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vgl. Hölscher Palästina in pers. u. hellenist. Zeit 98; bezüglich der damaligen Stellung des H. zu Koilesyrien s. die Vermutung S. 51).

H. hat übrigens bald, gestützt auf ein Heer und [RE:19] wohl noch mehr auf das hinter ihm stehende Rom, die Rückkehr in die Heimat erzwungen (bell. Iud. I 213ff. 221; ant. Iud. XIV 180ff. 274). Es zeigt uns dies die Ohnmacht der Gegner, die sich jedoch damals zuerst gegen H. und sein Geschlecht zu wehren begannen. Außer den Sadducäern hat auch offenbar Hyrkanos von jetzt an Stellung gegen Antipatros und die Seinen zu nehmen begonnen, und das jüdische Volk darf man sich keineswegs hinter H. stehend denken (die Angabe bell. Iud. I 213 ist falsch, vgl. § 215). Dagegen ist Rom auch die Stütze des H. seit den Vorgängen von 47/6 v. Chr. Damals hat dieser, soweit wir sehen, zuerst persönlich mit den römischen Herren näher angeknüpft, um dann diese Beziehung sein Leben lang aufs angelegentlichste zu pflegen, und zwar mit jedem der hier im Osten gebietenden Machthaber ohne Ansehen seiner Partei (s. das Urteil ant. Iud. XIV 274).

So hat er 45 v. Chr. auf Seiten der Caesarianer vor Apameia gegen den in dieser Stadt belagerten Pompeianer Caecilius Bassus gekämpft (bell. Iud. I 216f.; ant. Iud. XIV 268f.), und ein Jahr später ist er ohne weiteres in das anticäsarianische Lager übergeschwenkt, als nach der Ermordung Caesars sich der eine der Caesarmörder, C. Cassius Longinus, gegen Ende des J. 44 v. Chr. der Provinz Syrien bemächtigte. Als dieser auch den Juden große Kontributionen auferlegte, hat es H. verstanden, den auf sein Gebiet Galiläa entfallenden Anteil besonders schnell zur Ablieferung zu bringen und sich so bei Cassius in besondere Gunst zu setzen (bell. Iud. I 220–224; ant. Iud. XIV 272–279). Vor dem Aufbruch zum Kriege gegen Antonius und Oktavian soll Cassius sogar den H. zum ‚Συρίας ἁπάσης ἐπιμελητής‘ ernannt (bell. Iud. I 225), bezw. ihm die ‚ἐπιμέλεια ἅπασα‘ und die Strategie von Koilesyrien anvertraut haben (ant. Iud. XIV 280; die erste Angabe der antiquitates ist offenbar mit der des bellum zu gleichen); er soll ihm ferner nach Beendigung des Krieges die jüdische Königswürde in Aussicht gestellt haben. Die erste der mitgeteilten Tatsachen ist nun an und für sich schon nicht recht wahrscheinlich; sie wird dann durch die Form, in der sie in den antiquitates überliefert wird, noch unwahrscheinlicher, da die Übertragung der allgemeinen und die der Spezialkompetenz eigentlich einander widerstreitet, und schließlich wird sie durch Appian. bell. civ. IV 63 direkt widerlegt, da hiernach Cassius vor seinem Abmarsch einem Neffen Syrien anvertraut hat. Auch der chronologische Ansatz der Ernennung ist geeignet, Bedenken hervorzurufen, da die Einordnung in die Darstellung des Josephus (vgl. bell. Iud. I 231; ant. Iud. XIV 289) uns auf die erste Hälfte des J. 43 v. Chr. führt, wo von einem Kriege gegen Antonius und Octavian noch keine Rede sein kann, sondern nur von dem Kampf gegen den rechtmäßigen syrischen Statthalter Dolabella. Will man also von all dem etwas halten, so darf man höchstens an die Bemerkung über die Ernennung zum Strategen von Koilesyrien anknüpfen und hieraus etwa die Bestätigung des H. in seiner alten römischen Stellung [22] (s. vorher) durch Cassius folgern. Die an sich so bedeutsame Angabe über das Versprechen der Königswürde steht mithin in sehr verdächtiger Umgebung; wir können sie um so eher fallen [RE:20] lassen, als kein Grund für die hierin liegende Zurücksetzung des Antipatros durch Rom und die Zustimmung seines Sohnes zu einer solchen ersichtlich ist (die hierauf folgenden Bemerkungen bei Josephus legen fast den Gedanken nahe, daß nicht H., sondern Antipatros von Cassius besondere Versprechungen erhalten hat). Denn Vater und Sohn standen sich durchaus gut; so ist H. gerade damals die wichtige φυλακὴ τῶν ὅπλων von Antipatros anvertraut worden (ant. Iud. XIV 278; vgl. bell. Iud. I 224), d. h. er ist gleichsam zum Kriegsminister ernannt worden.

Das J. 43 v. Chr. hat dann noch die Ermordung des Antipatros durch einen anderen Günstling des Hyrkanos, durch Malichos, gebracht (bell. Iud. I 226ff.; ant. Iud. XIV 280ff.). Persönliche Feindschaft und politischer Ehrgeiz haben die Tat hervorgerufen. Mit dem Mörder sympathisierte jedenfalls ein Teil des Heeres und des Volkes (bell. Iud. I 227f. 236f.; ant. Iud. XIV 283. 294ff.); auch Hyrkanos scheint der Tat nicht ganz fern gestanden zu haben (Wellhausen 313). Gegen H. und seinen älteren Bruder Phasael, den Gouverneur von Jerusalem und Umgegend (bell. Iud. I 203. 224; ant. Iud. XIV 158. 278), wagte man freilich nicht vorzugehen; allerdings konnten es auch diese nicht wagen, sofort den Mord ihres Vaters zu rächen. Dies ist erst geschehen, als H. sich des Einverständnisses und der Unterstützung des Cassius für sein Vorgeben gegen die Partei des Malichos versichert hatte (bell. Iud. I 230, auch 236; ant. Iud. XIV 288, auch 295). Er hat Malichos in der Nähe von Tyrus ermorden lassen. Bald darauf erkrankte er zwar, aber es ist ihm doch noch möglich gewesen, seinen Bruder wenigstens bei der Niederwerfung der letzten Anhänger des Malichos zu unterstützen (bell. Iud. I 231–238; ant. Iud. XIV 289–296) und so zu der vollen Restitution seines Hauses beizutragen.

Alle diese Vorgänge zeigen uns wieder die enge Verbindung der Antipatriden mit den Römern, die für sie der unbedingt nötige Rückhalt sind. Als sie nach dem Abmarsch des Cassius aus Syrien dessen beraubt erschienen, da hat sofort der letzte Vertreter der jüngeren hasmonäischen Linie, Antigonos, der zweite Sohn Aristobulos’ II., mit Unterstützung syrischer Dynasten einen neuen Versuch unternommen, sich der Herrschaft über die Juden zu bemächtigen. Seine Verbündeten haben einige feste Plätze in Galiläa okkupiert, und er selbst ist bis an die Grenze Judäas vorgedrungen. H. hat ihn jedoch in einer Schlacht besiegt (noch 43 oder erst 42 v. Chr.). Hyrkanos ist durch die von Antigonos drohende Gefahr und diesen Erfolg anscheinend wieder ganz für die Antipatriden zurückgewonnen worden; er hat H. einmal durch die Zuerteilung eines στέφανος, jenes den Machthabern, vor allem den Fürsten, in hellenistischer Zeit so allgemein dargebrachten ‚Geschenkes‘, ausgezeichnet, und ferner hat er ihm, wohl in der Zeit der drohenden Okkupation, seine Enkelin Mariamme, die Tochter seiner Tochter Alexandra und seines Neffen Alexandros (ältester Sohn Aristobulos’ II.),

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Walter Otto: Herodes. Beiträge zur Geschichte des letzten jüdischen Königshauses. Metzler, Stuttgart 1913, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otto_Herodes.djvu/031&oldid=- (Version vom 1.8.2018)