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Textdaten
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Autor: Friedrich Emil Rittershaus
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Titel: Völkerpfingsen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 369
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[369]
Völkerpfingsten.
Von Emil Rittershaus.[1]

Der Winter kam vom Nord geschritten
Durch Wald und Wiese, Flur und Forst,
Und unter seinen eh’rnen Tritten
Der frostdurchzogne Boden borst.
Die Welle, die mit raschem Fluge
Gewohnt durch Berg und Thal zu gehn,
Es mußt’ vor seinem Odemzuge
Das Blut der Erde stille stehn.
Des Lebens Pulse mußten stocken;
Die Blume lag verdorrt im Feld,
Und schimmernd fielen weiße Flocken
Auf’s Leichenangesicht der Welt.

Da hob der Frühlingssturm die Flügel,
Und jedes Herz war froh gestimmt;
Wir wußten’s ja, daß er die Zügel
Der harten Hand des Winters nimmt,
Daß er zerbricht, was dürr geworden,
Und Raum dem Trieb, dem jungen, bringt,
Daß er in brausenden Accorden
Ein Lied der Auferstehung singt.
Die Welle brach des Eises Schranken
Und sprudelt’ schäumend himmelan
Und trug den hohen Lenzgedanken
Vom Fels bis zu dem Ocean.

Und jetzt! O seht, wie segentrunken
Die Welt im Maienschmucke steht!
Die Morgenröthe ist gesunken
Als Rose in des Gartens Beet,
Und wenn die Sterne leise wallen
Am Abend durch des Himmels Raum,
Dann singen noch die Nachtigallen
Die süßen Lieder fort im Traum,
Und alle diese Wunderwonne,
Die singt und klingt und blüht und sprießt,
Ist Pfingstgeschenk der goldnen Sonne,
Die auf die Welt die Strahlen gießt. –

Ihr Völker in der weiten Runde,
Wer ist’s, der’s uns verkünden mag:
Wann bricht nach mancher trüben Stunde
Für euch herein der Pfingstentag?
Der Knechtschaft Winter wußt’ zu biegen
In’s Joch euch mit der eis’gen Faust,
Und heulend kam in blut’gen Kriegen
Ein Frühlingssturm herangebraust.
Es ist vorbei – und selig werden
Möcht’ nun das Herz im Sonnenschein –
O ew’ger Gott, wann soll auf Erden
Denn endlich Völkerpfingsten sein? –

Ihr braucht die Sterne nicht zu fragen
Mit kummerblassem Angesicht;
Es kann’s euch jede Blume sagen:
Das Leben ist allein im Licht.
Ihr schaut vergebens nur nach oben,
So lang ihr euch im Traum behagt,
Gebückten Haupts der Pfaffenroben,
Der Purpurmäntel Schleppen tragt.
Die Freiheit wird ihr eigner Henker
Bei einem Volk, bethört vom Wahn;
Nur einer Welt der freien Denker
Kann einst ein Völkerpfingsten nah’n.

Das Licht in’s Volk! Von allen Zinnen
Gepredigt wider jeden Trug,
Der gerne möcht’ die Welt umspinnen,
Wie er sie einst in Bande schlug!
Das Licht in’s Volk, daß es die Flügel
Des Geists gebraucht in stolzer Kraft,
Daß es, entwöhnt von Joch und Zügel,
Sich selbst die bessre Zukunft schafft! –
Zu einem Bunde fest zusammen,
Die ihr das Herz der Menschheit weiht!
So wahr der Sonne Strahlen flammen,
Es kommt der Völker Pfingstenzeit.


  1. Aus dessen „Neuen Gedichten“ (vierte Auflage, Leipzig, Ernst Keil).