Ungeahnte Schönheit bei verachteten Thieren

Textdaten
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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Ungeahnte Schönheit bei verachteten Thieren
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 505-507
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 16 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
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[505]

Aus der Menschenheimath.

Briefe
Des Schulmeisters emerit. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Sechszehnter Brief.
Ungeahnte Schönheit bei verachteten Thieren.


Es ist schon manchmal gegen Diejenigen, welche ihr ganzes Bestreben, ihre ganze Kraft der Naturforschung widmen und in ihr hundertfältigen Ersatz für andere Entbehrungen finden, die Frage aufgeworfen worden: „wenn ihr Naturforscher nun einmal fertig sein werdet mit Forschen; wenn nichts mehr unbekannt, nichts Unerforschtes mehr übrig sein wird – was dann?“

Eben so gut könnte man fragen: wenn das Weltmeer vertrocknet sein wird, was sollen dann die Schiffer machen?

Das Eine ist so undenkbar wie das Andere.

Eine andere Redensart, welche wenigstens die Urheberschaft eines berühmten Mannes für sich hat, hält den Naturforschern mit einem halben Hohn und einer halben Selbsttröstung und Rechtfertigung, daß man selbst nichts nach natürlichen Dingen frage, ein: „in’s Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist.“

Diese Redensart steht kaum höher, als jene Frage. Sie ist nicht mehr werth, als jenes Eifern der Menge über das machtlose Ankämpfen des Einzelnen gegen Dummheit und Schlechtigkeit! „Du änderst’s doch nicht.“

Wo fängt denn erstens das Innere der Natur an, und wo hört das Aeußere auf, damit die Naturforscher hübsch wissen, wo sie aufhören müssen zu forschen, um entweder den Zorn jener weisen Redensart nicht auf sich zu laden, oder wenigstens Zeit und Kräfte nicht an Undurchdringliches zu vergeuden? Und dann zweitens: wer hat denn bisher nur über einen Schein von einem Beweise zu verfügen, daß in das sogenannte Innere der Natur nicht einzudringen sei? Dieser Beweis würde erst dann geführt sein, wenn man in allen Zweigen der Naturforschung nach ihrer Art gleicherweise und überall bereits an einer Schranke angekommen wäre, über welche mit allen Mitteln der Wissenschaft durchaus kein Haar breit hinweg zu kommen wäre. Man ist nicht nur weit entfernt davon, an dieser Schranke zu stehen; im Gegentheile weichen Schranken, die lange für solche gegolten haben, vor [506] den scharfsinnig ausgedachten und scharfsichtig ausgeführten Untersuchungen der Naturforschung unserer Tage oft plötzlich zurück und gestatten dem vorwärtsdringenden Geiste mit einem Male das Eindringen in ein neues weites Feld, was dieser ohne Aufenthalt durcheilt, bis er wieder an einer Schranke steht, die sich vielleicht morgen schon ebenfalls als eine besiegbare zeigen wird.

Nein, nein! es ist das schöne Recht und die ernste Pflicht der Naturforschung, zu forschen Tag und Nacht. Nur dadurch hören wir auf, Fremdlinge auf der Erde und bewußtlose Spielbälle der Naturgesetze zu sein.

Was ich da für einen gewaltigen Anlauf genommen habe, um zur Erläuterung meines heutigen Bildchens zu kommen! Doch wenn ich auch kürzer dazu kommen konnte, so ist dies doch auch der richtige Weg. Denn ob ich mit dem Mikroskop das hier Abgebildete zum ersten Male sehe, oder den elektrischen Strom in den Nerven, den uns Dubois-Reymond zuerst gezeigt hat – Beides ist ein neuer Schritt auf der Bahn zu dem noch Unerforschten, wenn auch beide von sehr verschiedenem Werthe.

Ich komme heute schon wieder mit dem Mikroskop, welches jetzt alle Tage den Gesichtskreis des Naturforschers bereichert und erweitert; und in der That, seitdem man, was für die Lehre vom Leben von unglaublicher Wichtigkeit ist, die feinsten Gewebe des pflanzlichen und thierischen Körpers, einschließlich unseres eigenen, immer schärfer beobachtet, findet man eine Menge ungeahnter Schönheit; so daß neben dem Nutzen für das Wissen auch etwas für das Auge abfällt.

Du kannst unmöglich errathen, was heute meine Figuren darstellen.

Die Gartenlaube (1853) b 506.jpg

Figur 1 ist in 200maliger Vergrößerung das Stückchen, was an Fig. 1b fehlt; und diese Fig. 1b ist eine 5malige Vergrößerung von Fig. 1a, welche die natürliche Größe zeigt. Dasselbe ist’s mit den Figuren von 2. Hier schneiden bei b die beiden Linien das Fig. 2 auch 200 Mal vergrößerte Stück heraus.

Was Du siehst, ist eine sehr feine, aber eine sehr derbe und haltbare Haut, auf welcher in regelmäßigster Anordnung, zunächst bei 1, kleine Zahnschüppchen oder Schuppenzähnchen, – wie Du willst – sitzen, welche aus Kieselerde oder einem ähnlichen feuerfesten Stoffe bestehen. Auf dem ganzen Blättchen, was eben Fig. 1a in natürlicher Größe darstellt, habe ich durch Multiplikation der Zähnchen einer Querreihe mit denen einer Längsreihe nicht weniger als 11,400 gefunden. Es ist daher das Größenverhältniß der die Zähnchen auf Fig. 1b darstellenden Pünktchen nicht richtig, sondern zu groß. Richtig gezeichnet wäre es aber weder zu schneiden noch zu drucken gewesen. Die Zähnchen jeder Querreihe werden nach dem Rande hin, wie Dir Fig. 1 zeigt, niedriger und anders gestaltet. Die größeren nach der Mitte zustehenden (links) zeigen 2 Spitzchen, ein größeres und ein rechts daneben stehendes kleineres. Beide sind hohl und es läßt sich damit schaben und kratzen, wie mit einen Kartoffelhacke.

Aber noch viel zierlicher wirst Du Fig. 2 finden. Hier stehen auf dem ganzen Dinge, Du sollst gleich hören was es ist, 7 Reihen ebenfalls steinerner Schuppen oder vielmehr Plättchen, welche an ihrer Spitze jedes anders mit 3, 4 oder sehr zahlreichen Zähnchen enden. Diese sind bei der mittelsten und den jederseits 2 nächstfolgenden Reihen ebenfalls hohle Schabinstrumente.

Du siehst, wie überaus regelmäßig diese zierlichen Plättchen, deren hier blos 1078 (in jeder der 7 Längsreihen 154) sind, sich unten in einander fügen; aber nicht fest; sie sitzen vielmehr locker in der Haut, wie die Federn in der Haut des Vogels, und können wie Messerklingen gegen einander bewegt werden.

Nun was wirst Du sagen, wenn ich Dir angebe, was das sei! Es sind die Zungen von zwei unserer gemeinen Gehäuseschnecken; – Fig. 1 von der bekannten Weinbergsschnecke, H. pomatia und Fig. 2 von der Kreismundschnecke, Cyclostoma elegans. – a. von beiden die natürliche Größe.

Wenn man solche Zungen mit dem Mikroskop betrachtet, – leider konnte ich Dir hier nur ein kleines Stückchen von jeder in 200maliger Vergrößerung zeichnen (denn ganz gezeichnet würde Fig. 2 zwei Ellen lang geworden sein!) – so findet man ihre Spitze immer abgenutzt, indem sich Plättchen loslösen und vom Thiere unwillkürlich verschluckt werden. Gleichzeitig wächst die Zunge hinten immer nach, wie die Nagezähne der Hasen und anderer Nagethiere. Untersucht man Schneckenkoth mit dem Mikroskop, so findet man fast immer ganze Zahnfelder von der eigenen Zunge, bis zu 100 und mehr Zähnchen darin.

Also die Löwen und andern katzenartigen Raubthiere haben nicht allein eine bewehrte Zunge. Ohne [507] Zweifel ist sie bei den Schnecken am elegantesten gebaut und zwar bei jeder Gattung anders, so daß ich oft über über den Erfindungsgeist der Natur in so kleinen Dingen gestaunt habe.

Du darfst Dir übrigens auf meine heutige Zeichnung was einbilden, denn meines Wissens ist die Zunge der Kreismundschnecke noch niemals abgebildet worden.