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Geheim zu ihr: „Stellet nun Euer Weinen ein, und wenn ich im Hunnenlande der einzige wäre, der Euch schätzet, so müßte doch ein Jeder schwer es büßen, welcher Euch ein Leid thäte.“ Das mußte er ihr mit allen seinen fünfhundert Mannen beschwören. So beschloß sie denn, ihnen zu folgen. Zwar sprach sie noch ihre Bedenken darüber aus, daß Etzel ein Heide sei. Sie gab sogar zu verstehen, daß sie nur deshalb ihre Hand ihm anfänglich hätte verweigern wollen, was keineswegs der Wahrheit gemäß war. Aber auch dieses Bedenken ließ sie sogleich fallen, als sie von Rüdiger erfuhr, daß Etzel sich ihretwegen vielleicht noch würde taufen lassen.

Kriemhilde willigte also in die Heirat. Für ihre Frauen wurden zur Reise die vielen Reitsättel und sonstiges Reitzeug hervorgesucht, das noch aus König Siegfrieds Tagen dalag, in denen sie voller Freude mit ihnen ausgeritten war. Auch die Truhen wurden geöffnet, in welchen die reichsten Kleider wohlverwahret lagen. Auch sollten hundert Mäuler ihre Schätze herbeitragen, die sie teils verschenken, teils mitnehmen wollte. Aber Hagen verweigerte ihr die Saumrosse selbst für diejenigen Kleinodien, die noch nicht in den Rhein versenkt waren. „Klaget nicht um das rote Gold“, sprach der Markgraf Rüdiger. „König Etzel gibt Euch mehr als Ihr verbrauchen könnt.“ Da kam aber ihr Bruder Gernot und ließ die Fremden dreißigtausend Mark oder mehr nehmen, die der Königin Kriemhilde gehörten. Tausend Mark Opfergold, die sie noch besaß, gab sie zum Heile der Seele Siegfrieds dahin. Frau Ute weinte beim Abschiede. Aber ihr Bruder Giselher erbot sich in König Etzels Lande zu reiten, wenn sie jemals dort gefährdet sei. So zog Kriemhilde denn in König Etzels Reich, in welchem die Einen lebten nach der Heiden Art, die Anderen nach der Christen Sitten.

Kriemhilde befliß sich im Hunnen-Lande der Tugend, deren Frau Helche gepflogen hatte. Jeder war ihr hold, wie es Königsrecken gemeiniglich den Fürstenfrauen sind. Oft träumte sie, daß sie mit ihrem Bruder Giselher Hand in Hand ginge. Daß zwölf Könige am Hofe Etzels sich vor ihr beugten, war ihr gleichgültig. Sie sehnte sich nach Rache an Hagen und nach dem Umgange mit ihrem Bruder Giselher.

Endlich bat sie den König Etzel, daß er die kühnen Recken aus Burgondenlande lüde nach Hunnenland. Da beschloß Etzel seine beiden Spielleute Schwemmelein und Werbelein mit vierundzwanzig Recken nach Burgond

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Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Tonger & Greven, Berlin 1886, Seite 22. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Rheinlands_Sagen_und_Geschichten.djvu/31&oldid=- (Version vom 1.8.2018)