer Gewicht darauf legt, daß auch die kleinsten Kinder vor der Nachtruhe entsprechende Zeit außerhalb des Bettes zubringen, wird bewirken, daß sie zur rechten Zeit müde sind und gut und ununterbrochen schlafen.

Selbstverständlich soll man die Kinder kurz vor der Nacht nicht aufregen. So pläsirlich und herzerfrischend es ist, die Kleinen im Nachthemdchen herumspringen zu lassen und mit ihnen zu scherzen, so wenig förderlich ist es der Nachtruhe. Jeder weiß, wie schwer es ist, in aufgeregtem Zustand einzuschlafen.

Immer muß das Kind von dem Augenblick an, in welchem es in’s Bett gelegt wird, allein bleiben, und zwar im finstern Zimmer. Es ist recht rührend, wenn die Mutter am Bettchen sitzt, bis die kleinen Augen, vom Schlaf bezwungen, sich schließen. Allein, was für die junge Mutter anfangs ein süßes Herzensbedürfniß ist, wird bald eine Last. Nur zu bald wird das Kind nicht einschlafen wollen, wenn die Mutter nicht bei ihm ist; nur zu bald wird es angstvoll die Mutterhand festhalten und bei dem leisesten Versuch, frei zu werden, erschrocken aus dem Halbschlummer aufwachen und flehentlich bitten:

„Mama, hierbleiben!“

Dann heißt es ausharren, stundenlang, oder das Ende ist langes, klägliches Weinen. Wacht ein so verwöhntes Kind in der Nacht auf, so ruft es alsbald nach der Mama; es weint, wenn sie nicht sogleich kommt, und mit der Nachtruhe der Familie ist es auf Stunden vorbei, besonders dann vorbei, wenn man das Kind daran gewöhnt hat, mitten in der Nacht auf den Armen in Schlaf getragen zu werden. Alle diese Dinge sind rührende Beweise selbstvergessener und aufopferungsvoller Mutterliebe, aber klug gethan sind sie nicht. Auch das Kind hat keinen Gewinn davon. Ist es daran gewöhnt, allein im Dunkeln im Bettchen zu liegen, so wird es, auch für den Fall, daß es mitten in der Nacht aufwacht, ganz von selbst wieder einschlafen. Die gleichen Gründe sprechen auch gegen das Schaukeln und Wiegen der Kleinen.

Der Erwachsene verbringt die Nächte schlafend und nimmt keine Nahrung zu sich; auch die Kinder müssen so schnell wie möglich an diese Lebensweise gewöhnt werden. Neugeborene Kinder kennen den Wechsel von Tag und Nacht nicht. Sie werden daher anfangs unruhig sein. Mit einiger Consequenz kann man sie aber bald dahin bringen, daß sie sich in das Nothwendige und Unabänderliche fügen.

Wir sagten vorhin, die Kinder müßten allein und im Dunkeln einschlafen. Das ist leicht gethan; denn man braucht sie nur nicht an das Gegentheil zu gewöhnen. Das Schlafzimmer soll dunkel sein; die brennende Nachtlampe ist keine gute Erfindung. Hat man ein Licht und Feuerzeug zur Hand, so kann man in jedem Augenblicke die erforderliche Beleuchtung herstellen, und das ist genügend. Aber abgesehen davon, daß der Schlaf im Dunkeln ruhiger und tiefer, also auch erquickender ist, als in einem wenn auch nur matt erleuchteten Raume, abgesehen selbst davon, daß Dunkelheit im Schlafzimmer den Augen zweifellos zuträglicher ist als Licht, müssen wir der Gewöhnung an Einsamkeit und Dunkelheit einen bedeutenden erziehlichen Werth zuerkennen. Es giebt nichts Lächerlicheres, als einen furchtsamen Menschen, der überall Gespenster sieht, in der Dunkelheit angstvoll auf jedes Geräusch horcht und erschrickt, wenn sich etwas regt. Dieser Furchtsamkeit entzieht man den Boden am besten dadurch, daß man die Kinder vom zartesten Alter an mit Einsamkeit und Dunkelheit vertraut macht.

Leider giebt es Eltern, und ich glaube es sind ihrer nicht wenige, welche die Furchtsamkeit in den Kindern wachrufen und systematisch pflegen, „Der schwarze Mann kommt und nimmt Dich mit,“ ist ein oft gehörtes Wort, wenn die Kinder nicht schlafen wollen. Die geheimnißvollen Furchtgestalten, die man aufruft, mögen in den verschiedenen Gegenden verschieden heißen, aber aufgefunden werden sie – Gott sei’s geklagt – fast überall. Und sie setzen sich fest im Herzen der unschuldigen Kinder; sie wachsen und quälen dieselben, und lassen sie nimmer und nimmer.

Der Effect bleibt denn auch nicht aus. Der eben noch lachende Kindermund verstummt; das Antlitz erstarrt; das strahlende Auge richtet sich angstvoll auf die Thür, an der dann auch, um das Maß der Thorheit voll zu machen, eine dumpfe Stimme oder ein geheimnißvolles Pochen ertönt. Das Kind schmiegt sich an Vater und Mutter, und der Keim zum Gespensterglauben ist gelegt. Tanten und Großmütter sorgen dann fleißig dafür, daß er auch die erforderliche Nahrung findet. Es ist leider nicht wegzuleugnen, daß die Quelle der Furchtsamkeit in der Kinderstube zu suchen ist.

Hilft gegen die Unarten des Kindes nicht ein ernstes Wort, so helfe die Ruthe. Aber Mittel, die das Kind für’s Leben schwach, lächerlich und sich selbst verächtlich machen, sollten nimmer und nimmer angewendet werden. Es ist doch wahrlich kein Ruhm, ein Kind gefügig zu machen dadurch, daß man ihm Grauen erregt.

Überhaupt sollten die Eltern viel vorsichtiger sein in Dem, was sie den Kindern erzählen. „Der Hund hat’s genommen.“ „Die Katze hat es geholt.“ „Der schwarze Mann hat es fortgetragen,“ hört man gar oft, wenn den Kindern etwas abgeschlagen wird. Warum sagt man nicht einfach: „Nein, Du sollst es nicht haben!“? Wie bald erkennen die Kinder die Unwahrheit der erwähnten Aussprüche!

Es ist sicherlich besser, die Kinder werden von vornherein mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß es Dinge giebt, die uns versagt werden. Daraus ergiebt sich gar leicht die Erkenntniß, daß es Dinge giebt, die man sich versagen muß. Die beste Form des Versagens heißt: Nein! Weder Bitten noch Thränen dürfen das einmal ausgesprochene Nein erschüttern, wenn die Kinder nicht auf den Gedanken kommen sollen, es habe mit den Worten der Eltern überhaupt nicht viel auf sich. Einmal werden sie doch versagen müssen, einmal wird das Nein doch unerschütterlich feststehen, dann aber wird das Kindesherz sich kalt von den Eltern wenden, von denen es nun glaubt, daß sie grund- und planlos, ganz nach ihrer Willkür versagen und gewähren. Das Kind versteht nun einmal Gründe nicht. Es fühlt nur, daß die Mittel, welche bisher immer geholfen haben, plötzlich nicht mehr zum Ziele führen; es verstockt sein Herz, wird trotzig und zweifelt an der Eltern Liebe. Darum täuscht nicht, sondern versagt! Und habt ihr versagt, so soll es dabei bleiben.

Wer das Glück hat, kleine Kinder zu besitzen, weiß auch, daß jeden Augenblick eins davon fällt, sich stößt, klemmt, kurz sich in irgend einer Weise Schmerzen bereitet. Es ist natürlich, daß Vater und Mutter dabei Bedauern empfinden. Unnatürlich und schädlich aber ist es, wenn sich dieses Bedauern in übertriebener Weise kund giebt. Durch Bedauern, durch erschrockenes Zuspringen lindert man keine Schmerzen. Dadurch werden die Kinder nur aufgeregt und bestürzt, und ein an sich vielleicht ganz unbedeutender Unfall bekommt in ihren Augen eine Wichtigkeit, die er nicht hat. Stärkeres Weinen und Schreien sind die Folge.

Erfahrung macht klug. Mögen Kinder durch kleine Unfälle belehrt werden, wie man sie durch Vorsicht vermeiden und sich Schmerzen ersparen kann; mögen sie früh lernen, daß man Schmerzen ertragen muß!

Es ist ungemein lehrreich, zu beobachten, wie selbst schon kleine Kinder, die immer bedauert und getröstet, auch wohl beschenkt werden, wenn ihnen etwas zugestoßen ist, auf’s Neue und stärker zu weinen beginnen, wenn sie eine Person erblicken, von der sie ihren Tribut an Mitleid und trostreichen Worten noch nicht eingeheimst haben. Und Muttersöhnchen, die im Spiel Schläge bekommen haben, weil sie, um ihren Willen durchzusetzen, Spielverderber waren, schreien um so lauter, je näher sie dem elterlichen Hause kommen. Ja, man kann die Beobachtung machen, daß sie auf einem langem Wege erst eine Zeit lang pausiren, um dann bei „Sicht“ mit ganzer Lungenkraft Zeter zu schreien.

Lehrt die Kinder Schmerzen ertragen! Unzeitiges und übermäßiges Bedauern macht sie nur empfänglicher für dieselben. Sinnlos und moralisch verderblich aber ist es, den Kindern zum Trost Tische und Stühle zu schlagen, an denen sie sich gestoßen haben. Dabei lernt das Kind seinen ohnmächtigen Grimm an Leblosem und Unvernünftigem kühlen; dadurch kommt es zu der wahnsinnigen Überhebung, es müßte sich ihm Alles, Alles fügen.

Die Reihe dieser Rathschläge ließe sich noch weiter ausspinnen. Wir begnügen uns jedoch mit dem Obengesagten; denn es dürfte hinreichen, um den Leser zu überzeugen, daß die Erziehung der Kinder schon in der frühesten Zeit beginnen muß und daß sie, in dieser Zeit vernünftig geleitet, die besten Erfolge verspricht.

Th. Kabelitz.