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Textdaten
Autor: Heinrich Heine
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Titel: Ueber den Denunzianten
Untertitel: Eine Vorrede zum dritten Theile des Salons
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1837
Erscheinungsdatum: 1837
Verlag: Hoffmann und Campe
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: UB Bielefeld und Commons
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Ueber
den
Denunzianten.


Eine Vorrede
zum dritten Theile des Salons


von
H. Heine.


Hamburg, 1837
bei Hoffmann und Campe.
Vorwort.

Ich habe diesem Buche einige sehr unerfreuliche Bemerkungen voranzuschicken, und vielmehr über das was es nicht enthält, als über den Inhalt selbst mich auszusprechen. Was letzteren betrifft, so steht zu berichten, daß ich von den „florentinischen Nächten“ die Fortsetzung, worin mancherley Tagesinteressen ihr Echo fanden, nicht mittheilen konnte. Die „Elementargeister“ sind nur die deutsche Bearbeitung eines Kapitels aus meinem Buche „De l’Allemagne;“ alles was ins Gebieth der Politik und der Staatsreligion hinüberspielte, ward gewissenhaft ausgemerzt, und nichts blieb übrig als eine Reihe harmloser Mährchen, die, gleich den Novellen des Dekamerone, dazu dienen könnten, jene pestilenzielle Wirklichkeit, die uns dermalen umgiebt, für einige Stunden zu vergessen. Das Gedicht, welches am Schlusse des Buches, habe ich selber verfaßt, und ich denke, es wird meinen Feinden viel Vergnügen machen; ich habe kein besseres geben können. Die Zeit der Gedichte ist überhaupt bei mir zu Ende, ich kann wahrhaftig kein gutes Gedicht mehr zu Tage fördern, und die Kleindichter in Schwaben, statt mir zu grollen, sollten sie mich vielmehr brüderlichst in ihre Schule aufnehmen ... Das wird auch wohl das Ende des Spaßes seyn, daß ich in der schwäbischen Dichterschule, mit Fallhütchen auf dem Kopf, neben den Andern auf das kleine Bänkchen zu sitzen komme, und das schöne Wetter besinge, die Frühlingssonne, die Mayenwonne, die Gelbveiglein, und die Quetschenbäume. Ich hatte längst eingesehen, daß es mit den Versen nicht mehr recht vorwärts ging und deßhalb verlegte ich mich auf gute Prosa. Da man aber in der Prosa nicht ausreicht mit dem schönen Wetter, Frühlingssonne, Mayenwonne, Gelbveiglein und Quetschenbäumen, so mußte ich auch für die neue Form einen neuen Stoff suchen; dadurch gerieth ich auf die unglückliche Idee mich mit Ideen zu beschäftigen, und ich dachte nach über die innere Bedeutung der Erscheinungen, über die letzten Gründe der Dinge, über die Bestimmung des Menschengeschlechts, über die Mittel wie man die Leute besser und glücklicher machen kann, u. s. w. Die Begeisterung, die ich von Natur für diese Stoffe empfand, erleichterte mir ihre Behandlung, und ich konnte bald in einer äußerst schönen, vortrefflichen Prosa meine Gedanken darstellen ... Aber ach! als ich es endlich im Schreiben so weit gebracht hatte, da ward mir das Schreiben selber verboten. Ihr kennt den Bundestagsbeschluß vom Dezember 1835, wodurch meine ganze Schriftstellerey mit dem Interdikte belegt ward. Ich weinte wie ein Kind! Ich hatte mir so viel Mühe gegeben mit der deutschen Sprache, mit dem Akusativ und Dativ, ich wußte die Worte so schön an einander zu reihen, wie Perl an Perl, ich fand schon Vergnügen an dieser Beschäftigung, sie verkürzte mir die langen Winterabende des Exils, ja, wenn ich deutsch schrieb, so konnte ich mir einbilden, ich sey in der Heimath, bey der Mutter ... Und nun ward mir das Schreiben verboten! Ich war sehr weich gestimmt, als ich an den Bundestag jene Bittschrift schrieb, die Ihr ebenfalls kennt, und die von manchem unter Euch als gar zu unterthänig getadelt worden. Meine Consulenten, deren Responsa ich bey diesem Ereignisse einholte, waren alle der Meynung, ich müsse ein groß Spektakel erheben, große Memoiren anfertigen, darin beweisen: „daß hier ein Eingriff in Eigenthumsrechte statt fände, daß man mir nur durch richterlichen Urtheilsspruch die Ausbeutung meiner Besitzthümer, meiner schriftstellerischen Fähigkeiten, untersagen könne, daß der Bundestag kein Gerichtshof und zu richterlichen Erkenntnissen nicht befugt sey, daß ich protestiren, künftigen Schadenersatz verlangen, kurz Spektakel machen müsse.“ Zu dergleichen fühlte ich mich aber keineswegs aufgelegt, ich hege die größte Abneigung gegen alle deklamatorische Rechthaberey, und ich kannte zu gut den Grund der Dinge, um durch die Dinge selbst aufgebracht zu seyn. Ich wußte im Herzen, daß es durchaus nicht darauf abgesehen war, durch jenes Interdikt mich persönlich zu kränken; ich wußte, daß der Bundestag, nur die Beruhigung Deutschlands beabsichtigend, aus bester Vorsorge für das Gesammtwohl, gegen den Einzelnen mit Härte verfuhr; ich wußte, daß es der schnödesten Angeberey gelungen war, einige Mitglieder der erlauchten Versammlung, handlende Staatsmänner, die sich mit der Lektüre meiner neueren Schriften gewiß wenig beschäftigen konnten, über den Inhalt derselben irre zu leiten und ihnen glauben zu machen, ich sey das Haupt einer Schule, welche sich zum Sturze aller bürgerlichen und moralischen Instituzionen verschworen habe ... Und in diesem Bewußtseyn schrieb ich, nicht eine Protestazion, sondern eine Bittschrift an den Bundestag, worin ich, weit entfernt seine oberrichtlichen Befugnisse in Abrede zu stellen, den betrübsamen Beschluß als ein Contumazialurtheil betrachtete, und, auf alten Präcedenzien fußend, demüthigst bat, mich gegen die im Beschlusse angeführten Beschuldigungen vor den Schranken der erlauchten Versammlung vertheidigen zu dürfen. Von der Gefährdung meiner pekuniären Interessen that ich keine Erwähnung. Eine gewisse Schaam hielt mich davon ab. Nichtsdestoweniger haben viele edle Menschen in Deutschland, wie ich aus manchen erröthenden Stellen ihrer Trostbriefe ersah, aufs tiefste gefühlt, was ich verschwieg. Und in der That, wenn es schon hinlänglich betrübsam ist, daß ich, ein Dichter Deutschlands, fern vom Vaterlande, im Exile leben muß: so wird es gewiß jeden fühlenden Menschen doppelt schmerzen, daß ich jetzt noch obendrein meines literarischen Vermögens beraubt werde, meines geringen Poetenvermögens, das mich in der Fremde wenigstens gegen physisches Elend schützen konnte.

Ich sage dieses mit Kummer, aber nicht mit Unmuth. Denn wen sollte ich anklagen? Nicht die Fürsten; denn, ein Anhänger des monarchischen Prinzips, ein Bekenner der Heiligkeit des Königthums, wie ich mich seit der Julius-Revoluzion, trotz dem bedenklichsten Gebrülle meiner Umgebung, gezeigt habe, möchte ich wahrlich nicht mit meinen besonderen Beklagnissen dem verwerflichen Jakobinismus einigen Vorschub leisten. Auch nicht die Räthe der Fürsten kann ich anklagen; denn, wie ich aus den sichersten Quellen erfahren, haben viele der höchsten Staatsmänner den excepzionellen Zustand, worin man mich versetzt, mit würdiger Theilnahme bedauert und baldigste Abhülfe versprochen; ja, ich weiß es, nur wegen der Langsamkeit des Geschäftsgangs ist diese Abhülfe noch nicht gesetzlich an den Tag getreten und vielleicht während ich diese Zeilen schreibe, wird dergleichen in Deutschland zu meinen Gunsten promulgirt. Selbst entschiedenste Gegner unter den deutschen Staatsmännern haben mir wissen lassen, daß die Strenge des erwähnten Bundestagsbeschlusses nicht den ganzen Schriftsteller treffen sollte, sondern nur den politischen und religiösen Theil desselben, der poetische Theil desselben dürfe sich unverhindert aussprechen, in Gedichten, Dramen, Novellen, in jenen schönen Spielen der Phantasie, für welche ich so viel Genie besitze ... Ich könnte fast auf den Gedanken gerathen, daß wolle mir einen Dienst leisten und mich zwingen, meine Talente nicht für undankbare Themata zu vergeuden ... In der That, sie waren sehr undankbar, haben mir nichts als Verdruß und Verfolgung zugezogen ... Gott lob! ich werde mit Gensd’armen auf den besseren Weg geleitet, und bald werde ich bey Euch seyn, Ihr Kinder der schwäbischen Schule, und wenn ich nicht auf der Reise den Schnupfen bekomme, so sollt Ihr Euch freuen, wie fein meine Stimme, wenn ich mit Euch das schöne Wetter besinge, die Frühlingssonne, die Mayenwonne, die Gelbveiglein, die Quetschenbäume.

Dieses Buch diene schon als Beweis meines Fortschreitens nach hinten. Auch hoffe ich, die Herausgabe desselben wird weder oben noch unten zu meinem Nachtheile mißdeutet werden. Das Manuskript war zum größten Theile schon seit einem Jahre in den Händen meines Buchhändlers, ich hatte schon seit anderthalb Jahr mit demselben über die Herausgabe stipulirt, und es war mir nicht möglich, diese zu unterlassen.

Ich werde zu einer andern Zeit mich ausführlicher über diesen Umstand aussprechen; er steht nemlich in einiger Verbindung mit jenen Gegenständen, die meine Feder nicht berühren soll. Dieselbe Rücksicht verhindert mich, mit klaren Worten das Gespinste von Verläumdungen zu beleuchten, womit es einer in den Annalen deutscher Literatur unerhörten Angeberey gelungen ist, meine Meinungen als staatsgefährlich zu denunziren und das erwähnte Interdikt gegen mich zu veranlassen. Wie und in welcher Weise dieses geschehen, ist notorisch, auch ist der Denunziant, der literarische Mouchard, schon längst der öffentlichen Verachtung verfallen; es ist purer Luxus, wenn, nach so vielen edlen Stimmen des Unwillens, auch ich noch hinzutrete, um über das klägliche Haupt des Herrn Wolfgang Menzel in Stuttgardt die Ehrlosigkeit, die Infamia, auszusprechen. Nie hat deutsche Jugend einen ärmeren Sünder mit witzigeren Ruthen gestrichen und mit glühenderem Hohne gebrandmarkt! Er dauert mich wahrlich, der Unglückliche, dem die Natur ein kleines Talent und Cotta ein großes Blatt anvertraut hatten, und der beides so schmutzig, so miserabel mißbrauchte!

Ich lasse es dahingestellt seyn, ob es das Talent oder das Blatt war, wodurch die Stimme des Herrn Menzel so weitreichend gewesen, daß seine Denunziazion so betrübsam wirken konnte, daß beschäftigte Staatsmänner, die eher Literaturblätter als Bücher lesen, ihm auf’s Wort glaubten. So viel weiß ich, sein Wort mußte um so lauter erschallen, je ängstlichere Stille damals in Deutschland herrschte ... Die Stimmführer der Bewegungsparthey hielten sich in einem klugen Schweigen versteckt oder saßen in wohlvergittertem Gewahrsam und harrten ihres Urtheils, vielleicht des Todesurtheils ... Höchstens hörte man manchmal das Schluchzen einer Mutter, deren Kind in Frankfurt die Constablerwache mit dem Bajonette eingenommen hatte und nicht mehr hinauskonnte, ein Staatsverbrechen, welches gewiß ebenso unbesonnen wie strafwürdig war und den feinöhrigsten Argwohn der Regierungen überall rechtfertigte ... Herr Menzel hatte sehr gut seine Zeit gewählt zur Denunziazion jener großen Verschwörung, die, unter dem Namen „das junge Deutschland,“ gegen Thron und Altar gerichtet ist und in dem Schreiber dieser Blätter ihr gefährlichstes Oberhaupt verehrt.

Sonderbar! Und immer ist es die Religion, und immer die Moral, und immer der Patriotismus, womit alle schlechten Subjecte ihre Angriffe beschönigen! Sie greifen uns an, nicht aus schäbbigen Privatinteressen, nicht aus Schriftstellerneid, nicht aus angebohrnem Knechtsinn, sondern um den lieben Gott, um die guten Sitten und das Vaterland zu retten. Herr Menzel, welcher jahrenlang, während er mit Herrn Gutzkow befreundet war, mit kummervollem Stillschweigen zugesehen, wie die Religion in Lebensgefahr schwebte, gelangt plötzlich zur Erkenntniß, daß das Christenthum rettungslos verloren sey, wenn er nicht schleunigst das Schwert ergreift und dem Gutzkow von hinten ins Herz stößt. Um das Christenthum selber zu retten, muß er freilich ein bischen unkristlich handeln; doch die Engel im Himmel und die Frommen auf der Erde werden ihm die kleinen Verläumdungen und sonstigen Hausmittelchen, die der Zweck heiligt, gern zu Gute halten.

Wenn einst das Christenthum wirklich zugrunde ginge (vor welchem Unglück uns die ewigen Götter bewahren wollen!), so würden es wahrlich nicht seine Gegner seyn, denen man die Schuld davon zuschreiben müßte. Auf jeden Fall hat sich unser Herr und Heiland, Jesus Christus, nicht bey Herrn Menzel und dessen bayrischen Kreuzbrüdern zu bedanken, wenn seine Kirche auf ihrem Felsen stehen bleibt! Und ist Herr Menzel wirklich ein guter Christ, ein besserer Christ als Gutzkow und das sonstige junge Deutschland? Glaubt er alles was in der Bibel steht? Hat er immer die Lehren des Bergpredigers strenge befolgt? Hat er immer seinen Feinden verziehen, nämlich allen denen, die in der Literatur eine glänzendere Rolle spielten, als er? Hat Herr Menzel seine linke Wange sanftmüthig hingehalten, als ihm der Buchhändler Frankh auf die rechte Wange eine Ohrfeige, oder, schwäbisch zu sprechen, eine Maulschelle gegeben? Hat Herr Menzel Witwen und Waisen immer gut rezensirt? War er jemals ehrlich, war sein Wort immer Ja oder Nein? wahrlich nein, nächst einer geladenen Pistole hat Herr Menzel nie etwas mehr gescheut als die Ehrlichkeit der Rede, er war immer ein zweideutiger Duckmäuser, halb Hase halb Wetterfahne, grob und windig zu gleicher Zeit, wie ein Policeydiener. Hätte er in jenen ersten Jahrhunderten gelebt, wo ein Christ mit seinem Blute Zeugniß geben mußte für die Wahrheit des Evangeliums, da wäre er wahrlich nicht als Vertheidiger desselben aufgetreten, sondern vielmehr als der Ankläger derer, die sich zum Christenthume bekannten, und die man damals des Atheismus und der Immoralität beschuldigte. Wohnte Herr Menzel in Peking statt in Stuttgardt, so schriebe er jetzt vielleicht lange delatorische Artikel gegen „das junge China,“ welches, wie aus den jüngsten Dekreten der chinesischen Regierung hervorgeht, eine Rotte von Bösewichtern zu seyn scheint, die durch Schrift und Wort das Christenthum verbreiten, und deßhalb von den Mandarinen des himmlischen Reiches für die gefährlichsten Feinde der bürgerlichen Ordnung und der Moral erklärt werden.

Ja, nächst der Religion ist es die Moral, für deren Untergang Herr Menzel zittert. Ist er vielleicht wirklich so tugendhaft, der unerbittliche Sittenwart von Stuttgardt? Eine gewisse physische Moralität will ich Herrn Menzel keinesweges absprechen. Es ist schwer in Stuttgardt nicht moralisch zu seyn. In Paris ist es schon leichter, das weiß Gott! Es ist eine eigne Sache mit dem Laster. Die Tugend kann jeder allein üben, er hat niemand dazu nöthig als sich selber; zu dem Laster aber gehören immer zwei. Auch wird Herr Menzel von seinem Aeußern aufs glänzendste unterstützt, wenn er das Laster fliehen will. Ich habe eine zu vortheilhafte Meinung von dem guten Geschmacke des Lasters, als daß ich glauben dürfte, es würde jemals einem Menzel nachlaufen. Der arme Goethe war nicht so glücklich begabt und es war ihm nicht vergönnt, immer tugendhaft zu bleiben. Die schwäbische Schule sollte ihrem nächsten Musenalmanach das Bildnis des Herrn Menzel voransetzen; es wäre sehr belehrsam. Das Publikum würde gleich bemerken: er sieht gar nicht aus wie Goethe. Und mit noch größerer Verwunderung würde man bemerken: dieser Held des Deutschthums, dieser Vorkämpe des Germanismus, sieht gar nicht aus wie ein Deutscher, sondern wie ein Mongole ... jeder Backenknochen ein Kalmuck!

Dieses ist nun freylich verdrießlich für einen Mann, der beständig auf Nazionalität pocht, gegen alles Fremdländische unaufhörlich loszieht, und unter lauter Teutomanen lebt, die ihn nur als einen nützlichen Verbündeten, jedoch keineswegs als einen reinen Stammgenossen betrachten. Wir aber sind keine altdeutsche Raçenmäkler, wir betrachten die ganze Menschheit als eine große Familie, deren Mitglieder ihren Werth nicht durch Hautfarbe und Knochenbau, sondern durch die Triebe ihrer Seele, durch ihre Handlungen offenbaren. Ich würde gern, wenn es Herrn Menzel Vergnügen machte, ihm zugestehen, daß er ein makelloser Abkömmling Teuts, wo nicht gar ein legitimer Enkel Hermans und Thusneldens sey, wenn nur sein Inneres, sein Charakter, seine Handlungen eine solche Annahme rechtfertigen könnten; aber diese widersprechen seinem Germanenthume noch weit bedenklicher als sein Gesicht.

Die erste Tugend der Germanen ist eine gewisse Treue, eine gewisse schwerfällige, aber rührend großmüthige Treue. Der Deutsche schlägt sich selbst für die schlechteste Sache, wenn er einmal Handgeld empfangen, oder auch nur im Rausche seinen Beystand versprochen; er schlägt sich alsdann mit seufzendem Herzen, aber er schlägt sich; wie auch die bessere Ueberzeugung in seiner Brust murre, er kann sich doch nicht entschließen die Fahne zu verlassen, und er verläßt sie am allerwenigsten, wenn seine Parthey in Gefahr oder vielleicht gar von feindlicher Uebermacht umzingelt ist ... Daß er alsdann zu den Gegnern überliefe, ist weder dem deutschen Charakter angemessen, noch dem Charakter irgend eines anderen Volkes ... Aber in diesem Falle noch gar als Denunziant zu agiren, das kann nur ein Schurke.

Und auch eine gewisse Schaam liegt im Wesen der Germanen; gegen den Schwächeren oder Wehrlosen wird er nimmermehr das Schwert ziehen, und den Feind, der gebunden und geknebelt zu Boden liegt, wird er nicht antasten, bis derselbe seiner Bande entledigt und wieder auf freyen Füßen steht. Herr Menzel aber schwang seinen Flammberg am liebsten gegen Weiber, er hat sie zu Dutzenden niedergesäbelt, die deutschen Schriftstellerinnen, arme Wesen, die, um Brod für ihre Kinder zu erwerben, zur Feder gegriffen und der rohen öffentlichen Verspottung nichts als heimliche Thränen entgegensetzen konnten! Er hat gewiß uns Männern einen wichtigen Dienst geleistet, indem er uns von der Concurrenz der weiblichen Schriftsteller befreyte, er hat vielleicht auch der Literatur dadurch genützt, aber ich möchte in einem solchen Feldzuge meine Sporen nimmermehr erworben haben. Auch gegen Herrn Gutzkow, und wäre Gutzkow ein Vatermörder gewesen, hätte ich nicht meine Philippika donnern mögen, während er im Kerker lag oder gar vor Gericht stand. Und ich bin weit davon entfernt, auf alle germanische Tugenden Anspruch zu machen, vielleicht am wenigsten auf eine gewisse Ehrlichkeit, die ebenfalls als ein besonderes Kennzeichen des Germanenthums zu betrachten ist. Ich habe manchem Thoren ins Gesicht gesagt er sey ein Weiser, aber ich that es aus Höflichkeit. Ich habe manchen Verständigen einen Esel gescholten, aber ich that es aus Haß. Niemals habe ich mich der Zweideutigkeit beflissen, ängstlich die Ereignisse abwartend, in der Politik wie im Privatleben, und gar niemals lag meinen Worten ein erbärmlicher Eigennutz zum Grunde. Von der Menzelschen Politik in der Politik darf ich hier nicht reden, wegen der Politik. Uebrigens ist das öffentliche Leben des Herrn Menzel sattsam bekannt und jeder weiß, daß sein Betragen als würtembergischer Deputirter ebenso heuchlerisch wie lächerlich. Ueber sein Privatschelmenleben kann ich, schon wegen Mangel an Raum, ebenfalls nicht reden. Auch seiner literarischen Gaunerstreiche will ich hier nicht erwähnen; es ware zu langweilig, wenn ich ausführlich zeigen müßte, wie Herr Menzel, der ehrliche Mann, von den Autoren die er kritisirt, ganz andere Dinge zitirt, als in ihren Büchern stehn, wie er statt der Originalworte lauter sinnverfälschende Synonime liefert u. s. w. Nur die kleine, humoristische Anekdote, wie nemlich Herr Menzel dem alten Baron Cotta seine „deutsche Literatur“ zum Verlag anbot, kann ich, des Spaßes wegen, nicht unerwähnt lassen. Das Manuskript dieses Buches enthielt am Schlusse die großartigsten Lobsprüche auf Cotta, die jedoch keineswegs denselben verleiteten, das geforderte Honorar dafür zu bewilligen. Es schmeichelte aber immerhin den seeligen Baron sich mahl recht tüchtig gelobt zu sehen, und als bald darauf das Buch bey Gebrüder Frankh herauskam, sprach er freudig zu seinem Sohne: Georg, lies das Buch, darin wird mein Verdienst anerkannt, darin werde ich mahl nach Gebühr gelobt! Georg aber fand, daß in dem Buche alle Lobsprüche ausgestrichen und im Gegentheil die derbsten Seitenhiebe auf seinen Vater eingeschaltet worden Der Alte war zum Küssen liebenswürdig, wenn er diese Anekdote erzählte.

Und noch eine Tugend giebt es bey den Germanen, die wir bey Herrn Menzel vermißen: die Tapferkeit. Herr Menzel ist feige. Ich sage dieses bey Leibe nicht, um ihn als Mensch herabzuwürdigen: man kann ein guter Bürger seyn, und doch den Tabacksrauch mehr lieben als den Pulverdampf und gegen bleyerne Kugeln eine grössere Abneigung empfinden als gegen schwäbische Mehlklöße; denn letztere können zwar schwer im Magen lasten, sind aber lange nicht so unverdaulich. Auch ist Morden eine Sünde, und gar das Duell! wird es nicht aufs Bestimmteste verboten durch die Religion, durch die Moral und durch die Philosophie? Aber will man beständig mit deutscher Nazionalität bramarbasiren, will man für einen Helden des Deutschthums gelten, so muß man tapfer seyn, so muß man sich schlagen sobald ein beleidigter Ehrenmann Genugthuung fordert, so muß man mit dem Leben einstehen für das Wort, das man gesprochen. Das tapferste Volk sind die Deutschen. Auch andere Völker schlagen sich gut, aber ihre Schlachtlust wird immer unterstützt durch allerley Nebengründe. Der Franzose schlägt sich gut wenn sehr viele Zuschauer dabey sind, oder irgend eine seiner Lieblingsmarotten, z. B. Freiheit und Gleichheit, Ruhm und dgl. m. auf dem Spiele steht. Die Russen haben sich gegen die Franzosen sehr gut geschlagen, weil ihre Generäle ihnen versicherten, daß diejenigen unter ihnen, welche auf deutschem oder französischem Boden fielen, unverzüglich hinten in Rußland wieder auferstünden; und um nur geschwind wieder nach Hause zu kommen, nach Juchtenheim, stürzten sie sich muthig in die französischen Bajonette; es ist nicht wahr, daß damals bloß der Stock und der Branntewein sie begeistert habe. Die Deutschen aber sind tapfer ohne Nebengedanken, sie schlagen sich um sich zu schlagen, wie sie trinken um zu trinken. Der deutsche Soldat wird weder durch Eitelkeit, noch durch Ruhmsucht, noch durch Unkenntniß der Gefahr, in die Schlacht getrieben, er stellt sich ruhig in Reih’ und Glied und thut seine Pflicht; kalt, unerschrocken, zuverlässig. Ich spreche hier von der rohen Masse, nicht von der Elite der Nazion, die auf den Universitäten, jenen hohen Schulen der Ehre, wenn auch selten in der Wissenschaft, doch desto öfter in den Gefühlen der Manneswürde die feinste Ausbildung erlangt hat. Ich habe fast sieben Jahre, studirenshalber, auf deutschen Universitäten zugebracht, und deutsche Schlaglust wurde für mich ein so gewöhnliches Schauspiel, daß ich an Feigheit kaum mehr glaubte. Diese Schlaglust fand ich besonders bey meinen speziellen Landsleuten, den Westfalen, die, von Herzen die gutmüthigsten Kinder, aber bey vorfallenden Mißverständnissen den langen Wortwechsel nicht liebend, gewöhnlich geneigt sind den Streit auf einem natürlichen, so zu sagen freundschaftlichen Wege, nemlich durch die Entscheidung des Schwerdtes, schleunigst zu beendigen. Deßhalb haben die Westfalen auf den Universitäten immer die meisten Duelle. Herr Menzel aber ist kein Westfale, ist kein Deutscher, Herr Menzel ist eine Memme. Als er mit den frechsten Worten die bürgerliche Ehre des Herrn Gutzkow angetastet, die persönlichsten Verläumdungen gegen denselben losgegeifert, und der Beleidigte, nach Sitte und Brauch deutscher Jugend, die geziemende Genugthuung forderte: da griff der germanische Held zu der kläglichen Ausflucht, daß dem Herrn Gutzkow ja die Feder zu Gebote stünde, daß er ja ebenfalls gegen ihn drucken lassen könne was ihm beliebe, daß er ihm nicht im stillen Wald mit materiellen Waffen, sondern öffentlich, auf dem Streitplatze der Journalistik, mit geistigen Waffen, die geforderte Genugthuung geben werde ... Und der germanische Held zog es vor, in seinem Klatschblatte, wie ein altes Weib zu keifen, statt auf der Wahlstätte der Ehre wie ein Mann sich zu schlagen.

Es ist betrübsam, es ist jammervoll, aber dennoch wahr, Herr Menzel ist feige. Ich sage es mit Wehmuth, aber es ist für höhere Interessen nothwendig, daß ich es öffentlich ausspreche: Herr Menzel ist feige. Ich bin davon überzeugt. Will Herr Menzel mich vom Gegentheile überzeugen, so will ich ihm gerne auf halbem Wege entgegenkommen. Oder wird er auch mir anbieten, mittelst der Druckerpresse, durch Journale und Broschüren, mich gegen die Insinuazionen zu vertheidigen, die er seiner ersten Denunziazion zum Grunde gelegt, die er seitdem noch fortgesetzt und die er jetzt gewiß noch verdoppeln wird? Diese Ausflucht konnte damals gegen Herrn Gutzkow angewendet werden; denn damals war das bekannte Dekret des Bundestags noch nicht erschienen und Herr Gutzkow ward auch seitdem von der Schwere desselben nicht so sehr niedergehalten wie ich. Auch waren in der Polemik desselben, da er Privatverläumdungen, Angriffe auf die Person, abzuwehren hatte, die Persönlichkeiten vorherrschend. Ich aber hätte mehr die Verläumdung meines Geistes, meiner Gefühl- und Denkweise zu besprechen, und ich könnte mich nicht vertheidigen, ohne meine Ansichten von Religion und Moral unumwunden darzustellen; nur durch positive Bekenntnisse kann ich mich von den angeschuldigten Negazionen, Atheismus und Immoralität, vollständigst reinigen. Und Ihr wißt, wie beschränkt das Feld ist, das jetzt meine Feder beackern darf.

Wie gesagt, Herr Menzel hat mich nicht persönlich angegriffen und ich habe wahrlich gegen ihn keinen persönlichen Groll. Wir waren sogar ehemals gute Freunde und er hat mich oft genug wissen lassen, wie sehr er mich liebe. Er hat mir nie vorgeworfen, daß ich ein schlechter Dichter sey und auch ich habe ihn gelobt. Ich hatte meine Freude an ihm, und ich lobte ihn in einem Journale welches dieses Lob nicht lange überlebte. Ich war damals ein kleiner Junge und mein größter Spaß bestand darin, daß ich Flöhe unter ein Mikroskop setzte und die Größe derselben den Leuten demonstrirte. Herr Menzel hingegen setzte damals den Goethe unter ein Verkleinerungsglas und das machte mir ebenfalls ein kindisches Vergnügen. Die Späße des Herrn Menzel mißfielen mir nicht; er war damals witzig, und ohne just einen Hauptgedanken zu haben, eine Synthese, konnte er seine Einfälle sehr pfiffig kombiniren und gruppiren, daß es manchmal aussah, als habe er keine losen Streckverse, sondern ein Buch geschrieben. Er hatte auch einige wirkliche Verdienste um die deutsche Literatur; er stand vom Morgen bis Abend im Kothe, mit dem Besen in der Hand, und fegte den Unrath, der sich in der deutschen Literatur angesammelt hatte. Durch dieses unreinliche Tagwerk aber ist er selber so schmierig und anrüchig geworden, daß man am Ende seine Nähe nicht mehr ertragen konnte; wie man den Latrinenfeger zur Thüre hinausweist, wenn sein Geschäft vollbracht, so wird Herr Menzel jetzt selber zur Literatur hinausgewiesen. Zum Unglück für ihn hat das mistduftige Geschäft so völlig seine Zeit verschlungen, daß er unterdessen gar nichts Neues gelernt hat. Was soll er jetzt beginnen? Sein früheres Wissen war kaum hinreichend für den literarischen Hausbedarf; seine Unwissenheit war immer eine Zielscheibe der Mockerie für seine näheren Bekannten; nur seine Frau hatte eine große Meinung von seiner Gelehrsamkeit. Auch imponirte er ihr nicht wenig! Der Mangel an Kenntnissen und das Bedürfniß diesen Mangel zu verbergen, hat vielleicht die meisten Irrthümer oder Schelmereyen des Herrn Menzel hervorgebracht. Hätte er Griechisch verstanden, so würde es ihm nie in den Sinn gekommen seyn, gegen Goethe aufzutreten. Zum Unglück war auch das Lateinische nicht seine Sache, und er mußte sich mehr ans Germanische halten, und täglich stieg seine Neigung für die Dichter des deutschen Mittelalters, für die edle Turnkunst und für Jacob Böhm, dessen deutscher Styl sehr schwer zu verstehen ist, und den er auch in wissenschaftlicher Form herausgeben wollte.

Ich sage dieses nur, um die Keime und Ursprünge seiner Teutomanie nachzuweisen, nicht um ihn zu kränken; wie ich denn überhaupt, was ich wiederholen muß, nicht aus Groll oder Böswilligkeit ihn bespreche. Sind meine Worte hart, so ist es nicht meine Schuld. Es gilt dem Publikum zu zeigen, welche Bewandtniß es hat mit jenem bramarbasirenden Helden der Nazionalität, jenem Wächter des Deutschthums, der beständig auf die Franzosen schimpft und uns arme Schriftsteller des jungen Deutschlands für lauter Franzosen und Juden erklärt hat. Für Juden, das hätte nichts zu bedeuten; wir suchen nicht die Allianz des gemeinen Pöbels und der Höhergebildete weiß wohl, daß Leute, die man als Gegner des Deismus anklagte, keine Sympathie für die Synagoge hegen konnten; man wendet sich nicht an die überwelken Reitze der Mutter, wenn einem die alternde Tochter nicht mehr behagt. Daß man uns aber als die Feinde Deutschlands, die das Vaterland an Frankreich verriethen, darstellen wollte, das war wieder ein eben so feiges wie hinterlistiges Bubenstück.

Es sind vielleicht einige ehrliche Franzosenhasser unter dieser Meute, die uns ob unserer Sympathie für Frankreich so erbärmlich verkennen und so aberwitzig anklagen. Andere sind alte Rüden, die noch immer bellen wie Anno 1813 und deren Gekläffe eben von unserem Fortschritte zeugt. „Der Hund bellt, die Caravane marschirt,“ sagt der Beduine. Sie bellen weniger aus Bosheit denn aus Gewohnheit, wie der alte räudige Hofhund, der ebenfalls jeden Fremden wüthend anbelfert, gleichviel ob dieser Böses oder Gutes im Sinne führt. Die arme Bestie benutzt vielleicht diese Gelegenheit, um an ihrer Kette zu zerren und damit bedrohlich zu klirren, ohne daß es ihr der Hausherr übel nehmen darf. Die meisten aber unter jenen Franzosenhassern sind Schelme, die sich diesen Haß absichtlich angelogen, ungetreue, schamlose, unehrliche, feige Schelme, die, entblößt von allen Tugenden des deutschen Volkes, sich mit den Fehlern desselben bekleiden, um sich den Anschein des Patriotismus zu geben, und in diesem Gewande die wahren Freunde des Vaterlandes gefahrlos schmähen zu dürfen. Es ist ein doppelt falsches Spiel. Die Erinnerungen der napoleonischen Kaiserzeit sind noch nicht ganz erloschen in unserer Heimath, man hat es dort noch nicht ganz vergessen, wie derb unsere Männer und wie zärtlich unsere Weiber von den Franzosen behandelt worden, und bey der großen Menge ist der Franzosenhaß noch immer gleichbedeutend mit Vaterlandsliebe: durch ein geschicktes Ausbeuten dieses Hasses hat man also wenigstens den Pöbel auf seiner Seite, wenn man gegen junge Schriftsteller zu Felde zieht, die eine Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland zu vermitteln suchen. Freylich, dieser Haß war einst staatsnützlich, als es galt, die Fremdherrschaft zurückzudrängen; jetzt aber ist die Gefahr nicht im Westen, Frankreich bedroht nicht mehr unsere Selbstständigkeit, die Franzosen von heute sind nicht mehr die Franzosen von gestern, sogar ihr Charakter ist verändert, an die Stelle der leichtsinnigen Eroberungslust trat ein schwermüthiger, beynah deutscher Ernst, sie verbrüdern sich mit uns im Reiche des Geistes, während im Reiche der Materie ihre Interessen mit den unsrigen sich täglich inniger verzweigen: Frankreich ist jetzt unser natürlicher Bundesgenosse. Wer dieses nicht einsieht, ist ein Dummkopf, wer dieses einsieht und dagegen handelt, ist ein Verräther.

Aber was hatte ein Herr Menzel zu verlieren bey dem Untergange Deutschlands? Ein geliebtes Vaterland? Wo ein Stock ist, da ist des Sklaven Vaterland. Seinen unsterblichen Ruhm? Dieser erlischt in derselben Stunde, wo der Contract abläuft, der ihm die Redakzion des stuttgardter Literaturblatte zusichert. Ja, will der Baron Cotta eine kleine Geldsumme als stipulirte Entschädigung springen lassen, so hat die Menzelsche Unsterblichkeit schon heute ein Ende. Oder hätte er etwas für seine Person zu fürchten? Lieber Himmel! wenn die mongolischen Horden nach Stuttgardt kommen, läßt Herr Menzel sich aus der Theatergarderobe ein Amorcostum holen, bewaffnet sich mit Pfeil und Bogen, und die Baschkiren, sobald sie nur sein Gesicht sehen, rufen freudig: das ist unser geliebter Bruder!

Ich habe gesagt, daß bey unseren Teutomanen der affischirte Franzosenhaß ein doppelt falsches Spiel ist. Sie bezwecken dadurch zunächst eine Popularität, die sehr wohlfeil zu erwerben ist, da man dabey weder Verlust des Amtes noch der Freiheit zu befürchten hat. Das Losdonnern gegen heimische Gewalten ist schon weit bedenklicher. Aber um für Volkstribunen zu gelten, müssen unsere Teutomanen manchmal ein freyheitliches Wort gegen die deutschen Regierungen riskiren, und in der frechen Zagheit ihres Herzens bilden sie sich ein, die Regierungen würden ihnen gern ein gelegentlich bischen Demagogismus verzeihen, wenn sie dafür desto unablässiger den Franzosenhaß predigten. Sie ahnen nicht, daß unsere Fürsten jetzt Frankreich nicht mehr fürchten, des Nazionalhasses nicht mehr als Vertheidigungsmittel bedürfen, und den König der Franzosen als die sicherste Stütze des monarchischen Princips betrachten.

Wer je seine Tage im Exil verbracht hat, die feuchtkalten Tage und schwarzen langen Nächte, wer die harten Treppen der Fremde jemals auf und abgestiegen, der wird begreifen, weßhalb ich die Verdächtigung in Betreff des Patriotismus mit wortreicherem Unwillen von mir abweise als alle andern Verläumdungen, die seit vielen Jahren in so reichlicher Fülle gegen mich zum Vorschein gekommen und die ich mit Geduld und Stolz ertrage. Ich sage mit Stolz: denn ich konnte dadurch auf den hochmüthigen Gedanken gerathen, daß ich zu der Schaar jener Auserwählten des Ruhmes gehörte, deren Andenken im Menschengeschlechte fortlebt, und die überall neben den geheiligten Lichtspuren ihrer Fußstapfen, auch die langen, kothigen Schatten der Verläumdung auf Erden zurücklassen.

Auch gegen die Beschuldigung des Atheismus und der Immoralität möchte ich, nicht mich, sondern meine Schriften vertheidigen. Aber dieses ist nicht ausführbar, ohne daß es mir gestattet wäre, von der Höhe einer Synthese meine Ansichten über Religion und Moral zu entwickeln. Hoffentlich wird mir dieses, wie ich bereits erwähnt habe, bald gestattet seyn. Bis dahin erlaube ich mir nur eine Bemerkung zu meinen Gunsten. Die zwei Bücher, die eigentlich als Corpora Delicti wider mich zeugen sollten, und worin man die strafbaren Tendenzen finden will, deren man mich bezüchtigt, sind nicht gedruckt, wie ich sie geschrieben habe, und sind von fremder Hand so verstümmelt worden, daß ich zu einer andern Zeit, wo keine Mißdeutung zu befürchten gewesen wäre, ihre Autorschaft abgelehnt hätte. Ich spreche nämlich vom zweiten Theile des „Salon“ und von der „romantischen Schule“. Durch die großen, unzähligen Ausscheidungen, die darin stattfanden, ist die ursprüngliche Tendenz beider Bücher ganz verloren gegangen, und eine ganz verschiedene Tendenz ließ sich später hineinlegen. Worin jene ursprüngliche Tendenz bestand, sage ich nicht; aber so viel darf ich behaupten, daß es keine unpatriotische war. Namentlich im zweiten Theile des Salon enthielten die ausgeschiedenen Stellen eine glänzendere Anerkennung deutscher Volksgröße, als jemals der forcirte Patriotismus unserer Teutomanen zu Markte gebracht hat; in der französischen Ausgabe, im Buche De l’Allemagne findet jeder die Bestätigung des Gesagten. Die französische Ausgabe der inkulpirten Bücher wird auch jeden überzeugen, daß die Tendenzen derselben nicht im Gebiete der Religion und der Moral lagen. Ja, manche Zungen beschuldigen mich der Indifferenz in Betreff aller Religion- und Moralsysteme, und glauben, daß mir jede Doctrin willkommen sey, wenn sie sich nur geeignet zeige, das Völkerglück Europas zu befördern, oder wenigstens bey der Erkämpfung desselben als Waffe zu dienen. Man thut mir aber Unrecht. Ich würde nie mit der Lüge für die Wahrheit kämpfen.

Was ist Wahrheit? Holt mir das Waschbecken, würde Pontius Pilatus sagen.

Ich habe diese Vorblätter in einer sonderbaren Stimmung geschrieben. Ich dachte während dem Schreiben mehr an Deutschland, als an das deutsche Publicum, meine Gedanken schwebten um liebere Gegenstände als die sind, womit sich meine Feder soeben beschäftigte ... ja, ich verlor am Ende ganz und gar die Schreiblust, trat ans Fenster, und betrachtete die weißen Wolken, die eben, wie ein Leichenzug, am nächtlichen Himmel dahinziehen. Eine dieser melancholischen Wolken scheint mir so bekannt, und reizt mich unaufhörlich zum Nachsinnen: wann und wo ich dergleichen Luftbildung schon früher einmal gesehen? Ich glaube endlich es war in Norddeutschland, vor sechs Jahren kurz nach der Juliusrevoluzion, an jenem schmerzlichen Abend wo ich auf immer Abschied nahm von dem treuesten Waffenbruder, von dem uneigennützigsten Freunde der Menschheit. Wohl kannte er das trübe Verhängniß, dem jeder von uns entgegenging. Als er mir zum letzten mahle die Hand drückte, hub er die Augen gen Himmel, betrachtete lange jene Wolke, deren kummervolles Ebenbild mich jetzt so trübe stimmt, und wehmüthigen Tones sprach er: „Nur die schlechten und die ordinairen Naturen finden ihren Gewinn bey einer Revoluzion. Schlimmsten Falles, wenn sie etwa mißglückt, wissen sie doch immer noch zeitig den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Aber möge die Revoluzion gelingen oder scheitern, Männer von großem Herzen werden immer ihre Opfer seyn.“

Denen, die da leiden im Vaterlande, meinen Gruß.

Geschrieben zu Paris, den

24. Januar 1837.
Heinrich Heine.