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Seite:Proehle Maerchen fuer die Jugend.pdf/234

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Mann zum alten Mann in einem wunderschönen alten Gedichte, und das scheint auch der Grundsatz des Märchens. Bei diesem märchenhaften Glückswechsel gewinnt der Gute stets, und nur der Böse verliert.

Die auf diesem ganzen Gebiete herrschende Naivität erlaubt jedoch nicht, daß in einem einzelnen Märchen die sittliche Weltanschauung in allen einzelnen Zügen, wie dies in einer vollendeten Kunstdichtung der Fall sein kann, vollständig zur Erscheinung kommt. Das Märchen faßt z. B. einen einzelnen Fehler, wie den Geiz, in’s Auge und verfolgt ihn mit allen nur erdenkbaren Mitteln. Dabei ist ihm dann Alles erlaubt, denn es kommt ihm für jetzt nur auf diese Einzelnheit an. Werden Mord und Todtschlag begangen, um einen Fehler, der viel geringer ist als sie, zu strafen und bei der Wurzel auszurotten, so ist dies wegen des burlesken Charakters, den das Ganze gewinnt, hier eben so unverfänglich als im Puppenspiel.

Rühmenswerth und des höchsten Lobes würdig ist jene Keuschheit des Volksmärchens, welches (wie es denn den ganzen Umfang des menschlichen Lebens kennt und deshalb für den kindlichen Geist außerordentlich bildend ist) auch alle Geheimnisse, alles Böse, alles menschliche Gebrechen weiß, aber das Schlimmste schamhaft verhüllt und alle die Abgründe nicht mit Blumen, aber mit Moos und Laub bedeckt, in denen die moderne Phantasie mit Wollust herumwühlen würde und die denn auch, wie wir bei den Orientalen und Italienern sehen, fast durch jede novellistische Verarbeitung des Märchens, schamlos entblößt sind.

Unter den Märchen dieser Sammlung, wiewohl sie sonst nicht nach ihrem Werthe geordnet sind, steht doch gewiß mit Recht voran unter Nr. 1: Dank ist der Welt Lohn. Eins der schönsten Märchen, die überhaupt vorhanden sind: denn ein idealer Gedanke, der dem gewöhnlichen Leben gegenüber sogar als paradox erscheint, wird wahrhaft großartig und auf eine nicht

Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Pröhle: Märchen für die Jugend. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1854, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Maerchen_fuer_die_Jugend.pdf/234&oldid=- (Version vom 1.8.2018)