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„Das wäre die Handlung eines Thoren,“ erwiderte Roland, „sie würde meinen Ruhm im Frankenlande verderben.“ Aber Olivier wiederholte die Bitte: „Kumpan,“ sagte er zu Roland, „Kumpan, laßt Euer Elfenbein ertönen. Kaiser Karl wird seinen Ton vernehmen; ich bürge dafür, daß er sogleich mit seinem ganzen Heere zurückkommt.“ Roland entgegnete: „Da sei Gott vor, daß irgend jemand auf Erden erzählen könnte, ich hätte der Heiden wegen mein Horn angesetzt.“ Aber Olivier hub wieder an: „Seht Ihr sie, wie nah sie uns sind? – ferne ist Kaiser Karl. Fürwahr, wenn er zur Stelle wäre, so brauchten wir uns vor keinem Schaden zu fürchten.“

„Laßt die Thorheiten!“ rief Roland dazwischen; „wehe dem, der in seinem Herzen verzagt.“

Roland rief nun von allen Seiten die Franken herbei. Da sprengte auch der Erzbischof Turpin heran, der redete von einer Anhöhe herab also zu den Franken: „Edle Herren, diesen Posten hat uns Kaiser Karl zugeteilt. So seid denn auch bereit, für ihn zu sterben und erzeiget Euch als die Stützen der Christenheit. Die Sarazenen habet Ihr vor Euch, und eine Schlacht steht bevor. Erkennet Eure Sünden, Eure Seelen werde ich lossprechen. Wenn Ihr fallet, so werdet Ihr den heiligen Märtyrern zugezählt, und die besten Plätze im Paradiese erwarten Euch.“

Es wurde abgesessen, und dann knieeten sie nieder. Lächelnd erhebt Roland seinen Speer, aber ergrimmt ist sein Gesicht, als er auf die Sarazenen schaut. Dann wieder mustert er in milder Teilnahme die Franken und spricht: „Edle Herren, geht langsam und ruhig vor! Das ungestüme Andrängen der Heiden läßt nicht erwarten, daß Ihr ein Blutbad unter ihnen anrichten könnet. Niemals haben die Franken einen Herrn gehabt, wie König Karl.“

Da begann der Kampf. Die blutigen und zerbrochenen Lanzen, die zerrissenen Paniere und Fahnen – wer kann sie zählen? Roland und Olivier wüteten schrecklich unter den Sarazenen. Aber auch viele Franken mußten sterben in der Blüte ihrer Jahre, fern von ihren Müttern und Frauen und auch weit ab von ihren Waffenbrüdern, die bei König Karl waren. Die Natur im ganzen Frankenreiche erbebte durch Ungewitter, Regengüsse, Hagel und Sturmwind in ungewöhnlichen Zuckungen. Der Erdboden

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Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Tonger & Greven, Berlin 1886, Seite 181. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Rheinlands_Sagen_und_Geschichten.djvu/192&oldid=- (Version vom 1.8.2018)