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 Das Bekenntnis dieser Gnade war auch der Grundton, der sich hindurch zog durch all mein amtliches Wirken in den langen Jahren unserer Gemeinschaft in dieser lieben Gemeinde, sei es hier auf der Kanzel, wo ich das Wort als ein lebendiges Samenkorn, oft in Schwachheit, unter vielen Mängeln bei meinen bescheidenen Gaben, ausstreuen durfte in die Menschenherzen oder am Altar, wo ich den bußfertigen Sündern die Gnade Gottes und die Vergebung all ihrer Schuld dargeboten habe, oder daheim in Euren Häusern, wo ich so viele Kinder habe aufnehmen dürfen in den Gnadenbund mit dem dreieinigen Gott, der auch das heranwachsende Geschlecht, meine lieben Konfirmanden einführen durfte in die Grundwahrheiten des Evangeliums, oder an unzähligen Krankenbetten und offenen Gräbern, wo ich bekümmerte und trauernde Seelen hingewiesen habe auf die lebendigen Trostquellen der göttlichen Gnade, die da bleibt, wenn alles wankt und bricht.

 Diesem Bekenntnis zu der Gnade Gottes habe ich noch hinzuzufügen das Bekenntnis meiner eigenen Unwürdigkeit, meiner Unzulänglichkeit, meiner vielfachen Unterlassungen und Versäumnisse!

 Ich darf es ja wohl sagen, daß ich ernstlich darnach getrachtet habe, treu erfunden zu werden und mit meinen bescheidenen Kräften die schwere Pflicht treu zu erfüllen. Aber ich weiß auch, wieviel daran fehlt, daß ich auch bekennen muß: „Herr, ich bin ein unnützer Knecht, ich habe getan, was ich zu tun schuldig war.“[WS 1] Und das noch nicht einmal! Ich bitte dich Herr, mein Gott, wo ich daran gefehlt habe, was Du mir aufgetragen hast, wo ich nicht genug gearbeitet, nicht ernst genug gestraft, nicht geduldig alles getragen habe, da wollest Du mir um Christi Willen in Gnaden vergeben und meine

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vgl. Lk. 17,10.
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Rudolf: Abschiedspredigt des Herrn Pfarrer Rudolf. Waldbröl 1913, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Rudolf-Predigt1913.djvu/08&oldid=- (Version vom 1.8.2018)