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Der Heidenkönig hatte zu den Waffen Barone und Grafen, Burggrafen und Herzöge gerufen. Binnen vier Tagen hatten sich um ihn 400 000 Männer geschart. Zu Saragossa wirbelten die Trommeln, und vom höchsten Turme herab wehte die Fahne des Propheten. Es war keiner unter den Heiden, der nicht mit Ehrfurcht zu ihr aufblickte. Von Kampflust ergriffen, drängten sich die Ungläubigen zwischen den Bergen von Ronceval. Als sie aber das Panier der Franken, den kleinen Nachzug, von Roland und elf andern geführt, erblickten, verlangten sie ungeduldig zu streiten.

Schön ging die Sonne auf, hell leuchtete der Tag, und weithin schimmerten die Rüstungen. Der Anführer der Sarazenen ließ durch tausende von Schalmeien seinen Auszug verkündigen. Die Franken vernahmen den Höllenlärm, und Olivier sprach zu Roland: „Herr Kumpan, mich dünkt, wir könnten wohl zum Schlagen kommen mit den Sarazenen.“ Roland erwiderte: „Das wolle Gott uns bescheren. Fest müssen wir hier für unseren König stehen. Ein jeder ist verpflichtet, in seines Herrn Dienste der Hitze, der Kälte und der Gefahr zu trotzen. Wir wollen schwere Hiebe austeilen, auf daß nicht ein Lied uns zum Schimpfe gesungen werde. Auf der Seite der Heiden ist das Unrecht, auf unserer das Recht. Von mir soll nie ein böses Beispiel ausgehen.“

Olivier bestieg einen Hügel und überschaute das Wiesenthal zu seiner Rechten, welches von Heiden wimmelte. Er rief seinem Kumpan Roland zu: „Von Spanien her wälzt sich klirrend ein Schwarm uns entgegen. Ich sehe die weißen Turbane und die blanken Helme. Hart wird es uns Franken ergehen. Das wußte Ganelon nur zu gut, als er uns in des Kaisers Gegenwart diesen Posten anwies.“ Roland tadelte diese Rede, weil Ganelon sein Schwiegervater sei. Indem aber Olivier nun von dem Hügel herunterkam, trat er vor die Franken hin und erzählte ihnen allen: „Ich habe die Heiden gesehen, in solcher Anzahl sind sie niemalen einem Christenmenschen vorgekommen. Edle Herren, setzet Eure Zuversicht auf Gott und stehet fest, auf daß Ihr nicht besieget werdet.“

Zu Roland sprach jetzt Olivier: „Kumpan, stoßet in Euer Horn, Kaiser Karl wird den Ruf hören, das Heer wenden und uns bei Zeiten zu Hülfe kommen.“

Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Tonger & Greven, Berlin 1886, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Rheinlands_Sagen_und_Geschichten.djvu/191&oldid=- (Version vom 1.8.2018)