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Neuntes Kapitel.
Endliche Bestimmung der Zärtlichkeit und eines zärtlichen Herzens.

Die Alten haben gesagt: Zärtlichkeit sey das Streben nach Vereinigung zweyer Personen zu einer: der zärtlich Geliebte sey unser anderes Selbst. [1]

Gewiß! dieser Begriff läßt sich rechtfertigen. Die Natur in jedem Menschen ist dasjenige, was er im engsten Sinne zu seinem Selbst rechnet, was daher seine Person am bestimmtesten von andern unterscheidet. Wenn er seine Natur mit der eines andern zusammenzusetzen strebt, so strebt er, das Wesentlichste seiner Person mit dem Wesentlichsten der Person eines andern zu vereinigen.

Inzwischen umfaßt doch der Begriff der Person bald mehr bald weniger als der der Natur, und dann fehlt bey jenem Begriffe der Zärtlichkeit die Bestimmung, daß die Vereinigung gesucht werden muß, um die andere Hälfte mit der unsrigen zu beglücken.

Verlangen wir eine kürzere Definition als diejenige, die ich schon gegeben habe, so laßt uns sagen: Zärtlichkeit sey das angewöhnte wonnevolle Bestreben nach beglückender Zusammensetzung zweyer Personen zu einer, durch Vereinigung der Naturen. Das zärtliche Herz ist die Anlage zu diesem Bestreben; es ist das Herz, das alle Seligkeit des Alleinseyns gern aufopfert, um seine Natur in der vereinigten zu verlieren.


  1. Cic. de amicitia. c. 21.