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in c. XVI charakterisiert. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß im Pfalbürgertum eine unverkennbare Gefahr für die wohlerworbenen Rechte zahlreicher und wichtiger Glieder des Reiches und eine Quelle steter Fehden und Wirren lag. Auch hatte die Reichsgewalt seit dem Auftauchen des Pfahlbürgertums stets in gleicher Weise gegen dasselbe Stellung genommen wie die Goldene Bulle, so daß man aus dieser Stellungnahme unserm Gesetzgeber keinen Vorwurf machen und jedenfalls nicht daraus folgern darf, daß der Kaiser nicht auch hier geglaubt habe, das Wohl des Reiches zu fördern.

Wie aber stimmt die Tatsache, daß Karl IV. sein großes Gesetz allein zum Wohle des Reiches, ohne verborgene Nebenabsichten, lediglich aus uneigennützigen Beweggründen gegeben hat, zu dem Bilde, welches wir uns sonst von der Persönlichkeit dieses Herrschers zu machen pflegen? Er gilt doch allgemein als der kühle Realpolitiker, der mehr seinem Verstande als idealen Wallungen folgt, und wenn er ein ideales Streben zeigt, dies mehr der Religion und Kirche, der Kunst und Wissenschaft und insonderheit der Macht und Größe seines Hauses und seines böhmischen Erbreiches als dem Kaisertum und dem heiligen römischen Reiche zuwendet. Gewiß ist das Bild Karls in dieser Weise richtig gezeichnet. Oft genug hat er namentlich dem Interesse seines Hauses das des Reiches nachgesetzt. Doch hat Karl nicht nur in der Goldenen Bulle, sondern auch sonst gelegentlich gezeigt, daß er für das Ansehen und die Würde des Reiches Verständnis und Interesse besaß, so namentlich bei der Erörterung der gefälschten österreichischen Privilegien im Jahre 1360[1], wo er, ohne von der Fälschung etwas zu ahnen, mit viel Takt und Würde die Anmaßung des herzoglichen Fälschers zurückwies. Zur Zeit aber, als er seine Gesetzgebung plante und ausführte, mögen noch besondere Gründe mitgewirkt haben, seinen Geist in eine mehr ideale Richtung zu treiben. Auf eine Natur wie die seine, in der dem nüchtern praktischen Verstande ein starker mystisch-religiöser Zug die Wage hielt, mußte die Übertragung der höchsten Würde der Christenheit durch die Kaiserkrönung einen starken Eindruck machen und

neben dem Bewußtsein von der Höhe und Heiligkeit der kaiserlichen


  1. Vgl. Steinherz in Mitteil. des Inst. Bd. 9, S. 63 ff.
Empfohlene Zitierweise:
Karl Zeumer: Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. (Teil 1). Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, 1908, Seite 190. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeumer_Die_Goldene_Bulle.pdf/208&oldid=3412869 (Version vom 1.8.2018)