Seite:Otto Herodes.djvu/023

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.


Die erste Stelle unter seinen historischen Schriften nimmt seine Weltgeschichte (ἱστορία? ein, die erst mit der Zeit des Todes des Königs (s. S. 177) geschlossen hat, die aber zum weitaus größten Teil schon bei Lebzeiten des Herodes, und zwar wohl als Handbuch für dessen historische Studien, verfaßt worden ist (Nikol. Damasc. frg. 4 [FHG III 350f.]. Joseph. a. o. a. O., bes. § 186), und die die Geschichte des Königs sehr ausführlich behandelt hat. Auch nur in Fragmenten ist dann die erst nach dem Tode des H. geschriebene Selbstbiographie des Nikolaos erhalten (der überlieferte griechische Titel ‚περὶ τοῦ ἰδίου βίου κτλ.‘ bei Suid. s. Νικόλαος erscheint in Anbetracht der in der dritten Person gehaltenen Darlegung wenig wahrscheinlich [die ganze Suidasstelle ist ungenügend]. Für die Auffassung des βίος als Selbstbiographie s. auch neuerdings Misch Gesch. d. Autobiograph. I 183ff.). Da Nikolaos gerade an den wichtigsten Ereignissen in der zweiten Hälfte der Regierung des H. in bedeutsamer Weise teilgenommen hat (s. außer frg. 3, 4 und 5 noch Joseph. bell. Iud. I 574. 629ff.; ant. Iud. XVI 29ff. 299. 333ff. 370ff. XVII 99. 106ff.), so kommt der Schilderung seiner Lebensereignisse selbstverständlich besondere Bedeutung zu (s. im folgend. öfters). Auch in seiner uns gleichfalls nur fragmentarisch überkommenen Biographie des Augustus (βίος Καίσαρος) dürfte Nikolaos auf H. zu sprechen gekommen sein. Der Endpunkt der Biographie ist freilich strittig; hätte Assbach Rh. Mus. XXXVII [RE:4] 297f. recht, daß die Biographie das ganze Leben des Kaisers umfaßt hat – seine eigenen Gründe sind jedoch nicht ganz zwingend –, so würde diese als Quelle stark in Betracht zu ziehen sein.

Anders als der Hofhistoriograph scheint alsdann ein gewisser Ptolemaios, wohl der Askalonit (bei diesem wäre auch infolge der Beziehungen der Herodeer zu Askalon das Interesse für die Geschichte des Herodes besonders verständlich), dem Herodes gegenüber gestanden zu haben, auch er wohl noch ein Zeitgenosse des Königs (Schürer I³ 48ff). Denn er hat in seinem wohl mehrere Bücher umfassenden Werke περὶ Ἡρώδου τοῦ βασιλέως[1] (Ammon. de adfin. vocab. [6] different s. v. Ἰδουμαῖοι) allem Anscheine nach, ohne besondere Rücksichten zu nehmen, seine Auffassung dargelegt; jedenfalls hat er z. B. die idumäische Abkunft des Königs gegenüber der diese verleugnenden offiziellen Version (s. S. 1 u. 18) verfochten (daß er hierfür bei Joseph. ant. Iud. XIV 9 direkt verwertet worden ist, ist freilich nicht wahrscheinlich, s. S. 1 und S. 15*). Dagegen scheinen mir keine Anhaltspunkte dafür vorzuliegen, daß wir in Ptolemaios sogar die bei Josephus in den antiquitates uns entgegentretende, dem König ungünstige, judenfreundliche Quelle zu suchen haben (das eine uns bekannte Fragment gestattet nicht, aus ihm das Judentum seines Verfassers zu folgern, was – abgesehen von dem Aufgeben der Gleichsetzung unseres Ptolemaios mit dem Askaloniten – die unbedingt nötige Voraussetzung für die Identifikation wäre. Hier wird von den Juden in der dritten Person gesprochen, in der jüdischen Quelle aber gerade in der ersten. S. über diese u. S. 11ff.).

Neben Nikolaos und Ptolemaios ist dann noch eine ganze Reihe zeitgenössischer Historiker als primäre Quellen für H. in Betracht zu ziehen, sie jedoch zumeist nur für die Anfänge des Königs (s. Schürer I³ 43ff.): Timagenes von Alexandrien, der überhaupt für die jüdische Geschichte ein größeres Interesse gehabt hat (Wachsmuth Einleit. in d. Studium d. alt. Gesch. 450), Asinius Pollio, der mit H. intim befreundet gewesen ist (Joseph. ant. Iud. XV 343), Hypsikrates (Schürer I³ 45), Q. Dellius, der als diplomatischer Agent des Antonius 39 v. Chr. für die Zurückführung des H. gewirkt hat (Joseph. bell. Iud. I 290; ant. Iud. XIV 394) und 36 v. Chr. (ant. Iud. XV 25. 27) in besonderer Mission bei diesem geweilt hat (seine Bedeutung als Quelle für [RE:5] die Zeitgeschichte ist freilich überschätzt worden, s. auch O. Hirschfeld Mélanges Boissier 293ff.), Livius (Joseph. ant. Iud. XIV 68) und schließlich anscheinend vor allem die wohl bis 27 v. Chr. reichenden ἱστορικὰ ὑπομνήματα Strabons. Seine Stellung zu dem Könige und zu dessen Handeln ist uns erfreulicherweise auch ganz anders greifbar als die der anderen zusammen mit ihm genannten Quellen. Er hat H. allem Anschein nach einigermaßen objektiv gegenübergestanden und nichts beschönigt oder zu vertuschen versucht; man darf ihn jedoch nicht zum Vertreter der gegen den König gehässigen Richtung – hierzu neigen Ewald IV³ 543, 1 und Wachsmuth a. a. O. 445 – stempeln (man vgl. Joseph. ant. Iud. XV 9f., wo im Anschluß an Strabon der Tod des Königs Antigonos erzählt wird, mit Joseph. ant. Iud. XIV 489f., wo dasselbe Ereignis bereits erwähnt ist: auch Strabons Erzählung ist für H. nicht günstig [s. dagegen Joseph. bell. Iud. I 357: Antigonos stirbt würdig seiner ἀγένεια; vgl. die Kennzeichnung des Hyrkanos § 271], aber die zweite Version zeigt uns, was eine antiherodianische Tradition aus demselben Vorgang zu machen versteht. S. ferner Strab. XVI p. 765, wo H.s Herkunft und Regierung ganz ungeschminkt, aber doch nicht gehässig behandelt und beurteilt wird. Über Strabon als Quelle bei Josephus für H. s. auch weiter u.).

Schließlich besitzen wir in der sog. Assumptio Mosis auch eine Veröffentlichung von


  1. Der in einem Zitat uns begegnende Titel gestattet leider keine Entscheidung, ob es sich hier um die literarische Form der Biographie oder um eine Geschichte des H. handelt, s. z. B. das Schwanken in den Zitaten bei Leo Die griech. röm. Biographie 130; die Biographie ist mir aber wahrscheinlicher. Vielleicht darf man auch die Form des Titels zur Zeitbestimmung des Werkes heranziehen, insofern nämlich, als es zur Zeit seiner Herausgabe erst einen König H. gegeben haben dürfte. Denn zur Zeit der Regierung des Enkels des ersten H., des Königs Herodes von Chalkis (s. S. 207ff.) d. h. von 41 n. Chr. an, und auch nach seinem Tode hätte der Titel irreführen können; nur in der Zeit vorher war er ganz eindeutig.
Empfohlene Zitierweise:
Walter Otto: Herodes. Beiträge zur Geschichte des letzten jüdischen Königshauses. Metzler, Stuttgart 1913, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otto_Herodes.djvu/023&oldid=- (Version vom 23.8.2020)