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111ff., sowie allenthalben in seinem Buche; allerdings ist Norden leider geneigt, manchmal zu stark zu ,orientalisieren‘).

H. hat bei der Inangriffnahme seiner Verschmelzungspolitik die Zeichen der Zeit nicht richtig einzuschätzen verstanden; die Zeitströmung war stärker als der Wille und die Kraftanstrengung des Einzelnen. Sein Kampf, der eine Etappe in dem großen Kampf zwischen Hellenismus und dem wiedererstarkenden Orient darstellt, mußte daher verloren gehen, dieser Ausgang gewissermaßen eine Vorbedeutung für die endgültige Entscheidung des Riesenringens, ein Hinweis auf den schließlichen Triumph des Orients im Islam. H. ist bei seinen Verschmelzungsbestrebungen einer Utopie nachgejagt und ist wie viele Staatsmänner vor und nach ihm an der Verschmelzungspolitik gescheitert; vor allem utopistisch war es, wenn er hierbei gerade auch an die Pharisäer angeknüpft und wenigstens ihre Gunst zu erlangen gehofft hat.

Es ist dies jedoch wohl der einzige Fehlgriff, den wir dem Regenten H. in seiner [RE:157] inneren Politik nachweisen können (seine Verschwägerung mit den Hasmonäern fasse ich nicht als solchen, s. S. 23), und wir werden ihn trotzdem als einen wirklich bedeutenden Herrscher bezeichnen können, bei dem auch in seinen allerletzten Jahren kein merkliches Nachlassen zu spüren ist. Wohl aber kaum als einen großen Staatsmann; ein solcher soll eben nichts Unmögliches zu einem Grundpfeiler seiner Politik machen, mag auch gerade ihm manches als möglich erscheinen und gelingen, was die Welt für unmöglich hält.

Allerdings darf man bei Beantwortung dieser Frage nicht allein die innere Politik in Betracht ziehen, sondern muß auch selbstverständlich die Führung der äußern Politik in Rechnung stellen, soweit man bei H. überhaupt von einer solchen reden darf. Denn infolge seines Vasallenverhältnisses zu Rom war dessen Regelung deren einziger Gegenstand. Durch seinen unbedingten Anschluß an Rom war er König geworden (so urteilt auch schon Strab. XVI 765), und er hat klar erkannt, daß er und sein Staat, sowie die Zukunft seiner Dynastie von der Gnade der Römer ganz abhängig seien, daß ohne diese seine Stellung direkt unhaltbar sei. Er hat sich demnach stets als der eifrige und demütige Anhänger der Römer gezeigt, seine Ergebenheit bei allen irgendwie möglichen Gelegenheiten bekundet. Der König hat auch eifrigst die persönliche Freundschaft der römischen Oberherren zu erwerben gesucht und sie auch erlangt. Diese Politik hat ihm reiche Frucht durch die sehr bedeutende Vergrößerung seines Reiches getragen. Sein häufiger Parteiwechsel bis zum J. 30 v. Chr. hat ihm nicht geschadet, da man in Rom anerkannt hat, daß er durch den Selbsterhaltungstrieb des Vasallen bedingt war; seine große diplomatische Begabung hat ihm hier vielmehr stets den gewünschten Erfolg verschafft, auch wenn die Sache noch so bedenklich erschien. Sein diplomatisches Meisterstück hat er wohl aber in den 30er Jahren geleistet, als er immer wieder mit Kleopatra als Gegnerin bei Antonius [162] um sein Reich kämpfen mußte und in diesem Kampfe nicht unterlag (gerade dieser Erfolg des H. mahnt in der Frage nach dem Einflusse der Kleopatra auf Antonius zur Vorsicht). Einen starken Mißerfolg hat jedoch H. auch in seiner auswärtigen Politik erlitten; hat er sich doch infolge des arabischen Feldzuges die kaiserliche Ungnade zugezogen. Ob man ihm hier irgendwelche Schuld beimessen darf, ist aber recht zweifelhaft, und jedenfalls ist es ihm gelungen, den Mißerfolg wieder gut zu machen.

Daß der König wirklich innerlich für Rom begeistert gewesen ist, und daß nicht nur kühle Nützlichkeitsberechnung seine auswärtige Politik geleitet hat, läßt sich nicht beweisen, aber ebensowenig das Gegenteil. Und vor allem ist eine Hypothese Revilles ohne jede Wahrscheinlichkeit und von ihm durch nichts erwiesen, wonach H. die weitestgehenden Pläne, Weltherrschaftspläne, gehabt habe, und für sie auch tätig gewesen sein soll, da er einen baldigen Zusammenbruch des Römerreiches für sehr wohl möglich gehalten habe (3. Bd. 84ff.; vgl. Rev. hist. relig. XXVIII 283ff. XXIX 1ff.). Wir müßten H., wenn er gerade zur [RE:158] Zeit der Reichsregeneration unter Augustus dies angenommen haben würde, jede Spur von Erkenntnis politischer Realitäten absprechen und würden damit uns mit unserem ganzen sicheren Wissen über den König in schärfsten Widerspruch stellen; erscheint doch H. uns sonst gerade als der große Realpolitiker. Es fällt mithin schon die unbedingt nötige Voraussetzung der Revilleschen Hypothese. Und die weiteren wichtigsten Gründe, wie die großartigen Schenkungen des Königs ans Ausland, seine Verschmelzungspolitik, die Teilung des jüdischen Reiches nach H.s Tode, sind gleichfalls hinfällig; denn all diese Handlungen sind auch ohne die phantastische Annahme Revilles einwandsfrei zu erklären (diese im einzelnen genauer zu widerlegen, erscheint mir unnötig; gerade wer das einzelne liest – auch der goldene Adler am Tempel wird verwertet! –, wird hierdurch von dem Gegenteil überzeugt werden).

Geschick und große diplomatische Gewandtheit hat H. unbedingt in seiner auswärtigen Politik bewiesen; da ihm aber hier infolge ihrer Beschränkung die Lösung großer verwickelter Probleme garnicht gestellt worden ist, so darf man auch nicht auf Grund der Betrachtung der äußeren Politik von dem großen Staatsmanne H. sprechen, mag er auch mancherlei staatsmännische Fähigkeiten besessen haben.


So wenig erfreulich in vieler Hinsicht H. als Mensch auch ist, so gehört er doch nicht nur als Herrscher, sondern sogar als Mensch zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der hellenistischen Zeit, die wahrlich an bedeutenden Männern nicht arm ist. Und von allen jüdischen Königen kann ihm nur David an Bedeutung gleichgestellt werden. Wie stark er auf die Mitwelt gewirkt hat, zeigen auch die mancherlei Legenden und Geschichtchen, die schon bei Lebzeiten oder bald nach seinem Tode von ihm erzählt worden sind

Empfohlene Zitierweise:
Walter Otto: Herodes. Beiträge zur Geschichte des letzten jüdischen Königshauses. Metzler, Stuttgart 1913, Seite 161. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otto_Herodes.djvu/101&oldid=- (Version vom 1.8.2018)