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Max Horkheimer (Hrsg.): Zeitschrift für Sozialforschung, 3. Jg 1933, Heft 1

untersten sozial bedeutsamen proletarischen Schicht, die die Gesellschaft von kriminellen Handlungen abhalten will. Alle darüber hinausgehenden, noch so human gemeinten Reformen sind notwendig zu einem bloßen Scheindasein verurteilt. Sollten sie etwa von einer an dem Los der Verbrecher interessierten öffentlichen Meinung gefordert und durchgesetzt werden, so müßten sie durch weniger offensichtliche Verschlechterungen kompensiert werden. Denn eine wahrhafte Besserung der Lage der Verbrecher über diese Grenze hinaus würde so weite Schichten nicht mehr vom Verbrechen zurückhalten, daß dadurch jeder mögliche Rahmen eines Strafvollzuges gesprengt wäre.

"When we get down to the poorest and most oppressed of our population we find the conditions of their life so wretched that it would be impossible to conduct a prison humanely without making the lot of the criminal more eligible than that of many free citizens. If the prison does not underbid the slum in human misery, the slum will empty and the prison will fill," sagt Bernard Shaw einmal[1].


III.

Die angestellte Überlegung ist rein formaler Natur. Sie ist zwar oft genug ausgesprochen worden[2], namentlich wenn es darum ging, vorgeschlagene Reformen des Strafvollzuges zu verhindern oder geschehene rückgangig zu machen, aber sie ist doch eine bloße Abstraktion. Natürlich ist nicht anzunehmen, daß sie so, wie sie hier ausgesprochen wurde, in der Gesellschaft unmittelbar wirksam wird. Es ist vielmehr nur eine Maxime unserer Untersuchung, mit der wir zweckmäßigerweise an die Dinge herangehen. Wir werden dann finden, daß es sehr individuelle und a priori gar nicht voraussehbare Ursachen sind, die ihren Lauf bestimmen, oft merkwürdig verschlungen und von ihren Urhebern ganz anders gedacht, als sie sich endgültig auswirken.

Wollen wir die Überlegung, daß ein wirksamer Strafvollzug die kriminell am meisten gefährdeten unteren sozialen Schichten abschrecken muß, konkretisieren, müssen wir uns klar machen, von welchen ökonomischen Kategorien das Schicksal dieser Schichten

Empfohlene Zitierweise:
Max Horkheimer (Hrsg.): Zeitschrift für Sozialforschung, 3. Jg 1933, Heft 1. Librairie Felix Alcan, Paris 1933, Seite 67. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_f%C3%BCr_Sozialforschung_-_Jahrgang_2_-_Heft_1.pdf/69&oldid=- (Version vom 14.6.2022)
  1. Vorwort zu: Sidney and Beatrice Webb, English Prisons under Local Goverment, London 1922, S. XI.
  2. Am prägnantesten wohl bei Kriegsmann, Einführung in die Gefängniskunde, Heidelberg 1912, S. 175: "Die Fürsorge darf nicht so weit gehen, daß der Gefangene verwöhnt, die Strafanstalt zum Dorado der ärmeren Klassen der Bevölkerung werde."