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Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 1.pdf/48

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hohem Fuß (Tafel 6, 2), dessen Kristallkörper durch gegabelte Schienen gehalten wird und dessen Mundrand mit Mauresken graviert ist, das bezeichnete Stück eines Meisters aus Freiburg i. B. Wenn auch ohne Marken, ist der Pokal mit ovaler Kristallschale (Tafel 8, 2) doch nach dem wagrecht gegliederten Aufbau von Fuß und Schaft und seiner getriebenen Rollwerkverzierung offenkundig ein Werk der Spätrenaissance. Die Zeit seiner Entstehung wird bestimmt durch das unter dem Boden der Schale gemalte Wappen der Herzogin Erdmuthe von Stettin-Pommern, vermählt 1577, gest. 1600. Etwa die gleiche Entstehungszeit hat ein Londoner Kristallpokal mit facettiertem Schliff der in England beliebten breiten Schale, der durch seine Marken auf den Ort seines Ursprungs hinweist.

Ein Beispiel dafür, wie ein aus früherer Zeit vorhandener Kristallbecher erst in späterem Besitz seine kunstvolle Fassung und Ausgestaltung erhielt, bietet der Nesensche Lutherpokal (Tafel 7, 2). Nach der in der Familie Nesen geltenden Überlieferung hat ihn Martin Luther seinem Freund, dem Wittenberger Professor Wilhelm Nesen, gest. 1524, geschenkt. Ob der Becher schon bei der Schenkung eine Fassung hatte, ist nicht bekannt. Seine Umwandlung in einen Pokal auf hohem Fuß erhielt er erst im Besitz von dessen Bruder, dem Bürgermeister von Zittau, gest. 1560, um die Mitte des 16. Jhdts. durch den Nürnberger Goldschmied Christoff Ritter d. Ä.

Wie alle diese Pokale mit Bergkristallkörper annehmbar deutschen Ursprungs sind, so auch der Pokal mit Kristallschaft, dessen Bergkristallschale dazu die Anregung gegeben hat, ein Ziergerät zu bilden in der im 17. Jhdt. den reinen Silbergeräten öfter gegebenen Form eines Schiffes (Tafel 7, 1). Außer der Tracht der Schiffsbemannung zeigt auch die Tiermaske an der Schiffsreeling, daß das Ziergerät erst nach der Mitte des Jahrhunderts entstanden ist. In glücklicher Erfindung wird das Schiff von vier Delphinen getragen, die zugleich die Verbindung mit dem Schaft herstellen.

Diese Kristallgefäße waren alle mittels des Steinschliffes hergestellt, zu Ende des 15. Jhdt. wurde zuerst in Italien der Steinschnitt zu neuem Leben erweckt und einerseits nach antikem Vorbild zur Herstellung von Gemmen und Kameen aus Halbedelsteinen verwendet, anderseits in besonders glücklicher Weise zur Veredelung der geschliffenen Bergkristallgefäße, indem diese teils vertieft, teils erhaben mit figürlichen oder ornamentalen Verzierungen versehen wurden. Die Technik wurde unter Kaiser Rudolf II. (reg. 1576–1612) durch