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geringeren Tatkraft sehr wohl der Grund gewesen sein, um dessentwillen seinerzeit im J. 4 v. Chr. Salome und die jüdischen Gesandten geneigt waren, im Notfalle für ihn gegen Archelaos einzutreten. Antipas würde dann also schon in seiner Jugend der schlaue ‚Fuchs‘ gewesen sein, als den ihn der Evangelist Lukas (XIII 32) uns charakterisiert. Seiner Schlauheit, die sich freilich mit unwürdiger Kriecherei mischte, hatte er es dann auch wohl vor allem zu verdanken, daß er im J. 6 n. Chr. die gefährliche Anklage vor Augustus glücklich überstand. Seine Klugheit tritt uns ferner in seiner ersten Heirat mit der arabischen Prinzessin entgegen, er beweist sie uns in der geschickten Behandlung eines Mannes wie Tiberius, den er ganz für sich zu gewinnen versteht, und sie spricht sich schließlich auch in dem Mißtrauen aus, mit dem er, der doch nur vom Hörensagen das Treiben des neuen Kaisers Gaius kennt, diesen und seine Kreise betrachtet hat (Joseph. ant. Iud. XVIII 245). Ein echter Herodeer war er auch in seiner maßlosen, sich über jede Sitte hinwegsetzenden Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit, für die seine Heirat mit Herodias ein vollgültiger Beweis ist. Diese Heirat zeigt uns auch seine Rücksichtslosigkeit in hellem Lichte, für die wohl auch das Preisgeben seines Bruders Archelaos im J. 6 n. Chr. verwertet werden darf. Auch Ausschweifungen ist er stark ergeben gewesen; er hat sich vor allem beim Trunk leicht fortreißen lassen (Joseph. ant. Iud. XVIII 150. Matth. XIV 6ff. Marc. VI 21ff.). Dagegen scheint er keine grausame Natur gewesen zu sein; die ihm an sich nicht geneigten Evangelisten (s. z. B. Luk. III 19) machen ihm keine derartigen Vorwürfe, sondern sie entlasten ihn sogar bezüglich der Hinrichtung des Täufers (Marc. VI 26: περίλυπος γενόμενος ὁ βασιλεύς, vgl. Matth. XIV 9).

Überhaupt tritt uns aus den Evangelien nicht das Bild eines direkt schlechten Regenten entgegen (das stärkste gegen ihn bei Luk. VII 19), und auch die Angaben des Josephus führen zu keinem anderen Urteil. Es ist auch zu beachten, daß Agrippa in seiner Anklage vor Gaius das innere Regiment des Herodes Antipas nicht als Anklagegrund verwertet hat. Allerdings dürfte er seine Untertanen mit Steuern stark belastet haben, da sonst der große Reichtum, über den er trotz seiner Prachtliebe am Ende seines Lebens verfügte (Joseph. ant. Iud. XVIII 243ff.), sich [198] kaum erklären ließe. Die Sorge für sein Reich zeigen uns seine Bauten zu Beginn seiner Regierung, für sie sprechen ferner seine arabische Heirat und zum Schluß seiner Regierung sein eifriges Rüsten gegen die drohende Arabergefahr. Als verständiger, die Realitäten gut abschätzender Politiker tritt er uns dann vor allem in seiner römischen Politik, der Politik der unbedingten Ergebenheit gegenüber der Allmacht Roms, entgegen. Nur zweimal hat er als Politiker versagt, beidemal fortgerissen von seiner Leidenschaft zu der Frau: seine Heirat mit Herodias hat nicht nur durch die Trennung seiner ersten Frau von ihm seine mühsame Araberpolitik zu nichte gemacht, sondern sie hat ihn, indem er seine Politik dem Ehrgeiz der Herodias auch in der Folgezeit unterordnete, sogar schließlich sein Reich gekostet. So ist das Glück seines Lebens sein Unglück geworden. Ein seines bedeutenden Vaters unwürdiger Sohn ist Herodes Antipas anscheinend nicht gewesen; auch daß ein Mann wie Tiberius ihn besonders geschätzt hat, spricht zu seinen Gunsten.

Neuere Literatur[1]. Ewald Gesch. des Volk. Israel IV³ 585ff. V³ 99ff. Hausrath Neutestam. Zeitgesch. I 284ff. 292ff. 329ff. Grätz Gesch. d. jüd. Volk. III 1⁵ 246ff. 268f. 279f. 315f. 320f. Schürer Gesch. d. jüd. Volkes I³ 418ff. 431ff. Wellhausen Israel. u. jüd. Gesch.⁶ 339f. 346ff. Keim s. Antipas in Schenkels Bibellexik. III 42ff. Brann De Herodis, qui dicitur, magni filiis patrem in imperio secutis I, Bresl. Diss. 1873, 13ff. (Diss. zitiert) u. Monatsschr. f. Gesch. und Wissensch. des Judent. XXII 305ff. Prosop. imp. Rom. II 141 nr. 109; Encykl. bibl. II 2030f. s. Antipas; Diction. de la bible III 647ff. s. Hérode Antipas.


  1. Bei den Quellenangaben habe ich die Zonarasstellen über Antipas, da sie nur das gleiche wie Josephus bieten (s. S. 16), nicht angegeben, ebenso sind auch alle Stellen der Kirchenväter, da sie keine neuen Tatsachen ergeben, übergangen. Als ganz wertlos sind auch die einschlägigen Angaben bei Josephus Gorionides (s. hierüber z. B. Brann 463f.) nicht angegeben und erst recht nicht behandelt worden. Nach demselben Prinzip sind auch die anderen Artikel über die Nachkommen Herodes’ I. mit Belegen versehen.
Empfohlene Zitierweise:
Walter Otto: Herodes. Beiträge zur Geschichte des letzten jüdischen Königshauses. Metzler, Stuttgart 1913, Seite 197. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otto_Herodes.djvu/119&oldid=- (Version vom 1.8.2018)